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Linkshändige Vereinigungspraxis

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Die Begegnung mit dem Fremden
© Diamond Lotus Institut

Die Begegnung mit dem Fremden

Es gibt nur wenige Orte, an denen man tantrische Sexualrituale heute noch praktizieren kann. Felicitas Faber berichtet von einem spannenden Retreat im Diamond Lotus-Institut von Andro, Devatara und Saranam, das sie gemeinsam mit ihrem Mann besucht. Wie fühlt es sich an, mit allen Männern in der Gruppe Geschlechtsverkehr zu haben? Was ist hier der Unterschied zu einem Erlebnis im Swingerclub? Welche Auswirkungen hat es auf die eigene Beziehung, wenn man dem Partner beim Sex mit einem Fremden zusieht?

Was ist Liebe?

Ich habe ihn wirklich geliebt. Ich habe ihn gespürt und gefühlt. Ich habe meine Sinne und meine Wahrnehmung auf ihn ausgerichtet und für ihn geöffnet. Ich habe mein fühlendes Sein in ihn gesenkt, bis ich Einsicht nehmen konnte, in seine Person und Persönlichkeit, sein Denken und Fühlen: in seine Zustände, ob nun Freude, Lust, Angst oder Schmerz. Mein Ich hat sich auf sein Du ausgedehnt und war voller Mitgefühl. Nun sind wir getrennt. Er jagt einem Traum vom Du hinterher, nicht der Wirklichkeit in Form meiner Person, die als Mensch dieselben Zustände durchlebt wie er. Er will ein Leben der Freude und Lust herstellen und liebt die Angst und den Kummer, den Schmerz und die Verzweiflung zu wenig  das, was auch gehalten werden will im Leben und im Lebendigsein, stark und still und erwachsen.

Max

Im Frühsommer 1995 hatte ich noch eine psychotherapeutische Praxis und bot fortlaufende Tantrakurse für Frauen an verschiedenen Orten an. Tantra ist ein Wort aus einer alten östlichen Sprache, Sanskrit genannt. Ins Deutsche übersetzt bedeutet es Gewebe, Zusammenhang. Im Tantra finden wir die grundsätzliche Erlaubnis, alles miteinander zu verbinden und sich einzuverleiben. Ich habe die Fantasie, dass ich mich durch erreichbare Erfahrungen meines Körpers, meiner Seele und meines Geistes selbst webe und zu einem erblühten Menschsein gelange. Die Praxis des Neotantra will verfeinerte Sinnlichkeit, befreite sexuelle Lust und meditatives, vergeistigtes Erleben verbinden, weil gerade wir Westler unter der verdammenden Trennung des jeweiligen Ausdrucks leiden. Unter dem Thema Tantra sollten Frauen aus meinen Gruppen und Männer, die sich auf eine Anzeige hin für einen Tantrakreis gemeldet hatten, zusammengeführt werden. Die Zusammenführung war dann doch nicht möglich und aus dem Tantrakreis wurde nichts, aber als ich nach dem Aufräumen in die Diele trat, stand da noch Max, der einfach auf mich gewartet hatte. Wir gingen zusammen essen, und so begann unsere Geschichte. Wir wurden ein Liebespaar mit einer Dynamik, die ich noch nie in einer Liebesbeziehung zu einem Mann erlebt hatte. So orgasmisch wie wir uns liebten, so heftig stritten wir uns, weil wir noch nicht viel Erfahrung damit hatten, Gegensätze so einzuweben, dass Harmonie und Schönheit sichtbar werden. Doch wir fanden und vereinigten uns immer wieder auf Entdeckungsreisen  äußeren und inneren Reisen, Experimenten mit der Liebe.

