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Worüber lacht Abraham?

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Zeichnung eines Rabbiners

Jüdischer Humor als Therapie

»Ich habe nichts gegen das Sterben. Ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert«, meinte Woody Allen. Der jüdische Witz ist für seinen tiefsinnigen und schwarzen Humor bekannt – und für seine Stärke, Menschen selbst angesichts des eigenen Leids zum Lachen zu bringen. Daraus entwickelte der jüdische Psychiater Viktor Frankl die Anwendung von Humor in der Psychotherapie. Er bediente sich dabei einiger Humor-Techniken, die in der jüdischen Kultur schon seit Jahrtausenden verwendet werden. Darunter auch der Galgenhumor: Man lacht, wo es eigentlich nichts mehr zu lachen gibt

Zwei Juden unterhalten sich über ihre Rabbiner. Sagt der eine: »Unser Rabbi spricht mit Gott selbst.« Darauf der andere empört: »Das ist doch gelogen!« Kontert der Erste: »Würde Gott etwa mit einem Lügner sprechen?« Dieser Witz eröffnet uns die verblüffende Welt des jüdischen Humors mit seiner paradoxen Logik und fehlender Scheu vor »letzten Fragen«, wie etwa der Befürchtung, Gott könnte aufhören, mit den Menschen zu sprechen. Die Sammlerin jüdischer Witze Salcia Landmann schrieb vor einem halben Jahrhundert, der jüdische Witz sei heiter hingenommene Trauer über die Gegensätze dieser Welt. Gilt dies auch für den Humor im heutigen Israel?

»Ein wunderbares Land«, so nannte sich letztes Jahr die erfolgreichste Show des israelischen Fernsehens. Der Zuschauer erlebte auf dem Bildschirm ein apokalyptisches Tel Aviv: Mit Atombomben hatte Irans Staatschef Mahmud Ahmadinedschad Israel dem Erdboden gleichgemacht. Zwei israelische Soldaten stolpern nun durch die Trümmer und stellen fest: Was für eine wohltuende Ruhe! Ist dies noch heiter hingenommene Trauer? Der Produzent der Erfolgssendung dazu: »Israelis lieben es eben, sich über alles und jeden lustig zu machen. Wir leben in einem so gefährlichen Land mit so vielen Problemen, da ist das Witzereißen wie ein Ventil.«

Doch Israelische Satiriker behaupten, der jüdische Humor habe sich grundsätzlich verändert: von einem indirekten, versöhnlichen Humor zu einem drastischen Zynismus. Ein Grund sei, neben der zunehmenden medialen Verbreitung, die veränderte Situation des Judentums. Seit Jahrhunderten war das jüdische Volk in der Diaspora, verstreut über den ganzen Erdball, und musste versuchen, sich in fremden Kulturen zu assimilieren. Nun haben die Juden wieder ihren eigenen Staat, sind eine mehrheitlich säkulare Atommacht und benötigen den hintergründigen Humor nicht mehr als Mittel, um sich auf geistige Weise zur Wehr zu setzen.

Doch »was Humor ist, entzieht sich der Definition, und was jüdisch ist, auch«, schreibt der israelische Autor Ezra Ben Gershom. Judentum und Humor – zwei Begriffe, die mindestens so viele Deutungen haben wie Deuter. Aber eine spezifische Eigenschaft lässt sich erkennen: Humor scheint in der jüdischen Kultur nicht nur der Unterhaltung zu dienen, sondern gestern wie heute auch als eine Technik, Ängste und Konflikte zu bewältigen. Für die Mehrheit der säkularen Israelis bedeutet Humor ein Mittel gegen alltägliche Ängste in den andauernden Konfliktsituationen mit benachbarten Ländern. Für gläubige Juden geht es hingegen darum, Gottes Weisungen richtig zu erfüllen. Auch hier vermag Humor zu helfen, indem er die Spannung überbrückt zwischen Gottes unergründlichem Willen und den menschlichen Anstrengungen, diesen zu erfüllen. Das Ziel ist die Freude, von der in der Bibel immer wieder die Rede ist. »Dienet dem Ewigen mit Freude«, so heißt es im 10. Psalm von König David. Gerade im Judentum spielt die Lebensfreude eine große Rolle, von der zahlreiche Feste künden. Doch Freude bedeutet nicht unbedingt Humor. Dieser scheint dort notwendig zu sein, wo es gilt, die Freude zurückzuerobern.

