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Zwischen Steinzeit und Moderne

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Schamanen als moderne Vertreter der urreligiösen Erfahrung

Ohne Frage: Schamanismus ist »in«. Zahllose Mitteleuropäer experimentieren mit indianischen Schwitzhütten, gehen auf visionäre Trommelreisen und besuchen Workshops über archaische Ekstasetechniken. Ärzte und Heilpraktiker strömen in Scharen zu Schamanimus-Tagungen und lauschen den Heilern aus traditionellen Kulturen. Uralte Therapieformen fließen längst ein in die moderne Psychotherapie. Völkerkunde-Seminare platzen aus den Nähten. Wie kommt es, dass das Interesse am Schamanentum – der ältesten religiösen, heilkundlichen und psychologischen Disziplin der Menschheit – in unserem Zeitalter der Raumschiffe und Computer neu erwacht?

Für die einen sind Schamanen bewundernswerte Virtuosen der Magie, für die anderen Scharlatane. Die einen halten den uralten Kult für eine Quelle wertvoller Einsichten in einer von der Wissenschaft entzauberten Welt. Die anderen sehen darin Hokuspokus aus der Steinzeit. Und Dritte sagen, es gäbe den Schamanismus nur in unseren Köpfen: als eine Projektion dessen, was uns an Wildheit, Natürlichkeit, Mystik, Naturverbindung, altem Wissen fehlt.

Das Wort »Schamane« kommt aus dem Tungusisch-Mandschurischen und bedeutet wörtlich »erhitzter, erregter Mensch«. »Wer ›schamant‹, wer sich in den veränderten Bewusstseinszustand versetzt, wird heiß, regt sich auf, wird be›geister‹t«, erklärt die Ethnologin Amélie Schenk. Das Bewusstsein klettert dabei auf einer Skala von psychischen Zuständen höher – Zustände, die jedem Menschen offen stehen, die aber in der Regel von »normal« über »intensiviert« nur bis zu »euphorisch« reichen. Schamanen haben diese Skala der Sensibilität, des Fühlens und Wahrnehmens nach oben geöffnet – in einen Bereich, den die einen »pathologisch«, die anderen »ekstatisch« nennen. Vielleicht kann man sich schlicht auf »außergewöhnlich« einigen. Von den Erfahrungen, die sie dabei machen, berichten die Mythen, Märchen, Legenden und spirituellen Überlieferungen fast aller alten Kulturen: Nahtod- und Geburtserfahrungen, außerkörperliche Zustände, Reisen in die Anderswelt, in himmlische oder unterweltliche Regionen, Begegnungen mit archetypischen und mythologischen Kräften, mit Tierseelen, Krafttieren und Totems.

Heute geht man nicht mehr von einer Überwindung alter Kultur- und Bewusstseinsformen aus, sondern von einer kontinuierlichen Integration

Ist Schamanismus primitiv?

Weil es Schamanen und Schamaninnen rund um den Erdball seit mindestens 40 000 Jahren gibt, gelten sie manchen als Relikte früher Religiosität von Jägern und Sammlern. Die Kulturgeschichte hat aus der weiten Verbreitung schamanischer Praktiken geschlussfolgert, dass es sich beim Schamanismus deshalb um eine frühe Kulturstufe handelt, die letztlich von jeder menschlichen Gemeinschaft in ihrer kulturellen Entwicklung durchlaufen werden muss. Diese Sicht der Geschichte impliziert aber indirekt, dass es sich beim Schamanismus um eine letztlich überholte, »primitive« Kulturform handelt, die in »entwickelteren« Gesellschaften automatisch auf dem Müllhaufen der Vergangenheit landet – und folglich aussterben muss, je weiter wir uns als Menschen »entwickeln«.

