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Viel Kult um die Natur

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Das Kulturwesen Mensch und sein Naturbegriff

Spätestens seit Al Gore, der Verlierer der Präsidentenwahl gegen George W. Bush im Jahre 2000, sich für den Klimaschutz stark macht, ist der Schutz der Natur zum Kernthema unserer Zeit geworden – und das nun endlich auch in den USA. Was aber ist eigentlich mit »Natur« gemeint? Schon der Begriff der äußeren, zu schützenden Natur ist komplex und in sich voller Widersprüche – umso mehr noch der Begriff der »inneren Natur« und des so gerne romantisch verklärten »natürlich Seins«

Wenn das durchaus natürliche Gefühl Wut, Neid oder Rache ist, dann wäre eine künstliche Zurückhaltung manchmal besser

Draußen sein im Wald, am See, in der Natur, das bedeutet für mich seit je Wohlbefinden, Geborgenheit, und auch die Schönheit der Natur war für mich immer der jeder Kunst überlegen. Auch Gesundheit finde ich dort, im natürlichen Leben, und Harmonie, Zufriedenheit, Glück.

Ob an der frischen Luft allerdings wirklich die Luft besser ist als in der Wohnung? Kommt drauf an, ob man an einer viel befahrenen Straße lebt oder im Grünen. Auch sonst ist das Natürliche so eine Sache: Gefühle ungehemmt, unverstellt auszudrücken tut gut – jedenfalls dem sich so Ausdrückenden. Wenn aber das durchaus natürliche Gefühl Wut, Neid, Rache oder ein zermürbender Selbstvorwurf ist, dann wäre eine künstliche, oder sagen wir: gekonnte, geübte Zurückhaltung oder Überwindung dieses natürlichen Impulses besser – zumindest manchmal.

Den Naturbegriff, den wir heute haben, gibt es noch nicht lange. Die Steinzeit hatte ihn jedenfalls nicht. Damals war noch alles Natur, und auch die Antike kannte so etwas nicht. In dem Bedeutungsfeld wie heute gibt es diesen Begriff erst seit der Industrialisierung, das heißt, seit das, was wir damit verherrlichen, so stark auf dem Rückzug ist, dass wir es bald nur noch in Naturschutzgebieten antreffen. Und selbst dort ist es bereits durch den Menschen verändert, umso mehr in Gärten und Parklandschaften, als gezähmte Natur. Nicht einmal mehr die Ozeane, die Hochgebirge und Wüsten sind so, wie sie einst waren, bevor die Population des homo sapiens auf dem Planeten Erde explodierte, weil seine Technik so vieles ermöglicht – darunter schließlich auch die drastische Veränderung des Biotops, dem er entsprang: Das Kind beschmutzt nicht nur sein Nest, es zerstört es, und es vernichtet seine Mutter.

Alles ändert sich durch die menschliche Zivilisation, und je mehr wir uns in dieser Zivilisation von uns selbst und unserer Herkunft entfremden, desto lauter ertönt der Ruf nach der verlorenen Heimat: der Natur, der reinen, intakten, unverstellten. Je mehr wir sie vermissen, desto mehr romantisieren wir sie als das verlorene Paradies. Je lauter der Ruf nach der Natur, umso unnatürlicher, so darf man vermuten, lebt der Rufende.

Die Kluft

Was ist überhaupt das Gegenteil von Natur? Ist es die Zivilisation? Oder eher die Kunst – oder gar die Künstlichkeit? Ist es natürlich, mit den Fingern zu essen, mit Messer und Gabel hingegen künstlich? Ist es denn nicht ganz natürlich, die Natur zu vermissen und sie dann zu romantisieren, also: unnatürlich zu sein? Der Begriff zeigt jedenfalls eine Spaltung an im Menschen, einen Riss, der mitten durch unser Wesen geht. Die Art der Spaltung ist jedoch von Individuum zu Individuum verschieden: Für Nietzsche stand auf der einen Seite Dionysos, der Wilde, Berauschte, auf der anderen der kultivierte, kunstbeflissene Apollo. Für die »Naturfreunde« der Freikörperkultur (FKK) bedeutet Natur Nacktheit; unnatürlich ist für sie das Bekleidetsein. Für wieder andere ist diesseits der Kluft die Aufrichtigkeit, Echtheit, das Unverstellte, auf der anderen Seite finden sie Lüge und Heuchelei. Oder hier Grobheit und Rohheit, dort Verfeinerung, Bildung, Disziplin. Hier Egoismus, dort Altruismus. Hier Einfachheit, dort Komplexität, Kompliziertheit, Sophistication.

