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Erotik und Kreativität sind Geschwister

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Das Schöne im Leben
© c. sign, photocase.com

Das Schönste im Leben

Der Schöpfungsakt ist lustvoll, der leibliche ebenso wie der geistige. Erotik bedarf der Kreativität und Kreativität der Erotik, und wenn er sich für »das Schönste im Leben« zu entscheiden hätte zwischen Erotik und Kreativität würde er ... beides haben wollen, schreibt der Schöpfer und Herausgeber dieser Tantra-Specials in seiner grenzenlosen Gier. Aber er hat Glück: Die beiden Angebeteten sind Geschwister!

Zwei Schweizer wurden einmal gefragt, was das Schönste im Leben sei. »Weihnachten«, sagte der eine; »ein Orgasmus« der andere. Da beides sehr schöne Ereignisse im Leben eines Menschen sind, wogte die Diskussion lange hin und her, welches von diesen beiden nun das absolut Schönste sei. Das Duell wurde schließlich von dem Berner entschieden mit den Worten: »Aber Weihnachten ischt öfter!« So der Witz, den die Zürcher gerne über die Berner erzählen, die sich dafür ihrerseits mit Witzen über die hektischen oder zerstreuten Zürcher rächen.

Für mich ist die entscheidende Frage: Erotik oder Kreativität, was ist schöner? Und wie könnte es anders sein, in meiner Gier alles haben zu wollen, sage ich: beides! Kreativität ist das schönste im Leben und Erotik ebenso. Und das Gute daran: Nicht immer schließt das eine das andere aus. Mich an den PC setzen und einen Text schreiben oder mit meiner Freundin ins Bett gehen (ja, manchmal habe ich die Wahl zwischen diesen beiden Optionen)  was soll ich tun? Manchmal muss ich mich entscheiden, aber sehr oft ist es so, dass eine Erhöhung meines Energieniveaus, meiner Wachheit und Lebendigkeit mich sowohl erotischer wie kreativer macht, denn es gibt eine geheime Beziehung zwischen beidem. Ein Orgasmus zu Weihnachten, oder, anders gesagt, das Fest der Liebe das ganze Jahr über feiern, das ist es!

Erotik

Es kann irgendwo sein, irgendwann, zum Beispiel beim Treppensteigen, da spüre ich die Spannung in meinen Beinen, dieses wohlige Gefühl der Beanspruchung meiner Muskeln, dabei meinen Atem, wie leicht er fließt und meinen aufrechten Körper, der so gut imstande ist, die Balance zu halten und nicht umfällt, obwohl Treppensteigen doch keine leichte Sache ist  einem Roboter das beizubringen, das ist nicht ohne. Das Gehen aber ist für mich ganz leicht, das Atmen und mich Bewegen, Menschen treffen, Aufgaben erledigen  das Leben kann pure Wonne sein. Gesund sein, sich jeden Tag neu freuen und wissen: Dieser Tag ist der erste vom Rest meines Lebens! Nie wieder werde ich so jung sein wie heute! Ich bin mitten drin, mitten in allem, mitten unter euch Menschen, Tieren, Pflanzen, Steinen, Sternen, Erfolgen und Misserfolgen, Glücksgefühlen und Schmerzen. Ich lebe, und ich genieße es, lebendig zu sein  das ist Erotik!

In der sexuellen Begegnung spüre ich diese Erotik am stärksten. Da bin ich dann ganz eins mit mir, Körper, Geist und Herz, alles eins und ein Wohlgefühl, das Empfangen ebenso wie das Geben. Keine Verspannung mehr, kein Zeitgefühl; ich tauche ein in die Ewigkeit und bin ganz bei mir und bei dir  bei allem, und alles ist genug, mehr als genug. Das Leben ist ein Geschenk, und ich stehe mitten im Wasserstrahl dieses warmen Brunnens, in der Sonne, die alles zum Glitzern bringt. Ich höre dich, rieche dich, schmecke dich und bin glücklich. Eros ist da! Aber er ist nicht nur dort, in der sexuellen Begegnung. Wenn ich ihn nur dort fände, dann wäre ich süchtig nach ihm, dann würde ich ohne ihn vergehen vor Sehnsucht, und wenn er da ist, wäre ich in Angst, er könne wieder verschwinden.