Die Begegnung mit dem Fremden
© Diamond Lotus Institut

Die Tantraschule von Andro

Wieder im Frühsommer, drei Jahre später, war ich endgültig verliebt in Max und mich gelüstete es, eine weitere Reise anzutreten, die Neues versprach und uns weiterbringen sollte auf dem Weg des Tantra. Wir fuhren nach Berlin, um uns die Lebensgemeinschaft von Andro und Devatara anzusehen und uns der Tantraschule von Andro zu nähern, die Maithunas anbietet, d. h. ritualisierte Geschlechtsakte in der Gruppe, so wie es das linkshändige, hinduistische Tantra seit Jahrtausenden tut.

Nachdem wir geklingelt hatten, öffnete Saranam, der Enkel von Heinrich Mann, nur mit einem Tanga bekleidet die Haustür. So empfangen zu werden, das ist wirklich etwas Neues, denke ich, und ein feiner Schauder läuft durch mich hindurch. Saranam begrüßt uns freundlich, zeigt uns die Räumlichkeiten und erklärt, was die kleine Gemeinschaft anbietet und wie sie leben. Dann dürfen wir auf dem Hochbett im Massagezimmer unser Lager aufschlagen. Wir wollen uns vielleicht auch eine Massage geben lassen oder etwas anderes mitmachen, was sich gerade anbietet. Alle, die gerade da sind, nehmen an dem großen ovalen und niedrigen Tisch, auf dem Boden sitzend, das Abendessen ein. Hier lernen wir auch Andro und Devatara kennen, kommen ins Gespräch, fragen und planen. Für den nächsten Abend ist ein von ihnen organisierter Event in einem Swingerclub geplant. Wir beschließen zu bleiben und dorthin mitzugehen.

Im Swingerclub

Im Swingerclub sitze ich und staune. Zusammen mit Devatara steht Saranam lässig an der Bar, so wie tausend andere Frauen und Männer eben an tausend anderen Bars der Welt stehen, einen Drink zu sich nehmen und plaudern. Hier jedoch ist etwas anders. So wie man von einem Glas Sekt nippt, führt Saranam seinen Lingam (Penis) immer wieder in Devataras Yoni (Vagina) ein, bewegt sich darin eine Weile genüsslich und löst sich dann wieder. Da alles sehr neu für mich ist, bin ich zögerlich, lasse mich aber immer mehr auf die Stimmung ein, die sich dadurch im Raum breit macht.

Quelle: Diamond-Lotus-Institut Max kennt die Swingerclub-Szene, wo man sich trifft, um sexuelle Fantasien auszuleben, während für mich alles neu ist. Er animiert mich, meinen Fantasien wildfremden Männern gegenüber nachzugeben. Ungeschickt experimentiere ich ein bisschen herum. Ich habe auch Angst, dass Max mich wegschickt, damit er freie Bahn bei anderen schönen und aufregenden Frauen hat. Schickt er mich vielleicht sogar weg, weil ich ihm eine Last bin, weil er glaubt, für mich sorgen zu müssen? Da ich mich schon nackt und bloß den Augen der anderen preisgebe, brauche ich die Sicherheit durch die Vereinigung mit Max, um mich entspannen und in ein gebündeltes orgiastisches Erleben fallen lassen zu können  das durch die anderen, die Gleiches tun, verstärkt wird.

Ich atme und bewege mich in lustvolles Gebaren hinein, das sich vollkommen verselbständigt, als Andro anfängt, mit streichenden Bewegungen seiner Hände auf meinem Körper meine Bewegungen nachzuzeichnen. In mir wird es ganz weit, so als würde sich ein großes Tor öffnen, in meiner Brust und hinter meiner Stirn. Mein Oberkörper bewegt sich in einer schlängelnden Bewegung auf und ab. Der Atem fließt völlig frei durch den geöffneten Mund im Rhythmus meines Körpers. Die Töne kommen ungehindert. Ich komme. Der Ausdruck meines Körpers kommt, ganz und gar. Alle Zellen meines Körpers kommen... stöhnen, beben... Befriedigt verlassen wir an diesem Abend den Swingerclub und am folgenden Tag Berlin.

