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Emotional verschmolzen

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Emotional verschmolzen
© Rene Woodword, fotolia.com

Emotional verschmolzen und trotzdem ich selbst

Die meisten Menschen wünschen sich eine innige Liebesbeziehung und möchten mit dem anderen verschmelzen. Aber wie können wir wieder zu uns selbst zurückfinden, wenn die eigenen Grenzen sich aufgelöst haben? Wie kann ich jemanden innig lieben und trotzdem eine eigenständige Persönlichkeit bleiben? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Heinz Körner in seinem Artikel.

Ich fürchte mich vor Nähe, obwohl ich mich danach sehne.Ich verzehre mich nach Intimität, aber ich laufe vor ihr davon.Was ist bloß los mit mir?Wie oft hört man diese Fragen? So gut wie nie!
Und wie oft hört man entsprechende Klagen in Bezug auf andere?
Andauernd (und besonders oft, wenn’s um Männer geht).
Da kann doch etwas nicht stimmen.

Es drängt sich ein Verdacht auf: Die Betroffenen merken gar nicht, was da mit ihnen geschieht. Oder sie wollen es partout nicht wahrhaben. Sonst würden sie sich diese Fragen doch auch mal selbst stellen. So scheint dieses Verhalten das Normalste von der Welt zu sein: Immer wenn eine Beziehung sehr eng wird, wenn Tiefe und Intimität auftauchen, ergreift man die Flucht – als gälte es, sich vor dem bösen Wolf zu retten.

Die Angst vor dem bösen Wolf

Wer ist denn dieser böse Wolf? Wovor will man sich retten?
Allzu rasch kommen da Antworten wie: Angst vor Nähe, Bindungsunfähigkeit und so weiter – eben alle diese Schlagwörter, mit denen man nur allzu gerne um sich wirft, wenn man nicht weiß, was wirklich dahinter steckt und was mit dem anderen tatsächlich los ist.
Gibt es wirklich Angst vor Nähe? Sehnen wir uns nicht alle so sehr danach? Und wenn, wovor soll man denn da, bitteschön, Angst haben? Nähe tut doch gut!
Kann jemand tatsächlich bindungsunfähig sein? Manchmal scheint es so, aber ist es dann nicht sonderbar, dass sich auch vermeintlich Bindungsunfähige nach Beziehungen sehnen? Wovor laufen sie also tatsächlich weg? Was macht ihnen solche Angst?

Die systemische Paar- und Sexualtherapie gibt darauf eine neue, aber vielleicht endlich brauchbare und hilfreiche Antwort: Man läuft weg, weil man Angst hat – aufgefressen zu werden. Und bei jedem, der einem zu nahe kommt, hat man das Gefühl, der oder die könnte einen zum Fressen gerne haben…
Wie bitte? Ja, wirklich – so ist es!

Diese Menschen haben Angst, sich zu verlieren. Sich aufzulösen. Vom anderen vereinnahmt und ausgesaugt, im wahrsten Sinne des Wortes aufgefressen zu werden! Ihre eigenen Grenzen zu verlieren! Nicht mehr sie selbst sein zu können! Im anderen aufzugehen – und sich selbst nicht mehr zu finden! Nicht einmal mehr in einer Selbstfindungsgruppe…
Das klingt absurd?

Volker versteht die Welt nicht mehr. Wie ein Häufchen Elend sitzt er vor mir und wirkt verzweifelt. Dabei ist er frisch verliebt in eine, wie er erzählt, eigentlich wunderbare Frau. Doch nach jedem Abend, nach jedem Wochenende, an dem es besonders schön war, an dem Tiefe und Innigkeit aufgetaucht sind, ist sie tagelang kaum ansprechbar. Kalt und abweisend klingt sie am Telefon. Als bedeute ihr das alles gar nichts, als sei es nicht mal gewesen. Als müsse es verdrängt werden.
Wenn alles nur ganz nett war, wenn man gemeinsam ein paar eher oberflächliche Dinge getan hat, dann ist sie ganz anders. Nur wenn es in die Tiefe ging, wird sie unausstehlich. Als fühle sie sich von etwas bedroht…

