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Warum Wünschen funktioniert

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Würfel

Die Geheimnisse der Stochastik, der »Lehre von der Wahrscheinlichkeit«

Erwin Zbiral, der Autor des connection Buchs »Der große Irrtum«, ist Mathematiker, lebt in Wien und arbeitet dort bei einer Versicherung. Auch er hat den Boom der Wunscherfüllungsratgeber zur Kenntnis genommen und ihre Vorschläge ausprobiert, aber dabei seinen klaren Verstand nicht verloren – zum Glück für diejenigen unter den spirituell interessierten Lesern, die dies ebenfalls nicht vorhaben

von Erwin Zbiral

Gewöhnlich beschäftigen sich spirituelle Sucher nicht mit Mathematik. Diese erscheint ihnen zu abstrakt, zu weit entfernt von Chakren und vom »Licht«. Dennoch kann es auch gut sein und einen weiterbringen, wenn man sich einmal auf fremdes Terrain wagt.

Ein Teilgebiet der Mathematik ist die Stochastik, die Lehre von der Wahrscheinlichkeit. Damit lässt sich einschätzen, ob wir davon ausgehen können, dass bestimmte Ereignisse eintreten werden, oder ob das eher einem Wunder gleichkommen würde.

Die Gesetze der Stochastik

Was kann die Stochastik nun zur Enthüllung des Geheimnisses der Wunscherfüllung beitragen? Starten wir gleich mit einem Experiment. Du kannst jetzt, während du diesen Artikel liest, gleich mitmachen. Nimm dir ein Wunscherfüllungsbuch, um sicher zu gehen, dass du alles richtig machst, und dann nimm dir einen Würfel, ein Blatt Papier und einen Stift zum Schreiben.

Zentriere dich, visualisiere und wünsche dir von ganzem Herzen, eine Eins zu würfeln! Wiederhole das nun zwölf Mal. Notiere bei jedem Wurf auf dem Blatt Papier, welche Zahl du gewürfelt hast.

Ich bin mir sicher, dass du nicht öfter als sieben Mal eine Eins gewürfelt hast, auch wenn du das Wünschen noch so gut beherrschst. Du wunderst dich nun vielleicht, warum ich Recht habe. Ich bin kein Prophet, aber ich kenne mich ein wenig aus mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter: Du wiederholst das Experiment, nur wünschst du dir dieses Mal gar nichts, oder du wünschst es auf eine Art, wie du es laut Wunscherfüllungsbuch nicht tun solltest. Also, auf ein Zweites: Bitte zwölf Mal würfeln und die Ergebnisse notieren.

Siehst du, die beiden Wurfergebnisse sind verschieden, aber nicht wesentlich verschieden. Auch diesmal hast du weniger als acht Mal eine Eins gewürfelt. Und das ist nicht nur bei dir so. Die anderen connection-Leser, die dieses kleine Experiment mitmachen, werden zu denselben Ergebnissen kommen.

Wenn du noch immer nicht in deinem Glauben an die Wunscherfüllung erschüttert bist, dann kannst du das Ganze noch ein paar Mal wiederholen: Wünsche dir zur Abwechslung mal, eine Zwei zu würfeln. Vielleicht würfelst du dann andere Zahlen sogar öfter als die Zwei – das ist ziemlich wahrscheinlich, obwohl du die Zwei mit Wunschenergie versorgt hast.

Warum ist das so? Weil die Welt nach den Gesetzen der Stochastik funktioniert und nicht nach den Gesetzen des Wünschens. Wäre das nicht so, dann würde weder die Wirtschaft noch irgendein technisches Gerät in der Weise funktionieren, die wir gewohnt sind. Nur deshalb, weil sich die Gesamtheit der Versicherten gemäß den Vorhersagen der Wahrscheinlichkeitstheorie verhält, können wir in der Versicherung die Höhe deines monatlichen Beitrags bestimmen und die Höhe der maximalen Auszahlung im Schadensfall. Normalerweise können wir so alle Versicherungsfälle bezahlen und darüber hinaus so viel verdienen, dass wir den Betrieb aufrecht erhalten können und die Aktionäre eine Rendite ausbezahlt bekommen. Würde die Welt stattdessen nach den Gesetzen des Wünschens – etwa dem »Gesetz der Anziehung« – funktionieren, ginge das nicht.

5 Fiat 500
Auch ein kleines Auto kann die Chancen auf einen Parkplatz erhöhen…

Das Parkplatz-Problem

Jetzt wirst du einwenden, dass du aber jemanden kennst, der sich einen Parkplatz gewünscht hat, und schon war der Parkplatz da. Vielleicht hast du das auch selbst erlebt.