»Es wird gut gehen«

Sieben Jahre nach jenem Besuch bei Andro und Devatara überlegen Max und ich, wie wir unser zehnjähriges Beziehungsjubiläum gebührend feiern können. Wir wollen noch mal ein Stück weiter gehen und entscheiden uns, einen lange gehegten Wunsch wahr zu machen und bei Andro und Devatara ein Seminar zu buchen. Endlich wollen wir das einmal erleben: ritualisierte Geschlechtsakte mit uns bis dahin fremden Menschen. Ich bin in gespannter Erwartung, als wir im Frühjahr 2005 nach Berlin fahren.

Die Regeln für den Rahmen des fast eine Woche dauernden Seminars empfinde ich als äußerst streng. Drei Frauen und vier Männer schlafen eng aneinander in einem Zimmer. An dieses Zimmer grenzt ein Bad, das von allen zu benutzen ist. Das Bad hat eine Badewanne und ein Klo, aber keine Tür. Dies heißt: Schlafen, Aus- und Anziehen, Baden, Waschen, Pinkeln, Kacken  alles geschieht unter den Augen der anderen. Nachts wird die Tür des Schlafraums verschlossen, und wir haben keinen Schlüssel. Etwas in mir begehrt auf. Ich fühle mich eng und eingeengt. Als wir ankommen und ich dies alles erfahre, werde ich ängstlich und aggressiv und versuche mich bei einer Tasse Tee zu beruhigen. »Es wird gut gehen«, sagt eine Stimme in mir.

Max und ich sitzen auf dem Boden, trinken Tee und warten darauf, die anderen Seminarteilnehmer kennenzulernen. Wir befinden uns in einem kleinen, hohen Durchgangszimmer einer typischen Berliner Altbauwohnung. Das große, hohe Fenster geht zum Innenhof. Eine zierliche Asiatin mit weißer Haut und einem ebenmäßigen Gesicht läuft mehrere Male hin und her. Sie versucht jedes Mal mit Konzentration und Bedacht die hohen Türen zu schließen, was ihr aber nie gelingt. Wir können unserer Anspannung etwas Luft machen, indem wir über sie lästern.

Egal, wer da ist ...

Schließlich sitzen wir an diesem Abend in der Anfangsrunde und stellen uns vor. Ich sehe mir die Frauen an und dann die Männer. »Max wird bestimmt auf die Asiatin abfahren. Sie ist körperlich genau sein Typ.«, denke ich und beobachtete die Männer: ein selbstbewusster Asiate aus Taiwan, der in Deutschland Politologie studiert; ein typischer Grieche, in dem ich als erstes den Macho sehe; ein junger, niedlicher Brasilianer, für den ich Muttergefühle entwickle und Max, der Deutsche aus Bayern. Was für ein zusammengewürfelter Haufen! Aber das ist die Aufgabe: Egal wer da ist, wir begegnen uns im Feld der Liebe.

Für Max gibt es natürlich mich, die schon erwähnte Asiatin, dann eine ziemlich unsympathische, mollige Frau und Devatara, die für dieses Seminar als Leiterin und gleichzeitig Gruppenteilnehmerin fungiert, da sich mehr Männer als Frauen angemeldet hatten. Es scheint in dieser Gemeinschaft kein großes Problem zu sein, die Rollen schnell zu wechseln. Wie wir später noch erfahren, soll der Brasilianer der Geliebte von Andro sein. Ich entnehme Devataras Äußerungen, dass sie den Brasilianer gerne heiraten möchte, nachdem sie fünf Kinder von einem Inder und von Andro geboren hat und noch nie verheiratet war. »Polyamorie« nennt man diese Erscheinung innerhalb der neuen sozialen Bewegungen. Ich sitze wieder mal da und staune, beobachte meine Gedanken und Gefühle und tauche tiefer und tiefer in das Gruppengeschehen ein, das am Anfang aus Gesprächen und kleinen Übungen besteht, die uns näher bringen und auf das Thema einstimmen sollen.

