Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Aufbruch ins Ureigene

Details

Collage mit Bildern von Irene Xander

Balingen, Köln, New York, die Reise einer Musikerin zu sich selbst

Sie lebte in Schwaben auf dem Land, als Mutter von vier Kindern; ihr Mann schlug sich als Musiker durch. Karriere? Entfaltung? Geht nicht, für eine Mutter von vier Kindern, die nicht reich geboren wurde oder reich geheiratet hat. Für Irene Xander lief es anders: Ein Coachingtag zum Thema »Hinreißende Frauen« war für sie der Weckruf zu einem eigenen, echteren, erfüllenden Leben. Zwölf Jahre ist das her. Heute coacht sie selbst und singt und spielt auf den Bühnen der Welt

Von Irene Xander

alt
»Greetings from Europe«, die
Abschlussperformance des HPLT
im August 2009 in New York

Zwölf Jahre hat es gedauert, bis ich ganz und gar echt und authentisch mein Potential entdeckt, entwickelt und gelebt habe. Heute schreibe ich diesen Artikel, um Menschen zu inspirieren, die den Mut haben, ihr eigenes Ich zu finden, es zu leben und damit für die Gesellschaft von Nutzen zu sein! Es war für mich ein harter und intensiver Prozess, all die anerzogenen Verhaltensweisen loszuwerden, die meiner »echten Natur« im Weg standen. Unsere Schulsysteme, Regierungssysteme, Wirtschaftssysteme und andere Glaubenssysteme sind nicht förderlich für die Entwicklung des »echten, humanen, individuellen Menschen«. Doch im 21. Jahrhundert stellen immer mehr Menschen alles in Frage. Sie haben keine Lust mehr auf Kriege, dumpfe Beziehungen, Ausbeutung, Verrat und Unterdrückung, wie die alten Systeme sie anbieten und fördern. Außerdem kann man heute nicht mehr wegschauen, weil alles an die Oberfläche kommt und unter der netten Oberfläche apokalyptische Szenarien die Medien bestimmen. Wir sind so nett und feiern uns zu Tode, wir teilen die Welt wieder mal mit Kriegen neu auf und tun dabei alles, um den Planeten in die Luft zu jagen.

Ein Dialog, der mich umwarf

Genau zwölf Jahre ist es her, am 20. Januar 1998, da traf ich meine Mentorin Sonja Becker zum ersten Mal. Sie hat an diesem Tag mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt und mir mein wirkliches Potential gezeigt. Der schockierende Moment passierte bei einem Coachingtag in Stuttgart zum Thema »Hinreißende Frauen«. Ich erlebte mit ihr einen Dialog der »echt« war, einen Blick hinter die Kulissen, der mich wach machte und sehen ließ, was tatsächlich da ist. Im Gegensatz zu einem Leben voller Annahmen, Interpretationen, Hoffnungen und falschen Vorraussetzungen wurde ich dort auf mein Ich (= Selbst) oder auch: auf meinen Genius gestoßen.

alt
Irene Xander und Carla Maffioletti (beide
Sopran)in der Musik- und Bühnenproduktion
»Auf eigene Faust« in München, Mai 2008

Üblicherweise begegnen sich Menschen immer mit Kritik und Vorurteilen. In diesem Dialog war das anders. Ich wurde nicht oberflächlich attackiert, was Menschen halt so machen, wenn sie noch nicht human sind. Nein, hier stand eine Frau, die mich mit echter Neugierde und Respekt vor meiner Größe inspirierte und schockierte! Ich saß im Seminar mit blauen Baumwollstrumpfhosen, klobigen Stiefeln und blauem Wollpullover; Sonja Becker trug ein blaues Samtkleid mit einer Silberkugel als Kette – ihre ganze Erscheinung und die Umgebung waren sehr elegant und luxuriös. Sie sprach viel von »Business« – erst in dem Moment, als sie sagte, sie habe fünf Kinder und habe sich neben der Familie ein internationales Geschäft aufgebaut, wurde ich hellhörig. Ich steckte ja noch in den dumpfen Mustern des Desinteresses an anderen Menschen und hatte Sonja längst in die Schublade »Geschäftsfrau« gepackt. Die fünf Kinder passten da nicht ins Bild von Business, geschweige denn das von Leadership. Es hat bei mir tatsächlich zwölf Jahre gebraucht, Sonja Becker wirklich kennen zu lernen.

