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Editorial connection special 81

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Tanz der Liebe

Wolf: Christine, was bedeutet für dich »Intimität«?

Christine: Ich verbinde damit ein besonders inniges Gefühl zu einem anderen Menschen, vor allem auch zu einem Mann. Wenn ich mich so zeigen kann wie ich bin und mich nicht verstellen muss, das ist schon mal der Anfang. Intimität ist aber mehr als das für mich. Ich verbinde damit auch eine körperliche Innigkeit: Dem anderen meine Liebe über meinen Körper zeigen, meine Hände über seine Haut gleiten lassen, ihm in die Augen sehen, seinen Herzschlag an meiner Brust spüren... – und dann einfach nur in seinen Armen liegen und still sein. Nichts anderes im Leben scheint dann mehr von Bedeutung zu sein. Ich empfinde das als eine Form der Meditation. Das ist für mich Intimität. Findest du das kitschig? Und was verstehst du unter Intimität?

Wolf: Nein, das finde ich überhaupt nicht kitschig. Auch für mich hat Intimität einen körperlichen Aspekt. Geistige Intimität kann so tief sein wie Intimität überhaupt nur sein kann. Mein höchster Wunsch aber ist die Einheit von körperlicher Verschmelzung und geistig-emotionaler Intimität und dabei die Gewissheit, dass auch das Getrenntsein, Alleinsein und die Verschiedenheit mit dazu gehören.
Intimität ist für mich etwas Süßes, ein angstfreies ineinander Eintauchen und Verschwinden. Lustvoll und sprachlos. Sprache kann daraus hervorquellen, aber eigentlich ist sie dann überflüssig, denn dort ist schon alles genug.

Worte und Hände, die berühren

Christine: Sprache ist die Form der Kommunikation, mit der wir uns am häufigsten verständigen. Aber hinter Worten kann man sich auch verstecken, man kann damit spielen. Oft kommt das gesprochene Wort anders beim Gegenüber an als beabsichtigt. Eine Hand die berührt wird als ehrlicher empfunden und berührt uns deshalb meist tiefer. Wirkliche Innigkeit aber scheint mir jenseits von Sprache und Berührung zu liegen als eine Form des miteinander Seins, die über beides hinausgeht. Meine Erfahrung ist, dass ich diesen Zustand mit einer anderen Person nur dann erreichen kann, wenn ich mich selbst sehr intensiv und ehrlich spüre.

Wolf: Ja, beide müssen dafür offen sein, dann strömen sie aufeinander zu, und es fehlt ihnen an nichts mehr. Glück pur! Dann aber geht es wieder auseinander, das ist die Bewegung des Lebens, wie Tag und Nacht, Sommer und Winter.

Eins und doch zwei

Damit umgehen zu können, das ist die Kunst: Separat sein und verschmolzen, eins und doch zwei. »Intimität«, das sagt sich so leicht: »Ich möchte mit dir intim sein!« – Was für eine Verheißung! Dann aber merkt man, dass nach der mystischen Verschmelzung die Welt nicht aufgehoben ist, die Einsamkeit, die Verantwortung ... sondern dass eine tiefere Form des Glücks sich in der Fähigkeit zeigt, mit Unglück umgehen zu können. Die Vereinten, wie gehen sie mit ihrer Verschiedenheit und mit Trennung um?

Christine: Oft haben wir große Angst vor der Verschmelzung, weil wir auch leicht in Sucht und Abhängigkeit von dem anderen geraten können. Aber genau darin liegt die Kunst der wahren Intimität: Sich auf den anderen ganz einlassen zu können und dann trotzdem wieder zu sich selbst zu finden. Dann können wir den Tanz der Liebe in vollen Zügen genießen!



Wolf Schneider
Herausgeber

Christine Janson
Redaktion
   
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