Diese Interpretation verliert heute mehr und mehr an Anhängern, nicht nur wegen ihrer bewertenden Perspektive. Die Sichtweise, die sich heute durchsetzt, geht nicht von einer Überwindung alter Kultur- und Bewusstseinsformen aus, sondern von einem Prozess der kontinuierlichen Integration. Demnach umschließt jede neue Kulturstufe und Bewusstseinsform die jeweils vorhergehende. Entwicklung würde dann nicht länger heißen, das Alte als ungültig zu überwinden, sondern im Zuge unserer geistigen Evolution die Fähigkeit zu erlangen, zwischen den verschiedenen Kultur- und Bewusstseinsstufen absichtlich hin und her zu wechseln, um letztlich eine »integrale« Stufe zu erreichen. Aus dieser Perspektive wäre das Schamanentum so etwas wie die Quelle oder die Mutter aller Religion. Nicht, weil man daran glauben müsste, sondern weil es Erfahrungen bereitstellt, die zu spiritueller Rückbindung, mystischer Einheits-Erfahrung oder Transzendenz führen können.

Als Quelle von spiritueller Rückbindung und mystischer Einheits-Erfahrung ist das Schamanentum so etwas wie die Mutter aller Religion

Die Globalisierung nutzen

Die Ethnologie hat bislang den Schamanismus meist fast museal, als untergehende Kulturform beschrieben. Der klassische Schamanismus, wie er in isolierten indigenen Kulturen existiert hat, mag heute tatsächlich von der Erde fast verschwunden sein – einfach, weil es kaum mehr indigene Kulturen gibt, die ohne Kontakt zur »modernen Welt« existieren. Gleichzeitig aber hat das schamanische Weltbild gerade in den letzten Jahren eine enorme Beständigkeit bewiesen. Im heutigen Russland, den ehemaligen sowjetischen Randrepubliken und der Mongolei erfährt er – nach 70 Jahren brutaler Unterdrückung – eine erstaunliche Wiedergeburt. In zahlreichen Ländern der über Jahrhunderte kolonisierten, sogenannten »Dritten Welt« werden schamanische Traditionen Jahrzehnte nach der politischen Unabhängigkeit nun als Teil der kulturellen Identität wiederentdeckt. Überall zeigt sich, dass die alten Traditionen, oft unter hohem Risiko und im Verborgenen, über große Zeiträume weiter gepflegt und überliefert worden sind. Sicherlich haben sich die Überlieferungen in dieser Zeit der Unterdrückung verändert. Fraglos aber haben auch seine Vertreter vieles hinzugelernt.

War der Schamanismus bislang besonders durch die Globalisierung und ihren Druck zur kulturellen Anpassung bedroht, so ist der Spieß mittlerweile umgedreht worden: Der Schamanismus nutzt die Globalisierung, um sich selbst zu stärken, weiterzuentwickeln und auch in der modernen Welt auszubreiten. Schamanen und Schamaninnen reisen um die Welt, sprechen vor der UN, sind begehrte Referenten und ziehen – wie im nächsten Monat am österreichischen Mondsee – Hunderte zu Fachtagungen über das alte Wissen. Dabei lernen sie nicht nur die westliche Welt, sondern sich auch untereinander kennen.

Derartige Kontakte zwischen den über den ganzen Globus verstreuten Schamanen, die ja überall nach ähnlichen Prinzipien arbeiten, aber selten darüber voneinander wissen, ist etwas völlig Neues in der Kulturgeschichte des Schamanismus. Dabei entstehen Kooperationen, Solidarität und auch so etwas wie ein internationales Selbstbewusstsein und eine Reflexion der eigenen Traditionen. Darüber hinaus öffnen solche Begegnungen neue Möglichkeiten der interkulturellen Zusammenarbeit, mit der die Inhalte schamanistischen Arbeitens selbst weiterentwickelt werden können. Erstmals kann durch diese Begegnungen so etwas wie ein gemeinsamer Kern des globalen Phänomens des Schamanismus deutlich werden. Und die Heiler selbst? Sie sind nicht mehr nur Wanderer zwischen Bewusstseinswelten. Sie sind auch Wanderer zwischen Kulturen, Zeitaltern, Wissenstraditionen und Kontinenten. Sie haben sich – ohne dabei ihre Wurzeln zu verleugnen – fremden Kulturen oft viel weiter geöffnet, als die westliche Welt das bisher gewagt hat. Sie sind damit auch Mittler, Dolmetscher, Mediatoren zwischen Alt und Neu geworden: Pioniere eines interkulturellen Dialogs im »globalen Dorf«.

