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Das spirituelle Hamsterrad

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Ein Hamster in einem Lebensrad

Sie leitet eine Yogagemeinschaft in Wien und hat dort mit Menschen zu tun, die jahrzehntelang »spirituell« unterwegs waren, ohne sich wirklich weiterzuentwickeln. Wie das? Wie kann man ein Leben lang spirituelles Wissen ansammeln und trotzdem nicht weiterkommen?

Immer wieder sitzen mir Menschen gegenüber, die unbedingt zur Erleuchtung gelangen möchten. Oder andere, die ein enorm großes Wissen angesammelt haben über diverse spirituelle Richtungen und damit trotzdem auf der Stelle treten. Oder Menschen, die behaupten in der Liebe zu sein, an ihren Handlungen aber merkt man, dass das nicht der Fall ist. Wieder andere sind geradezu verzweifelt auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens.

Alle diese Menschen versuchen über den Tellerrand ihres Lebens hinweg zu sehen und möchten ergründen und erfahren, was es sonst noch außer unserer materiellen Welt gibt. Der technische Aufschwung der letzten zweihundert Jahre hat das Individuum isoliert. Dabei sind die zwischenmenschlichen Beziehungen erkaltet, die Menschen vereinsamt. Arbeitslosigkeit, Existenzängste, Atheismus und die Auflösung der Großfamilien haben ihren Teil dazu beigetragen. Der Egoismus wird heute groß geschrieben, die Sinne, die Herzlichkeit und der Gruppenzusammenhalt kommen zu kurz. Sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen gibt Sicherheit und Halt in schwierigen Zeiten, der »Einzelkämpfer« ist dagegen einsam.

Ich möchte in diesem Artikel auf eine Bremse hinweisen, welche die meisten von denen festhält, die sich auf den spannenden Weg zu sich selbst und zum Göttlichen aufmachen. Sie laufen in einem Rad um ihr eigenes Inneres herum, ohne dabei weiter zu kommen und meist auch, ohne dies je zu bemerken. Sie tun das in guter Absicht, und es ist immerhin besser, in einem Rad zu laufen, aus dem man vielleicht auch einmal herausgeschleudert werden kann, als ein Leben lang auf der Stelle zu treten und sich für nichts anderes als das Fernsehprogramm zu interessieren.

Das Ego in der Spaßgesellschaft

Diese Bremse beim Beschreiten des spirituellen Weges ergibt sich aus dem kollektiv gezüchteten Egoismus unserer Spaßgesellschaft. Wir gehen in die Disco und in Clubs, um Spaß zu haben; und mit der gleichen Motivation machen wir uns auf den spirituellen Weg. Unterhaltung gegen die Langeweile wird gefordert – und vielfach geboten. Wir sind in, indem wir uns hier mal ein bisschen esoterisches Wissen aneignen oder da mal ein kribbeliges Schwitzhüttenwochenende belegen.

Als Ergebnis der Erleuchtung stellen wir uns vor, dann heilig durch die Gegend zu laufen, ohne Sorgen und Probleme, immer gut drauf

Wenn jemand zu mir kommt und um eine Yogaführung bittet, um erleuchtet zu werden, frage ich zunächst, was er denn unter Erleuchtung versteht. Schon dabei treten sehr unterschiedliche Antworten zutage. »Wieso willst du denn erleuchtet werden?«, frage ich. Dann zeigt sich, wie viele sich als Resultat der Erleuchtung vorstellen, dass sie dann heilig durch die Gegend laufen, keine Sorgen und keine Probleme mehr haben, immerzu gut drauf sind – eben »erleuchtet«. Die Erleuchtung wird also oft aus dem Ego heraus angestrebt, nicht aus dem Herzen heraus.

Sehr oft treffe ich auf Menschen, die diesen Weg durch Anhäufung von intellektuellem Wissen zu beschreiten versuchen. Sie lesen viele Bücher, sind sehr gebildet und kennen sich genau aus in den Weltreligionen ebenso wie in den diversen anderen Lehren wie Schamanismus, esoterische Geheimgesellschaften, Yogarichtungen und so weiter. Es gibt ein so weites Feld an verschiedenen spirituellen Ausrichtungen, dass man mehrere Leben bräuchte, um diese Wege auch nur anzutesten. Der Markt dieser Angebote ist riesengroß geworden und kaum zu überblicken. Das ist nicht grundsätzlich schlecht: Aus der Vielfalt kommt die Fülle. Dennoch kann angelesenes Wissen eigene Erfahrungen nicht ersetzen.

