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Bin ich sön?

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Kleines Mädchen vor dem Spiegel
»Du bist nicht dick, du bist pummelig«,
sagte meine Mutter

Wie ein Mädchen nach der Schönheit ihres Herzens suchte

Ihre Kindheit und Jugend waren von dem Wahn geprägt, schön sein zu müssen. Erst als Erwachsene, in der künstlerischen Arbeit als Fotografin, fand Anna Dea zu sich und hat sich nun auf Portraitfotografie spezialisiert – eine künstlerische und therapeutische Aufgabe

»Gewünscht – und angekommen«, steht da in unserem Fotoalbum von 1966, meinem Geburtsjahr. Oben das Foto eines Mädchens aus einer Zeitung, unten eines von mir. Die Geschichte dazu ist – so zumindest erzählte sie meine Mutter – dass sie sich ein hübsches Kind mit schwarzen Locken gewünscht hat. Also ging sie in eine Kneipe und suchte nach einem Mann, der ihr ein hübsches Kind machen könnte. Dort fand sie einen jugoslawischen Zigeuner – und das hübsche Kind wurde ich. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt.

Schon mit drei Jahren bin ich nicht wegzukriegen vom Spiegel. Dort ist mein Lieblingsplatz, wie viele Fotos es belegen. »Sön machen wie Mami«, steht da unter den Fotos. Meine Mutter packt mich in schicke Kleidchen, ich bekomme hellblaue Schleifchen ins Haar. Sie fotografiert mich ununterbrochen. Ich, ihr kleiner Sonnenschein, ihr ein und alles. Drei Jahre später kam mein Bruder zur Welt. Die Fotoalben von damals waren immer mein Heiligtum. Ich musste erst vierzig Jahre alt werden, um festzustellen, dass diese Fotos eine Idylle zeigen, die es niemals gab.

Sie ging in eine Kneipe und suchte nach einem Mann, der ihr ein hübsches Kind machen könnte. Dort fand sie einen jugoslawischen Zigeuner – und das hübsche Kind wurde ich

Tod der Mutter

Als ich zwölf Jahre alt war, fand ich meine Mutter erhängt in unserer Wohnung. Es überraschte mich nicht wirklich, denn der Tod war unbewusst unser ständiger Begleiter. Jahrelang hatte ich schreckliche Träume, die den Tod meiner Mutter ankündigten. Bereits zu Lebzeiten meiner Mutter wurde ich immer wieder in Pflegefamilien und Kinderheimen untergebracht. Außerdem zog meine Mutter mit uns sehr oft um. Jedes Mal wechselte ich sämtliche Bezugspersonen, Lehrer, Freunde.

Seit geraumer Zeit verarbeite ich das Erlebte in einer Therapiegruppe, wohin ich die Fotoalben einmal mitbrachte. Meine Therapeutin stellt fest, dass ich auffällig nett zurechtgemacht war und meine Mutter offenbar permanent animieren und unterhalten musste. Sie stellte die These auf, ich sei als Antidepressivum für meine Mutter auf die Welt gekommen, die vermutlich ein Leben lang suizidal war. Ich sollte schön und fröhlich sein, und das bin ich bis heute. Ich lächle und versuche schön zu sein, versuche das schöne liebe brave Mädchen zu sein, das allen gefällt.

Wenn ich es darauf anlege, ist meine Fassade perfekt. Niemand merkt, wie es in meiner Seele aussieht. Ich spiele das schöne Mädchen einfach weiter. Immer wieder fühle ich mich wie in einem Nebel, es ist so, als würde ich mein Leben nur träumen.

Der Versuch, als Kind für meine Mutter schön und lieb zu sein, war gescheitert. Stellvertretend für meine Mutter, versuchte ich dann, in den Jahren danach, andere zu retten; die aber freuen sich nicht immer darüber.

Um mir meine Existenz zu beweisen, hängt meine Wohnung voller Spiegel. Bin ich noch da? Bin ich in Ordnung, so wie ich bin?

Suche nach Liebe

Um mir meine Existenz zu beweisen, hängt meine Wohnung voller Spiegel, auch heute noch. Bin ich noch da? Bin ich in Ordnung, so wie ich bin? Ich suche nach mir in allen Spiegeln und Kameras. Kleinigkeiten haben mich oft komplett aus der Bahn geworfen.

Mit acht Jahren begann ich, Ballett zu tanzen. Aufmerksam studierte ich Bilder von Ballett-Tänzerinnen, und es wurde mir schnell klar: Ich bin viel zu dick! »Du bist nicht dick, du bist pummelig«, sagte meine Mutter.

Süßigkeiten wurden streng rationiert. So dass ich mit ungefähr acht Jahren begann, tütenweise Süßigkeiten im Laden zu klauen. Die bunkerte ich dann in meinem Nachtkästchen. Alles was lecker war, war verboten.

