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Religiosität und Ethik der Gottlosen

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Benedictus astrosus
Wie es durch Benedikt, den Verrückten, zu einer Kirchenspaltung kam

Kraft seiner übersinnlichen Fähigkeiten gelang unserem Autoren Erwin Zbiral ein Blick in die Zukunft, und er sah, wie im Februar 2009 unserem Papst Benedikt ein Engel erschien, der ihn beauftragte, eine Prostituierte namens Magdalena selig zusprechen. Was das für Folgen haben sollte für die Kirche, die Gläubigen und die atheistische Prostituierte – hier unser Bericht!

»Niemals«, sagte ich zu meiner Freundin Manuela, »niemals würde ich mir eine dieser blöden Talk-Shows im Fernsehen anschauen«. Und dann saß ich vor dem alten Fernseher, den ich von unserem Nachbarn ausgeborgt hatte und wartete gespannt auf den Beginn der Talkshow, in der eine römische Prostituierte namens Magdalena interviewt werden sollte.

Vor eineinhalb Wochen, am 9. 2. 2009 hatte Papst Benedikt überraschend die wichtigsten Medienvertreter Italiens zu einer Pressekonferenz in den Vatikan gerufen. Ein Engel des Herrn war ihm im Traum erschienen und hatte ihm eine Botschaft für die Stadt und den Erdkreis überbracht. Zwar versuchten die engsten Vertrauten des Papstes und zahlreiche Kardinäle, seine Heiligkeit vor einer unüberlegten und vielleicht vorschnellen Information des gewöhnlichen Volkes abzuhalten und die empfangene Botschaft zunächst nur intern zu besprechen und vor allem gottgefällig zu interpretieren, der Papst jedoch verwies auf seine Unfehlbarkeit und bestand darauf, genau nach den Anweisungen des Boten Gottes vorzugehen.

Die frohe Botschaft

Die Pressekonferenz fand um 18 Uhr direkt im Petersdom statt. Es waren so viele Reporter aus aller Welt erschienen, dass jene, die erst gegen Mittag eingetroffen waren, mitsamt ihren Übersetzerinnen und Kameramännern keinen Platz mehr in der berühmtesten aller Kirchen gefunden hatten.

Endlich erschien auch der Papst in den heiligen Gemäuern, würdigte sein Gefolge keines Blickes und trat an das Mikrofon hinter dem Altar, um seine frohe Botschaft zu verkünden:

»Brüder und Schwestern im Herrn, lasset uns feiern! Denn es ist mir ein Engel erschienen und er hat mich beauftragt, in einfacher Sprache dem einfachen Volke, Gläubigen wie Ungläubigen, die frohe Botschaft des Herrn zu übermitteln. Einfache Sprache bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ich nicht in Latein, sondern zu Ehren jener Frau, die sich dem Segen der fleischlichen Lust geöffnet und mich geboren hat, in meiner Muttersprache sprechen werde.«

Ein Raunen wurde laut, und als aus dem Munde seiner Heiligkeit die Worte »fleischliche Lust« zu vernehmen gewesen waren, hatte die Kurie sich bekreuzigt und beschämt zu Boden geblickt.

»Wie sollen wir uns mit dem Höchsten vereinen, wenn wir uns nicht einmal mit unserem Nächsten vereinigen können?«

Der Papst fuhr fort: »Der Engel des Herrn erschien mir in weiblicher Form, und sie war von solchem Liebreiz und von solcher Anmut, dass sich mein Herz öffnete und ich jenes Verlangen verspürte, das unsere Kirche seit Jahrtausenden verdammt. Sie sagte mir, es sei an der Zeit, den Herrn und seine Schöpfung zu ehren und zu preisen, indem wir feiern, tanzen, singen und den schönsten Lüsten frönen. Denn wie sollen wir uns mit dem Höchsten vereinen, wenn wir unser Herz derart verschließen, dass wir uns nicht einmal mit unserem Nächsten vereinigen können?«

Magdalena, sie dient dem Herrn

Journalisten, Kameramänner und Reporter hatten, getrieben durch das Verlangen, die besten Bilder in die Fernsehkanäle zu senden und nur ja kein einziges Wort dieser sensationellen Rede zu versäumen, den Papst umringt und schützten ihn so vor den anderen hohen Würdenträgern der katholischen Kirche, die, ins Abseits gedrängt, sich in wüsten Flüchen und Beschimpfungen ergingen.