Natur, Kinder, Familie und Prinzipien

Zu diesem Zeitpunkt war ich Hausfrau und Mutter, mit vier Töchtern, Biogarten, Getreidemühle, selbstgebackenem Brot, Stoffwindeln, Holzheizung, Klavierlehrerin und Lehrerin für musikalische Früherziehung. Wir lebten auf dem Land. Mein damaliger Mann war Musiker und als solcher viel unterwegs, mit Musikcomedy, »Babs und die Boogie Boys« und den »Amazing Tophats«, einer der ersten Gruppen, die »Comedian Harmonists« sangen, noch Jahre vor dem großen Boom. »Echt« waren für mich die Natur, die Kinder, meine Familie, und ich hatte meine Prinzipien. Ich bekochte die Künstler, die sehr häufig bei uns übernachteten und sich für Proben trafen.

An besagtem 20. Januar ging ich also, auf Empfehlung einer guten Bekannten, zum »Coachingtag«. Mein Mann hatte eine Krise, denn die Hauptsängerin in seiner Band hörte auf. Es kam plötzlich und unerwartet, die Verträge mit den Veranstaltern waren für das ganze Jahr hatte sie abgesagt. Ich stand unter Schock, denn damit war unsere Existenz gefährdet. Von meinem kleinen Einkommen nebenher konnten wir auf keinen Fall leben.

Was Sonja Becker mir damals sagte, sollte mein Leben bis heute nachhaltig ändern: »Wolltest du nicht ursprünglich mal Sängerin werden und auf die Bühne? Wolltest du nicht insgeheim schon immer selbst eine Truppe, die du managen und mit der du auftreten kannst?« Dann sagte sie zu mir, ich hätte zwei Hauptpotentiale: erstens die Diva und Opernsängerin; zweitens Leadership, das Führen von Menschen.

Hausfrau und Mutter

Ja, ich hatte verschiedene Anläufe gemacht. Z.B. den »Coro Nuovo«: acht Leute, mit denen wir in Italien Straßenmusik machten, aber das reichte mal eben zum Pizza essen, leben konnte man von diesen Dingen nicht. Seit einigen Jahren hatte ich auch immer wieder Gesangsunterricht genommen, aber auch das »Just for fun« oder für Familienfeste. Mein Mann sagte damals immer: Warum nimmst du eigentlich Unterricht, du machst doch eh nichts damit? Dabei hatte ich sogar Musik studiert.

»Ich und ›der große Auftritt‹? Das passte für meinen Mann nicht«

Mein Mann sah nur sich als Künstler und als begabt. Mich sah er in der typischen Frauenrolle: unsere Kinder zu erziehen und andere Kinder am Klavier zu unterrichten. Ich und »der große Auftritt«? Das passte für ihn nicht. An diesem Tag mit Sonja Becker sah ich, dass ich diese Krise selbst mit herbeigeführt hatte. Was war hier »echt«? Diejenige, die ich bisher war? Wer war ich »wirklich«, hinter allen meinen Grundsätzen und Vorstellungen vom Leben? Was waren meine tieferen Wünsche, Bedürfnisse, und welcher Lebensstil gehörte tatsächlich zu mir?