Betrachten wir auch hier nicht den Einzelfall, sondern erweitern wir unseren Horizont, um zu sehen, was passiert. Wir gehen mal davon aus, dass an einem Mittwochabend zwischen 22 und 23 Uhr in Wien-Alsergrund genau zehn Parkplätze frei sind oder frei werden, und dass innerhalb dieses Zeitraums fünfzig Pkw-Fahrer einen Parkplatz suchen. Jetzt untersuchen wir aus Sicht der Wunscherfüllungs-Theorie zwei extreme Fälle und sehen, zu welchen Ergebnissen wir kommen.

Erster Fall: Niemand wünscht sich was. Wahrscheinliches Ergebnis: Zehn Fahrer finden einen regulären Parkplatz, zehn stellen sich ins Parkverbot und stehen am nächsten Tag früher als die Polizei auf, um keinen Strafzettel zu bekommen, und dreißig weichen in andere Bezirke aus, um ihr Fahrzeug abzustellen.

Zweiter Fall: Alle fünfzig Lenker haben das Buch »The Secret – das Geheimnis« gelesen und wünschen sich nun wunschtechnisch korrekt einen Parkplatz. Wahrscheinliches Ergebnis: Zehn finden einen regulären Parkplatz, zehn stellen sich ins Parkverbot und stehen am nächsten Tag früher als die Polizei auf, um keinen Strafzettel zu bekommen und dreißig weichen in andere Bezirke aus, um ihr Fahrzeug abzustellen. Wer hätte das gedacht?

Nun aber passiert Folgendes: Für zehn Fahrer ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. Sie erzählen dies weiter. Die anderen vierzig schweigen eher oder glauben, dass sie beim Wünschen was falsch gemacht hätten. Entweder sie haben nicht intensiv genug gewünscht oder den Wunsch nicht rechtzeitig losgelassen. Tatsächlich hat die Welt nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitstheorie funktioniert, aber die Menschen interpretieren die Ereignisse so, als würde die Wunschtheorie gelten.

Damit sind wir schon ganz nahe dran an der Antwort, warum Wünschen funktioniert: Bevor ich dir das Geheimnis verrate, begleiten mich aber bitte noch bei einem zweiten Spiel. Dieses Mal musst du nichts tun. Ich nehme mir wieder einen Würfel und wünsche mir, eine Eins zu würfeln. Ich nehme gemäß der Wunscherfüllungs-Theorie zur Kenntnis, dass mein Wunsch nur dann in Erfüllung geht, wenn ich richtig wünsche. Los geht's! Ich würfle – eine Vier (ich habe nicht richtig visualisiert); ich würfle wieder – eine Sechs (der Wunsch kam nicht aus dem Herzen); nächster Versuch: eine Zwei (ich habe mich beim Wünschen etwas verkrampft und nicht rechtzeitig losgelassen); noch einmal würfeln: Eins! Na bitte, wer sagt es denn: Wünschen funktioniert!

Die selektive Wahrnehmung

Du siehst schon, das Geheimnis ist einfach: selektive Wahrnehmung. Das heißt, du blendest die erfolglosen Versuche aus und überbewertest die Positiven. Um das zu verhindern, haben wir beim Würfelexperiment am Anfang des Artikels Buch geführt – das Ergebnis kennst du ja bereits.

Unangenehme Wahrheiten auszublenden macht meistens weder außen noch innen reich

Selektive Wahrnehmung kann auch so funktionieren: Du nimmst dir den österreichischen Industriemagnaten Frank Stronach als Beispiel und siehst, dass man es »vom Tellerwäscher zum Milliardär« bringen kann. Dies ist zweifellos möglich, aber eben im Rahmen der Stochastik: Das heißt, einem Frank Stronach stehen hunderttausende »Tellerwäscher« gegenüber, die es nicht geschafft haben. Ja, es gibt sicher Hunderte, die es vom »Tellerwäscher« in die Gosse gebracht haben. Aber von denen wird nicht berichtet. Die werden ausgeblendet. Wird in dem Film »The Secret« einer interviewt, der in der Gosse gelandet ist? Natürlich nicht. Um auf dem spirituellen Weg voranzukommen, ist es allerdings nicht hilfreich, diese unangenehmen Wahrheiten auszublenden, weder außen noch innen.

Ein weiterer Weg, um zur Wunscherfüllung zu gelangen, liegt darin, die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen des Ereignisses zu erhöhen. Das schaffst du ganz einfach dadurch, dass du die Zeitspanne, in welcher es zur Wunscherfüllung kommen soll, unbestimmt ausdehnst. Beispiel: Du wünschst dir, im Lotto vier Richtige zu erraten. Die Wahrscheinlichkeit in Österreich liegt dabei bei circa 0,14 Prozent. Das heißt, durchschnittlich führt jeder 700. Versuch zu einem Treffer.

