Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Editorial connection special 82

Details
Wolf: Kreativität ist geil. Im Kreativitäts-Rausch fühle ich mich immer auch erotisiert. Dann bin ich fasziniert – und fasziniere. Wie geht es dir damit?
Christine: Ich kann kreativ sein, zum Beispiel ein Bild malen, ohne dass ich das als erotischen Rausch empfinde. Andererseits gibt es für mich keine Erotik ohne Kreativität. Es ist vor allem die Verspieltheit, die so spontan und unerwartet ein Kribbeln im Bauch erzeugt: dieser besonders intensive Blick, der einiges verspricht, aber alles offen lässt, oder die beiläufige Berührung, die das Verlangen nach dem anderen schürt. Ich glaube, Erotik hat damit zu tun, im anderen Sehnsucht und Verlangen zu erzeugen.

Angst, Lust und Ekstase

Wolf: Es gibt Kreativität, Verspieltheit, Erotik auch ohne Rausch, das stimmt. Das ist mir aber manchmal noch zu musterhaft, zu eng. Manchmal will ich ganz ausbrechen, und dann reicht mir ein bisschen Verspieltheit nicht, und das Erzeugen von Sehnsucht und Verlangen. Dann will ich den großen Rausch, so wie man die große Liebe sucht. Und das Erstaunliche: Diese intensiven, rauschhaften Zustände der Verliebtheit und der Kreativität, die ähneln einander. Das ist ein Land, das mir ein bisschen Angst macht, aber auch große Lust, es zu erforschen.
Christine: Was du beschreibst, kenne ich sehr gut. Meiner Meinung nach ist es genau diese Verbindung aus Erotik und Kreativität, die zur Ekstase führt. Ich liebe es, wenn ich mich völlig hingeben kann an den Augenblick. Wenn ich mit meinem Geliebten verschmelze, ihm in die Augen sehe und ihn in mir fühle. Dann löse ich mich auf in ihm und er sich in mir. Damit überschreite ich eine Grenze des menschlichen Seins und erlebe mich in der kosmischen Einheit. Das ist dann Glückseligkeit!
Wolf: Nicht alle Tage sind ekstatisch. Aber vielleicht höre ich den kosmischen Jubel auch oft bloß nicht unter dem alltäglichen Jammer. Deshalb versuche ich in Kontakt zu bleiben mit der Quelle, aus der ich Liebe und Erneuerung schöpfen kann – immer! –, ohne die Stunden zu bedauern, die ich ganz normal bin und das tue, worin ich mich auskenne. Erotik und Kreativität sind für mich das Schönste im Leben. Beides ist etwas Besonderes, ein Kitzel, eine Herausforderung. Aber was, wenn ich es nicht habe? – Ich habe es ja, es ist nur manchmal verdeckt. Oder eher: Es hat mich, das ist eigentlich noch schöner als es zu haben.

Mut zum Flow

Christine:Diesen Zustand der überschäumenden Freude und Ekstase auch ohne einen Partner zu finden, das ist ja das eigentliche Ziel von Tantra. Ich glaube, wenn wir ganz vertieft sind in alles, was uns das Leben in diesem Augenblick zu bieten hat, dann erleben wir diesen kreativen Zustand des Flow. Nach der Kreativität müssen wir nicht suchen; sie umfängt uns jeden Augenblick. Das Leben steckt immer wieder voller Überraschungen, wenn wir bereit sind, sie anzunehmen und spontan sind.
Wolf: Damit sind wir bei dem, was wir mit diesem Heft wollen. Wir wollen Mut machen, das Leben anzunehmen wie es ist und dabei das Vertrauen in die eigene Kreativität stärken, es so zu gestalten, dass es gut tut: dir und allen, mit denen du zu tun hast. Sicherheitsdenken ist vernünftig, aber es macht nicht glücklich. Der Zaubertrank, der uns Menschen glücklich macht, muss ein gewisses Maß an Erotik und Kreativität enthalten – und er muss vor dem Verfallsdatum getrunken werden.



Wolf Schneider
Herausgeber

Christine Jansen

Christine Janson
Redaktion
   
© Connection AG 2015