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Die Unvollkommenheit des Durchlaufbehälters

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Porträt eines Interviews mit den Satsanglehrern Gangaji und Eli Jaxon-Bear

Der Konflikt um die persönlichen Verfehlungen von Eli Jaxon-Bear hatte im vergangenen Jahr die Satsang-Szene erschüttert. Viele der Fans hatten sich daraufhin von dem Vorzeigegurupaar Eli und Gangaji abgewandt. Im Interview mit connection-Autor Wolfgang Schmidt-Reineke stellt Eli nun die rhetorische Gegenfrage: »Willst du wirklich den Nektar der Unsterblichkeit verweigern wegen einer Unvollkommenheit des Durchlaufbehälters?« Er erweist sich damit der traditionellen Linie seines indischen Gurus Papaji treu, die das Absolute (Gott, die Erleuchtung, die Wahrheit) und das Relative (die Persönlichkeit mit ihrer Schuld und ihren Verstrickungen) nicht miteinander vermanschen will. Treu bleibt er auch der amerikanischen Sexualmoral: »Der größte Fehler meines Lebens war, dass ich mir erlaubte, in zwei Frauen zur gleichen Zeit verliebt zu sein«. Wolfgang Schmidt-Reineke hatte die beiden an ihrem Wohnsitz in Oregon besucht und sie nach den Folgen von Elis Affäre befragt

Gangaji und Eli Jaxon-Bear wohnen gleich ein paar Straßen weiter. Ich lebe an der amerikanischen Westküste in der kleinen Stadt Ashland, die einen Ruf hat als Hochburg spiritueller Lehrer und innovativer Heiler. Letztes Jahr interviewte ich Neale Donald Walsch, dieses Jahr wandte sich mein journalistisches Interesse dem bekannten Satsang-Paar Gangaji und Eli Jaxon-Baer zu. Sie sind durchaus umstritten: Im Jahr 2006 hatte eine lokale Versammlung ein Beben in den weltweiten Communities der beiden erwachten Lehrer ausgelöst. Die Eheleute hatten öffentlich und unter Tränen offenbart, dass Eli seine Frau jahrelang heimlich mit einer seiner Schülerinnen betrogen und diese karrieremäßig begünstigt hatte. Besonders Letzteres mag schon schlimm genug sein, aber fast noch übler wurde es den beiden genommen, dass sie nach der internen Offenlegung des Seitensprungs noch ein weiteres Jahr lang Paar- und Satsangseminare abhielten, ohne den Teilnehmer diese gelebte Unwahrheit mitzuteilen. Viele Schüler hatten sich daraufhin von Gangaji und besonders von Eli enttäuscht abgewandt. Soweit die Fakten. Die Verabredung zu einem Interview, das vor allem die Aufarbeitung der Affäre zum Inhalt haben sollte, war schnell getroffen. Ich besuchte die beiden bei ihnen zuhause. Wir wechseln ein paar einleitende Worte, dann antworten sie über eine Stunde lang geduldig auf meine teilweise sehr direkten Fragen nach Vertrauensverlust, fehlender Transparenz und möglicherweise entstehenden Widersprüchen beim gleichzeitigen Lehren von Wahrheit und Verschweigen von Lüge.

»Ich schätze die beiden und habe keinen Zweifel an ihrer Integrität – aber ich bin entsetzt über ihre Antworten und Aussagen«

Entsetzen …

Schon bei der Heimfahrt wurde mir jedoch klar, dass ich mir gerade ein happiges Problem eingehandelt hatte. Ein typisch journalistisches Dilemma: Ich schätze die beiden und habe keinen Zweifel an ihrer Integrität – aber ich bin entsetzt über ihre Antworten und Aussagen. In meinen Ohren hatten sie in fast arrogant klingender Weise die Verantwortung für den Umgang mit der Affäre weitgehend auf »die anderen« geschoben. Ohne erkennbares Mitgefühl für die in innere Konflikte geratenen Schüler. Eher, so schien es, beklagten sie sich ihrerseits über deren Illoyalität. Sollte ich das so wiedergeben? Ich weiß, wie sehr ich damit den Vorurteilen mancher pauschaler Zeitgeist-Zyniker Vorschub leiste. Es gibt auch noch eine andere, sozusagen weltanschauliche Ebene. Ich habe großen Respekt vor Satsang, also der Heranführung an die allem zugrunde liegende, zeit- und formlose Wahrheit, von der die jahrtausendealte Advaita-Lehre spricht. Persönlich glaube ich aber, dass diese absolute Ebene heute für uns durch eine Art evolutionäre Wahrheit ergänzt wird. Dass auch unser Körper, unsere Psychologie, unsere Kultur eine innere Wahrheit, wenn auch in einer relativen bzw. evolutionären Weise, zum Ausdruck bringen. Aber das ist meine persönliche Einstellung, die ich nicht nachträglich als verborgenen Maßstab bei den Antworten anlegen will.