An diesem Tag wurde ich in einer Klarheit widergespiegelt, die ich bisher nicht kannte. Zum ersten Mal wurden diese zwei Potentiale, die Sängerin und die Führerin, in mir angesprochen. Bisher hatte ich mich mehr im Hintergrund gesehen, mit »Haus und Hof«, den Kindern und einem Mann, der Karriere machte.

alt
Irene Xander bei einem Konzert
auf der MS Westfalen, 2007

Gesangsunterricht?

Und das war der zweite Schock: Ich sollte selbst die Rolle der Sängerin übernehmen! Ich spürte zwar den tiefen Wunsch, selbst zu musizieren und selbst im Rampenlicht zu stehen, aber ich hatte nicht den Mut dazu. Tief in meinem Innern jedoch wusste ich, dass diese Krise etwas mit mir zu tun hatte. Sie war wie eine noch unbewusste Unruhe, die nach Veränderung rief. Ich wollte nicht mehr nur im Hintergrund bleiben und die Talente anderer Menschen bewundern. Hinter alledem war ich so wütend und unzufrieden mit meinem Schattendasein. Es führte kein Weg daran vorbei: Ich musste den »Beobachterposten« und selber loslegen.

Nach dem 20. Januar 1998 überschlugen sich die Dinge förmlich: Zwei Wochen später lernte ich bei einer Party in einer ausgebauten Scheune meine zweite Mentorin kennen: Maria Zahlten-Hall, eine begnadete Opernsängerin. Sie hatte bereits Weltkarriere gemacht, war mit Marilyn Horne auf der Bühne gestanden, war Schülerin von Lotte Lehmann und lebte nun im Schwarzwald auf ihr Altenteil. Ich fasste mir ein Herz und fragte sie, ob sie mich ausbilden würde. Nachdem ich gesungen hatte, meinte sie: »Naja, das Material ist ganz gut, Sie können mal kommen.« Nach einer Fahrt von eineinhalb Stunden durch den Schwarzwald traf ich bei ihr ein, wir unterhielten uns, aber als sie erfuhr, dass ich vier Kinder hatte, sagte sie: »Geh nach Hause und kümmer’ dich um deine Kinder und deinen Mann! Wir lassen das, es hat keinen Sinn.«

Erstmal Geld verdienen

Zu Hause angekommen, rief ich wieder an und fragte: Was muss ich machen, wenn ich wirklich Singen lernen will? Sie: »Zuallererst nimm dir eine Kinderfrau und eine Putzfrau und sing jeden Tag drei Stunden lang. Dann kaufst du dir Turnschuhe und joggst jeden Tag mindestens 30 Minuten lang. Dann machen wir sechs Probestunden und sehen, ob es etwas bringt.« Die Herausforderungen begannen: Woher eine Haushälterin und Kinderfrau nehmen? Wie bezahlen? Die Stunde kostete mich jede Woche 80 DM plus den Sprit zum Fahren, dann Babysitter für den Nachmittag, an dem ich weg war, das waren 250 DM pro Woche, die ich nicht hatte.

Ich machte nun alles, um mehr Geld zu verdienen: Ich betreute noch mehr Kinder, gab mehr Klavierunterricht – Noten üben mit dem Dorfgesangsverein, egal was, ich war mir für nix zu schade, denn der Wunsch war da und groß, und ich wusste auch sofort, dass ich es machen musste, wenn es etwas werden sollte mit der Wende in meinem Leben.

