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Editorial connection spirit 09/08

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Wolf Schneider

Schützen Religionen vor Krankheiten?
Nicht ganz. Aber Fremdenfeindlichkeit schützt vor Ansteckung

Den Begriff Religion in der heutigen Bedeutung gibt es erst seit dem 19. Jhd., also erst in nachaufklärerischen Zeiten. Für die Menschen früherer Zeiten war tendenziell alles religiös, nichts war »draußen«, außerhalb des Wirkungs- oder Geltungsbereich ihrer Überzeugungen. Das ist ja gerade der Anspruch von Religiosität: Sie will alles einbinden, nichts draußen lassen, das Ganze sehen, integrieren.

Religionen zählen

Wer allerdings bei einer Behörde seine Konfession oder Religion anzugeben hat, von dem wird dort etwas ganz anderes verlangt: die Zugehörigkeit zu einer Kirche oder sonst einer religiösen Gruppierung. Diese Art von Religion, der man zugehören kann, haben die Forscher Corey Fincher und Randy Thornhill von der Universität von New Mexico zu zählen versucht. Sie sind dabei auf einen Durchschnitt von 31 pro Nation gekommen. Mit großen Unterschieden: In Kanada gibt es nur 15 Religionen, an der Elfenbeinküste 76, Brasilien hat sogar 159.

Religiöse Vielfalt

Wie das? Warum beherbergen einige Länder so viele Religionen, andere nur so wenige? Die Forscher begannen nun die Anzahl der ansteckenden Krankheiten zu zählen. Dort kamen sie auf einen Durchschnitt von 200 pro Nation, bei einer Bandbreite von 178 bis 248. Dann staunten sie: In den Ländern mit den meisten ansteckenden Krankheiten gab es auch die meisten Religionen! Mit hoher statistischer Signifikanz: Wenn dieses Ergebnis Zufall wäre, dann wäre es der Zufall eines Treffers unter 10 000. Aus den von Fincher und Thornbill gesammelten Daten ergab sich auch noch eine weitere Korrelation: In den Gebieten mit vielen Religionen (und vielen ansteckenden Krankheiten) bewegten sich die Menschen weniger vom Ort ihrer Geburt weg.

Schutz vor Ansteckung

Die These der Forscher ist nun die: Religiöse Vielfalt entwickelt sich als Antwort auf die Herausforderungen, die ansteckende Krankheiten an die Bevölkerung stellen. Wo es viele solcher Krankheiten gibt, nimmt man sich besser vor Fremden in acht, man mischt sich nicht mit ihnen und tut gut daran, einer Annäherung zu misstrauen. Genau das bewirken die meisten Religionen: Die Gläubigen bleiben unter sich, sie sondern sich von den Ungläubigen oder Abergläubischen ab.

Das bewirken übrigens auch Sprachen: Sie sondern Menschengruppen voneinander ab. In einer weiteren Studie fanden Fincher und Thornton, dass es auch hier eine Korrellation gibt: Je mehr ansteckende Krankheiten, desto mehr verschiedene Sprachgruppen.

»Krankheitsgewinn« von religiöser Vielfalt

Haben sich voneinander abschottende Kulturen in der Geschichte der Menschen sich letztlich aus seuchenmedizinischen Gründen entwickelt, ist das ihr evolutionärer Vorteil? Der Evolutionsbiologe und Religionskritiker Richard Dawkins, der die Religionen für pathologische Fehlentwicklungen hält, sucht seit langem nach dem Vorteil, dem »Krankheitsgewinn« dieser von ihm konstatierten Fehlentwicklung. Da wäre er! Diesen Vorteil heimst aber anscheinend auch die »Krankheit« sprachlicher Vielfalt ein und die von Fremdenfeindlichkeit und Misstrauen gegenüber »anderen« im Allgemeinen.

Hat der Fluch der Religionen, diese Geißel der Menschheit, wirklich mit dem Schutz vor Krankheiten zu tun? Wir bleiben gespannt auf die weiteren Forschungen und untersuchen in dieser Ausgabe von connection Spirit etwas anderes: eine Religiosität, die Theisten wie Atheisten gemein ist und die nichts damit zu tun hat, was einer beim Einwohnermeldeamt unter »Konfession« einträgt.

— Wolf Schneider

Titelseite connection spirit 09/08

Aus dem Heft connection spirit September 2008

   
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