Maria, eine wunderschöne Frau, verbraucht gerade die siebte Packung Taschentücher, als sie unter Tränen von ihrem neuen Freund erzählt: Scheint ein toller Kerl zu sein. Aber er hat einen Nachteil: Sobald sie ihm emotional zu nahe kommt, kriegt er es mit der Angst zu tun. Er blockt ab. Sogar beim Sex, der ihr mit ihm ansonsten durchaus gut erscheint, kann er keine tiefen Gefühle zeigen oder ertragen. Und wenn sie nach mehr Zärtlichkeit verlangt, streichelt er sie zwar, gibt sich also Mühe, tut das aber »irgendwie mechanisch und ohne jedes Gefühl«, wie sie sagt. Ihm wird es sogar mulmig, wenn sie ihn mit etwas zu viel Gefühl verwöhnt. Und um mehr Nähe und dergleichen braucht sie ihn gar nicht mehr zu bitten, da wird er sofort »ganz komisch« und irgendwie steif und abweisend. Als fühle er sich von etwas bedroht…

Emotional verschmolzen
© Rene Woodword, fotolia.com

Aus der Verschmelzung zurückfinden zum ICH

Was ist es, was die beiden als Bedrohung empfinden?
Sie glauben gewissermaßen in der Falle zu sitzen, sobald sie emotionale Nähe spüren. Und diese Falle besteht aus ihrer Unfähigkeit, sich selbst, ihre Gefühle und die Gefühle anderer, ihre Umgebung (vor allem andere Menschen) wirklich differenziert wahrnehmen zu können. Das führt dazu, dass sie nur zwei Möglichkeiten von Liebe kennen: Entweder gar keine. Oder totale Verschmelzung. Dass es auch etwas dazwischen gibt, wissen sie nicht. Und wüssten sie es, könnten sie es nicht leben. Vor totaler emotionaler Verschmelzung haben sie aber verständlicherweise Angst. Die systemische Paar- und Sexualtherapie spricht hier vom Prozess der Differenzierung.
Wie erklärt man etwas, wofür andere dicke Fachbücher schreiben, auf ein paar Seiten? Ich will es versuchen, muss dabei aber notgedrungen an der Oberfläche bleiben und kann unmöglich alle wesentlichen Facetten der Differenzierung beleuchten. Wer sich in diese Thematik vertiefen will, dem sei die überaus spannende und bereichernde Lektüre von »Die Psychologie sexueller Leidenschaft« von David Schnarch, erschienen bei Klett-Cotta, wärmstens empfohlen.

Es beginnt mit einer sonderbaren Eigenschaft, welche viele von uns begleitet: Das Nicht-Annehmen-Können. Man hat ständig das Gefühl, zu kurz zu kommen und zu wenig geachtet, zu selten anerkannt und schon gar nicht geliebt zu werden. Dabei trifft nichts davon zu. Doch weil man nicht sieht und nicht fühlt, was man alles bekommt (oder es stets abwertet), hat man den Eindruck, es sei immer zu wenig. Das beginnt schon im Elternhaus, und in den Beziehungen setzt es sich fort. Man wird zu einem Fass ohne Boden. Du kannst solche Menschen loben und lieben so viel du willst, es ist ihnen nie genug. Das liegt aber nicht daran, dass es ihnen zu wenig ist, sondern daran, dass sie das, was sie bekommen, gar nicht annehmen und spüren können. Könnten sie es, wäre es ihnen vermutlich zu viel, sie würden sich überflutet fühlen, regelrecht ersäuft in Zuwendung und Liebe – und so haben sie irgendwann eine Mauer um sich herum aufgebaut, die nichts Schlechtes mehr durchlässt, aber auch nichts Gutes.
Sie sehnen sich also unendlich nach Liebe und Nähe, nach Intimität und Innigkeit. Aber sobald sie auch nur in die Nähe von Situationen kommen, in welchen genau das möglich wäre, blocken sie ab oder entziehen sich. Sie halten diese Gefühle gar nicht aus.
Ihnen erscheint Liebe so, als würden sie mit dem anderen total verschmelzen und sich in ihm auflösen, verlieren. Sie spüren dann ihre eigenen Grenzen nicht mehr. Und weil viele Menschen – sonderbarerweise vor allem Frauen – Liebe tatsächlich mit totaler emotionaler Verschmelzung verwechseln und sie ihr Nehmen und Geben von Liebe, Nähe und Intimität als ein Ineinander-Aufgehen begreifen, fürchten sich Menschen mit schwacher Differenzierung davor.