Das Schöne im Leben
© smely, photocase.com

Der Flow

Schreiben, Tanzen, Musizieren oder Theaterspielen bringen mich manchmal in eine ähnliche Stimmung wie der Genuss einer erotischen Begegnung. Das ist dann so eine Art Reiten oder Surfen auf dem Zeitstrahl, der von der Vergangenheit in die Zukunft zeigt. Präsent sein, nichts verpassen, da sein. Alles spüren, geistesgegenwärtig, mit offenen Sinnen. Mihaly Cziksentmihaly hat es Flow genannt: Flow, das ist die Umkehrung meines Vornamens wolF  so haben mich meine Schwestern als Kind manchmal genannt, als wir unsere Namen im Spiel umdrehten, aber damals konnte noch keiner von uns Englisch.

Manchmal spüre ich es auch als Swing in meinen Schritten; das Gehen ist dann wie Tanzen. Wenn ich diesen Endorphincocktail in der richtigen Dosierung im Blut habe, wenn ich »drauf« bin auf dieser süßen Droge, ganz natürlich, ohne irgendeine Substanz einzunehmen, dann scheue ich mich fast, Frauen anzuschauen, weil ich weiß, dann bin ich verletzlich und magisch, fasziniert und faszinierend zugleich, dann kann »es« passieren, folgenreich. Folgenreich? Wer im Moment ist, will doch keine Folgen produzieren, aber das ist dann eben die Herausforderung, die der Surfer auf dem Zeitstrahl zu bestehen hat: Sich nicht von der Welle unterkriegen lassen, die Magie zu spüren und dabei zugleich achtsam zu sein auf die Folgen.

Ist dieser süße Zustand herstellbar? Kaum. Ist er verhinderbar? Schon eher. Man kann dafür bereit sein und offen, oder auch verschlossen, blockiert. Es hängt mit der Lebenshaltung zusammen, ob man die Fenster zu diesem Himmel offen lässt oder zu. Sie offen zu halten ist riskant, aufregend, erregend, aber wenn das Feuer zu heißt brennt, dann kann das sehr erschöpfend sein.

Die »erotisch-kreative Erregung«

Dieser Zustand  ich nenne ihn jetzt mal die erotisch-kreative Erregung  ist für mich ein Lebenselixier. So wie manche Bachblütenfans ihr »Rescue remedy« immer bei sich haben, so trage ich die Option immer bei mir, an diesem Lebenselixier zu nippen. Nur ein paar Tropfen davon, und schon ist der Weltschmerz vorbei, die Melancholie oder Verzweiflung, der Zynismus oder die Bitterkeit oder was auch immer ich gerade zu heilen habe mit dieser Wunderdroge. Wie kann man unter Druck kreativ sein, das war neulich in einem meiner Schreibkurse die zentrale Frage. Wie kann man unter Druck erotisch sein?

Merkwürdig, die spannendsten Liebesgeschichten spielen in Kriegszeiten. Er ist Jude und muss sich verstecken; sie liebt ihn und würde ihn niemals verraten, bis dann plötzlich& So was ist der Stoff für einen guten Film, in dem es nur so knistert und prickelt vor Spannung  Erotik unter Druck. Kreativ sein mit einer Million Startkapital oder als vom Staat geförderter Künstler  selten, dass das funktioniert. Auch Armut kann einen kaputtmachen, mehr noch als Reichtum, doch ein gewisser Druck, ein Eustress, der nicht in Distress ausartet  das ist das Beste, für die Kunst ebenso wie für die Erotik.

Die Qual der Wahl

Jetzt aber mal ein bisschen konkreter. Eros und Kreativität  in meiner maßlosen Gier will ich beides, das lässt sich so leicht sagen. Was aber, wenn ich nur eins von beiden haben kann? Die Schöne hatte mir signalisiert, dass da durchaus etwas möglich wär; sie war nicht abgeneigt. Es bräuchte nur ein bisschen Werbung, Zuwendung, Hingabe. Ich aber zögerte. Saß am Schreibtisch, an meinem Tagebuch, im Ringen mit den großen Fragen des Menschseins, hingegeben an den Eros der Kreativität oder der Philosophie, an die Liebe (philos) zur Weisheit (sophia)  und zögerte. Wie viel wiegt eine Stunde oder eine Nacht in den Armen einer Frau gegen einen Abschnitt in meinem Tagebuch, meinem »Werk«, das mich endlich zur Erleuchtung, zum großen Durchbruch führen soll? So wie die Frau auf den Traumprinzen wartet, so wartet der Philosoph auf den großen Durchbruch der Weisheit, der ein für alle mal die Suche beenden soll und das Vergängliche hinter sich lassen, das Unfertige, Imperfekte.