Schattenseiten

Es begegnen mir auch viele Menschen, die davon überzeugt sind, sie seien in der Liebe. Sie erzählen mir, dass ihr Herzchakra weit geöffnet ist und sie die Liebe um sich herum verströmen. Kurze Zeit später bemerke ich aber durch ihre Erzählungen oder Handlungen, dass sie sehr wohl versuchen in der Liebe zu sein, doch sie tun dies, indem sie ihre Schattenseiten, die in jedem Menschen vorhanden sind, unterdrücken. Denn diese sind unerwünscht, und man kann ja nicht in der Liebe sein, wenn es da noch soooo viele Aggressionen und unerforschte Abgründe gibt! Das ist eine recht gefährliche Art die Liebe zu leben, finde ich, da die inneren Dämonen mit zunehmender Verdrängung an Kraft gewinnen. Es wird immer kraftraubender, sie unter Kontrolle zu halten, und diese Kraft fehlt dann für die Liebe.

Dann gibt es die Methode, sich das Leben zu erleichtern, indem man sich einredet, es gäbe gar keine inneren Dämonen mehr. Dabei wird übersehen, dass auf dem spirituellen Weg gerade diese, unsere dunklen Seiten, genauso wichtig sind wie die lichten Seiten. Ohne Anerkennung unserer menschlichen Abgründe ist es unmöglich voran zu kommen, menschlich ebenso wie spirituell. Wir können nur dann Liebe nach außen tragen, wenn wir Liebe in uns haben, und dazu gehört, dass wir lernen, auch unsere scheinbar unschönen Seiten zu akzeptieren. Nur durch die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und durch die Liebe zu sich selbst lösen die Schattenseiten sich mit der Zeit auf oder stellen sich gar als bedeutungsvoll heraus, so dass man sie gar nicht mehr missen möchte.

Die Suche nach dem spirituellen Sinn kann einen Menschen ein Leben lang beschäftigen. Er sucht und sucht und sucht und findet doch nie eine Antwort. Dass in der Suche und dem Leben selbst der Sinn stecken könnte, erkennt er nicht. »Da muss es doch noch mehr geben….«. Klar gibt es mehr, aber dieses Mehr können wir in uns selbst entdecken, in uns ist alles enthalten.

Weder mit spirituellem Tourismus (»Schamanenhopping«), oder mit immer neuen, noch größeren und berühmteren Gurus und Lehrern, noch mit dem ständigen Wechsel von spirituellen Angeboten kommen wir weiter. Auch nicht mit der Anhäufung von angelesenem Wissen oder der Verdrängung unangenehmer, innerer Aspekte. Wir laufen im Kreis um uns selbst, um unseren Kern herum, wie ein Hamster in seinem Rad. Vieles bleibt nur oberflächlich und dringt nicht bis zum innersten Herzenswissen vor.

Nur wenn wir stehen bleiben und in uns gehen, können wir das Ziel erreichen. Wir müssen hineinschauen in diese innere Welt, die uns ausmacht, und alles in uns genau betrachten. Es annehmen ohne zu werten. Staunen über das, was sich vor unseren Augen auftut. Es gibt Tiefen, von denen wir kaum etwas ahnen, wenn wir nur an der Oberfläche unseres so genannten Lebens bleiben. Das ist doch eigentlich so leicht, und trotzdem schafft es kaum ein Mensch. Warum nur ist das so leicht und gleichzeitig so unendlich schwer?

Als ich die Kontrolle aufgab, wurde ich selbst zum Fluss des Lebens, und alles um mich herum floss mit. Kontrollverlust muss also nicht im Chaos enden

Angst, die Kontrolle zu verlieren

Um uns auf dieses Abenteuer einzulassen müssen wir die Äußerlichkeiten loslassen. Wir sind geprägt von der Gesellschaft, in der wir leben, und diese Gesellschaft fordert ein kontrolliertes Verhalten. Oberflächlichkeiten loslassen und die Kontrolle abgeben, das erzeugt Angst. Was für schreckliche Dinge könnten wir über uns erfahren, wenn wir näher hinsehen würden? Unser Leben könnte aus den Fugen geraten! Es könnte geschehen, dass wir nicht mehr richtig funktionieren, so wie die Gesellschaft es von uns erwartet. Es gibt doch so viele Verpflichtungen wie Familie, Beruf und all die materiellen Annehmlichkeiten, die bezahlt werden wollen! Was würde geschehen, wenn plötzlich jeder die Kontrolle aufgeben würde? Anarchie, Chaos … schrecklich …

Deshalb bleiben wir lieber bei den gewohnten Lebensweisen und beschäftigen uns mit Spiritualität über unseren Verstand, indem wir weiterlaufen in unseren kreisenden Bahnen. Die Angst vor dem Kontrollverlust ist so immens groß, dass kaum ein Mensch wirklich in seine Mitte gelangt.