Bei der »Paradoxen Intention« wünscht sich der Patient, wovor er sich bislang so sehr gefürchtet hat

Humor in der Therapie

Die heilsame Kraft des Humors, gerade auch des sogenannten Galgenhumors, der so typisch für die jüdische Kultur zu sein scheint, findet zunehmend Anwendung in der Psychotherapie. Humor als eine Technik, um die Behandlung psychischer Konflikte und Krankheiten zu unterstützen. Die Parallelen der Humortherapie zum jüdischen Humor sind kein Zufall, denn als ihr Begründer gilt der jüdische Psychiater Viktor Frankl, der u.a. durch die Schilderung eines »Humors des Überlebens« im Konzentrationslager Auschwitz bekannt wurde. Er entwickelte in den 1970er Jahren die »Paradoxe Intention«, eine psychotherapeutische Technik, um zu lernen, Ängste auszuhalten. Frankl war der Meinung, der Patient könne lernen, der Angst ins Gesicht zu sehen, ja ins Gesicht zu lachen. »Humor ist der Gegenspieler der Angst«, sagte Frankl.

Bei der »Paradoxen Intention« wünscht sich der Patient, wovor er sich bislang so sehr gefürchtet hat. Dabei soll er maßlos übertreiben. Beschreibt ein Patient beispielsweise nachhaltig ein Gefühl der Einsamkeit, so kann der Therapeut darauf reagieren, indem er den Patienten bestärkt, sich vorzustellen, der einsamste Mensch der Welt zu sein. Der Patient solle sogar mit aller Kraft versuchen, sich so einsam wie nur möglich zu fühlen, um der Weltmeister aller Einsamen zu werden. Durch diese Übertreibung kann sich die Einstellung gegenüber den Ängsten im Sinne einer Relativierung ändern. Patienten beginnen, gemeinsam mit ihrem Therapeuten zu lachen. Diese gemeinsame Freude hat etwas geradezu Erlösendes. Natürlich bedarf diese Technik eines gehörigen Maßes an Erfahrung seitens des Therapeuten, damit dessen Humor vom Patienten nicht als verachtender Zynismus erlebt wird. »Nichts lässt den Patienten sich von sich selbst so sehr distanzieren wie der Humor«, sagt Frankl. Durch einen Perspektivwechsel wird die neue Erkenntnis ermöglicht, dass auch das schlimmste Ereignis ganz anders, überraschend und paradox betrachtet werden kann.

Für Sigmund Freud war Humor die letzte Waffe der Wehrlosen; eine Technik, um sich gegen Widersacher und die Widrigkeiten des Lebens zu behaupten. Seitdem haben Psychotherapeuten Frankls Ansatz aufgenommen und eine Vielzahl von Humor-Techniken entwickelt: Übertreibung, Untertreibung, Umkehrung, Wortspiele et cetera. Letztlich laufen alle Techniken aber auf das gleiche hinaus: auf ein Selbstbehauptungstraining, um die Angst vor dem Scheitern und Ausgelachtwerden zu verlieren, und den Drang, perfekt zu sein. Auf den jüdischen Glauben bezogen bedeutet dies, sich mit Witz gegen Angriffe zu wehren, und mit Humor die eigene Relativität vor Gott zu erkennen und hinzunehmen. Und natürlich, um gemeinsam zu lachen!

Abraham und Sarah

Wo liegt nun der Ursprung dieses heilenden Lachens im Judentum? Ein Lachen kann helfen, wenn man Gottes Wege nicht versteht. Davon berichtet die berühmteste Geschichte über das Lachen, die man in der Bibel finden kann: Abraham und seine Frau Sarah wünschten sich ihr Leben lang ein gemeinsames Kind, doch Sarah ist unfruchtbar. Als sie 100 und er 90 Jahre alt sind, erscheint ihnen Gott und prophezeit, dass Sarah schwanger würde. Wie reagieren Sarah und Abraham? Sie brechen in Gelächter aus, so heftig, dass Abraham (so steht es im 2. Buch Mose) vor Lachen auf sein Gesicht fällt. Gottes Prophezeiung reißt alte Wunden auf; Sarah fühlt, so darf man vermuten, wieder den Schmerz ihres lebenslang unerhörten Kinderwunsches. Abraham und Sarah lachen gemeinsam über ihren Gott, wie er ihnen etwas so Absurdes prophezeien kann. Sie schaffen sich damit Luft und finden Trost in ihrem gemeinsamen Lachen. Doch dies ist nicht ganz ohne Risiko. Immerhin ist JHWE einerseits ein Vergebender, aber auch ein Gott, der droht, sein Volk zu vernichten. Doch für das zweifelnde Lachen will Gott keine Vergeltung, im Gegenteil: Sarah wird schwanger und nennt ihr Kind vor Freude und Dankbarkeit »Isa'ak«, übersetzt: »Gott lacht.« Man darf hier eine Urerfahrung des israelitischen Volkes vermuten: Über jemanden zu lachen, selbst wenn es Gott ist, muss nicht in einer Katastrophe enden. Im Gegenteil: Zweifelndes Lachen, insbesondere gemeinsam, kann Selbstschutz bedeuten und sich sogar in ein Lachen der Freude verwandeln.