Ich habe mich mal so, mal so entscheiden. Meistens für die Frau. Aber wenn ich nach einer Liebesnacht glückselig ein paar Notizen in mein Tagebuch eintragen konnte, früher auf Papier, später an der Tastatur, dann hatte das ein bisschen was vom Genuss der Vereinigung auch dieser beiden Schwestern, der Kreativität und der erotischen Liebe. Auch als buddhistischer Mönch, 23 Jahre jung und voller Liebeslust, hatte ich den Eros der Hingabe an meinen Atem genossen, an die Meditation, an das Lauschen auf die Geräusche aus dem Garten vor meiner Hütte oder das Fühlen der sanft-kühl-weichen gestampften Erde, wenn ich mit meinen nackten Füßen achtsam gehend den Boden der ärmeren Viertel von Bangkok betastete, wo ich Samanera jeden Morgen mit der Schale in den Händen mein Essen holte.

Beethovens Glück und Leiden

Dennoch: Die Qual der Wahl, es gibt sie. Sie kann aufwecken und die Wahrnehmung verfeinern, aber es gibt auch ihn, den Schrecken, sich entscheiden zu müssen zwischen zwei wertvollen Gütern. Hatte Beethoven jemals Sex, oder hat er nur geschmachtet für die Frauen seiner Zeit und seine »unsterbliche Geliebte« (Bettina Brentano)? Hat er sie je getroffen und genossen? Dabei aber diese Musik!!! Diese Sinfonien!!! Das ist Erotik, Sinnlichkeit, Ekstase, die er da ausdrückt, von den Tiefen der Verzweiflung bis zu den Höhen himmlischen Glücks (»Freude, schöner Götterfunken«). Würde ich mit Beethoven tauschen wollen? Ich, der ich so viel Liebesglück in meinem Leben erfahren durfte mit einem, der so viel kreativen Genuss erfahren durfte, das Glück des Schaffens, der Schöpfung, der Hingabe an ein Werk? Nein, ich würde nicht tauschen wollen, ein solcher Wunsch wäre Blasphemie, und dennoch: Das Schicksal der anderen anzusehen, ihr Glück und Unglück, das lässt einen sich selbst erkennen, vergleichen, relativieren und reifen.

Göttinnenfiguren

Warum waren die ersten Figuren der Kunst Frauen? An den Wänden der Höhlen gab es männliche Jäger, das schon, aber die Darstellungen des Menschen vom Menschen als Skulpturen und Bilder waren Jahrtausende, Jahrzehntausende lang nur Frauenfiguren. Vermutlich Göttinnen, jedenfalls Kultfiguren, sagen die Forscher. Vermutlich haben Männer sie geschaffen, die Frauen verehrten. Verständlich. Als Mann muss man Frauen verehren, es geht nicht anders. Dort kommen wir her, dort sind wir eines Tages herausgeschlüpft, Männer wie Frauen, und für die meisten von uns Männern ist die Frau außerdem das größte Objekt des erotischen Begehrens, also ein Kultobjekt. Dies kann ein Pin-up sein oder eine Madonna oder eine Statue von Kali, der Schrecklichen  oder ein lebendes Wesen. Eine solche Figur erschaffen zu können, was für ein künstlerisch-erotischer Genuss muss das sein! Ich spüre diesen Genuss, wenn ich eine Frau massiere, so als würde ich Ton formen zur Figur einer Göttin, ich erschaffe sie mit meinen Händen durch meine Berührung. Ich kann sie auch durch Worte erschaffen in einem Roman  oder in einem Brief, der meine Anbetung ausdrückt: Beziehungen können Identitäten erschaffen, wir sind einander Kunstwerke. Die Freude der Kreativität ist ein erotischer Genuss.

