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Menschenhandel in Deutschland (Teil 3)

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Menschenhandel
Foto: Bernd Wachtmeister pixelio.de

Bitte kein Schwarz-Weiß-Denken!

Eine weitere Antwort auf den Leserbrief von Karl-Heinz Hofmann-Grandke zum Artikel »Prostitution und Sexarbeit nun doch ein 'schmutziges Geschäft'?«, von Michael König im Connection Tantra Special Nr. 94...

Sehr geehrter Karl-Heinz Hoffmann-Grandke, die Connection macht sich nicht zum Fürsprecher der von Ihnen beschriebenen skandalösen Taten, und Michael König verteidigt in seinem Artikel nicht den »entfesselten, profitorientierten Kapitalismus«. Ganz im Gegenteil.

Wenn ich mich für die Rechte der H&M-Arbeiter einsetze, dann heißt das nicht dass ich H&M verteidige. Wenn ich mich für die Rechte von Sexarbeiter/innen einsetze, dann setze ich mich dafür ein, dass diese immer mehr Handlungs- und Verhandlungsmöglichkeiten erhalten, sodass sie sich besser gegen Ausbeutung wehren können, und so auch mehr Macht gegenüber Kunden und Betreibern haben. Das Ausnützen einer Zwangslage und der damit verbundenen Hilflosigkeit der Betroffenen sollten immer verurteilt werden.

Ich kann die heftigen Gefühle, die solche Taten bei Ihnen auslösen, gut nachvollziehen. Und doch ist Prostitution nicht mit Menschenhandel gleichzusetzen. Die Thematik ist leider zu komplex, um sie mit einem Schwarz/Weiß-Denken abzuhandeln.

Menschenhandel ohne verlässliche Zahlen

Wenn Sie tatsächlich mehr über Menschenhandel erfahren wollen, kann ich Ihnen die Webseite www.menschenhandelheute.net wärmstens empfehlen. Dies ist ein kritisches Online-Magazin gegen Ausbeutung, welches eine herausragende Arbeit leistet.

Die Zahlen, die sie nennen, sind Behauptungen deutscher Medien und durch keine seriöse Studie belegt. Es gibt leider keine verlässlichen Zahlen über Menschenhandel, es gibt nur Schätzungen. Zahlen sollten also mit äußester Vorsicht behandelt werden. Selbst der Chef der Forschungsabteilung der International Organisation for Migration (IOM), Frank Laczko, bemerkte zu den Zahlenangaben der EU-Komission, es sei völlig unklar, wie diese Zahlen überhaupt zustande gekommen seien und räumte ein, dass es »größte Wissenslücken« auf dem Gebiet der Datenerhebung zu Menschenhandel gibt. Auch das Europäische Parlament bedauerte in einer Entschließung vom Januar 2004 »den Mangel an verlässlichen Daten über das Phänomen des Menschenhandels in Europa sowie die Tatsache, dass weder die Kommission noch Europol noch irgendeine andere Einrichtung in der Lage war, konkrete Zahlen über das EU-weite Ausmaß des Menschenhandels zu veröffentlichen, und bedauerte insbesondere den Mangel an Daten über stärker gefährdete Gruppen wie Frauen und Kinder«.

Weshalb es so schwierig ist verlässliche Zahlen zu ermitteln, wird auf der bereits genannten Webseite »Menschenhandel Heute« ausführlich erklärt.

Migrationskontrolle als politisches Ziel

Bei den Zahlen, auf die Sie sich beziehen, handelt es sich vermutlich um die viel zitierten Veröffentlichungen des in Wien ansässigen Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung UNODC »United Nations Office On Drugs and Crime«. Doch auch diese Instanz kann nicht als neutrale wissenschaftliche Autorität angesehen werden.