Die Zeit nach dem Tod meiner Mutter verbrachte ich in Kinderheimen, drei Jahre davon in einer geschlossenen Erziehungsanstalt im Kloster. Ich war also nicht hilfebedürftig, sondern schwer erziehbar geworden und wurde eingesperrt; irgendetwas musste ich verbrochen haben; ich fühlte mich unendlich schuldig.

Ich merkte, wie sehr ich mit Schönheit und Sexappeal Aufmerksamkeit erhielt, und die brauchte ich dringend

Freiheit

Nach der Klosterzeit genoss ich meine Freiheit. Ich machte mich hübsch und verbrachte die Nächte in Discotheken und die Tage nackt im Englischen Garten, wo ich viele Verehrer hatte. Schnell merkte ich, dass ich mit Schönheit und Sexappeal Aufmerksamkeit erhielt. Ich war ja völlig allein. Als Kind wurde ich von meinem Bruder getrennt. Bis heute möchte er keinen Kontakt zu mir haben. Vertrauen in die Welt hatte ich nicht, und so hatte ich auch keine Freunde.

Dann begann ich, als Aktmodell zu arbeiten. Ich ließ mich von Männern fotografieren, aber meist fand ich mich auf den Fotos nicht schön. Also kaufte ich mir eine Kamera und begann, mich selbst zu fotografieren. So wie meine Mutter früher.

Annadea als Jugendliche, mit Baseball-Kappe

Je näher jemand dem Schönheitsideal ist, desto unzufriedener ist er mit vermeintlichen Schönheitsfehlern, desto mehr möchte er dem Ideal entsprechen. Ich selbst fand mich immer zu hässlich und zu dick. Außerdem fixierte ich mich auf meine Nase, die eine Ärztin mal »breite Höckernase« genannt hatte. Wenn ich mir meine Bilder heute ansehe, dann finde ich nicht einmal die »allerhässlichsten« wirklich hässlich. Ganz im Gegenteil; eigentlich blickt mich da immer ein sehr hübsches, süßes Mädchen an.

Selbsterforschung

Irgendwann mal fragte mich ein Mann, ob ich ihn wie eine Lehrerin behandeln und bestrafen könnte, und so ergab es sich, dass ich als Domina arbeitete. Kein Problem: Im Rollenspielen war ich gut!

Während ich mein Abitur nachholte, trieb ich mich mit allerlei zweifelhaften Gestalten herum und probierte mich aus. Ich ging in Pornokinos und interessierte mich für alles das im Kloster strikt verboten war. Alles das hatte irgendwie mit Sex zu tun.

Normalität kannte ich ohnehin nicht, also konnte ich sie auch nicht leben. Ich definierte mich über meine erotische Ausstrahlung. Wer ich sonst noch war? Keine Ahnung. Eine Freundin sagte mir später über diese Zeit: »Dir muss immer eine riesige Schar Schutzengel hinterher geflogen sein«

Fotoschule und Karriere

Mit 23 bewarb ich mich an einer der rennomiertesten Fotoschulen in Deutschland. Von achthundert Bewerbern wurden sechzig ausgewählt, und ich war dabei. Ich weinte vor Freude. Das war doch eine Riesenchance! Ich habe keine Ahnung, was ohne diese Chance aus mir geworden wäre. Also ging ich nach Berlin und studierte dort Fotografie. Alles zurückzulassen hatte ich ohnehin gelernt, und so begann ich wieder ganz von vorn. Natürlich allein und ohne Unterstützung von Freunden.

Ich spezialisierte mich auf erotische Fotografie und machte viele Beautyfotos. Das war ja mein Thema. Bald wurde das Fernsehen auf mich aufmerksam, und ich wurde von einer Sendung zur anderen über starke Frauen und Künstlerinnen weitergereicht. Ich machte Ausstellungen, hatte Veröffentlichungen und ein eigenes Atelier in Berlin. Glücklich aber war ich nicht. Ich fühlte mich unendlich einsam. Als Fotografin hatte ich tausend Freunde, in Wirklichkeit aber war ich sehr allein.

Nach sechs Jahren Karriereaufbau ging ich zurück nach München. Berlin zur Zeit der Wende war einfach zu groß und zu kaputt. Ich fühlte mich in dieser großen Stadt sehr verloren, ein bisschen wie ein vierjähriges Mädchen. Schwere Depressionen haben mich immer mal wieder handlungsunfähig gemacht. Allerdings wusste ich damals nicht, dass das eine Krankheit ist, die behandelt werden kann.

München empfing mich mit einem Fernsehauftritt bei TV München. Ich wurde als starke selbstbewusste Frau dargestellt. Ich arbeitete für Penthouse und machte – was sonst? – erotische Fotos.

