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»Guru« befasst sich mit den Schattenseiten von Osho und der Sannyasbewegung

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Guru
Foto: pandorafilm.de

Was lief schief?

Osho und seine Sannyasins standen in den Jahren 1974 bis 1990 an der Spitze der psychospirituellen Avantgarde, dann aber erstarrte die Rezeption dieses phänomenalen Aufbruchs in Freund- und Feindbildern. Der soeben erschienene Film »Guru« der Schweizer Regisseure Sabine Gisiger und Beat Häner macht Hoffnung auf eine neue Rezeption des genialen Mystikers, der eben auch seine Schattenseiten hatte, und der von ihm ausgehenden weltweiten Bewegung  

Nach ein paar Vorführungen in der Schweiz seit April wird der Film ab dem 26. September in deutschen Kinos gezeigt und wird dort Osho-Liebhaber wie -Gegner aufrütteln und vermutlich viele tausend Neugierige, die noch nie von ihm gehört haben, dazu bringen, seine Bücher zu lesen (es sind hunderte), seine Reden sich anzuhören (die dürften tausende sein) und seine Meditationen und Therapien auszuprobieren, die in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts so viel Aufmerksamkeit und »öffentliches Ärgernis« erregten.

Auch mich hat der Film neu aufgerüttelt, obwohl ich die Geschichte inklusive ihrer kontroversen Seiten recht gut kenne, bin ich doch Teil dieser Bewegung gewesen und einer ihrer Akteure. Der Film bringt neue, bislang unveröffentlichte Archivaufnahmen, und er stellt die zentrale Frage, was damals, in Oregon (für Insider: »auf der Ranch«) in den Jahren 1983-85 schief lief, auf so pointierte Weise, dass sie kaum jemanden kalt lassen wird, der sich für Utopien interessiert, für die Tiefen der menschlichen Seele und dafür, wie weit wir Menschen imstande sind, »das Paradies auf Erden« zu erschaffen.

Guru
Foto: pandorafilm.de

Die Zeugen

Warum bezieht sich dieser Film als Hauptzeugen des Geschehens vor allem auf Hugh Milne, Oshos ehemaligen Leibwächter und Sheela Birnstiel, seine ehemalige Sekretärin? Vielen Osho-Freunden dreht sich bei diesen Namen erstmal der Magen um, und der Verdacht kommt auf, dass dieser Film einseitig parteiergreifend sein könnte. Ist er aber nicht. Die Regisseure fanden in den beiden »archetypische Figuren aus dem Zentrum der Macht, in einer Geschichte, die über die Geschichte der Neo-Sannyasins hinausweist.« So ist es. Hugh, Sheela und Osho sind Figuren in einem Drama, das für alle spirituellen und utopischen Bewegungen ein Lehrstück sein könnte. Beide bekennen in dem Film, für mich völlig glaubhaft, ihre Liebe zu Osho und äußern zugleich Kritik an ihm, die nicht leicht von der Hand zu weisen ist – genau das, was es braucht für eine solche religiöse Bewegung, wie auch für jede andere soziale und politische Bewegung. Der Film lässt beide abwechselnd sprechen, unterbrochen von Archivaufnahmen. So ähnlich übrigens, wie die BR-Regisseure, die 1996 einen Film über Sheela und mich gemacht haben (»Im Schatten des Meisters«), aber dieser Film »Guru« geht viel tiefer.

Die Aufnahmen aus der Vor-Poona-Zeit in Indien zeigen einen jungen und magisch faszinierenden »Acharya«, dann »Bhagwan« (Shree) Rajneesh. Sein Buch »From Sex to Superconsciousness« wurde im prüden Indien ein Riesenerfolg, und mit seinen Reden über Religion und Psychologie schlug er Tausende von Indern in seinen Bann, seit den 70er Jahren zunehmend auch Westler, Japaner, Brasilianer, Menschen aus aller Welt. Auch wer auf Hughs und Sheelas Urteil über Osho/Bhagwan keine großen Stücke gibt, dürfte diese Aufnahmen genießen – und kann die Lebensgeschichten der beiden vielleicht auch als »für sich stehend« sehen: als Suchende, die auf ihrem Lebensweg an eine Gestalt wie Osho gerieten, von der beide trotz ihrer Kritik auch heute noch in den höchsten Tönen schwärmen (Sheela immer wieder: »Ich liebe ihn!«)

Der Irrweg

Unter dem Vielen was der Film hergibt, möchte ich zwei Punkte herausgreifen. Der erste ist Hughs Antwort auf die Frage, was schief lief. Für ihn war das der Punkt, wo Osho selbst (Hugh nennt ihn Rajneesh, um sich von seiner Zeit als Jünger zu distanzieren) von sich sagt, er sei der Messias, auf den Amerika gewartet hat – oder durchblicken ließ oder andere von sich sagen ließ, sein Weg sei nicht irgendein spiritueller Weg, sondern der spirituelle Weg, der richtige, der einzig wahrhaft tief gehende. Ab hier beginnt für Hugh die Verirrung, der Größenwahn, der Verrat an dem, was in »Poona I«, in Rajneeshs erster indischer Phase noch so leuchtete und Hugh so faszinierte, dass er nach seinem Rausschmiss durch Sheela (nachdem er auf der Ranch milde Kritik geäußert hatte) sogar einen Selbstmordversuch unternahm. Krass abstoßend war für Hugh auch, als er seinen in Indien noch so souverän wirkenden, quasi übernatürlich strahlenden Meister in Oregon die Droge Lachgas nahm sah. Auch wenn für mich das Wissen um die Schwächen von Osho nicht zum Abschied führte oder gar zu einer großen Lebenskrise (ich war damals Sannyasin und wusste von den Lachgas-Exzessen und einiges auch von Sheelas toughem Regime), möchte ich Hughs Analyse im Wesentlichen zustimmen.