Der Ursprung der Kunst

Da wundert es mich nicht, dass einige Forscher der Vorgeschichte den Ursprung der Kunst in der Werbung des Mannes um die Frau vermuten. Er schuf ihr diese Figuren, die er dann anbetete, und sie fühlte sich geehrt. Vielleicht tanzte er auch vor ihr, so wie die Paradiesvogelmännchen auf Neuguinea es vor den von ihnen umworbenen Weibchen tun. Er bemalte die Wände einer Höhle, und sie bewunderte ihn dafür und ließ sich schwängern von ihm, so dass die Gene des Künstlers sich fortpflanzten und auch heute noch mehr Männer Künstler sind als Frauen. Vielleicht war das so. Jedenfalls spüre ich den Drang zum Schaffen, zum Eros der Kunst und anderen kreativen Schöpfungen (auch wirtschaftlichen, sozialen, pädagogischen) stärker als ich ihn von den meisten Frauen her kenne. Ihr könnt Kinder gebären, ich nicht! Vielleicht ist es wirklich eine Kompensation, ein Ersatz, mit dem wir Männer uns trösten, wenn wir Kunstwerke schaffen oder Projekte gründen, weil wir doch keine Kinder gebären können.

Lehrer sein

Heute wünsche ich mir ein Leben, das schöpferisch ist und erotisch. Für mich will ich das und für alle, mit denen ich zu tun habe und auf die ich einwirke. Auch der pädagogische Eros gehört dazu: Ich empfinde es als lustvoll, in einem Menschen die Kreativität und Eigenheit erwecken zu dürfen. Hebamme sein oder Mutter, was ist die größere Aufgabe? Autor sein oder Schreibkunstcoach? In meinen Kursen zu »Eros und Sprache«, wenn die Teilnehmer alle schreiben und ich nur still dasitze, da bin ich nicht neidisch auf die Lust zu gebären, sondern begnüge mich wie Sokrates mit der Hebammenrolle. Eine Hebamme kann viel mehr Kinder zur Welt bringen als eine Mutter. Sokrates hat nichts geschrieben, dafür sein Schüler Platon und dessen Schüler Aristoteles umso mehr. Als Lehrer kann ich so viele Autoren aufblühen sehen, die Werke hinterlassen, die viel mehr sind als meines. Ja, es ist ein Genuss Lehrer zu sein; auch das ist ein kreativer, erotischer Genuss.

Lust, Kunst, Ewigkeit

Alle Lust will Ewigkeit, und alle Kunst will Ewigkeit, aber die Kunst hat dabei die besseren Chancen, denn sie kann Werke hinterlassen. Auch das mag eine Rolle spielen beim Eros der Kunst. Ein Orgasmus kann ein Kind zeugen, das siebzig Jahre lebt und andere Kinder zeugt oder gebiert. Der Orgasmus aber ist kurz; nur in seinem Werk berührt er die Ewigkeit.

War es für Baudelaire ekstatisch, Die Blumen des Bösen zu schreiben, Les fleurs du mal? Es muss eine kurze Ekstase gewesen sein, und vielleicht hat er Absinth dazu gebraucht, aber die Gedichte von ihm sind geblieben, ebenso wie die von Paul Celan, der sie unter ekstatischen Schmerzen gebar. Wir müssen den Zeitstrahl reiten lernen auf der Horizontale des Werdens und Vergehens, die aber jetzt und immer durchkreuzt wird von der Vertikale der ewigen Gegenwart. Das ist das Kreuz der Zeit, der Mitte, der Kunst, des Eros. Wir sind Schöpfer! Die Minuten, die ich das nicht nur weiß, sondern spüre, zittere ich am ganzen Körper. Aus Angst vor der Größe oder dem Sterben? Aus Lust, der Lust mächtig zu sein und vor Lust zu vergehen? Es ist pure Energie. In ihrer reinen, frei gestaltbaren Form macht sie Angst und Lust zugleich, denn ich darf ihr ein eine Form geben, jetzt!

 

-Wolf Schneider

Wolf Schneider

Wolf Schneider Jg. 1952, Publizist, Autor, Schreibcoach und Seminarleiter. Gründete 1985 den connection-Verlag und im Jahr 2005 die Schule für Kreativität und Kommunikation.

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