Gefühle differenziert wahrnehmen

Was ist das nun genau, diese Fähigkeit zur Differenzierung? Der Begriff kommt ursprünglich aus der Biologie und bezeichnet dort ein bestimmtes Stadium der Zellentwicklung. David Schnarch erklärt das in seinem oben empfohlenen Buch so: »Am Anfang ihrer Entwicklung bestehen sämtliche Zellen des Körpers mehr oder weniger aus denselben Komponenten. Doch wenn sie sich zu differenzieren beginnen, bilden sie typische Eigenschaften aus und erfüllen spezifische, aber aufeinander bezogene Funktionen. Je höher der Differenzierungsgrad einer Spezies, desto komplexer und besser ist sie an ihre Umwelt angepasst. Familien lassen sich mit mehrzelligen Organismen vergleichen. Die Differenzierung in ihnen nimmt im Laufe der Generationen zu oder ab, je nachdem, wie gut die Mitglieder in ihrer persönlichen Entwicklung vorankommen. Welchen Differenzierungsgrad Sie selbst, Ihre Paarbeziehung und Ihre Familie erreicht haben, hängt davon ab, in welchem Maße es Ihnen, Ihren Eltern und Ihren Großeltern gelungen ist, sich als Individuen weiterzuentwickeln und dabei die emotionale Verbindung zur Familie aufrechtzuerhalten.« Jede Zelle ist eigenständig und für sich, ist individuell – und dennoch fügt sie sich in das Ganze, ohne sich dabei zu verlieren.
Sich als individuell und selbstständig zu erleben und dennoch eine tiefe emotionale Verbindung aushalten zu können und in einer größeren Gemeinschaft – und sei es nur ein Paar – aufgehen zu können, das weist auf hohe Fähigkeit zur Differenzierung hin. Man ist ein Individuum, das sich in eine Gemeinschaft voll und ganz einbringen und einfügen kann, ohne jedoch seine Individualität gleich aufzugeben, aber auch ohne ständig nach individuellen Rechten und Freiheiten schreien zu müssen – nur um sich zu beweisen, dass man noch ein Individuum ist.

Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden

Wir alle kennen das mehr oder weniger in alltäglichen Bereichen: Wird ein bestimmtes Verhalten von uns kritisiert, eine Meinung hartnäckig hinterfragt oder ein Fehler angeprangert, fühlen wir uns manchmal als Mensch überhaupt angegriffen. Wir haben das Gefühl, wir seien nichts mehr wert und überhaupt das Allerletzte. Die Kritik trifft unsere ganze Person, und im schlimmsten Falle fühlen wir uns völlig ungeliebt und abgeschrieben, nur weil jemand sagt, dass ihn zum Beispiel unser ständiges Nasebohren stört. Dabei wurde nur ein kleiner Teil an uns kritisiert, nicht wir als Mensch. Wären wir ein Auto, würden wir uns selbst wegen einer kleinen Delle am Kotflügel am besten gleich komplett verschrotten.

Da ist sie wieder, die Differenzierung! Erkennen, dass ein kleiner Teil gesehen und kritisiert wird, das Ganze aber dennoch erhalten bleiben kann. Und andersrum. Doch als das Gesamtkunstwerk, als das wir uns nach außen präsentieren, fühlen wir uns komplett am Boden zerstört, obwohl allenfalls ein wenig Farbe abgeblättert ist, mehr nicht. Womöglich schlagen wir, so angegriffen wie wir uns fühlen, brutal und maßlos übertrieben zurück, wehren uns heftig und merken dabei gar nicht, dass die Kritik vielleicht sogar wertvoll und wichtig für uns wäre, würden wir sie einfach mal annehmen und wertfrei betrachten.

Also sollten wir lernen zu differenzieren, zum Beispiel klar zu unterscheiden zwischen der Kritik an einer unserer Verhaltensweisen und der an der ganzen Person. Wenn jemanden etwas an uns stört und er das klar und offen zum Ausdruck bringt, dann heißt das doch keineswegs, dass er uns nicht mehr leiden kann oder uns überhaupt entsetzlich findet. Wer das nicht differenziert wahrnehmen kann, hat ein Problem und kann mit Kritik nicht umgehen.

