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Editorial connection spirit 03/09

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Wolf Schneider
Photo: Aniela Adams

Naivität

Die meisten Menschen sind naiv. Ist das schlimm? Nicht unbedingt. Als Erholung von der Rationalität, vom Voreingenommenen und Berechnenden macht Naivität einen Menschen doch sympathisch. Diese so sympathische Eigenschaft kann aber bös enden, für die Naiven selbst ebenso wie für die von ihrer so gut gemeinten Dusseligkeit Betroffenen. Was die Religionen und die Esoterik anbelangt, scheint unser menschlicher Hang zur Naivität besonders stark ausgeprägt zu sein. In Bezug auf die großen Fragen wie Liebe, Tod und das Jenseits sind wir für Leichtgläubigkeit offenbar sehr anfällig.

Regression

In meinem »Kleinen Lexikon esoterischer Irrtümer« habe ich insbesondere die Naivität der Esoteriker aufs Korn genommen. Die typischen Anhänger der großen Religionen halte ich jedoch für nicht weniger naiv – das hat manche falschen Freunde dieses kleinen Lexikons enttäuscht. Und auch den Glauben an den Staat und auch an unsere Wirtschaftsordnung halte ich für naiv. Warum habe ich dann nicht ein kleines Lexikon der menschlichen Naivität geschrieben? Weil die Esoteriker beanspruchen, ihre Lehren seien die Essenz tiefster Weisheit. Die aber findet man dort ungefähr so selten wie unter Poli tikern jemanden, der sich nicht von Macht berauschen lässt.

Das Gefährliche an der Naivität ist, dass sie leicht mit Weisheit verwechselt wird. Auch Weisheit ist schlicht und vertrauensvoll, aber nicht jede Schlichtheit ist weise und nicht jedes Vertrauen zeugt von Einsicht. Herzlichkeit, Schlichtheit oder eine Vertrauensseligkeit, die ins Kindliche regrediert, weil sie mit den Anforderungen des normalen Lebens nicht zurecht kommt, ist naiv. Die meisten Esoteriker, Religions- oder auch Staatsgläubigen sind in der Hinsicht naiv.

Herzlichkeit

Naivität möchte ich dennoch nicht in Bausch und Bogen verdammen. Sie hat etwas Süßes, Vertrautes, ja Vertrauen Erweckendes. Sie ist in so vielem einem kaltschnäuzigen, berechnenden Um gang vorzuziehen. Sie ist zwar herzlich, aber noch keine Weisheit.

Auch »Herzlichkeit« ist eines dieser verfänglichen Worte: Es suggeriert mit der Gefühlstiefe auch zumindest eine Annäherung an die begehrte Weisheit, dieses hohe Stadium menschlicher Entwicklung jenseits des nur Wissens und der emotionalen Kälte. Wer die Kälte der Ratio verabscheut und »anders« leben will – warmherziger und liebevoller – der wählt als Alternative jedoch oft (»Werdet wie die Kinder …«) statt der Weisheit die Naivität. Das ist es dann, was man in den esoterischen Kreisen und in der Volksfrömmigkeit der Hochreligionen antrifft. Gewissermaßen ist Esoterik die moderne Art der Volksfrömmigkeit: süß, naiv und überwiegend fast frei von Weisheit.

Weisheit

Der typische Esoteriker selbst hingegen glaubt, mit der Hinwendung zur Esoterik – manchmal auch schon einem Bekenntnis zu einer »alternativen Heilweise« – bereits das Land der Weisheit betreten zu haben. Damit gleicht er den sich religiös Wähnenden, die glauben, mit einer Taufe oder Konversion sich bereits das Himmelreich gesichert zu haben. Das Himmelreich ist aber nicht dort und dann, sondern, um mit Buddha, Richard Alpert oder Eckart Tolle zu sprechen: hier und jetzt – oder gar nicht. Ebenso wie die Hölle und alle Zwischenreiche. Weisheit ist nötig, um »in den Himmel zu kommen«, nicht Glaube. An etwas oder jemanden zu glauben ist nicht prinzipiell idiotisch, wie manche allzu profanen Atheisten meinen, aber es ist auch keineswegs generell gut. Es kommt immer darauf an, an was oder wen du glaubst, und auch auf die Bereitschaft, den jeweiligen Glauben zu revidieren, wenn er sich als falsch oder naiv erwiesen hat.

Tanz

Genug zum Thema Naivität, denn: Wir haben Glück, es gibt eine Alternative. Statt bloß zu glauben, nachzudenken oder zu zweifeln können wir auch tanzen – mit allem! Mit dem naiven Teil in uns, der Kitsch liebt und das Kindliche, und dem erleuchteten Teil in uns, der alles transzendiert hat. Dann braucht man sich von der Welt nicht mehr zu entfernen, wie ignorant, gierig, naiv oder verrucht sie auch immer sein mag. Wir bleiben einfach mitten drin und – tanzen!

— Wolf Schneider

Aus dem Heft connection spirit März 2009

   
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