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Menschenhandel in Deutschland (Teil 2)

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Tantra 94
Foto: jabberwocky381 flickr.com

Das Muster der moralischen Empörung

Antwort des Autors auf den Leserbrief von Karl-Heinz Hofmann-Grandke zum Artikel »Prostitution und Sexarbeit nun doch ein 'schmutziges Geschäft'?«, von Michael König im Connection Tantra Special Nr. 94...

Ich wollte eigentlich nicht mehr antworten – auf einen Leserbrief, welcher mich verbal steinigt, weil ich mich für die Rechte von Prostituierten einsetze. Es zeigt sich dabei immer wieder die gleiche Gesinnung und immer das gleiche Muster: Erstens geht es darum, emotionale Betroffenheit mit tragischen Einzelschicksalen zu erzeugen. Zweitens werden schockierende, aber falsche und unbelegte Zahlen behauptet. Drittens wird der Gesprächspartner denunziert und beleidigt. Viertens kommt dann der Ruf nach diskriminierenden Verboten und der Aufhebung von Grundrechten.

Das ist die Methode, die Alice Schwarzer mit ihrer Antiprostitutionskampagne eingeübt hat. Diesmal also ein Karl-Heinz Hoffmann-Grandke. Wer sich, wie er, bei Fragen der sexuellen Moral im Recht fühlt, darf offensichtlich alle Spielregeln eines logisch-aufgeklärten Diskurses und alle Formen des Anstandes ignorieren. Frau Schwarzer ächtet Menschen, welche sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Karl-Heinz Hoffmann-Grandke stellt mich und die Zeitschrift Connection in eine Ecke mit Pädophilen und Vergewaltigern. Leute, manchmal mag ich einfach nicht mehr, das ging mir durch den Kopf, als ich Karl-Heinz Hoffmann-Grandkes Text gelesen hatte. Nun ist er aber, nach eigener Einschätzung, Tantramasseur und lebt, wie ich, in Freiburg. Das macht die Sache doch interessant. Also auf ein Neues, ich mag doch nochmal!

Ein Freiburger Tantramasseur...

Karl-Heinz Hoffmann-Grandke lebt also in Freiburg und arbeitet dort als Tantramasseur? Dann sollte ihm geläufig sein, dass die Stadt Freiburg eine Vergnügungssteuer, im Volksmund auch »Sexsteuer« genannt, eingeführt hat. Diese wird von allen Einrichtungen erhoben, die Räume für sexuelle Dienstleistungen zur Verfügung stellen. Die Behörden unterscheiden dabei nicht, ob es sich um einen Puff oder ein Tantrainstitut handelt. Alle zahlen unterschiedslos diese »Sexsteuer«. Auch bei Nutzungsgenehmigungen unterscheiden die Behörden nicht zwischen einem Tantrainstitut oder einem Puff. Für Beide gibt es derzeit keine weitere Betriebserlaubnis. Basta. Die Ämter unterscheiden nicht zwischen den diversen sexuellen Dienstleistungen. Und käme es in Deutschland, wie von Karl-Heinz Hoffmann-Grandke gefordert, zu Gesetzen »wie in Frankreich«, wären Tantrainstitute die ersten, die schließen müssten. Die Bordellbetreiber, deren (vermutetes) Tun Karl-Heinz Hoffmann-Grandke beklagt, sind schon zu Zeiten als Prostitution noch von den Behörden als »sittenwidrig« behandelt wurde, mit der illegalen Situation bestens zurecht gekommen. Sie profitierten sogar davon, denn die Arbeit im Schatten erhöhte letztlich ihre Gewinnmargen.