Und diese Geschichte zeigt noch etwas: Lachen kann im Judentum auch Ausdruck eines Ringens mit dem Schöpfer sein. Das Ringen mit Gott zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Israeliten und des jüdischen Volkes. »Israel« heißt übersetzt »die mit Gott streiten«. Ein Ringen um die Erkenntnis, um des Glaubens willen. Eine seit Jahrhunderten gewachsene Streitkultur, die auch mit den Mitteln des Humors und des Witzes ausgetragen wird; letztendlich, um Gott noch tiefere Antworten über seine Schöpfung zu entlocken.

Wie bringt man Gott zum Lachen? Erzähl ihm deine Pläne! Als Letzter, sagt die Bibel, lacht doch immer Gott

König David

Doch auch Gott lässt es sich nicht nehmen, über den Menschen zu lachen. David, der König, Dichter und Sänger, von dem berichtet wird, dass er vor Freude über Gott schon mal nackt vor seinen Sklaven tanzte, dichtete im 2. Psalm: »Die Könige der Erde lehnen sich auf, und die Herren halten Rat miteinander wider den Herrn und seinen Gesalbten. Aber der im Himmel wohnt, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer.« Gott, so singt David, lacht und spottet also über die Pläne der Menschen. Ein Lachen Gottes, das für den Gläubigen den therapeutischen Effekt hat, sich selbst und seine Pläne nicht so wichtig zu nehmen und sich von seinen Konzepten und Bedürfnissen distanzieren zu können. Dazu passt das geflügelte Wort: »Wie bringt man Gott zum Lachen? Erzähl ihm deine Pläne!« Als Letzter, sagt die Bibel, lacht doch immer Gott.

Talmud

Wer in New York mit der U-Bahn fährt, kann eine interessante Entdeckung machen: Auf manchen Linien gibt es Wagen speziell für diejenigen, die morgens auf der Fahrt zur Arbeit den Talmud studieren. Dies hat eine lange Tradition, denn aufgrund der Exilsituation war es für die Identität der Juden immer entscheidend, sich genauestens mit ihrer Religion auseinanderzusetzen. Im Talmud, übersetzt »Belehrung«, etabliert sich die Form der kritischen Geschichte als Interpretation der 613 jüdischen Weisungen, die dem Menschen von Gott gegeben wurden. Über viele Seiten wird die Anwendung und Auslegung jeder Weisung diskutiert. Diese Tradition und die Fähigkeit, mit Worten umzugehen, ist mehrere tausend Jahre alt und tief im Judentum verwurzelt. Eine Ursache für die intellektuelle Brillanz vieler jüdischer Witze ist die Lust daran, Worte so lange zu verdrehen, bis die absurdesten und komischsten Bedeutungen entstehen.

Obwohl talmudische Texte das Lachen nicht generell verurteilen, wollen sie den Gläubigen doch vor dem spottenden Lachen beschützen: »Gott lacht mit seinen Geschöpfen, nicht über seine Geschöpfe«, heißt es im Abschnitt »Avodah Zarah« des Babylonischen Talmuds. Ähnliches findet sich an anderer Stelle: »Schädlich ist die Spötterei, denn ihr Beginn ist leicht, ihr Ende Vernichtung.« Doch was genau ist spottendes Lachen? Wann ist es geistreiche Unterhaltung, wann ein Mittel zur Verteidigung, und wann ein bewusster Akt, dem anderen zu schaden? Ein guter Witz kommt nicht ohne eine gewisse Portion Spott aus. Dass dieser Spott durchaus therapeutische Funktion haben kann, hat Sigmund Freud erforscht.