Spielerisch sein

Gutbürgerlich erzogen, war ich höflich, zuvorkommend, zurückhaltend. In den Unterrichtsstunden bei Maria aber sollte ich auf ein Mal heulen, schreien, mich auf den Boden werfen, schauspielern… Das war der dritte Schock: Ich konnte einfach nicht aus mir herausgehen und spielerisch sein. Maria versuchte alles, um mich außer Kontrolle zu bringen, mit wenig Erfolg. Eines Tages saß sie auf dem Klavierstuhl, sie spielend, ich singend, und ganz plötzlich fiel sie auf den Boden. Sie schnaufte und röchelte, und da sie schon an die 80 Jahre alt war, ging ich zum Telefon, um einen Arzt oder Krankenwagen zu rufen. Es sah ernst aus, und wir waren mitten im Schwarzwald, weit weg von jeder größeren Stadt. Ich hatte Angst, dass es ein Infarkt oder etwas Ähnliches sein könnte. Plötzlich aber stand sie auf und lachte, und lachte, sie hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Was da in mir wach wurde, war einfach nur noch Wut, unglaubliche Wut. Wie konnte sie mich nur so erschrecken? Das war nicht mehr lustig, bei solchen Dingen hörte der Spaß auf.

Ich schrie sie an: »Du hast überhaupt nichts Echtes! Alles, was du machst, ist reines Schauspiel! Du führst die Leute an der Nase herum und bist total unauthentisch!« Sie lachte immer weiter, hörte nicht auf zu lachen und sagte dann nur: »Meinst du, was du mir hier vorspielst, meinst du, wer du hier vorgibst zu sein, meinst du, das ist echt?«

»Ich fühlte mich gefangen in meiner eigenen Nettigkeit, hinter der eine riesige Wut steckte, nämlich die, dass ich mein Leben nicht lebte«

Die Lebenslüge

In diesem Moment spürte ich die ganze Lüge hinter meiner Zurückhaltung, meine Seele (mein Genius, Ich, das Selbst, was auch immer) einfach nicht ausspielen zu können, mich nicht zu zeigen, sondern mich zu verstecken hinter höflichen Floskeln und einem »Gutdastehen«. Plötzlich spürte ich dieses riesengroße Herz von Maria und fühlte mich gefangen in meiner eigenen Nettigkeit, hinter der eine riesige Wut steckte, nämlich die, dass ich mein Leben nicht lebte und mich nicht zeigte.

»Leadership« und »Sängerin«, das waren meine echten Themen, die galt es jetzt zu entwickeln. Das fühlte sich im Moment aber gar nicht bravourös an. Ich erstickte so schon in der Arbeit mit den Kindern, und jetzt auch noch Geld verdienen und üben und diese Coachingausbildung? Was ich dort in den folgenden Jahren lernen sollte, war: Solange ich selbst nicht lebe, wer ich wirklich bin, ist meine Wahrnehmung komplett verschoben, und ich stecke fest in Meinungen, Urteilen, Emotionen, Ängsten, Traurigkeit, Wut und Druck. Die einzige Auflösung für diese »Welt voller Schein« ist: mein Leben voll und ganz zu leben!

Den Alltag spielen

Vier Kinder und Haushalt, und jetzt auch noch meine eigene Karriere, das war ein Spagat. Mein Mann und ich begannen nun tatsächlich zusammen aufzutreten. Wir gründeten ein Duo für Musikkabarett: »Berta&Fritz«. Berta war die Möchte-gern-Opernsängerin vom Lande, die es einfach nicht schaffte, an die großen Bühnen zu kommen – was ja in der Realität auch so war. Wir spielten einfach alles aus unserem Alltag mit Ehe und Kindern. Nach jedem Auftritt war ich glücklich und ausgeglichen. Es gab weniger Streit zu Hause, ich war echter. Nun war ich zwar zeitlich weniger zu Hause und oft unterwegs, hatte Babysitter, Putzhilfen, Au-Pairs, aber wenn ich da war, hatten wir Spaß, und ich war bei den Kindern ohne Frust und Druck, war ganz bei der Sache, wir waren echt zusammen und füreinander da. Die Kinder fingen an, auch Lust auf Bühne zu bekommen, so starteten wir mit der »Xander Family Show«, in der alle auf die Bühne kamen, sangen und tanzten. Meine zweite Tocher bekam eine Hauptrolle im Fernsehen bei »Liebe und Verlangen« mit Katja Flint, und die Mädchen gründeten eine Teen-Tanzgruppe, die »Pretty Girls«, mit der sie erfolgreich auftraten.