Sie ist eine internationale Organisation, die zwar Untersuchungen anstellt, aber vor allem praktisch-politisch agiert und weltweit Regierungen im Umgang mit Drogen, Kriminalität und Migration berät. Sie verfolgt also politische Interessen und politische Ziele im Zusammenhang mit Migrationskontrolle. Das größte Problem ist jedoch, dass die von UNODC ermittelten Zahlen höchst ungenau wiedergegeben werden. Tatsächlich hat UNODC Zahlen zu »Menschenhandel« aus 132 Staaten zusammengetragen und ausgewertet. Für den Zeitraum von 2007 bis 2010 hat UNODC jedoch 55.000 polizeilich ermittelte Opfer von »Menschenhandel« weltweit von diesen Staaten gemeldet bekommen. Diese Zahl spiegelt die behördlich registrierten Opfer für vier Jahre wieder, pro Jahr wären es also weltweit 13.750 polizeilich ermittelte Opfer von Menschenhandel – weltweit. Hierbei handelt es sich sowohl um Minderjährige wie auch um Erwachsene.

Die einzigen verlässlichen Zahlen sind die vom BKA, und die sind erheblich niedriger. Und auch da ist Vorsicht geboten, da Personen unter 21 Jahren automatisch in die Kategorie »Menschenhandel« fallen, und »ermittelte« Opfer nicht mit »verifizierten« Opfer verwechselt werden sollten. Für das Jahr 2012 liegt die Anzahl der ermittelten Opfer bei 612. Die meisten Betroffenen von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung sind Erwachsene, also älter als 18 Jahre, davon sind 45 Prozent älter als 21 Jahre. Es gab im Jahr 2012 insgesamt 769 Tatverdächtige. In den vergangenen letzten 11 Jahren gabe es im Schnitt nur 130 verifizierte Täter pro Jahr.

Menschenhandel wird gerne zur Migrationsabwehr instrumentalisiert. Wenn sie sich also wirklich für die Rechte von Ausländer/innen einsetzen wollen, dann sollten sie sich auch mit dieser Problematik beschäftigen. Eine Abschiebung, die als Opferschutz getarnt wird, ist immer noch eine Abschiebung.

Frankreich? Business as usual

Ist die Politik in Frankreich in dieser Hinsicht wirklich so vorbildlich, wie Sie es sich vorstellen? Warum wurde die Prostitutionspolitik seit 2003 dann zur Migrationsabwehr missbraucht? Ist es ethisch vertretbar, wenn migrantische Frauen aus der Prostitution »zu ihrem Schutz« ins Gefängnis gebracht werden, und nach einigen Wochen dann »zu ihrem Schutz« abgeschoben werden? Das unter Sarkozy 2003 verabschiedete Gesetz »gegen passives Anwerben in der Prostitution« hat zur massenhaften Abschiebung von Migrantinnen beigetragen. Hat sich diese Politik unter Hollande nun wirklich geändert?

Der Umgang mit Romas ist heute der gleiche wie unter Sarkozy. Der neue Innenminister verfolgt genau die gleiche Politik. Sozialer ist Frankreich in seiner Migrationspolitik nicht geworden, auch gegenüber Migrationsprostituierten nicht. Sonst hätten sich die gezielten Razzien gegen Migrationsprostituierte in den letzten Monaten nicht auf erschreckende Weise vermehrt, sonst wären nicht sämtliche Migrantinnen aus China in ihrer Existenz beschnitten, überwacht, schikaniert, unwürdig von polizeilichen Autoritäten behandelt oder gar abgeschoben worden.

