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Manche frieren auch im Sommer

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Umarmung

Erwin Zbiral, der Autor des connection-Buchs »Der große Irrtum«, hat hier mal eine sehr ernste Geschichte geschrieben. Er versetzte sich in eine junge Frau hinein, die sich selbst verletzte, um sich wieder zu spüren. Eine Biodanza-Vivencia bei der Wiener Biodanza-Lehrerin Gabriele Herbst war für sie der Beginn ihrer Heilung. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit

Es fühlt sich so kalt an. So kalt wie die Welt und die Menschen, die mir begegnen. Eiskalte Augen. Leere Blicke, die durch mich hindurch sehen.

Mir ist kalt. Mitten im Sommer. Die Kälte kommt von innen. Nein, so kann man das nicht sagen: Ich schütze die Wärme in meinem Innersten und ziehe sie ganz in meine Körpermitte zurück, in einen kleinen Punkt irgendwo tief drinnen in meinem Bauch. Das fühlt sich außen an meiner Haut kalt an. Sehr kalt. So kalt wie die Welt und die Menschen, die mir begegnen. Eiskalte Augen. Leere Blicke, die durch mich hindurch sehen.

Am kältesten sind die Hände und die Füße. So kalt, dass es weh tut. Auch wenn ich alleine in meinem Zimmer bin, so wie jetzt, verschwindet die Kälte nicht. Sie ist zu einer Gewohnheit geworden, zu einer Frage des Überlebens. Aber irgendwo tief drinnen in mir gibt es diesen kleinen Punkt voller Wärme und Lebenslust. Ich habe das Gefühl von Wärme schon fast vergessen, kann mich nicht wirklich mehr daran erinnern. Das macht mich unruhig. Immer wenn ich nahe daran bin, das Gefühl von Wärme zu vergessen, bekomme ich große Angst. Angst zu erfrieren. Und dann schmerzen meine Gliedmaßen so, als hätte ich sie in Eiswasser getaucht.

Wieder Wärme spüren

Nun ist es wieder soweit. Ich habe mich gewehrt, solange ich konnte, aber nun gebe ich auf. Ich halte die Rasierklinge bereits in der Hand. Nein, nicht um mich von lästigen Härchen zu befreien, sondern um wieder Wärme zu spüren. Wenn ich mich in den Unterarm schneide, so wie jetzt, dann fühle ich einen brennenden Schmerz und kann mich wieder an das Gefühl von Wärme erinnern, das ich so sehr vermisse. Die Wunde blutet. Da, wo das Blut mir über die Haut läuft wie ein Lavastrom, auch da fühlt es sich angenehm warm an. Blut fließt – also lebe ich noch.

Die Angst geht, dafür kommt die Scham. Ich habe mich tief geschnitten, um mehr zu spüren. Es werden wieder Narben zurückbleiben. Die Vorwürfe und die Hilflosigkeit der Eltern, die traurigen Blicke, die bösen Blicke, die kalten Blicke. Trotzdem bin ich erleichtert. Ich bin erleichtert, dass Blut fließt, dass Blut überhaupt noch fließen kann.

Dann verbinde ich die Wunde, wasche mich und ziehe mir ein langärmliges T-Shirt an. Meine Freundin Anja hat Geburtstag. Ich habe versprochen, dass ich kommen werde. Jetzt, wo ich den Schmerz, die Wärme, noch spüre, werde ich es ertragen können, der Welt zu begegnen.

Kalt und lieblos, das Gesellschaftsspiel

Das Thermometer zeigt 32 Grad. Mir ist eher kalt, aber das geht schon. In der Straßenbahn beobachte ich die Menschen, die sich lieblos und ohne sich umeinander zu kümmern von einem Ort zu einem anderen transportieren lassen. Ihnen scheint heiß zu sein. Auf ihren Körpern, die nur von wenig Kleidung verborgen werden, kann ich keine Schnittwunden erkennen. Ich frage mich, wie sie die innere Kälte ertragen. Ob sie sie überhaupt wahrnehmen. Vielleicht hört das Fühlen irgendwann ganz auf. Und dann wird alles leichter…

Ich habe mein Fahrziel erreicht und steige aus. Niemand hat mit mir gesprochen. Hätte ich mit jemanden sprechen wollen? Ich weiß es nicht. Bevor ich in die nächste Seitengasse biege und Anjas Wohnung erreiche, beginne ich mit dem Spiel, das ich so gut beherrsche. Dieses Spiel heißt: »Karin begibt sich in Gesellschaft und fällt nicht weiter auf. Es geht ihr gut, sie lächelt, ist kommunikativ und macht keine Schwierigkeiten. Sie gibt keinen Anlass zu Groll oder Ärger und stellt keine Ansprüche.« Dieses Spiel habe ich in meiner Kindheit perfektioniert. Manche sagen, ich wirke kühl und unnahbar und ließe niemanden wirklich an mich heran, aber das verleiht mir nur einen besonderen Charme und ein Gefühl der Überlegenheit. Es macht mich unangreifbar und ich fühle mich sicher.

Anja heißt mich willkommen. Ich umarme sie, strahle sie an, überreiche ihr das perfekt eingepackte Geschenk, lasse mich den andern Gästen vorstellen, betreibe Konversation, lächle, kichere, stoße an, trinke Sekt, esse Kuchen. Weiß nicht, ob er mir schmeckt, weiß nur, dass er mir schmecken soll, lobe die Köchin, die Einrichtung die Wohnung, wünsche alles Gute, langes Leben und ein dreifaches Hoch und treibe ohne zu fühlen durch diese feierlichen Stunden.