...plädiert für das Verbot von Sexarbeit

Das Prostitutionsgesetz von 2002 hat den Sexarbeiter/innen erstmals Rechte verschafft. Es wurde von Prostituierten hart und mutig erkämpft. Im Windschatten dieses Kampfes hat die professionelle Tantraszene profitiert. Ohne die 2002 endgültig erfolgte Legalisierung der Sexarbeit gäbe es bis heute keine seriösen Tantrainstitute mit ihren schönen Räumen. Erst ab 2002 waren verlässliche Mietverträge möglich und damit Investitionen. Mit der Forderung nach Gesetzen »wie in Frankreich« fällt Karl-Heinz Hoffmann-Grandke als Tantramasseur genau denjenigen in den Rücken, die ihm erst seine Arbeit möglich gemacht haben. Er wünscht sich Gesetze wie in Frankreich? Nun, in Frankreich ist ein Tantrainstitut genau so illegal wie ein Bordell. Karl-Heinz Hoffmann-Grandke könnte in Frankreich nicht arbeiten. Sein Plädoyer für »französische« Gesetze ist ein Plädoyer für die Abschaffung unserer Arbeit als Tantramasseure und -masseurinnen.

...ignoriert Fakten

Als Freiburger hätte sich Karl-Heinz Hoffmann-Grandke am 6. Dezember 2013 aus erster Hand über Prostitution in Freiburg informieren können. Die Stadt Freiburg und P.I.N.K., eine kirchlich finanzierte Beratungsstelle für Prostituierte, hatten zum öffentlichen Fachgespräch »Prostitution in Freiburg« eingeladen. Er hätte von Frau Professor Dr. Barbara Kavemann (Trägerin des Berliner Frauenpreises 2005 und des Bundesverdienstkreuzes, seit 1983 befasst mit »sexueller Gewalt gegen Mädchen«) viel über tatsächliche und vermutete Zahlen lernen können. Sie ist es, welche die Evaluation des deutschen Prostitutionsgesetzes 2005 mit durchführte. Er hätte dort erfahren können, dass diese angebliche »UN-Schätzung« mit 500.000 verschleppten Menschen jährlich nur ein Gespenst ist, welches die deutschen Medien unhinterfragt von einer Publikation zur nächsten weiterreichen. Er hätte viel über die Hintergründe und das Scheitern des schwedischen Modells erfahren können. Er hätte von der Kripo Freiburg aus erster Hand erfahren können, wie engmaschig das Netz der Kontrollen in Freiburger Rotlichtbetrieben ist, und dass mit der Legalisierung der Betriebe die Überwachungs- und Ermittlungsarbeit der Kriminalpolizei erheblich erleichtert wurde. Dass dort eben keine Minderjährigen arbeiten. Und er hätte aus erster Hand von diesen Profis hören können, dass nichts diese Kontrollarbeit mehr erschweren würde, als der Rückschritt in die Illegalität. Er hätte von Vertretern der Beratungsstelle P.I.N.K., welche Prostituierte in Südbaden berät, lernen können, dass das Abdrängen der Prostitution in die Illegalität das Letzte ist, was frau sich wünscht. Weil genau dadurch die Arbeit der Prostituierten wieder gefährlicher wird. Kurzum – er hätte an diesem Abend, im direkten Kontakt mit den Experten, lernen können, dass er mit seinen Forderungen genau das Gegenteil seiner Ziele erreichen würde. Er war eingeladen. Er war nicht da.

...argumentiert unlogisch

Karl-Heinz Hoffmann-Grandke fordert neue Gesetze und neue Verbote. Damit der von ihm fast schon wahnhaft behauptete, massenhafte Missbrauch von minderjährigen Mädchen aufhört. Nehmen wir einmal für eine schreckliche Zehntel-Sekunde an, er hätte recht in seinem Wahn, und der deutsche Mann hätte einen »Freifahrtschein ins Kinderpuff«. Der Missbrauch von Minderjährigen wird heute schon in Deutschland (§ 176a, Strafgesetzbuch) mit Haftstrafen nicht unter zwei Jahren bestraft. Nun, Karl-Heinz Hoffmann-Grandke, wie soll denn ein neues Gesetz mit Sanktionen, die eher im Bußgeldbereich liegen, (angebliche) Täter abschrecken, die sich heute schon von der Aussicht auf Minimum zwei Jahre Knast nicht abschrecken lassen? Das entbehrt einfach jeglicher Logik.