Offenbar verlangt unser Weltbild – jedes Weltbild – eine Zweiteilung, vielleicht sogar Entzweiung. Jeder Begriff scheint die Welt in das zu spalten, worauf er zutrifft und das, worauf er nicht zutrifft. Wie gut, dass das nur so scheint: Die Welt bleibt ganz, nur der Begriff zerteilt das Wahrgenommene in das, worauf er zutrifft und das, worauf er nicht zutrifft.

Und weil die Welt außen ganz ist, in uns aber zweigeteilt, führt die Entscheidung, nur die eine Seite dieser Spaltung zu leben, zur Verdrängung oder Heuchelei. Besser, man betrachtet das Ganze, wie etwa in den folgenden drei Fällen von Naturliebhabern: Die Naturkostbewegung ist eine höchst zivilisierte Bewegung; sie ist reifer, entwickelter als die Barbarei der Junkfoodfresser. Der Körperkult der FKKler ist zivilisatorisch reifer als das primitive sich Bekleiden; man sieht es doch, wenn einer dieser Gaffer aus der Welt der Bekleideten sich mal an einen FKK-Strand verirrt und nichts als Sex im Kopf hat angesichts all der Nackten. Die Naturschützer sind nicht etwa primitive, einfache Leute; sie sind die Avantgarde der Zivilisation – aus New York und Silicon Valley kommen prozentual gesehen viel mehr Naturschützer als aus Dacca, Kairo oder dem Regenwald von Neuguinea, obwohl die Megastädte Dacca und Kairo und auch die Insel Neuguinea den Naturschutz wohl noch dringender benötigen als New York und Silicon Valley.

Es scheint zum Wesen des Menschen zu gehören, die Chronik der Welt als einen gut-schlecht-gut-Dreischritt zu empfinden

Dreischritt

Fast immer ist die Kluft zwischen dem Natürlichen und dem Unnatürlichen sowohl eine historische wie auch eine die Biografie des Individuums betreffende: Früher mal, einst, da war alles noch natürlich, die »gute, alte Zeit«; heute aber herrschen hier (je nach Sicht der Dinge) Kunst, Künstlichkeit, Zivilisation oder Heuchelei. Und was wird morgen sein? Morgen wird wieder alles natürlich sein, wie Alan Weisman es in seinem Buch »Die Welt nach uns« so schön beschreibt, als biologisch-ökologische, ziemlich realistische Science fiction. Oder mehr spirituell betrachtet: Nach uns kommt die Erlösung oder Erleuchtung, wie die Religionen es beschreiben, das übernatürliche Glück. Die meisten Menschen, Optimisten wie Pessimisten, sehnen sich ein solches künftiges Glück herbei – so sehr, dass es dafür sogar einen wissenschaftlichen Fachbegriff gibt: Eschatologie, die (meist religiös begründete) »Lehre von den letzten Dingen«. Möge es bitte kommen, das in den Schriften und von den Propheten verheißene Glück! Was die kommunistische Gesellschaft der Zukunft anbelangt, in der von den Propheten Marx, Engels, Lenin, Stalin (und vielleicht noch Mao) die Befriedigung aller Bedürfnisse verheißen wurde, hat es ja leider nicht geklappt.

Es scheint zum Wesen des Menschen zu gehören, die Chronik der Welt emotional als einen gut-schlecht-gut Dreischritt zu empfinden und sich die Fakten nach Möglichkeit entsprechend hinzubiegen. Dabei kommt dann so etwas wie der Paradies – Jammertal – Himmel-Dreischritt heraus, oder Kindheit – Last der Verantwortung – Heiligkeit oder Naivität – schmerzhafte Erkenntnis – Erleuchtung, oder auch unbewusstes Glück – Unglück des Bewusstseins – mystische Verschmelzung. So etwas wie das Allegro-Adagio-Allegro (oder eher Allegro-Largo-Allegro?) unserer Barockmusik und Klassik.

Die innere Natur

Den Dreischritt kann man in der Außenwelt vorfinden (beziehungsweise ihn dort sehnsüchtig hineinprojizieren), autobiografisch sehen oder menschheitsgeschichtlich, und auch von der Natur zur Entfremdung und wieder zurück zur Einheit. Spirituelle Menschen aber schauen ja nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Dort, in der Innenwelt, finden sie ihre innere Natur, und die ist vielen von ihnen (Motto: Mind over matter) noch wichtiger als die äußere.