Eli und Gangaji jedenfalls, das zeigen ihre nachstehenden Antworten, bleiben der traditionellen Linie ihres indischen Gurus Papaji treu. Nur die unbewegte Wahrheit ist wesentlich, alles andere sind illusionäre »Stories« unseres egoischen Verstandes. Doch es ist nun einmal so, dass diese Darstellung auch dazu dienen kann, persönliche Unzulänglichkeiten zu rechtfertigen, oder zumindest sie mit entlastender Absicht zu bagatellisieren.

Aufzeichnung gelöscht

Am nächsten Morgen erreicht mich prompt eine E-Mail von Eli. Er fand, meine Fragen seien so negativ gewesen, und »Wesentliches« sei nicht angesprochen worden. Ich spürte Ärger und schaltete meinen Recorder an, um zu überprüfen, was sie tatsächlich am Vortag gesagt hatten. Der hatte jedoch außer ein paar Anfangssätzen nichts aufgenommen. Die Aufzeichnung war abgebrochen oder gelöscht worden, ohne mir erkennbare technische Ursache. Eines dieser psycho-technischen Phänomene: Hat mein eigenes Dilemma das Gerät beeinflusst? Hat Elis und Gangajis Abwehr das Interview torpediert?

Schweren Herzens entschloss ich mich, den Zeichen und Ambivalenzen zu folgen und das Interview nicht zu schreiben. Doch mittags kam eine weitere E-Mail von Eli und Gangaji: Wir sollten uns nochmal treffen, zur Klärung. Ich stimmte zu. Wieder in ihrem Arbeitsräumen schilderte ich ihnen mein Dilemma und wie negativ und unsubstantiell ich – spiegelverkehrt zu Elis Klage über meine Fragen – ihre Antworten fand!

Versöhnung

Da entwickelte sich für uns alle eine Art Durchbruch zum gemeinsamen Positiven und Wesentlichen. Wir verabreden, dass ich ihnen die im Prinzip gleichen kritischen Fragen neu formuliert und gleichsam mit einer inneren Brücke versehen zuschicke. Sie ihrerseits wollten ihre ebenfalls im Kern gleich bleibenden, aber innerlich offener abgefassten Antworten auf dem gleichen Weg zurückschicken. Als wir aufstanden, umarmten wir uns zu dritt. Wir hatten eine verantwortlichere und unsere Herzensebene mit einbeziehende Plattform gefunden, die buchstäblich auch kritischen Fragen standhalten konnte.

Mein Fazit nach diesem zweiten, dem »wesentlicheren« Interview: Manche von Elis und Gangajis Erklärungen zu ihrem Umgang mit der Affäre und deren Auswirkungen können als Ausdruck einer strengen Wahrheitslehre kalt wirken, aber sie, die Menschen, sind es nicht. Die beiden haben sich es nicht leicht gemacht mit der Aufarbeitung von Elis Seitensprung und deren unterschiedlichen Aspekten. Trotzdem, wie könnte es auch anders sein, lassen ihre Entscheidungen etliche Fragen offen. Besonders was den Umgang mit ihren Schülern anbelangt. Für mich war es ein Schlüssel, Elis Erzählung zu hören, wie er und Gangaji am persönlichen Verhalten ihres eigenen Gurus Anstoß nahmen und wie sie damit umgingen. Ich glaube ihnen, dass sie dies auch von ihren Schülern erwarteten. Ob diese Erwartung der Gänze der Situation gerecht wurde, mag dahingestellt bleiben.

Seht ihr einen kulturellen Unterschied in der privaten Wahrnehmung von spirituellen Lehrern im Osten und im Westen?

Eli: Was auch immer wir über das private Leben eines Lehrers denken mögen, es hat nichts zu tun mit dem Wert der Übermittlung. Wenn du denkst, dass das private Leben des Lehrers ohne Beanstandung und alles in Ordnung ist, aber es ist keine Botschaft der Befreiung darin erkennbar, was soll das dann? Wenn es jedoch eine solche Botschaft gibt, welchen Unterschied macht es dann, wenn der Behälter mangelhaft ist oder nicht nach deinem Geschmack? Der mangelhafte Behälter ist eine direkte Widerspiegelung deines eigenen Verstandes. Was sonst? Als ich zu meinem (indischen) Lehrer (Papaji) voller Liebe entflammte, nahm ich seine heilige Vollkommenheit wahr, als ich seine schweigende Botschaft empfing. Nach einer Weile konnte ich dann auch seine Persönlichkeit erkennen. Ich stimmte nicht mit seiner Politik überein, ich war geschockt von der Art seiner Beziehung zu seiner Frau, und ich sah ihn Handlungen ausführen, die ich als falsch empfand. Ich sah, wie andere ihn verließen aufgrund ihres Urteils über sein privates Leben.

