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Editorial Tantra 92

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Heilung statt Verdrängung

Die helle und die dunkle Seite der Sexualität

Photo Wolf Schneider

»Eros treibt mich wieder umher, der gliederlösende, süßbitter, ein Untier, gegen das ich nicht ankomme«, schrieb die Dichterin Sappho, die um 600 v.u.Z. auf der der griechischen Insel Lesbos lebte. Uns geht es heute nicht viel besser. Sex hat Heilkraft, ja, sicher. Aber es steckt auch Zerstörerisches in diesem Untier, das uns da umtreibt, und gegen das wir oft nicht ankommen, auch wenn wir wollen.

Kultur der Liebe

Die aus dem alten Indien stammende Tradition des Tantra widmet sich nun genau diesem Untier, dieser gewaltigen Kraft, die darin steckt, und möchte es zähmen, sodass es uns nicht mehr nur umtreibt wie Blätter im Wind. Auf dass diese Energie, die in ihrer rohen Form einem Untier gleicht, in uns und um uns ihre Heilkraft entfalte und eine Kultur der Liebe hieraus erwachse und eine des Geistes, eines »Heiligen Geistes«, der dem Körper seinen Atem einhaucht und ihn heiligt. Denn das Sakrale und das Sexuelle gehören zusammen – in so vielen der Mythen über den Himmel und das Paradies verbinden sich diese beiden Seite aufs Schönste.

Das Sakrale und das Sexuelle

Beides ist jedoch nicht ungefährlich. Das Sakrale ebenso wie das Sexuelle, denn beides nimmt uns mit, manchmal wie im Sturm. Beides ist stärker als die Beharrlichkeit und Selbstgewissheit des Ego. Zu sagen, dass das eine das Tierische (die doch nicht mögliche Rückkehr ins Paradies) und das andere das Göttliche (der für die Guten zu erreichende Himmel) sei – wenn wir damit fordern das eine zu meiden und das andere zu erstreben, dann ist das eine dieser gefährlichen Trennungen. Eine Abtrennung des Ungewollten, die das Tier in aller Regel in die Verdrängung treibt, in der es dann sein Unwesen entfaltet und die Ängstlichen glauben lässt, nur die Enthaltsamkeit könne sie retten. Anders wäre es, wenn wir, ganz im Sinne des modernen Tierschutzes, auch dem Tierischen den Status des Göttlichen genehmigen würden, wie viele Religionen das getan haben, nicht zuletzt die des alten Griechenlands, in der auch der ziegenfüßige Pan der Götterwelt angehörte. Wir sind ja auch Tiere, nicht bloß Mensch gewordene Götter, und das ist nicht mal der schlechteste Teil von uns.

Die dunkle Seite

Dieses Heft in der Reihe unserer seit über zwanzig Jahren bestehenden Sonderhefte zum Thema Tantra widmet sich speziell der Heilkraft der Sexualität. Der Möglichkeit der Heilung sexuell verursachter Wunden und dem, was Sex – körperlich praktizierte Liebe – an Heilungspotenzial in sich hat. Deshalb möchte ich den vielen guten Beiträgen, die dieses weite Feld der lustvollen Heilung und Glück verheißenden Transzendenz erkunden, hier ein paar Worte zur dunklen Seite der Sexualität vorangehen lassen. Zu dem, was uns dort so süßbitter, wie Sappho schrieb, übermannt und fesselt und sich eben nicht, oder jedenfalls nicht so leicht, zähmen lässt. Diese Seite treibt vor allem dort machtvoll ihr Unwesen, wo wir nicht so recht wissen, was wir tun – und das ist ziemlich oft der Fall. Auch mit Menschen, die sich auf dem spirituellen Weg weit fortgeschritten wähnen, treibt das Untier noch oft genug sein Spiel, umso mehr mit denen, die noch nicht einmal begonnen haben, diese Kraft zu verstehen, geschweige denn sie zähmen zu können.

Sich hingeben

Wer über Sex und Liebe schreibt, besingt auch gern die Hingabe. Gut so. Wo aber das Unterscheidungsvermögen fehlt, wem oder was ich mich da leidenschaftlich hingebe, dort ist die Gefahr meist ziemlich groß und das Rettende nicht immer so nah, wie man es eigentlich bräuchte. Wir dürfen uns von Sex, Liebe, Hingabe und den Ekstasen der Transzendenz mitreißen lassen, aber wir sollten sie nicht verklären. Dann sind die Chancen, nicht den zerstörerischen Seiten dieser Mächte anheim zu fallen – der sexuellen ebenso wie der sakralen – sondern ihre positiven zu entwickeln, unendlich viel größer. Die Schlüssel hierzu sind Achtsamkeit, mitfühlende Liebe und ein gerüttelt Maß an diesseitiger Skepsis. So, und nun hinein ins Heft der heilsamen Ekstasen …

Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection Tantra 92

   
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