Voller Einsatz

Meine »High Performance Leadership Training« mit Sonja Becker führte mich in den folgenden Jahren oft, auch zusammen mit meiner Familie, in die USA, nach Texas oder New York. Wir nahmen da doch tatsächlich alle vier Kinder mit! Einmal wohnten wir da in einer schlimmen Bude ohne Klimaanlage, und auf der Straße waren so viele Menschen, dass man fast nicht zur Wohnungstür herauskam – es war in Harlem, das war damals noch mehr als gefährlich. Als ich einem Amerikaner erzählte, dass meine Kinder ganz friedlich in der Hitze mit den schwarzen Kindern im Brunnen spielten, wurde er ganz bleich und sagte: Ihr müsst sofort ein Hotel nehmen! Da wir wirklich nicht viel Geld hatten, nahmen wir zu sechst für einen Monat ein Zweibettzimmer, in dem wir dann auch noch die Wäsche aufhängten. Wieder war ich in einer Situation, der ich mich wirklich stellte und alles gab. Leichter wäre der Weg des Beobachters und Kritikers gewesen: Die anderen zu verurteilen, wieso dieses Training ausgerechnet in New York City sein musste, mit solchen Unkosten für uns, usw. Nein, mir war klar: Leadership hat genauso eine Intensität, die es zu erlernen galt, wie der Profiunterricht mit Maria. Beide großartigen Seiten in mir zu erwecken, das brauchte vollen Einsatz, und den war ich bereit zu geben.

Andere Coachen

Durch die kosmopolitischen Erlebnisse in den USA und den Aufenthalt in New York ging eine neue Dimension für mich auf. Ich begann, andere Menschen zu fördern und zu coachen, selbst echt zu werden und den Selbstausdruck anderer zu wecken. Darunter ein Hausmeister, Ulli Doll, der eigentlich Sänger war; zwei Tänzerinnen, die mit wenig Lohn in einer Tanztruppe arbeiteten, und deren Wunsch nach Familie und Kindern gar nicht wach werden konnte, mittlerweile hat jede schon ihr zweites Kind und eine eigene Tanzcomedyshow; Angestellte, die sich selbständig machten; eine Massagetherapeutin aus Bergisch Gladbach; Josefine Fett, die nach New York zog, um dort eigene Shows auf die Beine zu stellen; eine Sprachtherapeutin, Sabine Walter-Ziemons, die jetzt tanzt und coacht und Menschen heilt; eine engagierte Mutter aus dem Schwarzwald, die jetzt als Topcoach in die Welt zieht; Claudia Scherzinger; Margit Königsecker, die sich den Wunsch nach Familie noch in späten Jahren erfüllte und im Moment in New York ein Leadershiptraining leitet; ein »Urschwabe«, der nach Texas auswanderte, dort jetzt als Filmproduzent arbeitet und glücklich verheiratet ist mit einer Amerikanerin.

Ich lernte die Grundlagen vom »Neuen Unternehmertum«, begann die von Sonja Becker gegründete Unternehmerschule in Köln aufzubauen und andere Frauen zu unterstützen, auf Grundlage ihrer ureigensten Talente und Wünsche ihr eigenes Geschäft aufzubauen. Wie schon zuvor mit meinen Kindergruppen startete ich im Kleinen zu Hause in unserem Wohnzimmer. Kaufte bei IKEA einen günstigen Tisch mit Beinen zum Anschrauben, denn so konnte er für den Rest der Woche an der Wand unauffällig gelagert werden; außerdem ein Flipchart, zwölf Klappstühle, und los ging’s! Einmal in der Woche kamen die Frauen, um »Neues Unternehmertum« zu erlernen, wobei ich jedes Mal mit einem Riesenbammel in den Seminartag ging, ich ja hatte selbst erst gerade angefangen. Zum Teil kamen gestandene Geschäftsfrauen in dieses Training, die seit Jahren im Businessalltag sich behaupteten – und ich sollte ihnen etwas beibringen??

