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Jenseits von Gier und Knappheit

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Euro-Scheine

Bernard A. Lietaer über eine Erneuerung der Weltordnung durch ein neues Geldsystem

Bernard Lietaer war Professor für Internationales Finanzwesen in Leuven, Berater für mehrere südamerikanische Regierungen und europäische Institutionen sowie für multinationale Konzerne auf vier Kontinenten und Präsident des elektronischen Zahlungssystems in Belgien. Fünf Jahre lang beschäftigte er sich mit dem Entwurf und der Durchsetzung der europäischen Währung, dem Euro. Die Herausgeberin des amerkanischen Magazins »Yes« Sarah van Gelder sprach mit Bernard Lietaer über die Nachteile unseres bisherigen Währungssystems und die Chancen einer Erneuerung

Sarah: Warum setzen Sie so viel Hoffnung auf die Entwicklung alternativer Währungen?

Lietaer: Geld ist wie ein eiserner Ring, den wir durch unsere Nasen getrieben haben. Wir haben vergessen, dass wir das Geld erfunden haben und jetzt führt es uns im Kreis herum. Ich denke, dass es an der Zeit ist, darüber nachzudenken, wo wir eigentlich hin wollen – nach meiner Ansicht zu mehr Gemeinschaft und mehr Nachhaltigkeit. Dann sollten wir das Geldsystem zu entwickeln, das uns dorthin führt.

Sie würden also sagen, dass die heutige Geldordnung die Ursache für vieles ist, was heute in unserer Gesellschaft passiert, bzw. nicht passiert?

»Gier und die Angst vor Knappheit werden durch das jetzt praktizierte Geldsystem ständig erzeugt und vergrößert«

Lietaer: Ja. Während in Wirtschaftsfachbüchern behauptet wird, dass Menschen und Firmen für mehr Weltmarktanteile und Rohstoffe im Wettbewerb stehen, behaupte ich, dass sie in Wirklichkeit für höhere Profite kämpfen und Weltmarktanteile und Rohstoffe nur dafür benützen. Deshalb bedeutet die Entwicklung einer neuen Währungsordnung die Neudefinition des Wirtschaftszieles. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass Gier und Wettbewerb aus der unveränderbaren menschlichen Natur resultieren. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass Gier und die Angst vor Knappheit durch das jetzt praktizierte Geldsystem ständig erzeugt und vergrößert werden.

Geld wird beschafft, wenn Banken es beschließen. Wenn die Bank Ihnen einen Kredit von 100 000 Dollar gibt, ist dies nur der Teil, den Sie ausgeben und der in der Wirtschaft zirkuliert. Die Bank erwartet aber von Ihnen, dass Sie im Laufe der nächsten 20 Jahre für diesen Kredit 200 000 Dollar zurückzahlen, aber sie schafft diese zweiten hunderttausend Dollar, die Zinsen, nicht selbst. Stattdessen schickt die Bank Sie in die feindliche Welt, um gegen jeden zu kämpfen, damit Sie die zweiten hunderttausend Dollar erarbeiten.

So müssen also einige Leute verlieren, damit andere gewinnen? Einige müssen Schulden machen, damit andere Zinsen kassieren?

Lietaer: So ist es. Alle Banken tun das Gleiche, wenn sie durch Kreditvergabe Geld schaffen. Wenn also die Banken Ihre »Kreditwürdigkeit« überprüfen, prüfen sie in Wirklichkeit, ob Sie in der Lage sind, gegen andere Menschen zu kämpfen und den Wettbewerb zu gewinnen. Die Banken prüfen, ob Sie es schaffen, die zweiten hunderttausend Dollar aufzutreiben, die nicht von der Bank geschaffen wurden. Und wenn Sie es nicht schaffen, verlieren Sie Ihr Haus oder was immer Sie an Sicherheiten angegeben haben.

Das beeinflußt auch die Arbeitslosenquote.