Ein seliges Lächeln zeigte sich in der sonst so strengen Miene des Papstes, als er fortfuhr: »Sie entledigte sich des himmlischen Schleiers, der ihren Körper bedeckt hatte und legte sich mir zur Seite, um mich mit dem Nektar des Lebens zu erfrischen, und ich labte mich an der Süße dieser himmlischen Frucht. Und sie sagte mir, es sei an der Zeit, uns endlich zu besinnen. Wir sollten umkehren in dem Sinne, in dem Jesus Christus es gemeint hat. Und als Zeichen schenkte sie mir eine Vision, in welcher ich eine junge Frau schauen durfte, die Gott dient, indem sie ihren Körper durstigen männlichen Seelen zur Verfügung stellt, bis ihnen nicht mehr dürstet. Der Engel sprach: ›Siehe diese unschuldige Frau, Magdalena, sie dient dem Herrn. Mit ihrer Hingabe, die ihr als verwerflich bewertet, befreit sie einen jungen Priester von seiner Pein, die sonst sein Herz zersetzt und es ihm unmöglich gemacht hätte, seinem Nächsten liebevoll zu begegnen. Wahrlich, ich sage dir, sie ist dem Himmelreich näher als du in all deiner Frömmigkeit und Pracht!‹

Zwei Wellen breiteten sich aus

Der Papst machte eine kleine Pause: »Und zum Zeichen der Umkehr spreche ich, wie es der Engel mir aufgetragen hat, diese Dienerin des Herrn, die hier in Rom als Prostituierte arbeitet, selig. Liebe Gemeinde: Dies war die frohe Botschaft unseres Herrn. Lasset uns feiern!«

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer über den gesamten Planeten und löste zwei gegenläufige Schockwellen des Glaubens aus, die wie zwei Hurrikans über die Länder rasten und, wenn sie sich trafen, in leidenschaftlichen und erbittert geführten Konfrontationen alle Grenzen und Tabus hinwegfegten, um sich schließlich in reinigenden apokalyptischen Gewittern explosiv zu entladen. Die eine Welle bestand aus verbitterten Kritikern der katholischen Kirche und aus bislang desinteressierten Jugendlichen, die nun der Kirche beitraten und den Papst als Heiligen feierten; die andere Welle aus schockierten Pensionisten, die um ihr Seelenheil bangten und nicht wussten, ob sie der ewigen Verdammnis anheim fielen, wenn sie dieser Kirche den Rücken kehrten oder ihr weiterhin angehörten, sowie aus moralisierenden Konservativen, die um ihre Macht und um ihre Stellung fürchteten.

Die Medien schlachteten jedes Detail dieser Rede aus, und nachdem einer der Journalisten gemeint hatte, nun werde der Papst als Benedictus astrosus, als Benedikt, der Verrückte in die Geschichte eingehen, wurden seine Anhänger salopp als »Astrosos« bezeichnet, im Gegensatz zu den traditionellen »Katholos«. Nach hunderten von Jahren schien endlich wieder einmal eine Kirchenspaltung bevorzustehen, und all die nicht gerade in Luxus lebenden Schreiber der verschiedenen Zeitungen konnten es kaum mehr erwarten, von neuen sensationellen Enthüllungen zu berichten. Es gab unzählige Anfragen um eine Audienz beim Papst, denn alle träumten von einem Interview mit Benedictus.

Fehlbarkeit des Papstes?

Dieser wurde jedoch nach diesem Auftritt von der Öffentlichkeit fern gehalten. In einer offiziellen Stellungnahme seines Sprechers hieß es, seine Heiligkeit sei erkrankt und die wahren Gläubigen wurden aufgerufen, in dieser Zeit der schweren Prüfung dem kirchlichen Oberhaupt beizustehen in seinem Kampf gegen die Versuchungen durch den Satan. Es sei nun an der Zeit, zu büßen und zu beten, denn der Antichrist würde mit all seiner teuflischen Macht um die Weltherrschaft ringen.

Kardinäle und Moraltheologen hetzten von einer Krisensitzung zur andern, um diese unselige Wahnsinnstat rückgängig zu machen

Kardinäle und Moraltheologen hetzten von einer Krisensitzung zur andern, um gemeinsam mit den ranghöchsten und anerkanntesten Experten des Kirchenrechts alle Möglichkeiten zu prüfen, diese unselige Wahnsinnstat, die Seligsprechung der von den Medien rasch entdeckten und mittlerweile weltbekannten Prostituierten, die sich Magdalena nannte und zu deren Kunden hauptsächlich Priester und ranghöhere Diener des Herrn zählte, rückgängig zu machen und für null und nichtig zu erklären.

Offiziell sprach man in Kirchenkreisen von einer möglicherweise denkbaren, durch den Satan persönlich verursachten einmaligen Fehlbarkeit des Papstes, die der Herr zugelassen hatte, um in seiner allumfassenden Liebe den rechten Glauben seiner Schafe zu prüfen. Manche katholischen Würdenträger forderten, die Kirche müsse sich in dieser schweren Zeit ihrer Stellung, die sie im Mittelalter inne hatte, wieder annähern und forderte die Legalisierung und Wiederinkraftsetzung der heiligen Inquisition als wirksamstes Instrument gegen die Kräfte des Satans und seiner Verbündeten.

Die Lüste der »Astrosus«

Die Papsttreuen hingegen huldigten der fleischlichen Lust unabhängig davon, ob sie verheiratet oder unverheiratet waren. Selbst die Zugehörigkeit eines Partners zu einer anderen religiösen Gruppe hinderte sie nicht daran, Gott zu dienen und die Botschaft des Engels in die Tat umzusetzen. Jene Priester, welche sich zu den »Astrosos« zählten, fühlten sich fortan nicht mehr an den Zölibat gebunden und verkehrten mit ihren männlichen und weiblichen Partnern, ohne sich dabei schuldig zu fühlen.

