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Editorial connection spirit 11/09

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Photo Wolf Schneider

Ist das komisch?

Worüber darf man lachen? So wie es bei uns ein Sonntagschristentum gibt (sonntags ist man heilig, ab Montag benimmt man sich dann wieder ganz normal daneben), so wird bei uns auch eine Humorkultur gepflegt: Hierüber lacht man, darüber nicht. In der Faschingszeit darf man komisch sein, dann bitte wieder zurück an die Arbeit: Waffenelektronik für den Export produzieren, damit Deutschland Exportweltmeister bleibt; Eier und Dosenfleisch aus Tierfabriken, wir brauchen doch Proteine, und es darf nicht so teuer sein; die Frühjahrsmode, man will doch auch mal was Schönes; sich impfen lassen gegen eine von den PR-Agenturen der Pharmakonzerne promotete Seuche, denn Gesundheit ist uns doch am wichtigsten … wer das »komisch« findet, ist ein Außenseiter und muss mit seiner Kritik warten bis zum nächsten Karnevalsumzug.

Humor

Mein Verständnis von Humor ist das nicht. Für mich ist Religiosität (alias Spiritualität) erst dann echt und tief, wenn sie nicht nur innerhalb einer Kirche, Moschee oder sonst eines heiligen Raums oder Zeitraums praktiziert wird, und nicht nur, wenn andere dabei zuschauen. Und Humor ist nur dann echt und tiefgehend, wenn er nicht bloß Spott über Andersartige (Menschen, Dinge, Szenen) ist, sondern die Fähigkeit – und Lust dabei! –, über sich selbst zu lachen. Das heißt die Fähigkeit, die eigene, gewordene Identität als eine Gestalt zu betrachten, die, wenn man nur mal aus ihr heraustritt, sehr, sehr komisch ist. Diese tiefere Art von Humor erleichtert das soziale Leben, schützt vor Fremdeln und Intoleranz, macht Kriege und Pogrome ebenso unmöglich wie sozialen, ethnischen, sexuellen und ökonomischen Missbrauch. Humor ist das beste Mittel gegen Bigotterie, Heuchelei, Fanatismus und Fundamentalismus. Aber er darf nicht auf die Witzseite einer ansonsten bierernsten Zeitung beschränkt sein, auf die Rubrik »Es darf gelacht werden«, mit dem Subtext: Wehe, wenn woanders gelacht wird!

Juxanzeigen

Humor und Ökonomie, wie passt das zusammen? In Zeiten, in denen die Printmedien wegen sinkender Anzeigenumsätze um ihre Existenz kämpfen müssen, wie gehen wir von connection damit um? Unverschämter denn je. Ein Beispiel dafür sind die Juxanzeigen, die wir seit ein paar Jahren in jeder unserer Ausgaben bringen. In dieser haben wir sie auf S. 8 angekündigt (es gibt dabei übrigens auch immer was zu gewinnen). Als Ganzes versammelt findet ihr sie im »Juxanzeigen-Museum« (Wo gibt's denn sowas? Nur bei uns!). Oder wir erlauben uns auch mal solch eine Tirade des Verlegers wie auf den Seiten 44/45, anlässlich einer Anzeige von Scientology.

Raum und Zeit

Nicht nur in Sachen Humor ist unsere Kultur – jede Kultur – in ihrer je eigenen Weise eine Beschränkung, von der man sich befreien kann, ja: sollte. Auch unser Zeit- und Raumverständnis gehört zu unserer Kultur und kann in seiner unreflektierten Prägung der Massen böse Folgen haben – für die Natur, die Kultur und unsere Überlebensfähigkeit als homo sapiens. Zwei unserer Autoren haben sich in diesem Heft auf sehr tiefgehende Weise damit befasst: Fabian Scheidler von attac auf den Seiten 32–36 mit unserem Raumbewusstsein und der kürzlich verstorbene Systemtheoretiker Henk Goorhuis auf den Seiten 38–40 mit dem Thema Zeit.

Wenn wir »Ganz entspannt im Hier & Jetzt« (H.-J. Elten) »Die Kraft der Gegenwart« (E. Tolle) genießen, dann jucken uns doch Raum und Zeit nicht? Doch, sie jucken uns. Denn hier&jetzt haben wir eine Geschichte und eine Zukunft, und der Raum um uns – auch das sind wir (tat tvam asi) – ist heilig oder eine Müllhalde, je nachdem wie wir damit umgehen.

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