»Mitreisen« in ein anderes Weltbild

»Wer den Schamanismus wirklich verstehen will, muss ihn erfahren«, sagt Wolf Wies, einer der Pioniere eines Dialogs zwischen den alten Traditionen und der modernen Welt: »Wenn wir einen westlichen Menschen dazu bringen wollen, dass er sich öffnet für solche Dinge, dann muss er diese Welten selber erleben. Wer hingegen von vornherein voller Zweifel herangeht und das Phänomen nur über den Kopf zu erfassen versucht, bekommt keinen Zugang dazu.«

Die Welt, mit der uns indigene Heiler und Wissende konfrontieren, ist uralt, klingt aber oft seltsam modern: Während die moderne Wissenschaft die Welt in Einzelteile zerstückelt, nimmt das Schamanentum die ganze Wirklichkeit als eine Einheit wahr. Der Mikrokosmos des Menschen ist ihm eins mit dem Makrokosmos des Universums. Indem der Schamane in die inneren Welten seiner Seele hinabsteigt, überschreitet er die Grenzen und kann den ganzen Kosmos bereisen. Er betrachtet die Welt nicht als eine große Maschine, sondern als einen Ozean immaterieller Kraftfelder, die in fortwährendem Wandel sind. Doch statt all das mit wissenschaftlichen Begriffen zu belegen, spricht er von »Spirits«. Spirits sind nicht die »Geister«, mit denen wir sie mangels anderer Metaphern etwas hilflos übersetzen. Spirit ist der an sich formlose, zeitfreie Raum, der durch den Menschen und alle Dinge strömt. Indem sich der Schamane – oder sagen wir besser sein »Höheres Selbst« – daran anschließt, sieht er zwischen, hinter und unter die Dinge.

Holistische Wahrnehmung

Pioniere und Vordenker einer nachhaltigen lebenserhaltenden Zukunft haben darauf verwiesen, dass die wichtigste Transformation, die kulturell und spirituell vor uns liegt, in der Überwindung der mechanistischen Trennung von Mensch und Natur liegt. Sie fordern nicht weniger als den Sprung aus den dualen – trennenden, sezierenden und zerstörenden – Denktraditionen in eine holistische, nicht-duale Form der Wahrnehmung. Schamanismus sieht, modern ausgedrückt, die Erde als ein lebendes System, in dem alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist. Den Menschen versteht er als einen Faden im Netz des Lebens, eingewoben in Naturkreisläufe, aus denen wir hervorgehen, die uns erhalten, aus denen wir schöpfen und in die wir uns einfügen. Nur leicht übertrieben ist es deshalb, zu sagen, dass zahlreiche Eckpunkte schamanistischer Weltsicht heute zu den Grundlagen einer modernen ökologischen Ethik gezählt werden.

Die globale Kultur befindet sich heute in einem kritischen Übergang von einer zerstörerischen industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer lebenserhaltenden ökologischen Zivilisation. Wer das erkennt, sieht auch die Wiederentdeckung schamanischer Traditionen in neuem Licht und begreift, dass es sich dabei nicht um eine isolierte Zeitgeisterscheinung handelt, sondern um einen kulturellen Impuls, der weit über eine schwärmerische Beschäftigung mit exotischen Ritualen hinausgeht. Indem wir alte Spuren aufnehmen und die non-dualen Traditionen der frühen Menschen wiederentdecken, können wir menschliche Potentiale neu verstehen und mit dieser Hilfe in die Zukunft gehen.