Witz und Humor

Was ist überhaupt ein Witz? Der jüdische Psychoanalytiker Sigmund Freud hat diesem Thema ein ganzes Buch gewidmet: »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten«. Im Wartezimmer seiner Wiener Praxis lagen die spöttischen Zeichnungen und Geschichten von Wilhelm Busch. Freud soll folgenden Lieblingswitz gehabt haben: Ein Delinquent wird zu seiner Hinrichtung gebracht. Er fragt den Henker: »Welchen Tag haben wir heute?« Der Henker antwortet: »Montag.« Darauf der Mann: »Na, die Woche fängt ja gut an…«

Dieser Witz ist ein Beispiel für das, was Sigmund Freud dann ausführlich beschreibt: Die Fähigkeit, auch das grausamste Geschehen durch Humor entschärfen zu können. Ein Witz, in dem der Delinquent die eigene Wehrlosigkeit für einen Moment überwindet und sich stark und mächtig fühlt. Dieser Witz arbeitet mit der Humortechnik, eine Situation ins Extreme zu treiben, indem eine alltägliche Floskel einer existenziellen Bedrohung entgegengesetzt wird. Dadurch entsteht ein komischer Widerspruch, der den Leser verblüfft und Distanz zur Situation schafft.

Im Lachen können sich nach Freud Energien entladen, die benötigt werden, um unterschwellige Aggressionen und Ängste zu beherrschen. Lachen ist für Freud Entspannung und Triebabfuhr. Deshalb wird das Lachen als lustvoll empfunden. Das plötzliche Lachen ist wie eine Erinnerung an die Freiheit. An das lustvolle Spiel in der Kinderzeit, eine Zeit vor der Triebkontrolle.

Früher galt der als humorvoll, dessen Körpersäfte (lat. humores) ausgeglichen waren. Humor bedeutet also, »etwas zum Fließen bringen«

Selbstironie

Früher galt derjenige als humorvoll, dessen Körpersäfte (lat. humores) ausgeglichen waren und ungehindert fließen konnten. »Humor« bedeutet also, etwas zum Fließen zu bringen. Als der größte Humor gilt, über sich selbst lachen zu können; durch Selbstreflexion bestimmte Eigenschaften, Macken und Handlungen zu betrachten und sie als »seltsam«, ja belustigend wahrzunehmen. Das heißt, um mit der Humortherapie zu sprechen: eine Distanzierung von sich selbst und damit Erkenntnis über sich und andere zu erringen.

Selbstironie erfüllt aber noch einen weiteren Zweck: Die Engländer lachen nur deshalb so gerne über sich, damit es andere nicht tun, meinte der Schauspieler Peter Ustinov. Also ein Lachen über sich selbst, um anderen zuvorzukommen. Im jüdischen Humor ist daraus geradezu eine Kunst und eine Lust geworden, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. So wie Joshua, Rabbi von Nazareth, sagte: »Wer sich hoch stellt, den wird Gott demütigen. Aber wer sich gering achtet, den wird er erhöhen.« Und diese Erniedrigung geschieht mit einer solchen Kunstfertigkeit, dass aus der Erniedrigung eine Erhöhung wird. Aus einer Selbstdemütigung wird eine Demut, der Bewunderung gebührt. Durch die Erniedrigung behält der jüdische Humor die Kontrolle über den Spott, den man erfahren könnte, und ist damit ein Mittel, den Ängsten zu begegnen, dass man ausgelacht werden könnte.

Aufklärung

Weder Witze noch Humor im Sinne von »etwas als komisch beschreiben oder über sich selbst lachen« finden sich in der hebräischen Bibel. Salcia Landmann begründet dies damit, dass Humor eine Waffe der Macht- und Wehrlosen darstellt.

Doch Propheten wie Abraham oder Joshua empfanden sich nicht als wehrlos, sondern als aktiv und in der Lage, sich auch mit körperlicher Gewalt zu wehren. Außerdem war das Schicksal gottgewollt und kein Anlass, es mit einem Witz in Frage zu stellen.

Das Ziel der jüdischen Aufklärung im Europa des 18. Jahrhunderts, der Haskala (abgeleitet vom hebräischen sechel, dt. Verstand) war, das Denken mit den Mitteln der Vernunft von starren und überholten Vorstellungen zu befreien. Die Glaubensstrenge wurde aufgelockert; es entwickelte sich Mut zur Kritik sowohl an den religiösen Autoritäten der eigenen Konfession als auch an weltlichen Autoritäten. Der Witz veränderte sich vom subversiven Volkswitz zu einem Witz mit didaktischer Funktion und wurde damit zu einer literarischen Gattung. War bisher alles gottgegeben, so wuchs unter den Juden das Bedürfnis nach Widerstand gegen ihre weltlichen und religiösen Unterdrücker. Ein direkter Kampf war nicht möglich, und so etablierte sich ein hintergründiger Witz.