Lietaer: Das ist sicher einer der Hauptfaktoren. Aber es gibt noch mehr. Die lnformationstechnologie ermöglicht es zunehmend, höhere Wachstumsraten zu erzielen, ohne die Zahl der Beschäftigten zu vergrößern. Eine Studie der Internationalen Metall-Arbeiter-Gewerkschaft in Genf prophezeit, dass innerhalb der nächsten 30 Jahre 2-3 Prozent der Weltbevölkerung in der Lage sein wird, alles zu produzieren, was wir auf diesem Planeten zum Leben brauchen. Selbst wenn sie sich um den Faktor 10 irren sollten, müssen wir uns immer noch fragen, was 70 oder 80 Prozent der Weltbevölkerung dann tun sollen.

Meine Prognose ist, dass lokale Währungen wichtige Instrumente sein werden, um die Gesellschaft im 21. Jahrhundert neu zu entwickeln. Ich plädiere nicht dafür, dass die lokalen Währungen die nationalen Währungen ersetzen, deshalb bezeichne ich sie auch als »ergänzende« Währungen. Die nationalen, wettbewerbserzeugenden Währungen werden noch lange eine Rolle auf dem globalen Wettbewerbsmarkt spielen. Trotzdem glaube ich, dass ergänzende lokale Währungen viel besser geeignet sind, lokale kooperative Wirtschaften zu entwickeln.

Und diese lokalen Währungen werden Arbeitsplätze schaffen, die nicht bedroht sind?

Lietaer: Lokale Währungen schaffen Arbeit, und ich mache einen Unterschied zwischen Arbeit und Job. Ein Job ist, was man braucht, um zu überleben; Arbeit ist, was Freude macht. Ich erwarte, dass Jobs immer altmodischer werden, aber es wird immer ein schier unerschöpfliches Quantum an Arbeit geben. Zum Beispiel finden Sie in Frankreich Menschen, die Gitarrenunterricht anbieten und dafür Deutschunterricht haben wollen. Keiner wird in Französischen Francs bezahlen. Das Gute bei diesen lokalen Währungen, wenn Menschen ihr eigenes Geldsystem schaffen, ist, dass es überflüssig wird, einen Knappheitsfaktor einzubauen.

Sie behaupten also, dass Knappheit keine unerläßliche Bedingung für ein Wirtschaftssystem ist. Aber ist Knappheit nicht eine Grundbedingung für die Wirtschaft, insbesondere in einer Welt mit begrenzten Rohstoffen?

Lietaer: Meine Analyse dieser Frage basiert auf dem Werk von C. G. Jung, weil er der einzige ist, der eine Theorie der kollektiven Psychologie entwickelt hat, und Geld ist in erster Linie ein Phänomen kollektiver Psychologie. Ein Schlüsselbegriff von Jung ist der Archetyp, der beschrieben werden kann als ein emotionales Feld, das Menschen mobilisiert, einzeln und kollektiv, in eine bestimmte Richtung. Jung hat gezeigt, dass, wann immer ein bestimmter Archetyp unterdrückt wird, zwei Schattenwesen auftauchen, die Antipoden zueinander sind. Zum Beispiel, wenn mein höheres Selbst – das dem Archetyp des Königs oder der Königin entspricht – unterdrückt wird, verhalte ich mich entweder als Tyrann oder als Schwächling. Diese beiden Schatten sind miteinander verbunden durch Angst. Ein Tyrann ist tyrannisch, weil er Angst hat, als schwach zu gelten. Ein Schwächling hat Angst, tyrannisch zu werden. Nur jemand, der keine Angst vor diesen Schatten hat, kann den Archetypen des Königs oder der Königin verkörpern.Wir wollen nun diese Betrachtungsweise auf ein anderes Phänomen anwenden: Den Archetyp der Großen Mutter.