Meine Models waren schön, ich selbst aber fühlte mich hässlich. Jahrelang schien sich kein Mann für mich zu interessieren. Ich führte das auf meine Hässlichkeit zurück.

Schönheitsoperationen

Mit 35 erfüllte ich mir einen großen Traum. Ich ließ meine »breite Höckernase« operieren. Ein Jahr später ließ ich eine Ganzkörperfettabsaugung vornehmen. Ich ließ meine Stirnfalten mit Bottox wegspritzen und die Lippen ein wenig größer machen. Ich traute meinen Augen nicht: Beinahe über Nacht hatte ich mich von der hässlichsten Frau der Welt zur schönsten Frau der Welt verändert!

Musste ich vorher schwarze Schlabberklamotten tragen, weil ich mich so dick fühlte, begann ich jetzt, mich selbst zu feiern, indem ich durch Klamottenläden streifte, zu stundenlangen Einkaufsorgien. Der Blick in den Spiegel machte Spaß. Alle sollten es sehen: Ich war schlank und schön!

Die Operation gab mir einen solchen Kick, dass ich meine Ernährung umstellte und nun intensiv Sport machte. Fett kann eine Schutzschicht sein; Muskeln auch. Ich entschied mich für die Muskeln, die ich im Fitnesscenter trainierte. Dadurch fühlte ich mich stärker.

Wenn ich mir heute die Fotos ansehe, sah ich früher gar nicht so anders aus. Aber ich fühlte mich damals anders. Nach den Operationen fühlte mich schön, das war der Unterschied. Während ich vorher oft sehr zurückgezogen gelebt hatte, wandte ich mich nun der Welt wieder zu. Für eine kurze Zeit verschwanden die Depressionen.

Ich plante sofort weitere Schönheitsoperationen, informierte mich über die neuesten Methoden. Mandelaugen waren in Planung, und noch viel schlanker wollte ich werden. Auch die Nase sollte noch einmal operiert werden. Schönheit schien Liebe zu versprechen. Wenn ich schön bin, mögen mich alle, dachte ich und bewegte mich so in einen Schönheitswahn hinein.

Sexbombe

»Ich möchte in Schönheit erblühen!«, schrieb ich in mein Tagebuch und nahm mir bestimmte Kilozahlen vor die ich wiegen wollte. Bis in drei Monaten fünf Kilo weniger usw.

Ständig war ich auf Partys und versuchte, mit den Reichen und Schönen mitzuhalten. Zu der Zeit war ich Dozentin an einer Schauspielschule. Meine Schüler hatten allerlei Kontakte zu den wichtigsten Film – und Promipartys. Ich rannte nur noch im Minirock rum, mit knappen Oberteilen und beklebte mich mit goldenen Tatoos.

Jahrelang hatte sich kaum ein Mann für mich interessiert. Ich hatte das auf meine Hässlichkeit zurückgeführt. Nun merkte ich, noch mehr als nach meiner Klosterzeit, wie sehr ich mit Schönheit und Sexappeal Aufmerksamkeit erhielt, und die brauchte ich dringend. Alle sollten es sehen: Ich war schlank und schön.

Permanent wurde ich nun von Männern angesprochen und fand Zettel an meinem Fahrrad vor: »Ich möchte dich gern kennen lernen, du bist so bezaubernd, Hans …«. Männer verfolgten mich bis in vor die Haustür; wie ferngesteuert rannten sie hinter mir her. Ich war eine Sexbombe geworden.

Beziehung und Zusammenbruch

Dann kam der vermeintliche Mann meiner Träume, und ich begann mit ihm eine Beziehung. Auch für ihn versuchte ich permanent schön und sexy zu sein. Mit meinem Sexappeal konnte ich ihn zwar anlocken, mit seinen Gefühlen und Gedanken aber war er noch in einer alten Beziehung. Ich tröstete ihn mit Sex und langen Gesprächen über seine verlorene Beziehung. Dass ich dabei aber gar nichts bekam und mich mehr und mehr für ihn aufgab, merkte ich erst, als es schon zu spät war. Er verließ mich, indem er mich einfach nicht mehr kannte: »Du hast dich aufgelöst«, sagte er.

Dass ich gar nicht mein eigenes Leben leben durfte, war mir ganz lange nicht klar gewesen. Auch der größte sexuelle Reiz ist irgendwann mal vorbei, wenn da sonst nichts ist. Jetzt, nach seiner Zurückweisung, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich war doch jetzt schön! Warum liebte mich denn keiner? Ich bekam Angstzustände und unerträgliche seelische Schmerzen. Als ich ihn verzweifelt um Hilfe bat, sagte er, ich solle die Seelsorge anrufen. Erst da wurde mir meine ganze lebenslängliche Einsamkeit bewusst. Ich brach seelisch völlig zusammen und weinte monatelang fast ununterbrochen.