Darf ich wegschauen weil dies nicht mehr in mein Weltbild passt? Soll ich mich nur empathisch zeigen wenn die Frauen meinem Opfer-Muster entsprechen? Die Fälle, die Sie schildern, entsprechen leider dem typischen Menschenhandels-Erzählmuster, dem nach es nur unschuldige, junge, naive Frauen in den Händen skrupelloser Verbrecher gibt. Aber was ist mit all den anderen? Was ist mit denen, die wussten, dass sie als Prostituierte arbeiten werden, und die über die Bedingungen getäuscht wurden? Und mit denen, die keine Menschenhandelsopfer sind und die aktiv ihre Migration gestaltet haben und nun durch Illegalität in prekären Verhältnissen überleben, sollen diese etwa von vornerein verachtet werden, weil sie keine »unschuldigen Huren« sind, sondern sich dafür entschieden haben? Und was ist mit denen, die Aufgrund ihrer Transsexualität kaum Alternativen auf dem Arbeitsmarkt erhalten? Bei einem so komplexen Feld wie Migration und Prostitution gibt es nicht nur Schwarz und Weiß.

Selbständige Prostituierte

Restriktive Einwanderungsgesetze verhindern reguläre Migration. Illegalität und ein unsicherer Aufenthaltsstatus machen Migrant/innen verletzlich und ausbeutbar. Warum setzen Sie sich nicht dafür ein, dass Frauen aus den neuen EU-Ländern einen besseren Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erhalten? Wenn sie lediglich als Selbstständige arbeiten dürfen, dann ist es nicht erstaunlich, dass viele sich für die Prostitution, eine Aktivität die diesem Kriterium entspricht, entscheiden. Ist das Problem denn gelöst, wenn Ihnen dieser letzte Zugang verboten wird? Ein Aufenthaltsrecht für Deutschland zu erhalten, ist nur unter sehr begrenzten Voraussetzungen möglich. Diese Realität verschwindet leider nicht dadurch, dass Prostitution verboten wird.

Tantra versus Sexarbeit – die Behörden tun sich schwer, das zu unterscheiden

Nach Tantrainstituten dürfen Sie in Frankreich übrigens lange suchen. Für Sie mag die Unterscheidung zwischen Tantrainstituten und Prostitution völlig klar sein und beides unvereinbar, für die verantwortlichen Behörden ist das allerdings nur in den seltensten Fällen so. Mag sein, dass man diese Unterscheidung in Deutschland aus kulturpolitischen Gründen nicht zur Geltung bringen will, in Frankreich ist das jedoch etwas komplexer. Da werden diese Unterschiede meistens tatsächlich nicht gesehen. In der französischen Gesetzschreibung geht es vor allem darum, dass sexuelle Angebote gegen Geld nicht als Arbeit angesehen werden sollen. Sex wird in Frankreich so sehr sakralisiert, dass die Vorstellung, dass man damit auch »arbeiten« kann, im Sinne einer professionellen und wertschätzenden Tätigkeit, von vornerein wegfällt. Dadurch werden einerseits sexuelle Dienstleistungen kriminalisiert, andererseits wird dadurch auch eine »Professionalisierung« der Sexarbeit vermieden – und ebenso der tantrischen Arbeit, die mit Sex zu tun hat, wie es sie zum Beispiel in der Tantramassage gibt.

Angela Blanc

Mehr zu dem Thema, inwiefern die französische Haltung zu diesem Thema Sex tatsächlich »sakralisiert« findet ihr demnächst auf connection.de und in unserem Tantra-Special Nr. 95, das am 25. Juli 2014 erscheint. Das Connection Tantra Heft Nr. 94 über »Sex, Lust und Ethik«, in dem sich u.a. der von Karl-Heinz Hofmann-Grandke kritisierte Artikel befindet (und ein zweiter, zu demselben Thema, von Angela Blanc) ist noch erhältlich. Hier geht es zum Leserbrief von Karl-Heinz Hofmann-Grandke, und hier zur Antwort von Michael König.

Angela Blanc, geb. 1979 in Nancy/Frankreich, ist zertifizierte Tantramasseurin nach Andro und aktuell im Dakini in Stuttgart tätig. Sie ist Mitglied vom BESD (Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen) in Deutschland und vom STRASS, der Sexworker Gewerkschaft in Frankreich. Sie ist Feministin und spezialisiert sich in ihrer Arbeit auf Frauenmassagen. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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