Kinder, Kinder …

Allen dieser Alltagsabenteuer zum Trotz brachte ich dann in der Abendpause schnell die Kinder ins Bett, in der Hoffnung, dass sie im Zimmer bleiben und mir nicht mitten ins Seminar platzen würden, wo peinliche Szenen entstehen könnten. Einmal leitete ich ein Seminar in einem Raum gegenüber von unserer Wohnung. Als ich gerade die erste Stunde Training hinter mir hatte, ging die Tür auf, und in der Tür standen vier Kinder in Schlafanzügen, die kleinste im Schlafsack bei der Größeren auf dem Arm, mit ihren Kuscheltieren und sonstigem Spielzeug: »Wir können nicht schlafen…« – sehr zur Erheiterung der ganzen Gruppe. Mir aber war das alles nur peinlich!!! Ich musste das Seminar stoppen, meine Kinder über den Hof bringen, und sie wieder ins Bett verfrachten. Sie hatten sämtliche Spielperlen, die wir hatten in die Matratzen gestreut, es dauerte also eine Weile, bis ich wieder im Seminar war.

Neustart in Köln

Die UnternehmerInnenschule hatte ich nach unserem Umzug nach Köln begonnen, das war einer der größten Schritte. Wir mussten unser mit viel Schweiß ausgebautes Bauernhaus am Rande der schwäbischen Alb aufgeben – wir hatten wirklich geplant, dort den Rest unseres Lebens zu bleiben und die Kinder für die nächsten zwanzig Jahre auf die dortige Waldorfschule zu schicken. Nun in Köln nochmal komplett neu starten, mit nichts – ohne Job, ohne Sicherheit? Auch mein Mann fing von vorne an. Seine Comedytruppe hatte sich aufgelöst, und unsere Auftritte waren alle im süddeutschen Raum und nicht so lukrativ, dass man die weite Strecke hätte fahren können.

Als ich in meiner Verzweiflung am Rhein entlang spazieren ging und mich dort auf einen großen Stein setzte, um ins Wasser zu blicken, sagte meine kleine Tochter Lena zu einer Frau, die ebenfalls dort auf einem Stein saß: »Ich kann schon Fahrradfahren!« Die Frau fragte dann, was ich denn so mache und fand das sehr interessant. Wann fängt das denn an? Sie wurde meine erste Coachingkundin und schickte mir über Jahre immer wieder neue Kunden.

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Lektionen, die ich im Lauf der Jahre gelernt habe: Man kommt nur weiter, wenn man immer wieder bereit ist, alles loszulassen und ganz neu anzufangen.

Bald wurde unser Wohnzimmer zu eng: Es kamen immer mehr Frauen in die Schule, und mit der Familie und den Kindern war das zu Hause bald nicht mehr tragbar. Eines Tages sagte mein Mann: »Schau, da drüben hängt ein Zettel, ›Büroräume zu vermieten‹«, worauf ich am nächsten Tag dort hinmarschierte. Die Räume waren wirklich toll, mit Blick auf den Rhein, super ausgestattet und mitten in Köln. Aber der Preis – unmöglich. Und da war wieder meine Mentorin Sonja Becker, die sagte: Mach’s!

So eröffneten wir kurze Zeit später ein Büro mit Seminarräumen. Parallel dazu kam der nächste Wink des Schicksals: Das Theater, das wir nun schon ein paar Mal gemietet hatten für kleinere Shows und Workshops, machte zu. Der Besitzer kam auf uns zu und sagte: Ich höre auf, wollt ihr das Theater nicht ganz betreiben?