Dieser Archtyp der Großen Mutter war in der Westlichen Welt von sehr großer Bedeutung, von Beginn der Menschheitsgeschichte bis hin zu den lndo-Europäischen Zeiten, in einigen traditionellen Kulturen sogar bis heute. Doch dieser Archetyp wurde im Westen in den letzten 5 000 Jahren gewaltsam unterdrückt, beginnend mit den lndo-Europäischen Invasionen, verstärkt durch die Anti-Göttin-Haltung des Juden-und Christentums, mit Höhepunkten in drei Jahrhunderten Hexenverfolgung bis hin zur Viktorianischen Epoche.

Wenn es die Unterdrückung eines Archetyps in diesen Ausmaßen und über einen so langen Zeitraum gibt, dann sind die sich manifestierenden Schatten in der Gesellschaft gewaltig. Nach 5 000 Jahren betrachten die Menschen die Schattenverhaltensweisen als »normal«. Die Frage, die ich mir gestellt habe, ist ganz einfach: »Welches sind die Schatten des Archetyps der Großen Mutter?« Ich schlage vor, dass diese Schatten Gier und Angst vor Knappheit sind.

Sie waren aktiv im internationalen Finanzgeschäft tätig und haben sogar globale Finanzsysteme entworfen. Warum sollte sich jemand davon isolieren wollen?

»Die heutige Geldordnung hat so gut wie nichts mehr mit der realen Wirtschaft zu tun«

Lietaer: Zunächst einmal hat die heutige Geldordnung so gut wie nichts mehr mit der realen Wirtschaft zu tun. Nur um Ihnen eine Idee davon zu vermitteln: 1995 weisen die Statistiken aus, dass der Tagesumsatz der ausgetauschten Währungen weltweit die Summe von 1,3 Billionen US-Dollar beträgt. Dies ist 30 Mal mehr als das tägliche Bruttosozialprodukt aller entwickelten Länder der Welt zusammen. Das jährliche Bruttosozialprodukt der USA wird auf den Finanzmärkten in drei Tagen erreicht. Von diesem Finanzvolumen werden nur 2-3 Prozent für die reale Wirtschaft (Handel, Investitionen usw.) benötigt. Der Rest wird verwendet im Spekulationsgeschäft des globalen Cyber-Casinos. Das bedeutet, dass die reale Wirtschaft degradiert wurde zu einer reinen Dekoration auf den Spekulationskuchen, eine genaue Umkehrung dessen, was noch vor zwei Jahrzehnten galt.

Sie haben auch über die Möglichkeit eines Zusammenbruchs dieses Systems gesprochen.

Lietaer: Ja, ich sehe dies jetzt als eine 50/50 Chance innerhalb der nächsten 5-10 Jahre. Viele Menschen sagen, es sei 100 Prozent sicher und in einem viel kürzeren Zeitraum. George Soros, der einen Teil seines Lebensunterhaltes mit Währungsspekulationen verdient, meint: »Die Instabilität nimmt so sehr zu, dass ein eventueller Zusammenbruch des freien Devisenaustausches praktisch unvermeidbar ist«. Jose Kurtzmann, der frühere Herausgeber der »Harvard Business Review«, benennt sein letztes Buch »Der Tod des Geldes« und prophezeit einen unmittelbar bevorstehenden Kollaps aufgrund der exzessiven Spekulationen. So etwa könnte es aussehen: Die Gesamtreserven aller OECD-Länder zusammen belaufen sich auf 640 Milliarden Dollar. In einer Krisensituation, wenn alle Zentralbanken beschließen würden zusammenzuarbeiten (was sie aber niemals tun werden), und wenn sie alle ihre Reserven einsetzen würden, um die Krise zu meistern (was sie ebenfalls niemals tun werden), hätten sie doch nur Mittel in der Größenordnung der Hälfte eines Tagesumsatzes der Finanzmärkte, um die Währungen zu stabilisieren und zu kontrollieren. An einem Krisentag könnte sich der Tagesumsatz an den Finanzmärkten aber leicht verdoppeln oder verdreifachen, so dass die Reserven sämtlicher OECD-Zentralbanken nur für 2–3 Stunden reichen würden.