Naturschutz in der Außenwelt ist noch relativ leicht zu beschreiben: Da kann man mal aufs Auto verzichten, an Greenpeace spenden oder sich den Al Gore-Film »Eine unbequeme Wahrheit« ansehen. Was aber ist mit unserer Innenwelt? Wenn die mindestens so wichtig ist wie die Außenwelt, wovon viele spirituelle Menschen überzeugt sind, dann müsste der Naturschutz in der Innenwelt doch mindestens ebenso wichtig sein wie der in der Außenwelt. Dann sollten wir auch die innere Natur schützen, ihr treu sein und sie jedenfalls nicht verleugnen, sonst sind wir – Gott bewahre! – unnatürlich und unauthentisch.

Außen ein großer Künstler, ein Inbegriff von Ästhetik und Perfektion, innen aber ganz natürlich – geht das? Oder: Innen sehr diszipliniert, kultiviert, außen aber ein Banause, kunstlos oder wenigstens ungekünstelt – ist das möglich? Ja, das gibt es, ebenso wie man (nach C. G. Jung) ein extrovertierter Denker und gleichzeitig introvertiert Fühlender sein kann, oder umgekehrt. Angewidert von der Zivilisation ging Henry David Thoreau zurück in die Wälder, wie er es in seinem – künstlerisch wertvollen! – Buch »Walden« beschreibt. Er suchte die Wildheit; innerlich aber war er ein Gentleman, ein höchst Zivilisierter, viel mehr jedenfalls als die Freunde der Zivilisation, die er verlassen hatte.

Ein Intellektueller wird niemals mehr zum Proletarier oder Bauern, wie er im Bilderbuch steht

Die Revolutionen

Auch bei den Kommunisten war es so, dass sie sich in ihrem Ideal des Primitiven irrten: Nicht die Proletarier zettelten die Revolution an und auch nicht die Bauern, sondern es waren die Bürger, die Studierten, die Intellektuellen, die erst die einfachen Leute von ihrer höchst intellektuellen Idee der Einfachheit überzeugen mussten, ehe die Revolution beginnen konnte. Revolution heißt ja eigentlich Zurückwälzung (die Vorsilbe re bedeutet zurück), nicht Voranwälzung, also eine rückwärts gerichtete Umwälzung. Geht das? Natürlich nicht. Fucking for virginity? – keine Chance. Ein Intellektueller wird niemals mehr zum Proletarier oder Bauern, wie er im Bilderbuch steht. Die pauschale Hinrichtung der gesamten Bildungselite in Kambodscha bis hinunter zum Grundschullehrer war vielleicht der krasseste und grauenvollste Fall eines solchen versuchten Rückschritts – von einer Bevölkerung von 7 Millionen (1975) starben unter dem Pol Pot-Regime innerhalb von vier Jahren 2 Millionen in einer Art Autogenozid, einer Selbstermordung eines ganzen Volkes.

Wer arm ist, schreit nach Nahrung, nicht nach Revolution; wer nackt ist nach Bekleidung, nicht nach Freiheit, und wer unwissend ist nach Wissen, nicht nach Weisheit. Der natürliche Weg ist offenbar immer der eines Verlassens der Natur hin zur Unnatürlichkeit, Künstlichkeit, Entfremdung. Dann folgt die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, aber die Tür ist nun zu, das Paradies ist verschlossen. Um im biblischen Mythos zu bleiben: Erst wenn du vom Baum des Lebens gegessen hast, erst wenn du wieder eingetaucht bist ins volle, pralle Leben, wie es sich in seiner Polarität darbietet mit Glück und Unglück, Mühsal und Erleichterung, Erfolg und Scheitern, erst dann kann der dritte Schritt folgen: Erlöst, erleuchtet, weise oder sonstwie gereift gehst du nun aus dem Schlamassel, dem Samsara, dem irdischen Jammertal der zweiten Phase hervor und heiter in die dritte, letzte – vorläufig letzte, denn vielleicht hatte Hegel doch recht damit, dass es immer weiter geht mit dem Voranschreiten, von der Synthese über eine neue Antithese zur einer neuen Synthese.

Unschuld

Die Sehnsucht nach der Natur ist für uns auch oft eine Sehnsucht nach der Unschuld. Je schuldiger wir uns fühlen, umso größer die Sehnsucht nach der Unschuld. Vielleicht war der Name Innozenz, von lat. innocentia – Unschuld, deshalb unter den Päpsten des Mittelalters so beliebt.