Schamanismus und Heilung

Das schamanistische Weltbild, dessen Techniken veränderter Bewusstseinszustände und Methoden »magischer« Einflussnahme auf die Realität in der modernen Welt stoßen noch oft auf Misstrauen und Ablehnung, manchmal sogar auf wütenden Widerstand. Währenddessen hat sich die Haltung ganzheitlicher Mediziner zum uralten Heilwissen des Schamanismus heute jedoch bereits deutlich geändert. Das zeigt sich auch daran, dass die Teilnahme an heilkundlichen Fortbildungen bei indigenen Heilern heute so weit anerkannt sind, dass Mediziner sich dafür die zur Weiterbildung begehrten Punkte eintragen lassen können. Und es geht sogar so weit, dass es heute nicht nur zahlreiche medizinische Kolloquien und Konferenzen gibt, auf denen Schamanen und Ärzte einander zuhören, sondern auch schon erste schamanisch-medizinische Ambulanzen eingerichtet worden sind, wo Krebspatienten oder psychisch Kranke Rat und Hilfe aus beiden Welten erhalten können.

Heil kommt von heilig, ganz. Heilung wird möglich, wenn wir im großen Gebäude des Kosmos unseren richtigen Platz einnehmen. Das glauben nicht nur die meisten traditionellen Kulturen auf unserem Planeten, sondern so dachten auch unsere eigenen Vorfahren. Heilung ist die Rückkehr zum Zustand der Ganzheit: im Menschen, in der Gemeinschaft, mit der Natur. Zu allen Zeiten waren die Schamanen und Schamaninnen Krisenmanager, Meister der Wandlung, Wiederhersteller der Ganzheit.

Krankheiten sehen sie als Störung der Harmonie jener Kräfte, die es in Mensch und Kosmos gibt und die im gesunden Menschen auf eine ganz bestimmte Weise zusammenwirken. Eine Störung der Harmonie hat zur Folge, dass sich »negative« oder einseitige Energien im Gesamtsystem von Körper und Geist festsetzen, die Kontrolle übernehmen und als Krankheitssymptome zum Ausdruck kommen. Schamanen kämpfen nicht wie Ärzte gegen eine Krankheit; sie verhandeln mitfühlend mit der Energie, dem Zustand, der im Körper des Klienten einen falschen Platz eingenommen hat. Schamanen und Schamaninnen töten auch den Schmerz nicht ab, sondern würdigen ihn als Wesenheit, die den Geist weckt und nach Veränderung ruft, und sie eröffnen rituelle Möglichkeiten, damit er den Körper wieder verlassen kann.

Der schamanische Ansatz, dass nur der »verwundete Heiler« heilen kann, verweist auf die notwendige Anerkennung persönlicher Reifungskrisen auch bei den Heilern und Medizinern der Gegenwart

Diese Sichtweise kann auch heute dazu beitragen, das mechanistische Bild einer biologischen Maschine, die »repariert« werden muss, zu überwinden. Sie kann zudem Therapieansätze stärken, die dem pharmazeutischen Kampf gegen Krankheiten die behutsame Wiederherstellung eines leib-seelischen Gleichgewichts vorziehen. Der schamanische Ansatz, dass nur der »verwundete Heiler« heilen kann, verweist auf die notwendige Anerkennung persönlicher Reifungskrisen auch bei den Heilern und Medizinern der Gegenwart. Sie besagt nichts anderes, als dass Heiler seit je eine persönliche Integrität brauchten, die aus der Bewältigung von psychischen Schatten, biographischen Brüchen und widersprüchlichen Lebenserfahrungen erwächst. Wer nicht an sich arbeitet, bleibt auch im modernen Gesundheitssystem nur ein Mechaniker. Indem sich Schamanen im Prozess der Heilung als Begleiter verstehen, setzen sie den Schwerpunkt auf die Wiederherstellung der Fähigkeit zur Selbstheilung. Die Methoden, derer sie sich dabei bedienen, können auch die zeitgenössische Medizin bereichern.