Chassidismus

Doch fast zeitgleich gab es auch eine rückwärtsgewandte Entwicklung: Viele Juden waren nach Russland ausgewandert, wo sie aber weiterhin verfolgt wurden. Hunderte jüdische Gemeinden wurden zerstört. Darauf bildete sich in Russland im 18. Jahrhundert der osteuropäische Chassidismus, eine neue Bewegung der Volksfrömmigkeit und Mystik. Ihr Motto lautete gemäß dem 10. Psalm von David: »Dienet dem Ewigen in Freuden. Gott will frohe Menschen, der Satan will traurige.« Die Chassidim waren im Gegensatz zu den Aufklärern keine Intellektuellen, sondern bildeten sich aus dem einfachen Volk. Im Chassidismus entstanden humorvolle Lehr-Geschichten, die allerdings noch nicht den Biss und die Selbstironie späterer Witze hatten. Für den Religionsphilosophen und Geschichtensammler Martin Buber war der Humor der »Milchbruder des Glaubens«. Eine der chassidischen Geschichten geht z.B. so:

Mein Großvater war lahm. Einmal bat man ihn, eine Geschichte von seinem Lehrer zu erzählen. Da erzählte mein Großvater, wie sein Rabbi beim Beten zu hüpfen und zu tanzen pflegte. Mein lahmer Großvater stand auf und erzählte, und die Erzählung riss ihn so mit, dass er hüpfend und tanzend zeigen musste, wie sein Meister es gemacht hatte. Von der Stunde an war mein Großvater geheilt. So soll man Geschichten erzählen.

Hitler hatte Angst davor, ausgelacht zu werden. Zwischen 1933 und 1945 sollen 5 000 Todesurteile wegen Anti-Nazi-Humor gefällt worden sein

Theresienstadt

Aus dem Witz der Aufklärung und den Heilsgeschichten des Chassidismus erwuchs der jüdische Humor des 19. und 20. Jahrhunderts. Scholem Alejchem, Isaac Bashevis Singer, Ernst Lubitsch, die Marx Brothers, Billy Wilder und George Tabori, um nur einige wenige herausragende Künstler zu nennen, verhalfen dem jüdischen Humor zum Welterfolg. Doch aus dem Humor der oft intelligenten, teilweise kritischen Unterhaltung wurde nach kurzer Zeit wieder eine Verteidigungswaffe:

Sagt ein SS-Mann im Lager zu einem Häftling: »Jude, ich geb' dir eine Chance. Wenn du errätst, welches meiner Augen nicht echt ist, lass' ich dich leben. Aber Obacht, das Künstliche ist von meinem Eigenen nicht zu unterscheiden. Deutsche Präzisionsarbeit!«
Der Jude denkt nach und sagt dann: »Das linke ist das falsche.«
»Woher wusstest du das?«, staunt der SS-Mann.
»Es hat so einen gütigen, menschlichen Schimmer.«

Ein jüdischer Witz, um dem Grauen eine geistige Waffe entgegenzusetzen. Ein kurzer Moment der Freiheit, um sich einen eigenen Handlungsspielraum und eine eigene Perspektive zu erobern und gemeinsam über das Leiden lachen zu können. Welche Macht spottender Witz hatte, bewies Hitlers Furcht vor Witzen. Wie ein Biograf über ihn schrieb, hatte Hitler panische Angst davor, ausgelacht zu werden. Wenn sich jemand über ihn lustig machte, griff Hitler ihn sofort an. Menschen wurde der Prozess gemacht, weil sie ihre Hunde und Pferde Adolf nannten. Unter Hermann Göring war es ein Akt des Verrats, sich Anti-Nazi-Witze auch nur anzuhören oder gar zu erzählen. Zwischen 1933 und 1945 sollen 5000 Todesurteile wegen Anti-Nazi-Humor gefällt worden sein.