Es gibt so viel Unheil in der Welt, da sind sich die meisten Menschen einig, aber wessen Schuld ist das? Hier beginnt die Uneinigkeit. Ist es meine, deine oder Gottes Schuld? Ein gottgläubiger Mensch muss, um konsequent zu sein (die meisten sind es allerdings nicht), dem Allmächtigen an allem die Schuld geben. Profane Menschen hingegen geben sich gegenseitig die Schuld und träumen dann von der Unschuld: dem Urzustand, als noch keiner etwas verbrochen hatte – die unschuldigen Babys, die noch unbewussten Frühmenschen, die Bescheidenen, die im Bewusstsein handeln, immer Anfänger zu sein (Suzukis »Zen-Geist, Anfänger-Geist«). Wie aber kommen wir dorthin zurück, an den Anfang, zur Unbescholtenheit, als noch niemand uns schalt?

Nein, heute schilt man uns, und wer das vermeiden möchte, dem fehlt es an Zivilcourage. Die Versuche von mitten im Leben stehenden Verantwortungsträgern, wieder unschuldig zu werden, sind so schlecht erfüllbar – und so würdelos – wie der Wunsch einer alternden Hure an ihren Schönheitschirurgen, er möge ihr doch bitte das Hymen wieder einsetzen.

Auch Kaspar Hauser war ja keineswegs unschuldig; zum Beispiel log er ausgiebig, und er war auch nicht natürlich, obwohl er doch zunächst immerhin in mancher Hinsicht unerzogen war. Das 1828 in Nürnberg entdeckte Findelkind, das sich Kaspar Hauser nannte, bediente jedoch einen populären Mythos – den vom »Wilden Mann« oder Wilden Menschen. In vielen Kulturen gibt es diesen Volksglauben, dass der Mensch natürlich sei und unschuldig, wenn nur die Erziehung ausbliebe, die Prägung durch andere Menschen, Kultur und Zivilisation. Dieser Mythos wird auch sichtbar in der Art der Umgangs mit »Wolfskindern«, der Sage über den Yeti des Himalaja und in vielen anderen Geschichten. Meist werden solchen »aus der Natur« stammenden Kindern besondere Fähigkeiten angedichtet. Auch die legendären Gründer von Rom, Romulus und Remus, sollen ja von einer Wölfin erzogen worden sein, nicht von einer menschlichen Mutter.

Naturwissenschaft?

Warum heißt die Naturwissenschaft Naturwissenschaft? Ist sie nicht das unnatürlichste, was es gibt? Die Chemiker und Pharmazeuten in ihren weißen Kitteln, in Labors, in denen es nach Desinfektionsmitteln riecht, vor ihren Reagenzgläsern und den Käfigen voller durch Krankheiten verunstalteter Mäuse, an denen immer wieder neue Medikamente getestet werden – sind das Naturwissenschaftler? Oder der theoretische Physiker, bebrillt und verklemmt, vergeistigt bis zur Ignoranz seines Körpers, wie er mit zerfurchter Stirn seinen Kollegen die Einwände gegen die populäre Stringtheorie mit Kreide an die Tafel malt – was ist daran natürlich? Ist nur das Objekt, das da von einem sehr unnatürlichen Subjekt, dem Naturwissenschaftler, untersucht wird, natürlich? Im Falle der kranken Mäuse ist es nicht einmal das Objekt.

Wenn man die Gehirnforscher fragt, gehört auch das menschliche Gehirn zu den untersuchten natürlichen Objekten – die Gehirnforschung versteht sich als Naturwissenschaft. Aber dieses Objekt ist es doch, was die Zivilisation erschaffen hat und wovon der Geist ausgeht! Soll in einem Objekt der Naturwissenschaft der Geist zuhause sein? Der Geist auch all der Geisteswissenschaftler?

Und die Objekte der Geisteswissenschaften, sind die denn unnatürlich? Geschichte, Geographie, die Sozial- und Sprachwissenschaften, haben die etwa unnatürlichere Objekte als Physik und Chemie? Nein, Geist und Natur lassen sich nicht trennen. Die Geschichte des Geistes, der Ideen und Gesellschaftsformen, auch das ist eine Naturwissenschaft. Wenn man eine zweite, mehr menschenbezogene Art von Wissenschaft von den Naturwissenschaften abtrennen wollte, sollten das die Wissenschaften sein, wo das Subjekt der Beobachtung in hohem, nicht mehr vernachlässigbarem Maß die Art der Beobachtung bestimmt – und deshalb selbst beobachtet werden muss, was zu ganz bestimmten, problematischen Rückkopplungseffekten führt, den bislang nie befriedigend gelösten »logischen Antinomien«, die jahrzehntelang die Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts quälten (siehe B. Russel, L. Wittgenstein und viele andere). Aber auch diese logischen Antinomien sind eine ganz natürliche Sache, denn alles gehört mit dazu, auch die Widersprüche.

