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Editorial connection spirit 10/08

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Wolf Schneider
Photo: Aniela Adams

Es leicht nehmen
weil es so schwer ist

Wenn ich das Leben ernst nehme, ist es eine Tragödie, denn es endet mit dem Tod. Wenn ich es leicht nehme, weil ich von mir selbst absehen kann, ist es eine Komödie. Warum wähle ich dann nicht immer das Leichte?

Wenn das denn so leicht wäre …

Gerade bin ich zurückgewiesen werden von einem Menschen, den ich liebe. Manches, das mich bedrückt, werde ich nicht los. Von Gewohnheiten nicht loskommen, von Süchten, Krankheiten, einer Schmach – es gibt so vieles, wo es schwer fällt, es leicht zu nehmen. Dabei »von sich selbst absehen«, das kann auch zu früh sein. Dann ist es eine Verdrängung. Das nicht Akzeptierte rumort dann im Untergrund weiter, bis es wieder aufbricht und nun vielleicht »noch ernsthafter« und schwerer sich äußert.

Nehme ich mich in meinen innersten Sehnsüchten, Wünschen und auch Vorbehalten ernst genug? Wo liegt das richtige Maß zwischen Leichtigkeit und Schwere? Es ist jedenfalls wichtig, sich selbst ernst zu nehmen. Und auch wenn das meist nur eine Floskel ist: Ich mag es, unter dem Brief eines Engländers oder Inders dieses »yours sincerely« zu lesen; es klingt für mich wie »Ich bin ernsthaft dir zugetan«.

Narrenfreiheit

Ja, auch ich will ernst genommen werden. Aber nicht zu ernst. Denn ich bin auch ein Narr, und damit meine ich nicht nur einen Irrenden, sondern auch einen freien Menschen.

Gerade im Bereich des Religiösen ist Humor eine delikate Sache, denn hier sind unsere Empfindungen tiefer als in allen anderen Bereichen des Menschlichen. Hier geht es um das Innerste (das finden wir gut), aber auch ums Eingemachte (das fühlt sich schon weniger gut an). Da wollen wir nicht auf die Schippe genommen werden.

Dennoch ist Humor gerade hier so wichtig! Abstand nehmen, Lachen können, das befreit und erleichtert. Wir wollen ernst genommen werden auch mit unserer Empfindlichkeit. Andererseits wollen wir in unseren Bindungen nicht gefangen sein. Wenn es denn wahr ist, dass Humor befreit, dann müsste er doch auch hier befreien können, wo es um das Tiefste geht, das Existenzielle, die Freiheit und Entschiedenheit in dem wer wir sind.

Sich selbst ernst nehmen

Trotzdem noch einmal zurück auf die andere Seite: Sich selbst ernst zu nehmen sollte der erste Schritt sein. Drüber lachen kann man dann immer noch, später, wenn man sich gesehen und akzeptiert hat und dann, allmählich, wieder von der allzu großen Verhaftung sich löst. Wer seine eigenen Bedürfnisse nach Geborgenheit in einer geistigen (und auch physischen) Heimat und nach Schutz vor Verletzungen nicht ernst nimmt, gesteht diese meist auch anderen nicht zu. Damit täte man sich selbst nichts Gutes und den anderen auch nicht.

Manchmal muss es erst sehr schwer werden, damit es dann leicht sein kann. Nicht, dass man durch die Hölle gehen müsste, um den Himmel erfahren zu dürfen, aber es hilft doch ein bisschen, auch die Niederungen des Menschlichen und die Abgründe in sich selbst zu kennen, um dann froh zu sein über das, was man hat und erfahren darf.

Huldigung oder Belustigung

Diese Zeitschrift geht gern »Heilige Kühe schlachten«. Wir haben Spaß daran, uns über religiöse Besitzstandswahrer, Grenzschützer und Bedenkenträger herzumachen, aber wir nehmen auch die Sehnsüchte ernst, die dahinter stehen. Zum Beispiel die Sehnsüchte nach Gott, nach einer Erlösung oder Befreiung, die von außen kommt, weil man sich selbst so hilflos fühlt und ohnmächtig. Wir Redakteure und Autoren dieser Zeitschrift wollen ernst genommen werden mit unserer Suche nach dem richtigen Maß an Distanz und Nähe, Huldigung des Verehrten oder Belustigung darüber, und wir nehmen euch ernst und die Themen. Wir nehmen ernst, was ihr über uns denkt und sind stolz darauf, für eine kleine Zeitschrift jedes Mal so viele Leserbriefe zu bekommen, mit denen ihr uns und euch selbst ernst nehmt.

Soweit mein ganz ernsthaftes Vorwort. Und dann: Viel Spaß mit dem Thema »Selbstverwirklichung« und all den anderen in diesem Heft! Möge das Lesen, Verstehen und Umsetzen leicht fallen, gerade bei diesen so gewichtigen Themen.

Titelseite connection spirit 10/08

Aus dem Heft connection spirit Oktober 2008

   
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