Was Sinn machen würde, und auch hier wäre es einfach gut auf die Expert/innen zu hören, ist ein wirksames Zeugenschutzprogramm. Und vor allem: keine Abschiebung der Opfer. Forderungen, wie sie etwa vom »Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen« erhoben werden. Forderungen, gegen die sich die konservativen Verbündeten von Frau Schwarzer selbstverständlich vehement wehren. Durch Zeugenaussagen wäre die Überführung von Sexualstraftätern wesentlich erleichtert. Eine Kriminalisierung von Prostitution führt zum Gegenteil: Keine Prostituierte wird mehr aussagen. Kein Freier, der Übergriffe, die es in dieser Branche wie in jeder anderen leider gibt, mitbekommt, wird es wagen diese anzuzeigen. Die Kriminalisierung der Prostitution würde letztlich den kriminellen Kreisen, denen die Legalisierung der Sexarbeit allmählich die Geschäftsgrundlage entzieht, in die Hände spielen. Das ist alles schon dagewesen. Ist das zu schon zu kompliziert für die schwarz-weiße Welt des Karl-Heinz Hoffmann-Grandke?

...und beleidigt und verunglimpft

Ich sei ein »Fürsprecher des entfesselten, profitorientierten Kapitalismus« behauptet Karl-Heinz Hoffmann-Grandke. Wie kommt er darauf? Was habe ich geschrieben? In meinem Artikel (Seite 63 in Connection Tantra Nr. 94) steht zu lesen: »Menschenhandel und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen sind entsetzliche Auswüchse eines entfesselten, rein profitorientierten Kapitalismus«. Hat Karl-Heinz Hoffmann-Grandke meinen Artikel nicht gelesen? Wie kann er meine Aussage einfach um 180° umdrehen und gegen mich wenden? Er kann, weil er sich moralisch im Recht fühlt. Fakten, Logik, korrekter Umgangston – all dies tritt für ihn zurück hinter das gute Gefühl im Recht zu sein. Und so fällt es ihm leicht, mich und die Zeitschrift Connection auf eine Ebene mit Befürwortern von Pädophilie, Zwangsprostitution und Vergewaltigung zu stellen.

»Menschenhandel heute«

Moralisten wie Karl-Heinz Hoffmann-Grandke sind hoffnungslose Fälle. Er wird diesen Brief nicht zu Ende lesen. Und wenn doch: Er wird nicht verstehen, weil er nicht verstehen will. Allen anderen aber, die bis hierher durchgehalten haben, sei gedankt. Denen, die nicht einer simplen Schwarz/Weiß-Moral auf den Leim gehen möchten, seien die folgenden, weiterführenden Informationen empfohlen:

Zehn Jahre Prostitutionsgesetz und die Kontroverse um die Auswirkungen. Eine Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung und ein guter Einstieg ins Thema mit zahlreichen Quellenangaben für die weitere Vertiefung.

menschenhandel-die-spitze-der-eisscholle/ Ein ausgezeichneter Artikel auf einer ausgezeichneten Plattform: »Menschenhandel heute« analysiert darin die Methoden, mit denen Statistiken, politisch gewollt, erzeugt, verdreht und manipuliert werden.

Michael König

Das Connection Tantra Heft Nr. 94 über »Sex, Lust und Ethik«, in dem sich u.a. der von Karl-Heinz Hofmann-Grandke kritisierte Artikel befindet (und ein zweiter, zu demselben Thema, von Angela Blanc) ist noch erhältlich. Hier geht es zum Leserbrief von Karl-Heinz Hofmann-Grandke, auf den Michael König hier antwortet, und hier geht es zur Antwort von Angela Blanc.

Michael König, Jg. 59, Dipl. Geologe und TMV ausgebildeter Tantramasseur. Lebt mit seiner Frau und vier Kindern bei Freiburg. Dort gibt er Seminare zu experimenteller Körperarbeit und leitet das Tantramassageinstitut amakido-Berührungskunst. www.amakido.de

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Aus dem Heft Tantra 94

   
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