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Editorial spirit 04/08

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Die Natur des Menschen

Unsere Natur ist, ein Kulturwesen zu sein

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Wolf Schneider

Was ist »die Natur«, und welche Beziehung haben wir zu ihr? Das Thema unserer Aprilausgabe hat auch in mir einiges aufgewirbelt. Wie so oft war ich nach dem Bearbeiten der eingesandten Texte und dem Schreiben meines eigenen klüger als vorher – »klüger« in der Hinsicht, dass ich jetzt immerhin weiß, dass ich den Begriff »Natur« nirgends festmachen kann, und dass es jedenfalls keinen Grund gibt, ihn zu heiligen. Unsere Heimat und Herkunft sind es wert, geschützt zu werden, aber wenn wir einen Kult daraus machen, ist das Kultur, nicht Natur.

Nach wie vor gehe ich gerne ins Grüne, liebe Pflanzen und fühle mich den Tieren verwandt (die ich unter anderem deshalb auch nicht esse). Ich fühle mich auf dem Land wohler als in der Stadt und nackt besser als angezogen. Es tut mir weh, wenn die Regenwälder gerodet und die Meere überfischt werden. Mit jedem zerstörten Biotop unserer Erde und jeder Spezies, die ausgerottet wird, geht auch etwas von mir verloren, und manchmal möchte ich schreien wegen all der Zerstörung und Ignoranz. Und doch kann ich keinen Naturbegriff festmachen; ich finde die Grenze einfach nicht. Wo fängt die Natur an, wo hört sie auf? Innen wie außen, überall dieselbe Schwierigkeit: Wenn das eine Natur ist, muss das andere es auch sein. Alles Künstliche wurzelt in der Natur, jede Grenzziehung ist genau besehen willkürlich und jedenfalls kulturbedingt – auch unser Naturbegriff ist Produkt unserer Kultur.

Wie tief die Abgründe sind, in die uns eine Suche nach der wahren Natur oder Unschuld führen kann, daran hat mich die Recherche über die Roten Khmer erinnert. Während ich mich 1976 in Thailand als Mönch ganz der Meditation widmete, wurden im Nachbarland Kambodscha fast alle Gebildeten hingerichtet oder zu Tode geschunden. Oft genügte für das Todesurteil, eine Fremdsprache zu sprechen oder in der Stadt zu wohnen. Das einfache Landleben der ungebildeten Arbeiter und Bauern war Vorbild; wer in der Stadt lebte, gebildet oder reich war galt als Hindernis für die Revolution. Bücher wurden verbrannt, Geld abgeschafft; alle hatten dieselbe Kleidung zu tragen und auf den Feldern zu arbeiten – die Khmer rouge als Variante einer Rückkehr zur Natur? Jedenfalls war auch dieser Wahnsinn Produkt einer Kultur, einer Ideologie, einer Prägung und Bildung.

Religion, Politik und Wirtschaft

Auch die Unterscheidung zwischen Religion und Politik fällt mir umso schwerer, je genauer ich hinsehe. Die christliche und die kommunistische Endzeitlehre – welche von beiden ist politisch, welche religiös? Und der Glaube: Eine Oblate zu essen und sie für das Fleisch des Heilands zu halten, setzt Glaube voraus. Allerdings setzt auch unser Wirtschaftssystem voraus, daran zu glauben: dass mir dieses Stück Erde gehört oder dass ich mit diesem Stück Papier etwas kaufen kann. Würde der kollektive Glaube an unser Geld und Eigentum verfallen, wäre das dahin, woran sich unser Bedürfnis nach Sicherheit am meisten klammert – eine Inflation erschüttert uns mehr, als wenn uns ein Pfarrer sagt, dass wir nicht in den Himmel kommen. Schon die Architektur unserer Banken zeigt, wie viel mehr sie uns bedeuten als die Kirchen, und der »Rat der Weisen« ist heute kein Ältestenrat mehr, der uns etwas über die Vergänglichkeit, Transzendenz oder das Wesen des Menschen sagt, sondern es sind schlicht fünf Wirtschaftsexperten, die eine Prognose abgeben, wie es mit der Konjunktur weitergeht. Unsere Religion ist der neoliberale Kapitalismus geworden; wir glauben an das Geld, den Besitz und die täglichen Nachrichten von der Börse.

Ist das natürlich? Auch wenn ich weiß, dass unser Naturbezug ein Produkt unserer Kultur ist und dass diese religiöse, wirtschaftliche und politische Aspekte umfasst, die sich nicht voneinander trennen lassen, meine ich, dass wir einen neuen Naturbezug finden müssen. Aber das ist dann auch ein neuer Bezug zu uns selbst. Die Suche nach der Natur ist auch eine Suche nach dem Wesen von dir und mir und der Welt als Ganzes.

— Wolf Schneider

Aus dem Heft connection spirit 04/08

Titelblatt 04/08
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