Die heutigen Schamanen sind Nomaden zwischen Steinzeit und Moderne – nicht selten sind sie Ritualmeister und Magier mit E-Mail-Anschluss und Hochschuldiplom

Zurück in die Zukunft

Wer sich heute mit Schamanismus beschäftigt, muss sich trotz allem die Frage stellen, ob er einem exotischen Phänomen aufsitzt und die Lösungen für seine existentiellen Fragen nur deshalb in den Traditionen weit entfernter Kulturen sucht, damit er einer Lösung vor der eigenen Haustür aus dem Weg gehen kann. Er muss sich kritisch damit auseinandersetzen, ob er Heiler und Heilerinnen aus traditionellen Kulturen deshalb idealisiert, weil er die Weisheit in sich nicht mehr findet.

Die Wiederentdeckung und Wiederbelebung schamanischer Traditionen gleicht dabei durchaus einem Balanceakt, der große Sensibilität und Achtsamkeit verlangt – nicht nur von den »Schamanenschülern« hier, sondern auch von den globalisierten indigenen Heilern und Heilerinnen selbst. Die heutigen Schamanen sind erstaunliche Nomaden zwischen Steinzeit und Moderne – nicht selten sind sie Ritualmeister mit E-Mail-Anschluss, Magier mit Hochschuldiplom. Die schamanische Welt hat sich enorm geweitet. Vorbei die Zeit, als der heilige Berg am Horizont das Ende der bekannten Welt war und nur die Symbole auf der Trance-Trommel den Kosmos darstellten. »Heute haben auch wir den Eindruck vom Blauen Heimatplaneten in uns. Das ist das Vermächtnis der modernen Schamanen!« sagt Ailo Gaup, Schamane bei den Samen im Norden Skandinaviens. Vielleicht ist es tatsächlich diese Ikone der Neuzeit, die Kulturen, Religionen und Zeitalter überbrücken kann.

Wenn die globalisierte Welt bis ins kleinste Dorf eindringt und die traditionellen Heiler und Schamaninnen per Linienjet die Metropolen der Welt besuchen, dann müssen die Karten neu gemischt werden – auf beiden Seiten. Dann müssen die Medizinmänner und weisen Frauen aus den indigenen Kulturen dazulernen, Traditionen aufbrechen, alt und neu zusammenbringen. Sie müssen in sich eine Brücke schlagen zwischen der traditionellen und der modernen Welt. Sie müssen den Sprung machen vom isolierten Stammesschamanen zum global agierenden Heiler. Sie müssen dabei der Verlockung widerstehen, die Macht zu missbrauchen, die ihnen außerhalb der sozialen Kontrolle ihrer eigenen Gemeinschaft zuwächst, wenn sie von einem europäischen Publikum zu Heiligen hochstilisiert werden. Sie müssen die Verbindung zu ihren Traditionen halten und dazu beitragen, dass die Wurzeln, aus denen das Wissen kommt, nicht vertrocknen und absterben. Sie müssen sich zugleich gegen alle Formen von Scharlatanerie und billigen Kopien zur Wehr setzen, die überall dort auftauchen, wo ein Markt vorhanden ist, die Originale aber Mangelware sind.

Zugleich darf der Schamanismus aber auch nicht mehr als abstruse Exotik und magisches Gegenbild zur Moderne aus unserem Leben verdrängt werden. Dafür muss der moderne Mensch, statt den Schamanen pauschal zum Scharlatan, Primitiven oder Verrückten zu erklären, über die Grenzen seines logisch-rationalen Weltbildes hinausgehen. Zugleich sind wir gefordert, die Idealisierung indigener Weisheitslehrer hintan zu stellen und sie vielmehr als »globale Älteste« zu würdigen, die durch zahlreiche biographische Brüche geformt wurden, aber nicht ohne Fehler und Schwächen sind. Wer von Schamanen lernen will, muss zudem begreifen, dass er oder sie niemals zum Maori, Eskimo, Tuwa oder Indianer werden kann, sondern nur Werkzeuge erhält, um sich selbst zu erforschen.

