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Auch tantrische Genüsse können süchtig machen

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Auch tantrische Genüsse können süchtig machen
Foto: Camilla Carvalho flickr.com

Tantra, Genuss und Sucht

Die Ethik des linkshändigen oder roten Tantra verlangt keinen Verzicht, sondern einen bewussten Umgang mit den Genüssen. Das führt jedoch dazu, dass viele Neo-Tantriker keine Chance zu Genuss auslassen und sich, was ihre Freiheit davon anbelangt, in die Tasche lügen. Meisterschaft auf diesem Tantra-Weg hingegen bedeutet, jederzeit jeden Genuss auch lassen zu können, ohne unter dem Verzicht zu leiden...

Tantra ist aus meiner Sicht ein radikales Anti-Sucht-Programm. Es ist ein spiritueller Weg, um dich hier im Weltlichen zu befreien, und er macht vor keinen noch so verborgenen Ecken deiner Existenz halt, um dir die Freiheit vor deiner eigenen Versklavung zu bringen. Wenn dich eine Tätigkeit oder ein Stoff süchtig macht, du also unfreier wirst, immer mehr desselben brauchst, eine höhere Dosis oder eine stärkere Intensität, dann kann die Haltung, mit der du dich angenähert hast, keine wirklich tantrische sein – oder du warst schlampig und hast Fehler auf dem Weg gemacht.

Macht Genuss süchtig?

In der Tiefe verstanden habe ich diesen Gedanken erst, als ich mich mit Swami Shivananda auseinandergesetzt habe. Seine Position zu Sinnlichkeit und weltlichem Genuss ist eine klassisch hinduistische: Man solle die Sinnlichkeit und den weltlichen Genuss nicht zu stark werden lassen und das weltliche Sein nicht zu sehr genießen, weil man dann allmählich immer süchtiger würde und abhängig von den weltlichen Schönheiten und Genüssen; letztlich verstricke uns das so im Weltlichen, dass wir dann für die geistige Welt verloren seien.

Maßvoller Genuss

Dies erinnerte mich an die Haltung der Anonymen Alkoholiker zum Alkohol: Gestehe dir als Alkoholiker deine Krankheit ein, deine Beschränkung, und versuche mit Hilfe einer höheren Macht, diese Versuchung bis zu deinem Lebensende zu meiden – so wirst du zwar nicht wirklich gesund, aber auch nicht mehr »feucht«, und kannst wieder normal leben. Aha, dachte ich, die Yogis verhalten sich zu allen weltlichen Genüssen wie die AA zum Alkohol. Was ist denn mit kontrolliertem Genuss? Ich kann z.B. sehr maßvoll Alkohol trinken, ohne dass das ein Problem für mich wird (mit Zigaretten kann ich das als »trockener Raucher« nicht). Alkohol ist für mich kein Problem, ich kann ihn genießen, wenn er da ist, und vermisse ihn nicht, wenn er weg ist, ich bin gegenüber Alkohol indifferent und frei.

Genießen – und davon frei bleiben

Die tantrische Einstellung, so meine Schlussfolgerung, unterscheidet sich von der yogischen genau darin: Wir Tantriker versuchen gegenüber allen Genüssen des Lebens indifferent und frei zu sein. Anders gesagt: Wir sehen die Welt nicht wie die AAler den Alkohol, sondern wie ein Nicht-Süchtiger alle Dinge des Lebens erleben und erfahren kann. Das ist das Prinzip des linkshändigen Tantra: alles zu genießen, auch leidenschaftlich zu genießen, aber an nichts zu haften und nach dem Genuss wieder völlig frei zu sein für was auch immer dann kommen mag. Der wahre Tantriker kann Alkohol genießen, Schokolade, Kaffee, Zigaretten … und das alles sofort auch wieder lassen. Wenn ein Genuss ihn so sehr erschüttert und aus dem Gleichgewicht bringt, dass er sich am nächsten Tag unmäßig danach sehnt und dies ihn in seiner Meditation beeinträchtigt, dann geht es darum, zu verzichten und systematisch die innere Kraft zu erhöhen – bis auch diese Herausforderung gemeistert ist!

Sex, kein Sex, beides ist gut

Ein hoher sinnlicher Genuss ist für die Meister und Meisterinnen der Hochphase des mittelalterlichen Tantra der Lackmustest, die Probe aufs Exempel, wie sicher man in seiner Mitte ruht. Und genau das gilt natürlich auch für den Sex: Die tantrische Sexualität macht dich freier. Das Sehnen, das Drängen, wird kleiner. Die innere Fülle wächst, und der Impuls, einer erotischen Versuchung nachzugeben, weil sie halt gerade da ist, obwohl sie vielleicht nicht ganz stimmt, wird kleiner. Gleichzeitig kann ein geübter Tantra-Praktizierender den Sex, das Fließen der Energie, die Freude in der Brust und die Liebe im Herzen mehr, weil mit höherer Bewusstheit, genießen. Ihn schreckt aber auch eine Phase des Zölibats nicht, weil sein ganzer Weg ihn dazu geführt hat, sich selbst und sein psycho-physisches Wohlbefinden auf eine gesunde Weise zu regulieren.