Was würde dabei herauskommen?

Lietaer: Wenn das passiert, würden wir plötzlich in einer anderen Welt leben. Im Jahre 1929 brach der Aktienmarkt zusammen, aber der Goldstandard hielt, und das Währungssystem hielt. Hier aber handelt es sich um etwas, das viel weitreichender ist. Das einzige historische Vorbild, das mir bekannt ist, ist der Zusammenbruch des römischen Reiches, der auch die römische Währung beendete. Das war zu einer Zeit, als es noch 150 Jahre dauerte, bis das ganze römische Reich untergegangen war. Heute würde es nur wenige Stunden dauern.

Sie haben auch erwähnt, dass lokale Währungen helfen können, den Umweltschutz zu fördern. Wo ist da die Verbindung?

Lietaer: Um dies zu verstehen, müssen wir das Verhältnis der Zinsraten zu den Zukunfts-Abschlags-Erwartungen betrachten. Wenn ich frage: »Willst Du 100 Dollar jetzt oder in einem Jahr?« Würden die meisten Menschen sagen: »Jetzt«, weil man dieses Geld risikolos auf die Bank bringen kann und dann etwa 110 Dollar ein Jahr später kassiert. Anders ausgedrückt: Wenn ich Ihnen 100 Dollar in einem Jahr anbieten würde, entspräche dies einem sogenannten Barwert von etwa 90 Dollar heute. Das bedeutet, dass es bei dem jetzigen Geldsystem Sinn macht, Bäume zu fällen und das Geld auf die Bank zu bringen. Das Geld in der Bank »wächst« schneller als die Bäume. Es macht Sinn, schlecht isolierte Häuser zu bauen, weil die Abschlagskosten des zusätzlichen Energieverbrauchs niedriger sind als die bessere Isolierung beim Hausbau. Man »spart« also Geld.

Wir können aber auch ein Geldsystem einführen, welches das Gegenteil bewirkt. Es würde ein langfristigeres Denken und Handeln zur Folge haben durch etwas, das ich als »Vorhaltekosten« oder »Nutzungsgebühr« bezeichnen möchte. Die Vorhaltegebühr ist ein Konzept, das Silvio Gesell vor etwa 100 Jahren entwickelt hat. Seine Idee war, dass Geld ein öffentliches Gut ist – wie das Telefon oder der Busverkehr – und dass wir eine kleine Gebühr bezahlen müssten, wenn wir es benutzen. Mit anderen Worten: Wir schaffen eine negative statt einer positiven Zinsrate.

Was würde das bewirken? Wenn ich Ihnen 100 Dollar geben würde und Ihnen sagte, dass Sie am Ende eines Monats 1 Dollar bezahlen müssten, damit Ihr Geld gültig bleibt, was würden Sie tun?

Ich denke, ich würde versuchen, es irgendwo zu investieren.

»In dem System von Silvio Gesell würden Menschen Geld nur als Tauschmittel verwenden, nicht zur Anhäufung von Reichtümern«.

Lietaer: Sie haben es erfasst. Sie kennen den Ausdruck »Geld ist wie Dünger, es ist nur gut, wenn es verteilt wird.« In dem System von Silvio Gesell würden Menschen Geld nur als Tauschmittel verwenden, aber nicht zur Anhäufung von Reichtümern. Dadurch würde Arbeit entstehen, weil es den Geldumlauf beschleunigen würde, und es würde den Anreiz für kurzfristige Investitionen umkehren. Anstatt Bäume zu fällen und das Geld auf die Bank zu bringen, würden Sie Ihr Geld lieber in Baumpflanzungen stecken und eine gute Isolierung in Ihr Haus einbauen lassen.

Ist dies jemals ausprobiert worden?