Sorgloser Umgang mit Fakten

Der zweite Punkt ist Oshos unwahrhaftiger, disloyaler Umgang mit Sheela. Am krassesten ist für mich die Stelle, wo er ihr (neben vielem anderen) die Ermordung ihres ersten Ehemanns Marc Silverman unterstellt, um damit selbst dem Gefängnis zu entgehen. Dazu passend Oshos Behauptung, an der Eskalation der Androhung von Gewalt (zu realer Gewalt kam es zum Glück kaum) auf der und um die Ranch in Oregon (Osho selbst nannte Sheelas dortiges Regime später »Faschismus«) sei Sheelas Machttrip schuld. In Wirklichkeit hat er selbst die Anweisungen gegeben und Sheela immer wieder angestachelt, noch härter gegen die Opposition aus dem umliegenden Oregon vorzugehen. Ich habe Sheela nach ihrem Gefängnisaufenthalt zu diesem Thema selbst befragt und glaube ihr, zumal ich Oshos unbekümmerten Umgang mit Fakten von anderen Stellen her schon kannte: Osho vertrat eine Ebene von Wahrheit, in der Fakten keine so große Rolle mehr spielen – an diesem Punkt leider zum Schaden von Sheela.

Ausreden

Es ist Zeit für eine neue, geschichtsbewusste Rezeption dieser phänomenalen psychospirituellen Bewegung

Ich weiß natürlich, was gläubige Schüler von Osho (und anderen spirituellen Meistern) dazu sagen: Der Meister darf das. Er steht über den Fakten. Er ist nicht zur Loyalität verpflichtet, auch seinen Schülern gegenüber nicht. Wenn er sich Rolls Royces zulegt und teure Uhren oder Sheela gegenüber das Vertrauen bricht, dann sind das Provokationen des Meisters, um den/die Schüler dazu zu bringen, von Vorurteilen abzurücken (z.B. die Idee, ein spiritueller Meister dürfe nicht reich sein) und damit sie auf eigenen Füßen stehen. Ich meine jedoch, dass das Ausreden sind, die dieses Verhalten beschönigen. Das darf so gesagt werden, trotz Oshos Meisterschaft, es sollte vielleicht auch so gesagt werden, und es schmälert die Verdienste dieses großen, erleuchteten Mystikers und spirituellen Meisters nicht, die er in anderer Hinsicht hat: die von ihm entwickelten Meditationen und Therapien, die grandiose Zusammenfassung und Präsentation transkultureller Mystik, sein fördernder Umgang mit tausenden von Menschen (ich bin einer von ihnen), deren Leben ohne ihn so viel weniger Glanz, Liebe und Tiefe gehabt hätte.

Scheitern

Auch hierin möchte ich Hugh zustimmen: Das Experiment eines Zusammenlebens von mehr als 10.000 Sannyasins in Rajneeshpuram, Oregon ist »leider« gescheitert. Es war ökologisch vorbildlich, es war ein »Buddhafeld« (ein für spirituelles Wachstum und »Erwachen« gut geeignetes Feld), es war ein Platz, an dem tausende in liebevoller Atmosphäre so gut wie gewaltfrei und (zunächst) fast ohne Konflikte miteinander lebten. Und es ist gescheitert. Dieses Scheitern nachträglich als Lehrstück des weise vorausschauenden Meisters darzustellen, der uns damit etwas zeigen wollte (z.B. wie schlecht wir mir Macht umgehen können), ist eine Ausrede, eine Beschönigung. Ich bin mir sicher, dass auch Osho das Ende der Ranch nicht so beabsichtigt hat. Besser, man nennt ein Scheitern »Scheitern« und nicht »kluges Lehrstück«, denn erst dann kann es für andere Experimente – in diesem Falle von sozialen, politischen und spirituellen Utopisten – eine Lehre sein.

Die Rezeption

Mit Rainer Langhans habe ich in dem Jahrzehnt nach dem Scheitern der Ranch (1985) oft über Osho gesprochen. Er sagte mir immer wieder: Ihr habt da noch einiges aufzuarbeiten. Diese Geschichte ist noch nicht verarbeitet, sie ist verdrängt. So ähnlich wie die Deutschen nach 1945 sich erst einmal nicht mit der Nazizeit beschäftigen, sondern wieder zu sich kommen, »wer sein« und was aufbauen wollten. Ich habe auch mit Rudolf Bahro, Joachim-Ernst Berendt und Dieter Duhm darüber gesprochen, alle drei Bewunderer von Osho (Berendt war sogar Sannyasin). Alle drei waren betrübt über das Scheitern der Ranch und vermissten die fehlende Aufarbeitung.

Mit Martin Frischknecht von der Schweizer Zeitschrift »Spuren« bin ich der Meinung, dass dieser Film »ein gehaltvoller Anstoß zu einer längst fälligen Diskussion« ist. Martins exzellente Zusammenfassung und Beurteilung des Films steht auf www.spuren.ch/news_comments/952_0_3_0_C/. Den Trailer zum Film findet ihr auf www.gurufilm.ch. Auch die kommenden Ausgaben von connection werden sich mit dem Film und einer neuen Rezeption der Sannyas-Bewegung beschäftigen.

Wolf Schneider

   
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