Die Mode des Äußeren

Von Natur aus sind wir nackt. Jedenfalls kommen wir so auf die Welt, und auch unter der Dusche und beim Liebemachen ziehen wir diesen Zustand immer wieder vor. Zwischendrin aber müssen wir uns bekleiden, und dabei hilft uns – manchen von uns – die Mode. Neben vielen anderen Zielen, wie etwa insbesondere dem der Selbstdarstellung und sozialen Geltung, versteht sich diese Kunst kurioserweise auch darauf, sich unsere Sehnsucht nach der Natur, also nach der Unkünstlichkeit, zunutze zu machen.

Je unnatürlicher unser Leben, umso besser kann man uns Naturprodukte verkaufen, das heißt Produkte, bei denen es den Vermarktern gelungen ist, sie mit einer Aura der Natürlichkeit zu umgeben. Jede Frühjahrsmode ist wieder ein Versuch, diese Sehnsucht zu bedienen, und neben der Sehnsucht nach sozialer Geltung nun auch – bei den Fortgeschrittenen, der Zivilisation Überdrüssigen – der Schrei des unnatürlichen Menschen nach einem natürlichen Leben. Was aber tut der Sehnsüchtige nun mit dieser Sehnsucht? Er geht zu den Vermarktern des Natürlichen, und sie kleiden ihn ein, damit er so aussieht, als sei er ganz natürlich.

Sind wir dort natürlich, wo wir nackt sind? Es gibt ja Teile unserer Haut, die wir nicht mit Kleidung bedecken (von den Frauen im ländlichen Saudi-Arabien mal abgesehen). Diese Teile kann man immerhin mit Schminke bedecken – aber gewiss Schminke, die die Natürlichkeit betont.

Es gibt Kleidungsmodetrends; mindestens zwei Mal im Jahr wechseln sie. Aber auch dort, wo wir die nackte Haut schminken, regieren Modetrends. Dort herrscht mal mehr der Trend zu schriller Künstlichkeit, mal mehr der zu »Natürlichkeit« vor. Beides ist Mode, Schminke, aufgesetzt. Auch eine Frau, die sich auf natürlich schminkt, ist immer noch geschminkt.

So viel zur Natürlichkeit des Äußeren, der Kleidung und der Haut.

»Oh, du bist so natürlich, so authentisch, das hat mich seit je an dir beeindruckt!« Es gibt kaum ein schöneres Kompliment als das

… und des Inneren

aber auch mit allem, was unter die Haut geht, wollen wir natürlich sein und als natürlich angesehen werden. »Oh, du bist so natürlich, so authentisch, das hat mich seit je an dir beeindruckt! Du kommst so ungezwungen daher, so unverstellt, so echt!« Es gibt kaum ein schöneres Kompliment als das. Authentisch sein, natürlich, das wollen wir doch alle. Und wenn wir dann als künstlich oder unnatürlich empfunden werden, dann haben wir das Gefühl, versagt zu haben.

Hätte ich nicht doch die natürliche Hautpflege von Weleda benutzen sollen? Oder diesen einen Workshop noch mitmachen, der meine Natürlichkeit, mein authentisches Sein zu entfalten versprach? In einer Welt der Heuchelei sticht das Natürliche, Authentische als positiv hervor, und nicht nur das: Die Heuchler nehmen es auf in ihren Wortschatz der Komplimente und machen es dort zum Trumpf: »Wow, wie natürlich du heute wieder aussiehst!« – nachdem die so Umschmeichelte zwei Stunden vor dem Spiegel verbracht hat, um genau das zu erreichen.

Es gibt auch andere Worte für das Erstrebte – locker zu sein ist auch ein solches. Dabei verlangt der Kult der Lockerheit höchste Disziplin. Unsere Fernsehshows sind voller lockerer Leute, die sich gegenseitig in ihrer »Natürlichkeit« überbieten – ein beinharter Wettbewerb, der keinen Fauxpas erlaubt. Wer da nicht mithalten kann, fällt durch und sollte sich gleich einen Psychotherapeuten nehmen, um noch ein paar Jahre lang in Einzelsitzungen Lockerheit zu üben. Eines Tages dann, mit 60 oder 70, hast du es vielleicht geschafft und kannst dann ganz locker unter die Leute gehen, achselzuckend, entspannt, cool – die Natürlichkeit in Person.