Ebenso läuft es andersrum: Werden wir gelobt oder mit Dank überhäuft, weil wir etwas Gutes oder Wichtiges geleistet haben, freuen wir uns nicht, sondern wehren es ab. »Schon gut«, sagen wir zum Beispiel, »war doch gar nichts Besonderes.« Dabei war es das für den anderen vielleicht doch. Und wir könnten uns einfach nur freuen. Aber wir schaffen es nicht, offen für das Lob und die Anerkennung zu sein, können damit nicht umgehen. Dabei fürchten wir insgeheim ständig, wir könnten ohnehin nichts wert sein und dass man uns niemals loben oder anerkennen würde.Noch absurder wird es, wenn uns jemand seine Liebe gesteht: Das kann doch nun gar nicht sein! »Wer liebt schon jemanden wie mich? Muss ja ziemlich blöd sein! Und von so jemandem will ich auch gar nicht geliebt werden, der so blöd ist, mich zu lieben!« Und so fühlen wir uns weiterhin ungeliebt, weil wir nicht mal Liebe annehmen können, obwohl wir uns doch so sehr danach sehnen.

Achtung vor der Freiheit des anderen

Wie soll man dann Nähe ertragen? Oder Intimität? Oder gar ein intensives Miteinander? Und dabei trotzdem man selbst bleiben?
Das alles würde ja wehtun, weil man genau weiß, da kriegt man etwas, wonach es einen schon lange dürstet und hungert, das man aber zugleich nicht annehmen kann. Also vermeidet man es. Man ergreift die Flucht oder blockiert oder wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das, wonach man sich eigentlich sehnt.

Hinzu kommt, dass viele einen schrägen Begriff von Liebe und Nähe haben. Die meisten verwechseln Liebe mit totaler emotionaler Verschmelzung. Man kann sich aber auch sehr verbunden fühlen, zum anderen stehen und zu ihm halten, für ihn da sein und seine Nähe genießen, ohne gleich mit ihm verschmolzen und kein Individuum mehr zu sein. Und es geschieht sogar auf einer freiwilligen Basis, ohne Suchtfaktor und dafür von weit kraftvollerer Liebe getragen.
Ein auffälliges Symptom dieser – ich nenne es mal provozierend »kranken« Liebe – ist die Eifersucht: Es erscheint unerträglich, dass der geliebte Mensch zwar zu uns gehört, aber dennoch ein eigenständiges, abgegrenztes Lebewesen ist. Das muss bekämpft werden, er muss uns mit Haut und Haaren gehören, und zwar absolut und für immer! Das Dumme ist nur: Man kann die Sehnsucht, den anderen ganz und gar für sich zu besitzen, niemals wirklich stillen, denn er ist nun mal eine andere Person, die sich zwar mit mir verbunden fühlen und mich lieben, aber von mir niemals einverleibt werden kann.

Es sei denn, man hat jemanden sprichwörtlich zum Fressen gern und verspeist ihn tatsächlich. Das wäre die extremste Form emotionaler Verschmelzung; sie wäre sogar körperlich vollzogen. Das verdeutlicht jedoch das Dilemma, das auch auf der gefühlsmäßigen Ebene abläuft: Man hat den anderen zwar gefressen und in sich, aber man kann ihn nicht mehr lieben. Vor allem aber kann man von ihm nicht mehr geliebt werden. Also hätte man auf diese Weise Nähe, ohne dem anderen jemals wieder nahe sein zu können oder zu müssen. Denn er ist weg. Das wäre sozusagen die unterste Stufe der Differenzierung.