Auch das noch! Eben das Büro, das Haus in Köln, das abzuzahlen war, und jetzt noch ein Theater – unmöglich. Und dann sagten wir dort auch hier wieder Ja. Ich weiß noch, wie ich an einem Tag bei IKEA Sektgläser für zwei Eröffnungen kaufte und hatte solchen Schiss, dass alles in die Hose gehen könnte und wir dann nur noch mit einem Berg Schulden dasitzen würden.

»Echt« ist nicht nur der ökologische Lebensstil, sondern es hat damit zu tun, wer wir Menschen wirklich sind

Von Balingen nach New York

So machten wir also ein eigenes Theater auf, zuerst in Köln, dann mit dem Leadershipteam und Sonja Becker in New York, ein Theater direkt am Times Square. Als ich dann dort, am Times Square, im Treppenhaus stand mit dem Pinsel in der Hand und die Wände strich, hatte ich ein Deja-Vu: Mir fiel unser erstes Haus auf dem Land ein, das wir komplett in Eigenarbeit renoviert hatten – jetzt war es für ein größeres Spiel, in dem viele Menschen sich ausdrücken konnten. Eine ganz andere Plattform als damals, als es nur mein eigenes, kleines, privates Leben war. Das Treppenhaus hatte doch tatsächlich die gleiche Holzvertäfelung wie unser altes Bauernhaus in Balingen-Weilstetten!

»Da begann ich zu sehen, dass über 90 Prozent der Menschen nicht die geringste Ahnung davon haben, wer sie tatsächlich sind«

Durch meine Mentoren und die Zusammenarbeit mit so vielen Menschen begann ich immer mehr zu sehen, dass »echt« nicht nur der ökologische Lebensstil sein konnte, sondern dass das vielmehr damit zu tun hatte, wer Menschen wirklich sind, hinter ihren Fassaden. Und dass über 90 Prozent der Menschen nicht die geringste Ahnung davon haben, wer sie tatsächlich sind, da das in Schulen, Universitäten und den Berufsschmieden der Gesellschaft nicht beachtet wird.

alt
»Tanz der Sterne« aus dem Musical »Des Egos Trip zum Ich«

Das Echte herauskristallisieren

Einzelne haben das Glück, oder die passenden Umstände – die Boris Beckers, Heidi Klums und Angelina Jolies – wirklich ihr Leben zu leben, für die anderen aber ist Normalität angesagt. An meinem eigenen Beispiel erfuhr ich, dass das nicht so sein muss, sondern dass es möglich ist, sein echtes Wesen zu finden und zu leben. Heute habe ich mir eben dies zur Aufgabe gemacht: Das Echte herauszukristallisieren mit Menschen und daraus einen Lebensstil und ein Geschäft zu bauen.

Mit dem Team von Sonja Becker, das durch Leadership Coaching weltweit Menschen fördert, erwachsen zu werden, hatte ich Menschen gefunden, die andere darin ausbilden, echt zu werden und ihren eigenen Stil zu finden. Darum war für mich dann auch schnell klar, dass ich in solch einem Team dabei sein wollte. Das brachte mich dazu, dass ich dort im Lauf der Jahre eine Führungsposition erreichte, die sich aus meiner großen Liebe, Menschen zu fördern, ergab und nicht durch Titel erworben wurde. Nun habe ich meine erste Schülerin, für die ich selber Mentorin bin. Im Januar 2010 starteten wir die »Wailea Music Academy«. Mit Christiane Komarek und der musikalischen und künstlerischen Leitung des Dirigenten, Pianisten und Komponisten Prof. Wolfgang Trommer wollen wir Menschen, die Musik lieben, helfen ihre Träume zu leben. Die Begegnung mit ihm war auch wieder ein Erlebnis von Echtheit und echter Musik. Ich freue mich darauf, dass wir in Zukunft Künstler darin ausbilden können, ihren eigenen Weg zu gehen, und sich nicht einschüchtern zu lassen von vorgegebenen Pfaden und alten Lernsystemen, die die Brillianz von Menschen klein halten, weil sie nicht imstande sind, den Genius im Menschen zu entwickeln.