Wer aber sagt da, dass die Aufgabe der Kontrolle über unser Leben und die ehrliche ungeschönte Beschäftigung mit sich selbst im Chaos enden muss? Auf meinem persönlichen Weg war es so, dass die Entscheidung, ein spiritueller Mensch zu werden, nicht einmal freiwillig getroffen wurde. Durch einen spontanen Kundaliniaufstieg brach das Chaos fast unangemeldet innerhalb von wenigen Tagen über mich herein. Ich kenne mich ziemlich gut und weiß mit großer Sicherheit, dass ich jede Chance genutzt hätte, um dies zu vermeiden. Insofern bin ich ein glückvoller Mensch, da mir das Geschenk der Erkenntnisse und Erfahrungen so vermittelt wurde, dass ich keine Chance hatte dagegen anzugehen. Das Chaos hielt ungefähr ein dreiviertel Jahr an. In dieser Zeit wurde ich mehrmals von innen nach außen und wieder zurück umgekrempelt. Dann aber lichtete sich mein persönliches Chaos, und ich bemerkte, dass ich in einem Fluss dahin strömte. Ich wurde selbst zu diesem Fluss, und alles um mich herum floss mit. Es muss also nicht im Chaos enden. Die chaotische Phase geht vorüber, und wenn man sich weiterentwickeln möchte, beinhaltet sie einen Lernprozess. Dies geschieht allerdings nur dann, wenn wir alles zulassen, was kommt und wir uns nicht gegen die Weiterentwicklung stemmen. Sobald Abwehrmechanismen aktiv werden, was andererseits normal ist, kommen wir aus dem Fluss, hängen am Ufer fest und drehen uns dort wie ein Kreisel.

Im Fluss sein

Im Fluss zu sein bedeutet, im vollen Vertrauen darauf zu leben, dass wir aus allem, was uns begegnet, lernen können. Selbst wenn wir einige Zeit kraftvoll in der Mitte des Stromes geflossen sind, können immer wieder Stromschnellen auftauchen und Untiefen. In diesen Situationen kommt es darauf an, nicht in Panik zu verfallen, sondern sich darauf zu besinnen, wie leicht es doch ist, genauer hinzuschauen. So können wir mit neu gewonnenen Erkenntnissen über die Wirkungsweisen und Eigenheiten unseres Wassers gestärkt aus den Wirbeln auftauchen und flexibel mit dem Strom weiterfließen, ohne der Angst Raum zu geben.

Ein Fluss entsteht aus einer Quelle, und diese Quelle wird gespeist durch viele, viele Regentropfen, die vom Himmel fallen. Ein Fluss ist also Teil eines ständig sich verändernden Kreislaufs. Er setzt sich zusammen aus vielen einzelnen Wassermolekülen, die wiederum aus vielen winzig kleinen Teilchen bestehen, genauso wie wir Menschen. Wir sollten jede Sekunde in unserem Fluss genießen, denn im nächsten Augenblick ist der Fluss wieder ein anderer. Versuche ich mich einem Strudel zu widersetzen, werden meine Kräfte irgendwann nachlassen, ich werde hineingezogen und es kann sein, dass ich ertrinke.

Eine Freundin hat mir einmal erzählt, dass sie als Kind immer in einem Baggersee extra in die Wasserstrudel hinein geschwommen ist und sich dort hat herunterziehen lassen, um dann unten an einem ganz bestimmten Punkt seitlich aus dem Strudel herauszutauchen. So ähnlich wie in diesem Bild können wir den spirituellen Weg sehen. Es gibt immer einen Weg aus der vermeintlichen Gefahr heraus, aber wir müssen uns den auftauchenden Ängsten stellen, um sie so aufzulösen. Warum? Erstens weil es ein Erfolgserlebnis ist, eine Hürde geschafft zu haben, und zweitens weil wir so wieder in die Mitte des spirituellen Lebensflusses gelangen, in welchem Ruhe, Ausgeglichenheit und Liebe für sich selbst und andere fließen.

Solange wir uns im Hamsterrad um uns selbst drehen oder von Schamane zu Schamane, von Seminar zu Seminar touren, ohne uns den Aufgaben im Inneren zu stellen, solange wir uns ausschließlich intellektuell mit Spiritualität beschäftigen, werden wir ständig Kreise an der Oberfläche ziehen und niemals wirkliche Erkenntnisse erlangen. Die innere Sehnsucht muss aus dem Herzen kommen, nicht aus dem Verstand, und sie sollte so stark sein, dass sie jedes Hindernis aus dem Weg räumt.

— Martine Waldmann

Kali Martine Waldmann (Web), Jg. 57, Studium der visuellen Kommunikation, freie Künstlerin, Leiterin der Yogagemeinschaft Ananda in Wien. Nach dem Erwachen der Kundalini tantrischer Weg. Spezialgebiete: Astralreisen, Kundaliniführung und Energetik. Reikimeisterin. Ausbildung bei Swami Guru Vayuananda. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 


Titelseite connection spirit 09/08

Aus dem Heft connection spirit September 2008

   
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