Trainer für den großen Wandel

Während das Weltbild moderner westlicher Kulturen darauf beruht, die Welt zu zertrennen, zu sezieren, zu unterteilen und zu kategorisieren, basiert die schamanistische Weltsicht auf der Integration vieler Wirklichkeiten. Der Mensch des Westens unterscheidet zwischen innen und außen, Leben und Tod, Geist und Natur, Traum und Realität. Schamanen hingegen verstehen sich als Wanderer zwischen verschiedenen Welten. Wo der westliche Mensch Zäune einzieht, sind Schamanen die Zaunkönige. Kraft ihres Bewusstseins, ihrer Rituale und ihres Wissens um die Geheimnisse der Natur überwinden und verbinden sie, was gegensätzlich zu sein scheint. Wo die westliche Welt linear denkt und Sicherheiten sucht, denken Schamanen zyklisch und begleiten seit Urzeiten Menschen durch Wachstumskrisen: Sie sind die Spezialisten für Wandlungen.

Das Paradox des Schamanismus besteht darin, dass er das Alte nutzt, um das Neue immer wieder anders zu erschaffen. Es geht nicht darum, die Erfahrungen wiederzubeleben, die unsere schamanischen Ahnen vor 40 000 Jahren gemacht hatten. Es geht darum, Teil des sich ewig wandelnden evolutionären Flusses zu werden. Um die Zukunft aber in uns selbst zu erschaffen, will der Schamanismus dem Bewusstsein Wege anbieten, Bekanntes hinter sich zu lassen und uns immer wieder zu einem leeren Blatt zu machen, das sich neu beschreibt und darin die Begrenzungen der Gegenwart überwindet. Das gilt es zu nutzen. Die Spuren dieses Weges sind uralt, doch wir sind es, welche die aktuellen Bewegungen ausführen und damit Zukünfte eröffnen.

Infos zum 7. Internationalen Kongress »Schamanismus & Heilen« vom 7. bis 12. Mai im Kultur- und Veranstaltungszentrum Schloss Mondsee (Oberösterreich): www.schamanenkongress.de

— von Geseko von Lüpke

Bücher von Geseko von Lüpke:

  • Vision Quest. Visionssuche. Allein in der Wildnis auf dem Weg zu sich selbst (zusammen mit Sylvia Koch-Weser), Ariston 2000, 325 S., SC, 18,90 €
  • Politik des Herzens. Nachhaltige Konzepte für das 21. Jahrhundert. Gespräche mit den Weisen unserer Zeit, Arun Verlag 2003, 407 S., SC, 19,95 €
  • Die Alternative. Wege und Weltbild des Alternativen Nobelpreises. Pragmatiker, Pfadfinder, Visionäre, Riemann 2003, 480 S., HC, 24 €
  • Projekte der Hoffnung (zs. mit Peter Erlenwein), Oekom Verlag 2006, 221 S., SC, 19,80 €
  • Sein neuestes Buch Altes Wissen für eine neue Welt. Im Gespräch mit Heilern und Schamanen des 21. Jahrhunderts erscheint im Kösel Verlag zum diesjährigen Kongress am Mondsee im Mai.

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Dr. Geseko von Lüpke, Jg. 58, studierte Politikwissenschaft, Ethnologie und Journalismus; seit 1990 ist er als freier Journalist, seit 2000 als Leiter von Visionssuche-Seminaren tätig. Er lebt in Olching bei München. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Aus dem Heft connection spirit 04/08

Titelblatt 04/08
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