Wer den Naturbegriff genauer untersucht, wird feststellen, dass er sich genau genommen nicht mehr gebrauchen lässt; er ist obsolet

Wir sind mitten drin

Wer den Naturbegriff genauer untersucht, wird feststellen, dass er sich genau genommen nicht mehr gebrauchen lässt; er ist obsolet (wie übrigens auch der Begriff der Religion). Der Mensch ist ein soziales und kulturgeprägtes Wesen. Gebildet und zivilisiert, d.h. »unnatürlich« zu sein, ist für uns also ganz natürlich. Was wir unter Natur verstehen, ist ein Ergebnis unserer jeweiligen Kultur – ohne Kultur gibt es so etwas wie »die Natur« gar nicht, weil alles Natur ist. So wie es ja auch für den religiösen Menschen nur Religion gibt (»Alles ist in Gott« oder »Alles ist Lehre/Dharma«); es gibt nichts Profanes.

Nur wer den Begriff nicht genau nimmt, kann ihn natürlich noch verwenden, so wie ich es jetzt gerade tue, in diesem Satz. Der Lektor, der mich 1994 als Autor zum Rowohlt Verlag brachte, hatte aus diesem (guten!) Grunde eine persönliche Feindschaft mit dem Wort »natürlich«: Wo er es sah und das durfte, stürzte er sich darauf, belustigte sich darüber und tilgte es. Ein weniger fanatischer Umgang spielt mit dem Wort, mit diesem Symptom unserer doch so irrigen, jedenfalls unnatürlichen Beziehung zur Natur, und darf sich in der Paradoxie suhlen, dass sogar ein solcher Tilgungsfanatismus verständlich und irgendwie natürlich ist – denn so sind wir eben, von Natur aus.

Ja, es ist gut, natürlich zu sein und die Natur zu schützen; das ist ein wichtiges, wenn nicht das Kernthema unserer Zeit. Aber dieses wertvolle Ziel hat deutlich bessere Chancen erreicht zu werden, wenn wir uns mit ein paar Illusionen weniger an seine Verwirklichung begeben.

Wolf Schneider, Jg. '52, studierte 1971 – 75 Naturwissenschaften und Philosophie in München. 1975 – 85 ausgedehnte Reisen in Europa und Asien. Seit 1985 ist er Hrsg. der Zeitschrift connection Spirit. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation« im oberbayerischen Niedertaufkirchen.

Die Bilder auf den Seiten 19, 20 und 21 sind dem wunderschönen Bildband »Leben & Kunst« entnommen (Wir danken für die freundliche Genehmigung zum Abdruck); Merlin Verlag, 3. Auflage 2008, HC, 22 €. Das Buch enthält drei autobiografische Interviews mit Janosch, die er mit sich selbst geführt hat (weil die Journalisten ja doch nicht die richtigen Fragen stellen), und in denen er über sein Leben als Künstler auspackt, über die Religion und die Natur, die Frauen und den Sinn von alledem. »Mein Glücksgefühl hat mit den äußeren momentanen Umständen nichts zu tun«, sagt er, und man spürt das auch in vielen seiner Bilder – das Buch ist gespickt damit.


Janosch wurde 1931 in Zaborze/Oberschlesien geboren. Nach dem Krieg machte er eine Schmiede- und Schlosserlehre, arbeitete nach seiner Aussiedlung als Hilfsarbeiter in einer Textilfabrik und begann seine Künstlerlaufbahn in den 50er Jahren in München. Durch seine Kinderbücher wurde er seit den 60er Jahren als Illustrator und Geschichtenerzähler weltberühmt (z.B. mit »Oh wie schön ist Panama«, 1978). Mehr als hundert Bücher von ihm, für Kinder und Erwachsene, sind erhältlich. Für seine Arbeit erhielt er viele Preise, darunter den Prix Jeunesse, den Prix Danube und den Deutschen Jugendliteraturpreis/Bilderbuch. Janosch lebt und arbeitet seit 1980 auf Teneriffa. Siehe auch »Ein frommer Ketzer«, unser Interview mit ihm in connection 9/07.

Aus dem Heft connection spirit 04/08

Titelblatt 04/08
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