Die höchste dagegen bedeutet, dass man sein Selbstwertgefühl nicht über den anderen und die Beziehung definieren muss, aber dennoch immer und überall zu der Beziehung steht und eine tiefe Verbundenheit fühlt: Mein Selbstwertgefühl fällt nicht in sich zusammen, wenn mein Partner mal keine Zeit für mich hat, auch mal nicht da ist oder ich nicht in einer Beziehung lebe. Beziehungen sind mir kostbar, aber ich zerbreche auch nicht am Alleinsein. Ich weiß, dass ich auch ohne Liebesbeziehung wertvoll bin.
Habe ich aber eine Beziehung, dann brauche ich nicht ständig auf meine Unabhängigkeit zu pochen. Ich kann locker und gelassen und meiner selbst bewusst mich dennoch darüber freuen, dass mein Partner auf mich zählt. Ich kann berücksichtigen, was er braucht und für ihn wichtig ist, kann seine Bedürfnisse befriedigen, ohne gleich das Gefühl zu haben, dann selbst zu kurz zu kommen oder untergebuttert zu werden. Mein Bedürfnis nach Individualität ist im Gleichklang mit meinem Bedürfnis nach einem tiefen Miteinander. Ich bin wie ein herrlich leuchtender Diamant in einer Kette aus vielen Diamanten: Einzigartig und etwas ganz Besonderes – und dennoch ein nützliches und wertvolles Glied in der Kette.

Praktische Tipps, wie man mit der Angst vor Nähe umgehen kann

Was tun, wenn man sich in jemanden verliebt hat, der Angst vor Nähe hat? Wie kann man daran arbeiten, wenn man selbst davon betroffen ist? Nicht jeder hat die Möglichkeit einen Paartherapeuten aufzusuchen, der sich mit systemischer Sexualtherapie auskennt. Kann man auch ohne professionelle Hilfe etwas tun?

1. Regel: Nicht gleich davonlaufen

Die erste und wichtigste Regel lautet, sich immer wieder, wirklich immer wieder und jeden Tag aufs Neue bewusst zu machen, das individuelle Eigenständigkeit und Emanzipation auf der einen Seite und tiefe Verbundenheit und emotionale Nähe auf der anderen Seite einander nicht ausschließen müssen; dass man beides zugleich leben kann. Wer selbst dieses sonderbare Unbehagen fühlt, wenn es scheinbar zu eng wird, muss sich seiner Angst stellen: Nicht beim nächsten Mal sofort abhauen, sondern einfach mal dabei bleiben und abwarten, was geschieht. Vielleicht merkt man ja nach einer Weile, dass man auch dann noch man selbst ist und sich nicht verloren hat, wenn man auch mal etwas aushält und erträgt, wonach man sich im Innersten ohnehin sehnt. Und mit etwas Glück spürt man, dass es sogar gut tun kann – wenn man das überhaupt erst mal für möglich hält und nicht gleich – aus lauter Angst – total ausschließt. Und (man höre und staune!) ein differenziertes Selbst ist auch dann stabil, aber immerhin durchlässig, wenn der Partner uns manipulieren will. Man kann ihm dennoch nahe bleiben, wenn er uns umzumodeln versucht, und muss nicht gleich die Flucht ergreifen. Denn man kann sich freundlich, aber bestimmt dagegen wehren – oder aber verstehen, dass es eine Chance ist, etwas dazuzulernen. Wir können uns sogar weiterentwickeln und ändern, ohne unsere Identität zu verlieren. Du bleibst trotzdem du selbst. Kaum zu glauben, nicht wahr? Okay, ich will nicht zynisch sein, aber eigentlich ist das alles eine Selbstverständlichkeit und müsste nicht extra betont werden.

2. Regel: Auch mal nachgeben

Also, man kann sich bewusst dafür entscheiden, auch mal den Interessen des Partners zu folgen, auch wenn es mal auf Kosten der eigenen Bedürfnisse geht. Und man ist deshalb noch lange kein unterwürfiger Sklave! Sondern man sieht dann, dass es auch mal einfach nützlich und wertvoll sein kann – und dafür auch der andere für mich auf etwas verzichtet. Er ist sogar weit eher dazu bereit, wenn er weiß, dass beide füreinander da sind – und trotzdem eigenständige, selbstbewusste Menschen bleiben, die sich freiwillig und mit Freude dafür entscheiden, dem anderen zuliebe etwas zu tun, ohne sich als unterwürfiger Sklave zu fühlen.