Annadea als erwachsene Frau

Therapie

Jede Trennung bedeutet für mich, meine Mutter stirbt noch einmal. Deshalb war es für mich lebensgefährlich, oder schien jedenfalls so, mich auf eine Liebe einzulassen.

So, jetzt ist es vorbei, dachte ich, als ich mich vor drei Jahren selbst in die Psychiatrie einlieferte. Da begannen die grausamsten acht Monate meines Lebens. Die Dynamik meines ganzen Lebens hatte ich dorthin mitgebracht. Wiederholte alle Gefühle von Getrennt sein, verlassen sein, das Gefühl sechs Jahre alt zu sein, Mami ist weg, und ich komme in ein Kinderheim. All meine Schönheit nutzte mir nun überhaupt nichts mehr. Ganz im Gegenteil, sie weckte nur die Eifersucht mancher Patientinnen.

Die auf die Zeit in der Psychiatrie folgende therapeutische Arbeit gab mir so viel Geborgenheit, dass ich mir selbst freudig dabei zusah, wie ich mich öffnete und seelisch wachsen konnte. Ich lernte, dass soziale Kontakte das Wichtigste in meinem Leben sind und baute langsam Freundschaften auf. Da ich von allen Seiten Geborgenheit und Liebe bekam, darf es nun auch einen Partner geben der nicht von mir total überfordert wird, sagte ich mir.

Selbstbewusstsein

Heute arbeite ich mit Frauen an ihrem Selbstbewusstsein über Fotos. Viele Frauen haben von sich selbst und ihrer Schönheit ein verzerrtes Bild. Jeder Mensch ist schön sagte einmal mein Portraitlehrer an der Fotoschule. Ich sehe das Schöne in den Menschen und arbeite es mit ihnen heraus. Viel wichtiger als ein perfekter Körper ist ein glücklicher innerer Körper – von dem Eckhart Tolle, der spirituelle Lehrer, spricht. Nehmen wir unseren inneren Körper wahr, so dehnt er sich aus und wird immer größer und schöner. Dieser Körper altert nicht. Er ist das, was wir Ausstrahlung nennen. Die Gesichtszüge entspannen sich und ein Gefühl von Sicherheit stellt sich ein, weil wir auf einmal wissen, dass wir mit allem verbunden sind.

Wenn ich mit meinen Frauen arbeite, übergeben sie mir behutsam ihre Maske. Ich arbeite viel über Grimassen und mit Humor. Für mich gibt es keine heilsamere Methode, als über sich selbst zu lachen. Oft ist die Maske ein Panzer, und es kann Stunden dauern bis er sich auflöst.

In einer liebevollen und wertschätzenden Atmosphäre verändern sich die Gesichter meiner Modelle. Wenn sie selbst ihre eigene Liebe spüren und wissen dass sie schön sind, zeigen sie sich ganz natürlich. Dann bauen sich Vertrauen und Selbstvertrauen auf. Sich dann auf den Fotos zu sehen, bedeutet, einmal aus sich herauszutreten und sich selbst als Außenstehender zu sehen. Dies gibt eine Distanz zum inneren Bild das man von sich hat.

Was zählt ist vor allem das Bild, das wir von uns selbst haben, gar nicht so sehr wie wir wirklich geformt sind

Lebensaufgabe

Sich auf einem Foto zu sehen, auf dem man wirklich zufrieden ist mit sich, kann zu einer ganz anderen Selbstwahrnehmung führen. Was zählt ist vor allem das Bild, das wir von uns selbst haben, gar nicht so sehr wie wir wirklich geformt sind. Wenn ich mich schön finde, werde ich mich natürlich bewegen und mich anders anziehen, als wenn ich mich meiner selbst schäme.

Ich werde nun zu meiner Fotografieausbildung noch eine therapeutische Ausbildung hinzufügen und das Fotoshooting zur Selbsterfahrung mit Körpertherapie und Tanz verbinden. Das bedeutet, nun rückblickend, dass mein Lebensweg keine Katastrophe war, sondern völlig in Ordnung, so wie er war. Finde ich meine Bestimmung, dann gibt es nichts Falsches mehr.

Mit Frauen an ihrem Selbstwertgefühl zu arbeiten, das ist nun meine Aufgabe. Sie ermutigen, sie selbst zu sein und zu sich zu stehen. Sie dabei fotografieren! Schönheitsoperationen mache ich nun nur noch am Bildschirm.

Mit dieser künstlerischen und therapeutischen Arbeit bin ich nun genau am richtigen Platz und bedanke mich für jeden Tag, den ich leben darf.

— Anna Dea

   
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