Lietaer: Ich habe nur drei Epochen gefunden, wo das ausprobiert wurde: Das klassische Ägypten, etwa dreihundert Jahre im europäischen Mittelalter und einige wenige Jahre um 1930. Im alten Ägypten bekam jemand, der Getreide lagerte, einen Gutschein, der eingetauscht werden konnte und damit eine Art Währung bildete. Wenn Sie nach einem Jahr mit 10 Gutscheinen zurückkehrten, bekamen Sie nur Getreide im Wert von 9 Gutscheinen, weil Ratten und Plünderung den Vorrat verringerten und weil die Wächter des Getreides bezahlt werden mussten. Dies wirkte wie eine Art Liegegeld. Ägypten war damals der Brotkorb der antiken Welt, ein Geschenk des Nils. Warum? Weil, anstelle der Aufbewahrung des Reichtums in Form von Geld jeder in produktive Anlagen investierte, die ihren Wert nicht verloren. So wurden z.B. Leistungen wie Landverbesserung im großen Stil durchgeführt oder Bewässerungssysteme gebaut.

Der Beweis, dass dieses Geldsystem etwas mit dem Wohlstand zu tun hatte, liegt darin, dass alles sofort beendet war, als die Römer diese Getreidewährung mit ihrer eigenen römischen Geldwährung, bei der es positive Zinssätze gab, ersetzten. Ägypten hörte bald auf, die Kornkammer der mediterranen Welt zu sein, es wurde zu einem Entwicklungsland.

Im mittelalterlichen Europa wurden vom 10. bis 13. Jahrhundert lokale Währungen von den Fürsten ausgegeben und dann immer wieder eingezogen und, versehen mit einer Steuer, neu herausgegeben. Auch dies war eine Art von Liegegeld, so dass es unattraktiv war, Geldreichtum anzuhäufen. Das Ergebnis war ein Aufblühen der Kultur, ein allgemeiner Wohlstand, der genau in der Zeit herrschte, als lokale Währungen verwendet wurden. Praktisch alle Kathedralen wurden in dieser Zeit gebaut. Man muss dabei bedenken, was es für einen kleinen Ort bedeutete, solche Kirchen zu bauen, das ist eine gewaltige Leistung.

Weil es mehrerer Generationen bedarf, um solche Kathedralen zu bauen?

Lietaer: Nicht nur deswegen. Neben der offensichtlichen symbolischen und religiösen Bedeutung sollte man nicht vergessen, dass Kathedralen eine bedeutende wirtschaftliche Funktion hatten. Sie zogen Pilger an, die wirtschaftlich betrachtet die gleiche Rolle spielten wie heute die Touristen. Diese Kathedralen wurden für die Ewigkeit gebaut, und sie schufen einen langfristigen Geldzustrom für die Gemeinde. Dies war ein Weg, Wohlstand für sich selbst und für 13 Generationen zu schaffen. Der Beweis ist, dass dies auch heute noch funktioniert: in Chartres z.B. lebt die Mehrzahl der Einwohner immer noch von den Besuchern der Kathedrale, die vor 800 Jahren gebaut wurde.

»Die Lebensqualität für Arbeiter war in Europa im 12. und 13. Jahrhundert wahrscheinlich höher als heute«

Als die Erfindung des Schießpulvers im frühen 14. Jahrhundert die Fürsten in die Lage versetzte, ihre Macht zu zentralisieren, war das Erste was sie taten, das Monopol des Geldsystems durchzusetzen. Was passierte? Es wurden keine Kathedralen mehr gebaut. Die Bevölkerung war genauso fromm im 14. und 15. Jahrhundert wie vorher, aber der Anreiz für langfristige Investitionen war verloren gegangen. Ich benutzte die Kathedrale nur als Beispiel. Erzählungen aus dem 12. Jahrhundert berichten, dass z.B. die Wartung von Mühlen und anderen Produktionsstätten auf einem so hohen Niveau stand, dass mit der Erneuerung von Teilen begonnen wurde, bevor sie kaputt gingen. Neueste Forschungen haben ergeben, dass die Lebensqualität für Arbeiter in Europa im 12. und 13. Jahrhundert am höchsten war, wahrscheinlich sogar höher als heute. Wenn man keine Ersparnisse in Form von Geld bilden kann, investiert man es in etwas, das Werte in der Zukunft bildet. Es war die Geldform, die diesen unglaublichen Wohlstand produzierte.