Das Sehen all dieser persönlichen Mängel konnte jedoch die Reinheit des Empfangenen nicht tangieren und schmälerte nicht meine Liebe zu ihm. Ich kann also nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen. Willst du wirklich den Nektar der Unsterblichkeit verweigern wegen einer Unvollkommenheit des Durchlaufbehälters?

Gibt es einen zeit- und kulturunabhängigen »Bedarf« an Gurus?

Eli: Meiner Erfahrung nach muss das Ego eine größere Kraft treffen, die die egoische Schale knackt. Diese Kraft ist der Satguru. Er mag als heiliger Berg erscheinen oder als Bettler auf der Straße oder als dein Nachbar nebenan, der so aussiehst wie du selbst. Die Formen sind nur dazu da, um die Wahrheit zu bestätigen und um den egoischen Verstand dazu zu bringen, tiefer zu blicken.

Es irritierte viele eurer Anhänger, dass sie erst ein Jahr nach eurer internen Offenlegung von dem Verhältnis erfuhren. Gab es in dem Zusammenhang eine Verpflichtung eurerseits, die nicht allgemein bekannt ist?
Gangaji: Ich betrachte es nicht als meine Verantwortung, das Leid meiner Schüler wieder in Ordnung zu bringen, so als ob sie Kinder wären«

Gangaji: Als ich von der Affäre erfuhr, hatte ich anfangs einen starken Impuls, sie der ganzen Gemeinschaft mitzuteilen. Als wir dann wieder zusammen traffen, stimmte Eli zu. Aber Elis Ex-Geliebte bat uns, es nicht zu tun. Sie wollte zu der Zeit nicht, dass ihr Leben öffentlich wurde. Sie war ziemlich unnachgiebig in dem Punkt, und ich konnte sie verstehen. Ich entschloss mich also, es als eine Angelegenheit zwischen uns dreien und den zwei oder drei Menschen, die davon wussten, zu betrachten. So blieb es dann für ein Jahr. Es war eine Entscheidung, von der später viele Leute dachten, dass sie falsch war. Aber ich stehe zu dem Entschluss. Ich bin immer davon ausgegangen, dass meine Schüler das Recht auf ein privates Leben haben. Ich würde falsch handeln, wenn ich in ihr privates Leben eindringen wollte. So geht es mir auch mit meinem eigenen Privatleben. Ich sehe Privatheit als eine fundamentale Freiheit an für jeden. Ich betrachte es auch nicht als meine Verantwortung, das Leid meiner Schüler wieder in Ordnung zu bringen, so als ob sie Kinder wären. Eher sehe ich es als meine Verantwortung an, sie als Erwachsene zu behandeln und sie als solche zu unterstützen, immer in Kontakt mit dem gerade Vorhandenem. Es geht mir nicht darum, mich um sie zu kümmern, sondern ich will sie befähigen, ihre Herzensqualitäten zu vertiefen. Für mich stellt dies die liebevollste und gütigste Art dar, wie wir uns gegenseitig unterstützen können.

Eli: Der größte Fehler meines Lebens war, dass ich mir erlaubte, in zwei Frauen zur gleichen Zeit verliebt zu sein. Diese Falle offenbarte mir Charaktermängel, derer ich zuvor nicht bewusst gewesen war. Die Demütigung und der Schmerz waren wie eine sehr heiße Glut. Es war ein reinigendes Feuer, das sich wie ein Säurebad anfühlte. Während dieses ganzen Prozesses über gab diese Erfahrung meinem Lehren Nahrung. Ich verkündete nicht öffentlich, was gerade in meinem Leben geschah, eher wurde die Erfahrung ein Behälter meiner Lehre. Ich glaubte auch ehrlich nicht, dass es jemand interessieren oder jemand etwas angehen würde. Ich habe nie jemand andern nach seinem privaten Leben ausgefragt. Die Leute haben das ausgebreitet, was sie als notwendig ansahen. Ich sah keine Notwendigkeit, mein privates Leben darzustellen. Ich fühle es immer noch nicht.