Diejenigen aber, die alleine waren, hatten keine Skrupel, das von den Gläubigen gespendete Geld zu verwenden, um bei den Kolleginnen Magdalenas Entspannung zu finden. Sie beriefen sich dabei auf eine besondere Auslegung der päpstlichen Worte, nach welcher das Seelenheil jedes einzelnen davon abhing, Gott in der von ihm gewollten und verkündeten Form zu preisen und zu dienen. Magdalena selbst hatte sich aus ihrem gewohnten Gewerbe zurückgezogen, denn durch ihre neue Rolle als Medienstar verfügte sie über ausreichende Mittel, um ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Die Talk-Show

Endlich war es soweit. Gut versorgt mit Rotwein und Chips, meine Liebste im Arm, starrte ich auf den Bildschirm des Fernsehers.

Während die Moderatorin Magdalena vorstellte, sah man in eingeblendeten Bildern die Dienerin des Herrn bei der Arbeit: Auf einem Bild sah man sie verkleidet als Nonne und in Strapsen, ein anderes zeigte sie, sich auf dem Bett räkelnd, spärlich bekleidet mit einem String-Tanga mit der Aufschrift »Jesus liebt dich!«

»Magdalena. Noch vor wenigen Wochen hätte man diese Bilder von dir als Gotteslästerung bezeichnet. Was bedeutet es nun für dich persönlich, dass du selig gesprochen worden bist und wie hat sich diese Seligsprechung auf deinen Glauben ausgewirkt?«

»Ich wollte Gott nicht lästern, und ich hätte mich nicht auf diese Weise gezeigt, wenn dies nicht der ausdrückliche Wunsch meiner Kunden gewesen wäre. Der String-Tanga (das Bild war im Hintergrund noch immer eingeblendet) ist übrigens das Geschenk eines Kardinals. Er…«

»Wir wollen hier keine Namen nennen!«, unterbrach die Moderatorin nervös: »Hat die Seligsprechung deinen Glauben nun verändert?«

»Selige Atheistin«

»Ich war gläubige Atheistin. Und nun bin ich eine selige Atheistin!« antwortete Magdalena und lachte: »aber ich respektiere auch andersgläubige Menschen. Verändert hat sich meine wirtschaftliche Situation. Sie erlaubt mir, nicht mehr in diesem Gewerbe tätig sein zu müssen. Dafür bin ich dem Papst dankbar. Denn es ist nicht so lustig, als Prostituierte zu arbeiten.«

»Deine Seligsprechung hat zu einer Spaltung der katholischen Kirche geführt. Zwischen den so genannten Astrosos und den konservativen Katholiken kommt es zu immer gehässigeren Auseinandersetzungen bezüglich des wahren Glaubens. Mit welcher der beiden Gruppen sympathisierst du?«

Was die einen heimlich tun, das tragen die anderen offen zur Schau

»Mit keiner. Außerdem ist der Unterschied nicht so groß: Was die einen heimlich tun, das tragen die anderen offen zur Schau. Weißt du, als Prostituierte hast du einen anderen Blick auf die Welt. Auch wenn die Menschen der Meinung sind, sie würden sich unterscheiden, weil sie verschiedenen Religionen angehören; die Wahrheit ist einfach: Sobald sie zu uns kommen, sind sie alle nur noch an einem interessiert, der Befriedigung ihrer Lust: Buddhisten wie Christen, Juden und Mo…«

»Danke, danke!«, unterbrach sie die Moderatorin. »Wollen wir doch den Hass nicht schüren und niemanden verletzen. Ich denke, wir alle und auch unsere Zuschauer haben verstanden, was du meinst. Ich danke dir für dieses Gespräch. Unser nächster Gast…«

Meine Freundin hatte den Fernseher wieder abgeschaltet.

»Was soll das?«, protestierte ich und nahm mir ein paar Chips aus der noch fast vollen Packung: »Ich habe mich schon so auf einen gemütlichen Fernsehabend mit dir gefreut.«

»Ich weiß was Besseres«, entgegnete Manuela. Sie nahm mir die Chips aus der Hand, ging in ihr Zimmer, blätterte kurz in ihrer Mappe, in der sie ihre Sticker-Sammlung aufbewahrt und kam dann zu mir zurück.

Sie klebte den Sticker auf mein Rotweinglas und zwinkerte mir zu: »Jesus liebt dich!«, stand da geschrieben. Und als ich begriff, was sie meinte, hatte sie die Vorhänge im Schlafzimmer bereits zugezogen.

— Erwin Zbiral

Weitere Geschichten von Erwin Zbiral findet ihr in dem Buch »Der große Irrtum«, (150 S., SC, 14.90 €), das im connection-Shop erhältlich ist.

Erwin Zbiral, Jg. 66, wuchs in Krems an der Donau in Niederösterreich auf und studierte in Wien Psychologie und Versicherungsmathematik. Heute arbeitet er als Bilanzmathematiker in einer Versicherung und lebt mit seiner Lebensgefährtin in Wien-Alsergrund. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 


Titelseite connection spirit 09/08

Aus dem Heft connection spirit September 2008

   
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