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Editorial spirit 02/08

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Die Esoterik hat den Mainstream erreicht
Was nun?

Es tut sich was. Spätestens seit Al Gores Film »Eine unbequeme Wahrheit« hat die ökologische Bewegung den Mainstream erreicht. Überall gibt es jetzt Biowaren zu kaufen, alle Welt spricht vom Klima, und immerhin einige mehr bemühen sich um eine nachhaltige Lebensweise. Nun geschieht das auch mit der spirituellen Bewegung. Erst der Dalai Lama als Maskottchen der Avantgarde, dann der deutsche Papst, Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg, Dawkins und der neue Atheismus, und nun »The Secret« und all die anderen Wünscheratgeber auf den Bestsellerlisten. Währenddessen verlässt das Thema Islam die Nachrichten und Talkshows nicht mehr, und das nicht nur wegen der Terroristen und all derer, die zu solchen ernannt werden, weil das irgendeinem Politiker so in den Kram passt. Auch wer mit den Verrückten in den Sekten und spirituellen Klein- und Kleinstgruppen eigentlich nichts zu tun haben will, kommt um das Thema Religion und Religiosität, Gott, Atheismus und die Sinnsuche heute nicht mehr herum.

Kompromisse im Flachland

Während der Mainstream diese Themen aufnimmt, verflachen sie; anders wären sie für so viele gar nicht rezipierbar. Dieser Qualitätsverlust gilt schon für die Bioware in den Supermärkten, mehr noch für das Wissen um ökologische Zusammenhänge, aber viel mehr noch für das, was an spirituellen Themen die Massen erreicht. So zum Beispiel beim Boom der Wünscheratgeber. Auf den ersten Blick sind diese Bücher und Filme nur ein erweiterter und ein wenig aktualisierter Neuaufguss des positiven Denkens, mit denselben Schwächen wie etwa der Verdrängung des Unbequemen und dem Blick auf die Welt durch die rosarote Brille. Es ist nun leicht, über diese Verflachung zu lästern: Da gibt es viele Gefahren, und auch unter den freundlichen Bewohnern der schönen neuen Welt der Spiritualität droht Fundamentalismus.

Der Weg unserer Ideale und Gedanken in den Mainstream bietet jedoch auch Positives. Zum einen werden im Feuer eines gnadenlosen Massenmarktes Schwächen sichtbar, die diese Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen seit je hatten. Man kann immer von seinen Feinden lernen, und sogar von seinen Verfälschern und Verflachern. Zum anderen kommt dort oft immerhin noch ein Funken der Essenz an: Die Leser der »Prophezeiungen von Celestine«, der »Gespräche mit Gott«, vielleicht sogar auch die von »The Secret« werden sich nicht so leicht rassistisch verhalten, Kriege beginnen und, hoffen wir's, ihre Umwelt nicht ganz so ruinös behandeln wie die Generationen vor ihnen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie diese Paradigmen spiritueller Provenienz, wie verflacht auch immer, auf unsere entstehende Weltkultur einwirken und optimistisch – schon aus gesundheitlichen Gründen.

Was diese neue, sogenannte »popspirituelle Bewegung« anbelangt, versuchen wir in connection zu prüfen, was dran ist an ihren Thesen und wo bei dieser Vermassung im einzelnen die Gefahren liegen; fürs vorliegende Heft hat uns dieser Anspruch mehr beschäftigt denn je. Nicht jedem wird unsere Kritik passen. Es braucht aber nicht nur die demokratische Kultur, sondern auch die spirituelle Bewegung »Willensbildung«. In der Politik sind dafür die Parteien gedacht, im Spirituellen mögen immerhin klare Standpunkte diesem Zweck dienen. Deshalb freue ich mich insbesondere bei dieser Debatte über kritische Leserbriefe, seien sie nun zustimmend oder ablehnend. Bitte schickt sie mir per E-Mail und schreibt dazu, ob sie zur Veröffentlichung gedacht sind oder nur persönlich an mich.

Auch das Echte gibt es …

Falls das jemand bezweifelt hatte: Inmitten all der Vermarktung und Verflachung gibt es auch echte Spiritualität, Religiosität und Mystik – und auch das massenhaft, wenn auch nicht immer so leicht sichtbar. Nicht alles, was sich religiös oder heilig nennt und dabei oft große Töne spuckt, ist korrupt oder geheuchelt. Bei aller Kritik an den Verirrungen geht es mir im Grunde immer darum: den authentischen, wesentlichen Kern des Menschseins zu entdecken in seinen vielfältigen Äußerungen in Kunst, Wissenschaft und Religion, egal unter welchen Überschriften er sich zeigt – und davon in dieser Zeitschrift zu berichten.

Titelblatt spirit 02/08
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Aus dem Heft connection spirit 02/08

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