Eli: »Als ich feststellte, dass Leute meine Entschuldigung als Vorwand dafür nahmen, mich anzuklagen und sich als Opfer zu fühlen, war ich schockiert«

Als ich feststellte, dass Leute meine Entschuldigung als Vorwand dafür nahmen, mich anzuklagen und sich als Opfer zu fühlen, war ich schockiert. Anstatt dass sie die Verantwortung für ihre eigene Situation übernommen hätten. Die sich von der Liebe abwandten fielen in Leid und Anklage. Die anderen, die der Liebe auch angesichts meiner menschlichen Schwäche treu blieben, begingen nicht den Fehler, die Wahrheit aufgrund der Mängel des Botschafters zu verkennen.

Gangaji, du schriebst einmal: »Was du als Problem und Beunruhigung in der äußeren Welt siehst, ist in Wirklichkeit in deinem eigenem Bewusstsein begründet.« Inwieweit ist dieser Kommentar auf Elis Affäre anwendbar?

Gangaji: Was wir als außen ansehen, ist innen. Es sind nur unsere individuellen Wahrnehmungsorgane und linkshemisphärischen, neuronalen Interpretationen, die den Unterschied ausmachen. Der Unterschied ist nicht real. Was wirklich ist, das ist, dass Das-Eine-das-du-in-Wahrheit-bist, die Totalität ausmacht. Der Rest ist eine verborgene und wundersame Spiegelung des Lebens.

Es gibt eine ganze Reihe von Therapien und Hilfestellungen für Paare, die eine gefährdete Beziehung retten oder zumindest bewusst durchleben wollen. Habt ihr euch nach Hilfe umgesehen oder eine solche erhalten?

Gangaji: Wir nahmen keinerlei äußere Hilfe in Anspruch. Nach der ersten Offenbarung und einer schmerzlichen, aber notwendigen Trennung voneinander fanden wir wieder zueinander.

Eli: Gangaji und ich verbrachten viele Monate damit, unsere Beziehung von Anfang an zu untersuchen. Wir nahmen alles auseinander und entdeckten alte Verletzungen und Unwahrheiten, die wir zurückgelassen und vergessen hatten, und die doch im Unterbewussten hängen geblieben und immer noch unbewältigt geblieben waren. Nach der Begegnung mit Papaji hatten wir all unsere Energie und Aufmerksamkeit darauf verwendet, das kostbare Geschenk weiterzureichen, dass uns gegeben worden war. Wir lebten zölibatär und kümmerten uns zwölf Jahre lang nicht um unsere Beziehung. Erst die Krise brachte uns dazu, all dem ins Auge zu sehen, was unerledigt geblieben war in der Begegnung mit unserem Lehrer. Das ist das große Geschenk der Liebe. Sie verrichtete ihr Werk und ließ uns verbundener zurück, als wir es je gewesen waren. Jeder, der trotz Schmerz und Verlust der Liebe gegenüber wahr bleibt, wird durch Liebe erlöst werden.

Was sind eure Pläne für 2009, sowohl bezogen auf Bücher, Seminare und Reisen als auch im Hinblick auf eventuelle Änderungen in Konsequenz aus der jüngeren Vergangenheit?

Gangaji: Wir hoffen, unser neues Buch »Test of Love« im kommenden Jahr abschließen zu können. Wir sind durch etwas sehr Schwieriges und Wesentliches gegangen und wollten es für andere Paare nutzbar machen. Mittlerweile ist uns jedoch klar geworden, dass dieses Buch sich nicht nur an Paare richtet. Es handelt von Beziehungen im Allgemeinen: Ich und der/die Andere/n. Wir alle stehen in Beziehung mit anderen Menschen, mit der Welt, und in unserem Inneren mit unterschiedlichen Aspekten von uns selbst.

Eli: 2009 beginne ich nach dreijährigem Rückzug mit einem vollen Programm. Es ist ein Neubeginn. Ich werde im Frühjahr, teilweise mit Gangaji zusammen, nach Amsterdam, London, Hamburg, Berlin und Baden-Baden zurückkehren. Solange mein Körper mich trägt, gehe ich hin, wo immer ich eingeladen bin. Die Lehre bleibt dabei immer neu und immer gleich. Sie gibt die Flamme der Befreiung weiter.

— Wolfgang Schmidt-Reinecke

Dieses Interview erschien als erstes in der Schweizer Zeitschrift »Spuren« (Winter 09).

Wolfgang J. Schmidt-Reinecke lebt und arbeitet als freier Journalist in Ashland, Oregon, USA. Seine Website: www.sunwolfcreations.com
 


Aus dem Heft connection spirit März 2009

   
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