Auf der Bühne steht ein korpulenter Mann im piekfeinen Anzug im Scheinwerferlicht und singt: Ich kenn' ein kleines Städtchen, ein Städtchen ganz tipptopp, ich nenn' es nicht beim Namen, ich nenn's die Stadt »Als-ob«. Doch mit diesem Städtchen, von dem er singt, ist nicht irgendein wirkliches Städtchen gemeint, sondern das KZ Theresienstadt im Jahre 1944. Ein Durchgangslager, wie es offiziell heißt. In Wirklichkeit ein Konzentrationslager. Nach Angaben der Historiker starben hier über 33 000 Menschen, darunter zahlreiche Kinder. Einer der Internierten ist Kurt Gerron, ein in Deutschland bejubelter Schauspieler und Kabarettist, der später in Auschwitz vergast wird. Theresienstadt, ein Lager für Künstler und Intellektuelle. Die Nazis forderten, einen Kulturbetrieb zu ihrer eigenen Unterhaltung im Lager zu führen. Doch dies war auch für die Internierten eine Möglichkeit, dem Grauen für einige Momente zu entfliehen. Emil Fackenheim, Philosoph und Überlebender von Auschwitz, sagte: »Wir erhielten unsere Moral durch Humor.« Durch die Darbietungen wenigstens für einen Moment sich selbst über die Unterdrücker zu erheben. Spott als Verteidigungswaffe, um der Übermacht einen geistigen Widerstand entgegensetzen zu können und damit seine Würde zu behalten.

So wurde Hitlers »Mein Kampf« auf der Bühne als »Mein Krampf« bezeichnet. Es gab bei der Programmgestaltung keine Zensur. Diese Freiheit war eine Art zynische Geste der SS. Viktor Frankl, der spätere Begründer der paradoxen Intention, beschreibt eine Gruppe, deren Haar abrasiert wurde und die in die Duschräume geleitet wurden: »Die Illusion, dass wir überleben sollten, wurde zerstört, und dann, ganz unerwartet, überkam uns so etwas wie ein grimmiger Sinn von Humor. Wir wussten, dass wir nichts zu verlieren hatten außer unserem lächerlichen nackten Leben. Als die Duschen angeschaltet wurden, bemühten wir uns, Witze zu reißen, und begannen, über uns selbst und über die anderen zu lachen. Und dann erkannten wir, dass aus den Düsen nur richtiges Wasser spritzte.« Ein grimmiger Humor, der der Ausweglosigkeit trotzte. Viktor Frankl half er, Auschwitz zu überleben.

Tragödie plus Zeit

Die Welt hat dem jüdischen Humor, der aus dem Streiten mit Gott, aus Verfolgung, Unterdrückung und dem Mord durch Andersgläubige und Fanatiker entstand, viel zu verdanken. Im Laufe von Jahrhunderten erwuchs daraus ein Humorerbe, welches das Leben auch und gerade in seinen schwierigsten Momenten erträglicher macht; unsere Alltagstherapie sozusagen. Innerhalb dieser Tradition haben die jüdischen Ärzte Sigmund Freud und Viktor Frankl das Fundament für Humor in der Therapie gelegt, der heute Menschen jeden Glaubens oder Nichtglaubens helfen kann, sich ihren Ängsten zu stellen. Dazu gehört insbesondere die Fähigkeit, es zulassen zu können, von anderen ausgelacht zu werden, und anstatt unter dem Schmerz zu leiden, mitzulachen; nicht zuletzt, um den anderen zu entwaffnen. Auch wenn dies nicht immer sofort gelingt, dann vielleicht doch nach einer gewissen Zeit. Woody Allen drückt es so aus: »Komödie ist Tragödie plus Zeit«.

In der Serie »Humor in den Weltreligionen« von Alexander Korp brachten wir bisher »Lacht Gott« über Humor in den Religionen im Allgemeinen (connection 9/07), »Lacht der Prophet Mohammed – Witz und Humor im Islam (connection 10/07), »Jesus lacht – Scherz und Schmerz im Christentum (connection 12/07-1/08). Weitere Texte in dieser Serie folgen.

— Harald-Alexander Korp

Harald-Alexander Korp, geb. 1961 in Stuttgart. Studium der Religionswissenschaften, Philosophie und Physik. Dozent am Fachbereich Religionswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. Spirituelle Praxis bei Lehrern verschiedener Religionen. Weiterbildung zum Lach-Yoga Trainer. Mitglied bei humorCare Deutschland. Lebt als Autor und Regisseur in Berlin.


Quellen:

  • Ezra BenGershôm: Der Esel des Propheten, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000
  • Chajim Bloch: Jüdische Witze und Anekdoten, Wunderkammer Verlag 2006
  • Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, Manesse Verlag 2006
  • Salcia Landmann: Jüdische Witze, dtv 1963; Neuauflage ebenda als TB 2007
  • Michael Titze, Christof T. Eschenröder: Therapeutischer Humor, Fischer TB 2007

Aus dem Heft connection spirit 04/08

Titelblatt 04/08
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