Angenommen sein

Als es Abend geworden ist, spielen wir alle gemeinsam ein Spiel, das ich noch nicht kenne: Biodanza. Eine Freundin Anjas leitet es an. Wir bilden einen Kreis, halten uns an den Händen und tanzen zu anregender Musik. Das ist sehr angenehm. Dann machen wir verschiedene Übungen und Tänze, manche allein, manche gemeinsam. Schließlich werden wir zu einer Begegnung eingeladen. Eine einfache Übung zu zweit, bei der wir aufeinander zugehen und uns dann umarmen sollen – solange, bis das Lied zu Ende ist. Eigentlich kenne ich niemanden hier so gut, dass ich ihn von mir aus umarmen würde, aber wenn die Übung so geht – warum nicht. Phillip, einer der Männer, fragt mich, ob ich die Übung mit ihm machen möchte. Ich weise ihn nicht zurück. Wir stellen uns gegenüber, ein paar Meter Raum zwischen uns und schauen uns in die Augen: Die Musik beginnt. Langsam gehen wir aufeinander zu, uns immer noch in die Augen schauend. Schließlich erreichen sich unsere Körper und umarmen sich. Phillip hält mich einfach. In seiner Berührung nehme ich nichts Forderndes wahr, weder Verführung noch Ablehnung. Ich habe das Gefühl, einfach als Mensch angenommen und gehalten zu werden. Ein für mich neues, überwältigendes Gefühl. Die Leiterin weist uns darauf hin, dass wir nicht vergessen sollen, tief und ruhig weiter zu atmen. Da wird mir bewusst, dass ich, seit Phillip mich in seinen Armen hält, die Luft angehalten habe. Nun atme ich tief ein und dann passiert es: Ich verliere für einen Moment die Beherrschung und lasse mich ganz in diese Umarmung sinken. Da löst sich aus meinem Innersten das Gefühl tiefer Traurigkeit und eine unstillbare Sehnsucht danach, angenommen und geliebt zu werden. Tränen laufen mir über die Wangen, hinunter auf Phillips Schultern. Ich merke, wie er kurz unsicher wird, aber dann hält er mich einfach fest und lässt mich leise weinen.

Flucht und Umkehr

Wenig später ist das Lied zu Ende und wir lösen uns aus unserer Umarmung. Eigentlich sollten wir uns nun bei unserem Partner mit einer Geste für diese Begegnung bedanken, aber ich kann das einfach nicht. Ich habe Angst, noch jemand könnte meine Tränen bemerken, verlasse schnell das Zimmer und schließe mich auf der Toilette ein.

Es ist mir peinlich, dass ich mich so habe gehen lassen, und ich denke fieberhaft darüber nach, wie ich nun wieder in die Rolle der Karin schlüpfen kann, die nett und freundlich ist und keine Schwierigkeiten macht. Gleichzeitig aber steigt Wut in mir hoch, und ich habe es satt, mich immer zu verstecken. Da merke ich, dass sich die Tränen auf meiner Haut warm anfühlen, wärmer noch als das Blut meiner Wunde, und ich beschließe, mich nicht länger zu verstecken.

Schnell, bevor ich es mir anders überlegen kann und bevor mich die Angst wieder fest im Griff hat, verlasse ich die Toilette und gehe zurück ins Wohnzimmer zu den anderen.

Blutige Rasierklinge

Coming out

Sie sitzen im Kreis und reden miteinander. Ich setze mich zu ihnen, zwischen Anja und Phillip. Nun können sie es alle sehen – die Tränen in meinen Augen. Anja fragt mich liebevoll, was mit mir los ist. Ich ziehe langsam den linken Ärmel meines T-Shirts hoch und gebe den Verband herunter. Das Pflaster, das nun sichtbar wird, ist blutig. »Ich habe mich geschnitten«, sage ich: »absichtlich«.

Dann kommen wieder die Tränen, die warm über meine Haut laufen. Die Tränen und die Umarmungen. Alle nehmen sie mich in die Mitte und umarmen mich. Und dann wird mir wirklich heiß. Langsam trocknen nun auch meine Tränen, und wir reden noch bis lange in die Nacht. Anja kennt eine Körpertherapeutin, die mit selbst verletzendem Verhalten Erfahrung hat. Sie gibt mir ihre Nummer. Ich werde mich dort melden.

Als ich mich schließlich von Anja verabschiede und mich zu Fuß auf den Heimweg mache, weil die Straßenbahnen schon seit einer Stunde nicht mehr fahren, wird mir klar, dass dies meine ersten Schritte in ein neues Leben sind. Ich weiß, dass der Weg, der vor mir liegt, nicht einfach ist. Es warten Ängste, Enttäuschungen und Tränen. Aber das hält mich nicht ab: Ich heiße sie alle willkommen!

— Erwin Zbiral

Erwin Zbiral, Jg. 66, wuchs in Krems an der Donau in Niederösterreich auf und studierte in Wien Psychologie und Versicherungsmathematik. Heute arbeitet er als Bilanzmathematiker in einer Versicherung und lebt mit seiner Lebensgefährtin in Wien-Alsergrund. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Sein Buch »Der große Irrtum«, (150 S. SC, 14,90 €), ist im connection-Shop erhältlich.
 


Titelseite connection spirit 10/08

Aus dem Heft connection spirit Oktober 2008

   
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