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Editorial Tantra 90

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Für wen hältst du dich eigentlich?

Photo Wolf Schneider
Photo: Aniela Adams

Wer glaubst du denn, dass du bist? Und die anderen, für wen halten die dich? Jetzt mal in Sachen Sex. Die Frage, wer du bist, erscheint dir vielleicht als ziemlich philosophisch, aber ich meine das jetzt sehr konkret: Für was für einen Menschen hältst du dich, und zwar, das Thema dieses Heftes betreffend, in Bezug auf Sex. Das ist die Frage nach der Selbsteinschätzung. Die kann sich durchaus von der Fremdeinschätzung unterscheiden - damit hätten wir schon das erste Problem. Aber selbst wenn du die Irrtümer der anderen, die du ja kaum verhindern kannst, mal weglässt: Auch du kannst dich irren, was deine Selbsteinschätzung anbelangt. Was für ein sexuelles Wesen bist du wirklich? Damit beschäftigt sich dieses Heft.

Die Suche nach dem Richtigen

Anleitungen zu geben, wie man den richtigen Partner findet oder besseren Sex hat, ohne diese Frage zu stellen, hat nicht viel Sinn. Sieben Millionen Deutsche suchen online nach dem richtigen Partner. Viele von ihnen schon ziemlich lange. Wie stehen da die Chancen, dass sie ihn finden? Schlecht, meine ich, wennn sie sich selbst nicht kennen. Sie schreiben da zwar ein gewisses Profil rein, aber das ist meist eine Beschönigung und basiert oft auf einer krassen Lebenslüge. Zu wissen, wie man sexuell gepolt ist, was für Wünsche, Fähigkeiten, Vorlieben und Schmerzgrenzen man hat, das ist nicht mal so eben in einer halben Stunde runtergeschrieben, so dass Parship oder wer auch immer dann für dich den richtigen Partner finden kann. Die eigene Identität zu erkennen ist eine lebenslange Aufgabe, und das nicht etwa nur, weil wir zu blöd sind, uns selbst zu erkennen, sondern auch, weil diese Identität immer in Bewegung ist und es unter jeder Ebene immer eine noch tiefere gibt. Wir schwanken, fluktuieren, fließen mit und entwickeln uns, und wenn die Bodenbretter, auf denen wir uns sicher wähnten, morsch werden, fallen wir eine Stufe tiefer. Das ist ja gerade das Abenteuer des Lebens!

Goldene Regeln

Auch die tausenden der Sex-, Liebes- und Partnerschaftsratgeber greifen nicht richtig, wenn dort die Frage nach der Identität nicht gestellt wird. Was ist die goldene Regel für ein gutes Liebesleben? Das Zuhören, die Empathie, der Mut, der Respekt, das Wissen um die Andersartigkeit des Partners, das ist alles richtig, aber ohne die Frage nach der Identität kommt man auch mit diesen als "golden" gepriesenen Regeln nicht weiter. Das Verrückte ist ja, dass wir uns letztlich mit fast allem identifizieren können. Kaum zu fassen, wie frei wir als Menschen in dieser Hinsicht sind. Zeig mir einen gut gemachten Film über einen sympathisch dargestellten Mörder, und ich weine am Schluss, wenn der Held stirbt. Diese Fähigkeit der Empathie auch mit dem Fremden und dem so genannten Bösen ist nicht nur eine Rutschbahn in eine Vielzahl ethischer Irrtümer, sie gibt uns auch die Freiheit, die ganze Welt zu umarmen - und alle Aspekte von uns selbst, denn wir tragen die ganze Welt der menschlichen Möglichkeiten ja in uns.

Sei du selbst!

Dieses Heft ist eine Einladung, die Welt des Sexuellen und der Liebe mal aus dieser Perspektive zu betrachten: Schau, mit was du bereits identifiziert bist, und dann, als spielerische Erweiterung, womit du dich noch identifizieren kannst und vielleicht möchtest. Und sei es nur, um auf diese Weise andere Menschen besser zu verstehen. Mit was wir uns identifizieren, spielt eine riesengroße Rolle für unser Liebesleben und Lebensglück. Auch wenn wir uns uns mit sehr vielem identifizieren können, genau genommen mit allem - in welche Identitätsnische du dich dann kuscheln willst, ist eine andere Frage. Niemand sollte vorgeben müssen, ein anderer zu sein, als der er sich zutiefst empfindet. Wir wurden ja nicht geboren, um ausgefuchste Heuchler zu sein. Auch der Blick auf Vorbilder ist nur bedingt hilfreich. Gott hat niemand doppelt erschaffen - die anderen Rollen auf der Bühne des Lebens sind schon vergeben, nur dich gibt es noch nicht. Deshalb: höchste Zeit, du selbst zu sein! Dafür ist es nie zu spät.

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