Es mag auf den ersten Blick ein albernes Beispiel sein, doch es macht vieles deutlich: In den meisten Beziehungen wird darüber gestritten, wer nun für den Abwasch oder die Hausarbeit zuständig ist. Jeder will den anderen über den Tisch ziehen und keinesfalls zu kurz kommen oder benachteiligt werden. In einer differenziert geführten Partnerschaft kann es stattdessen vorkommen, dass man sich eher darum streitet, wer dem anderen heute die Freude machen darf, ihn vom Abwasch oder von der Hausarbeit entlasten zu dürfen, um ihm eine Freude zu machen.

Liest sich das komisch? Klingt wie nicht wahr? Ist es aber nicht – es ist weise. Und es ist – Liebe!
Vielleicht spürt man dann, dass einem kein Zacken aus der Krone fällt, wenn man mal für jemanden da ist und für ihn etwas tut, vielleicht sogar mal auf etwas verzichtet, um den geliebten Menschen zu erfreuen. Denn wenn der glücklich ist, fühlt man sich selbst ja auch wohler.

3. Regel: Sich für die Ziele des anderen interessieren

Hat man einen hohen Grad der Differenzierung erreicht, sieht und erlebt man Konflikte in der Partnerschaft plötzlich ganz anders als bisher: Bislang standen sich z.B. »meine Wünsche« und »deine Wünsche« fast feindlich gegenüber, wenn es nicht gerade mal zufällig die gleichen waren. Jetzt geht es um einen Ausgleich zwischen meinen Wünschen und – Achtung! – »meinem Wunsch, dass auch deine Wünsche erfüllt werden«. Mit der allgemein üblichen Taktik, dem Partner seine Wünsche auszureden zu versuchen, um lieber die eigenen durchsetzen zu können, schneidet man sich letzten Endes immer ins eigene Fleisch. David Schnarch formuliert das sehr treffend: »Wenn Sie dagegen an den Zielen Ihres Partners Anteil nehmen und es aufgrund Ihrer fortgeschrittenen Differenzierung gut verkraften, auch mal ein Opfer zu bringen, dann gehen Sie sogar mit einem gestärkten Selbstgefühl daraus hervor und haben nicht das Gefühl, benutzt zu werden.«

Aber es ist ja viel moderner, Selbstverwirklichung mit Egoismus zu verwechseln, Selbstfindung mit sofortiger Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, notfalls auch skrupellos über emotionale »Leichen« hinweg. Und sich dann regelmäßig zu wundern, warum alles so leer und sinnlos erscheint und man noch immer allein ist, oder dass man mit keiner Beziehung auf Dauer wirklich klarkommt…

Wir alle kennen jemanden, der ständig und überall auf seine Freiheit pocht und unbedingt seinen persönlichen Freiraum braucht. Vielleicht sind wir selbst so? Immer ein Hintertürchen offen lassen, sich niemals festlegen – man hätte dann ja nicht mehr alle Optionen offen oder könnte plötzlich nicht mehr man selbst sein. Oder man wäre ja auf einmal nur noch für den anderen da? Und wo bleibt man selbst?

Das ist modern und zeitgemäß. Das kann prima als Emanzipation gepriesen und als Selbstverwirklichung verkauft werden – und ist letzten Endes nichts anderes als die Angst vor einer Liebe, die kraftvoller und größer sein könnte als unsere Ängste, tiefer und erfüllender als unser gnadenloser Egoismus.

-Heinz Körner

Heinz Körner, Märchenerzähler, Autor und Hrsg. mehrerer Bestseller (u. a. »Johannes«, »Die Farben der Wirklichkeit«, »Männertraum«), lebt zurückgezogen in Rudersberg bei Stuttgart. Er arbeitet für ein neues, echtes und ehrliches Frau- und Mannsein, damit Frauen und Männer sich wieder ergänzen und aneinander erfreuen können statt sich insgeheim zu verachten oder zu bekämpfen, und bietet eine urchristlich-spirituelle, kraftvolle Therapie an.

Aus dem Heft connection tantra special 81

  • Inhaltsverzeichnis
  • Weiter Probelesen: Eine erotische Geschichte
  • connection special Nr. 81 im Shop bestellen
  • Alle Special Magazine auf einen Blick
  • Magazine, Bücher und Abos im Connection Shop
  • Titelblatt special Nr. 81

       
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