Nun sage ich dir folgendes: Das Universum wird dir diesen Wunsch nicht gleich erfüllen – du stehst sozusagen in der Warteschlange –, sondern irgendwann. Die Wunscherfüllungs-Theorie kann dir nicht sagen, wann du drankommst, die Stochastik schon: Es hängt nicht davon ab, wie intensiv du wünschst, sondern wie oft du spielst. Wenn du hundert Tipps pro Monat riskierst, dann ist es recht wahrscheinlich, dass dein Wunsch innerhalb eines Jahres in Erfüllung geht.

Der zweite Trick, die Wahrscheinlichkeit der Wunscherfüllung zu erhöhen, liegt darin, dem Universum seine Kreativität zu lassen und den Weg zur Erfüllung des Wunsches nicht festzulegen. Der Wunsch im Lotto zu gewinnen ist im Sinne der Wunschfibeln kein korrekter Wunsch. Warum nicht? Er ist zu spezifisch. Mit diesem Wunsch kannst du ja jede Woche in jeder Tageszeitung überprüfen, für wie viele Menschen dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist – und du sollst ja nicht frustriert werden.

Der korrekte Wunsch lautet also: »Ich möchte zu viel Geld kommen«, oder so ähnlich. Nun verrate ich dir noch ein Geheimnis, das du in dem Bestseller »The Secret – das Geheimnis« nicht finden wirst: In Österreich besitzt circa jeder 150. Einwohner mehr als 1 Million Euro (Quelle: Die Tageszeitung »Kurier«). Jeden Tag sterben so über den Daumen geschätzt 300 Österreicher. Das bedeutet: Praktisch jeden Tag werden irgendwo in Österreich mehr als eine Million Euro vererbt. Jetzt muss so ein Erbe nur noch auf jemanden treffen, der sich viel Geld gewünscht hat (davon gibt es viele) und entsprechend losgelassen hat. Und schon gibt es einen enthusiastischen Leserbrief, der dann in den diversen Büchern abgedruckt und zur Erhärtung der Wunscherfüllungs-Theorie benutzt wird.

Trotzdem: Wünschen ist gut!

Wünschen macht glücklich, denn der Wünschende fühlt sich in der Welt geborgen und vom Universum getragen wie von einer liebevollen Mutter

Trotzdem ist es gut, zu wünschen. Warum? Wenn du wünschst, fühlst du dich in der Welt geborgen und vom Universum getragen wie von einer liebevollen Mutter. Vielleicht glaubst du auch noch an einen gütigen Gott, dann hast du sogar den idealen Vater. Das alles trägt zu deinem Wohlbefinden bei. Du gehst fröhlicher und vertrauensvoller durch die Welt und machst sie durch deine Anwesenheit und Ausstrahlung schöner, als sie vorher war.

Darum: Wünsche! Ich halte dir ehrlich die Daumen. Aber solltest du dich dabei ertappen, dass du dich abwertest oder schlecht fühlst, weil du angeblich etwas falsch machst beim Wünschen, dann spar' dir das Geld fürs nächste Wunsch-Seminar und tu' dir stattdessen etwas Gutes!

…und zwei Nachbemerkungen

P.S.: Wenn in der nächsten connection Spirit ein Leserbrief erscheint, dass jemand mehr als sieben Mal die Eins gewürfelt hat, dann denk' dir nichts dabei: connection Spirit hat mehr als 10 000 Leser, und die Wahrscheinlichkeit, bei zwölf Mal Würfeln öfter als sieben Mal eine Eins zu würfeln liegt bei circa 1 zu 6 450.

P.P.S.: Solltest du mit der unsichtbaren Welt vertraut sein (Schamane, Hexe) oder übersinnliche Fähigkeiten besitzen, dann weißt du es ja schon: Die andere Welt funktioniert nicht nach den Gesetzen der Stochastik. Wie die unsichtbare Welt auf unsere Alltagswelt einwirkt, das ist ein Geheimnis. Aber darüber wirst du in Büchern wie »The Secret« garantiert nichts lesen.

Erwin Zbiral, Jg. 66, wuchs in Krems an der Donau in Niederösterreich auf und studierte in Wien Psychologie und Versicherungsmathematik. Heute arbeitet er als Bilanzmathematiker bei einer Versicherung, lebt mit seiner Lebensgefährtin in Wien-Alsergrund und freut sich über anders lautende Testergebnisse als die hier genannten an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Sein Buch »Der große Irrtum« ist im connection-Shop erhältlich.


Titelblatt spirit 02/08
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