Und doch war diese Epoche der Höhepunkt des Christentums in Europa, in der der Archetyp der Großen Mutter völlig unterdrückt wurde.

Lietaer: Interessanterweise erlangte gerade in dieser Zeit ein religiöses Symbol eine große Bedeutung: Die berühmte schwarze Madonna. Es gab hunderte von diesen Madonnen im 10. bis 13. Jahrhundert. Ursprünglich waren diese Madonnen Statuen der Göttin Isis mit ihrem Sohn Horus, der auf ihrem Schoß sitzt. Diese Figuren wurden von den ersten Kreuzrittern direkt aus Ägypten importiert. Die schwarzen Madonnen waren direkte Nachfolgerinnen der Großen Mutter in einer ihrer ältesten Formen.

Sehen Sie eine Möglichkeit, durch lokale Währungen den Archetyp der Großen Mutter und damit Überfluß und Großzügigkeit in unserem Wirtschaftssystem heute zu stärken?

Lietaer: Die größten Probleme, die die Menschheit heute zu lösen hat, sind die Ungleichheit und der Zusammenbruch von sozialen Gemeinschaften, die Spannungen schaffen, die sich zunehmend in Gewalt und Krieg entladen. Wir können beide Probleme durch dasselbe Mittel lösen, in dem wir bewusst Währungen schaffen, die Gemeinschaft und Nachhaltigkeit fördern. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir ein ganz klares Wiedererwachen des weiblichen Archetyps erlebt. Das spiegelt sich nicht nur in der Frauenbewegung, sondern auch im dramatischen Anwachsen ökonomischer Anliegen, in Bewegungen zur Integration von Geist und Materie, aber auch in neuen Technologien, die uns erlauben, Hierarchien durch Netzwerke (wie z.B. das Internet) zu ersetzen.

Zählt man zu diesen Trends die Tatsache, dass wir zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte im Besitz von Produktionstechnologien sind, die niemals dagewesenen Überfluß erschaffen können, so ergibt sich daraus eine außerordentliche Chance, beides – die Hardware, d.h. Technologien des Überflusses, und die Software, d.h. den Wechsel des Archetyps – miteinander zu verbinden. Solch eine Verbindung war weder in diesem Maßstab noch mit der erreichbaren Geschwindigkeit bisher möglich.

Dies erlaubt uns, uns bewusst ein Geldsystem zu erschaffen, welches für uns arbeitet, anstatt dass wir für das Geldsystem arbeiten. Ich schlage vor, wir entscheiden uns, ein Geldsystem zu entwickeln, das uns ermöglicht, Nachhaltigkeit zu erreichen und die Heilung von Gemeinschaften auf lokaler und globaler Ebene zu fördern. Diese Ziele sind im Zeitraum von weniger als einer Generation zu erreichen. Ob wir sie tatsächlich erleben, wird davon abhängen, inwieweit wir fähig sind, miteinander zu kooperieren, um unser Geldsystem bewusst neu zu erfinden.

Literatur:
  • Silvio Gesell: Die natürliche Wirtschaftsordnung
  • Bernard A. Lietaer und Heike Schlatterer: Mysterium Geld
  • Margrit Kennedy: Geld ohne Zinsen und Inflation
  • Margrit Kennedy und Lietaer A. Lietaer: Regionalwährungen
  • Hermann Benles: Wer hat Angst vor Silvio Gesell?

Titelseite connection spirit 10/08

Aus dem Heft connection spirit Oktober 2008

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