Menschen klein halten

Mein Gesangsprofessor an der Hochschule in Stuttgart hatte zu mir gesagt: »Wenn man schon keine Stimme hat, wie Sie, dann sollte man wenigstens schauspielerisches Talent haben, um das zu überspielen. Da Sie das aber auch nicht haben, sollten sie es lieber lassen.« Nach diesem Satz hatte ich damals stundenlang im Park neben der Stutgarter Musikhochschule heulend auf der Parkbank gesessen. Bin dann zurück in die Hochschule und habe mich für das Fach Klavier eingeschrieben. Das war’s dann erstmal für die nächsten fünfzehn Jahre mit dem Singen. Solche Professoren können einem Menschen das Genick brechen. In den herkömmlichen Schulsystemen und Wirtschaftssystemen wird man nicht wirklich gesehen, gefördert und herausgefordert. Im Gegenteil, wir werden dort sogar systematisch manipuliert, um reinzupassen und weiterhin den Kriegsmaschinen und dem Kapitalismus zu dienen, um wieder nur ein Fähnchen im Wind, ein Soldat mit Firmenwagen oder Zuarbeiter zu bleiben.

Es entsetzt mich, wie ignorant Menschen andere Menschen ausbilden und führen, und wie wir uns an solche Inkompetenz und solchen Druck gewöhnen, weil es ja anscheinend alle so machen und es überall so ist. Durch meinen ungewöhnlichen Lebensweg und einige glücklich Begegnungen habe ich den Mut gefunden, es auch nach solch einem fatalen Satz doch noch mal zu probieren.

Auf eigenen Füßen stehen

Inzwischen habe ich viele Musikproduktionen mitgeleitet und auf die Beine gestellt: 2007 »Die Steppenwölfe«, 2008 »Auf eigene Faust«, 2009 »Sophia oder die Wiederkehr der Weisheit«, ich war als Solistin in der Platin Scala, über die ich Wolfgang Trommer kennenlernte und das Ensemble von André Rieu. Die großen Bühnen rückten immer näher…

Glückliche Menschen machen auch andere Menschen glücklich

Im Mai 2010 leite ich das High Performance Leadership Training »Musical« in München und im August 2010 »Performing Arts« in New York – für alle mutigen Menschen, die die Bühne lieben und wach werden wollen mit ihrem Genius. Ende 2010 gehen wir mit den Mutigen, die sich das trauen, in die Carnegie Hall. Dies sind Bühnen- und Musikevents, in denen jeder voll in seinem Selbstausdruck ist und jeder eine Chance hat. Zu meiner großen Freude sind meine vier Töchter auch dabei, sowie meine neue Lebenspartnerin (auch hier wurde ich ehrlich und habe keine Kompromisse mehr gemacht, von wegen »was denken die anderen«). Meine Mädchen sind langsam groß, für sie ist mein Weg eine Inspiration, ihr Leben mutig und kreativ selber zu gestalten und sich zu trauen, den Lebensstil zu leben, der individuell zu ihnen passt. Ich möchte Menschen um mich haben, die ihren Traum leben und mit ihrem Genius in der Gesellschaft einen Beitrag leisten. Glückliche Menschen machen auch andere Menschen glücklich – und in meinem Leben gehört Musik zum Glück.

Photo

Irene Xander, Jg. 64, studierte Klavier und Gesang an der Hochschule für Musik in Stuttgart. Dann vierjährige Leadershipausbildung bei der Wailea GmbH und Operngesang bei Maria Zahlten Hall. Leitet heute selbst Leadership-Trainings, v.a. in Deutschland und den USA. Zs. mit Christiane Komarek Gründung der Wailea Music Academy.
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.wailea.de


Cover 03/10
Bestellen

{jcomments on}

   
© Connection AG 2015