Den Tiger reiten

Weil Sex auf dem tantrischen Weg von innen her verstanden wird, verliert er seine sonst so oft dämonisch wirkende Macht über den Menschen. In den alten Schriften bezeichnete man das mit »den Tiger reiten« – das Raubtier und seine Wildheit ist in voller Kraft vorhanden, aber gebändigt, gezähmt, und so wird es zum Freund.

Bevor allerdings die tantrische Haltung gemeistert und innerlich verstanden wird, ist der yogische Weg wohl der, der zu besseren und jedenfalls gradlinigeren Ergebnissen führt – weil man sich darin auch nicht so gut selbst belügen kann. Dazu zitiere ich aus den Belehrungen des tantrisch-buddhistischen Meisters Gampopa an seinen Schüler Phagmo Drukpa: »Es scheint, als ob du nun etwas Erfahrung mit dem Dreifachen erworben hast – der Glückseligkeit, Leuchtkraft und Leere –, die so ein wichtiges Merkmal der ersten Yoga sind. Hinzu kommt, dass du in einer ausgezeichneten Position bist, mit einer Einführung von mir und all den Dingen, die auf deiner Seite sind. Aber pass auf! Dein Geist ist noch nicht stark genug, dass du in die Stadt gehen könntest wie mancher dieser Yogis, die Alkohol trinken und Frauengeschichten haben, und das in ihre Praxis integrieren. Stattdessen solltest du praktizieren, bis du so weit fortgeschritten bist, dass du tatsächlich diese Dinge mit auf den Weg nehmen kannst.«

Weil Sex auf dem tantrischen Weg von innen her verstanden wird, verliert er dort seine sonst so oft dämonisch wirkende Macht über den Menschen

Befreien, nicht verstricken

Anders gesagt: Wer süchtig nach Tantra-Seminaren, nach Maithunas oder nach Tantramassagen geworden ist, der hat Tantra noch nicht richtig verstanden. Oft kommen Menschen in meine Workshops, die dieser meiner Meinung nach völlig falschen Sichtweise huldigen und sich von mir auch noch Bestätigung erhoffen. Der Grundimpuls der Tantra-Tradition führt genau in die andere Richtung. Wenn ein neo-tantrischer Lehrer das nicht lehrt, hat er (sie) dieses Prinzip nicht verstanden. Dies jedoch ist entscheidend: Tantra soll befreien und nicht verstricken!

Gerade das ist aber oft nicht so einfach. Die Eindrücke, die Sinneserfahrungen (und gerade erotische) im Gehirn hinterlassen, sind nicht zu unterschätzen. Es sagt sich so leicht: »Ich gehe den Weg des Tantra und lasse deshalb nichts aus.« Oft ist das aber nur eine spirituelle Rechtfertigung dafür, dass man vielleicht eher ein Couch-Potato ist und im Leben gerne mal alle fünfe grade sein lässt.

Weil es leider im tantrischen Bereich zu viele Menschen gibt, die sich an diesem Punkt auf eine clevere Art in die Tasche lügen, ist die Kritik der Traditionalisten am Neo-Tantra, auch wenn ich es nicht gern zugebe, in mancher Hinsicht gerechtfertigt.

Disziplin inmitten der Fülle

Ich denke, eine wirklich tantrische Lebenseinstellung verlangt paradoxerweise sogar noch mehr Disziplin als eine yogische: Inmitten des Überangebots an sinnlichen Genüssen gilt es, frei von diesen zu bleiben, ihnen nicht zu verfallen; den Dopaminrezeptoren im eigenen Gehirn zu widerstehen. Dies benötigt eine außerordentlich hohe meditative Präsenz und viel innere Kraft. Es braucht auch eine entschiedene Haltung. Wenn ich z.B. merke, dass ich trotz meiner Philosophie dem Kaffee (oder welchem Genuss auch immer) nicht standhalten kann, dann muss ich ihm für einige Zeit entsagen und es dann wieder versuchen und darf nicht aufhören, bis ich es geschafft habe, Kaffee kontrolliert zu trinken. Statt Kaffee könnte ich auch sagen: eine bestimmte Sexualpraktik. Oder Tantraseminare. Oder Meditation. Das ist aus meiner Sicht der entscheidende Punkt der tantrischen Ethik. Wenn ich allen Dingen der Welt gegenüber eine, nennen wir es mal, anteilnehmende Indifferenz entwickelt habe, dann ist dieser Aspekt meiner spirituellen Entwicklung wirklich gemeistert.

Silvio Wirth

Silvio Wirth, Jg. 70, Yoga-, Tantralehrer und Buchautor, lehrt Integrales Tantra in seinem Secret-of-Tantra-Institut (www.secret-of-tantra.de) bei Berlin. In seinen Seminaren und Ausbildungen versucht er traditionelles und modernes westliches Tantra zu integrieren.

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Aus dem Heft Tantra 94 Sex, Lust & Ethik

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