Schritte der Annäherung

Nach dem ersten Tag fühle ich mich schon wohler. Ich habe mich mit dem Ort und den Menschen vertraut gemacht und erste freundliche Schritte der Annährung und des Kennenlernens unternommen. Mein Wunsch, Neues zu erleben, schwemmt alle Bedenken hinweg, und ich arrangiere mich mit der bedingungslosen Offenheit, die als notwendig hingestellt wurde. Mein erstes Vereinigungsritual soll mit dem Asiaten stattfinden. Ich bin glücklich darüber, denn er lässt alle wissen, dass er Frauen liebt und ein potenter Liebhaber ist. Max soll sich dabei gleichzeitig mit Devatara vereinigen.

So laufen die Rituale ab: Der Ritualmeister bestimmt, wer mit wem das Ritual durchführt. Dann richtet das zusammengeführte Paar den Ritualplatz her. Dies habe ich jedes Mal als eine andächtige und berührende Handlung erlebt. Schöne Decken, Kissen, ein Blumenstrauß, erlesene Gegenstände, Kondome, Gleitgel, Handtücher. Die kleinen Maithunas dauern eine Stunde, die große neun Stunden. Wir lernen uns rituell zu begrüßen und zu verehren, was nichts anderes heißt, als auf eine bestimmte Weise dem anderen die erfreulichsten Komplimente zu machen.

Vereint, eins, einig

Danach begibt sich mein asiatischer Politologe ohne Schnörkel in den Schneidersitz. Kondom, Gleitgel, und ich setze mich auf ihn drauf; ins Yabyum, eine klassische tantrische Stellung. Beide setzen sich aufrecht ineinander, und der Lingam gleitet in die Yoni. Wir vögeln eine ganze Stunde lang in dieser Stellung. Er stößt mit seinem Becken, mit lebhafter Mimik und Gestik, berührt mich, streicht mir über den Rücken, spricht irgendwelche Gedanken ungefiltert aus, hauptsächlich zu meiner Verehrung, und von Blut, Schweiß und geilen Weibern. Uns läuft das Wasser herunter. Wir lassen es fließen, und ich fließe von einer orgiastischen Welle zur nächsten, begleitet vom gemeinsamen Rezitieren des Mantras. Ist der Lingam außerhalb der Yoni, singen wir »Om Adi Om«; ist er innerhalb, wiederholen wir singend »Om Mani Padme Hum«, was gedeutet wird als »wir sind vereint, eins, einig«.

Mit dem 23-jährigen Brasilianer werde ich spontan. Safer Sex ist oberstes Gebot. Aber ich bemerke seinen Widerwillen gegen das Kondom. Wir waren vor dem Seminar auf alle möglichen Geschlechtskrankheiten getestet worden, auch auf Aids, was aber keine hundertprozentige Sicherheit bietet. Ich reagiere intuitiv und streife das Kondom zwischendurch einfach ab. Es fühlt sich wirklich anders an. War dies ein südamerikanischer Rhythmus, der mich hier erfasst hatte  leicht, gehoben und spielerisch? Mein Partner ist ein wahrer Liebesdiener, der nicht den geringsten Zweifel daran lässt, dass er mich begehrt, obwohl ich 31 Jahre älter bin als er. Halb sitzend und halb seitlich liegend verbringen wir eine Stunde in lustvoller Vereinigung.

Dasselbe dann mit dem Griechen. Hier bin ich zuerst etwas vorsichtig und zurückhaltend, aber sehr wohl gewillt. Ich will einfach wissen, wie es mit ihm ist. Er hat kundgetan, dass er Erektionsschwierigkeiten hätte, aber ich weiß, dass ich damit umgehen kann. So war es dann auch. Nach anfänglichen Unsicherheiten seinerseits, denen ich mit unverblümter Gelassenheit begegne, blüht er so richtig auf, und bei genussvollen langsamen Bewegungen träume ich mich nach Griechenland. Ich war verblüfft, denn ich sehe uns als glückliches Ehepaar, das in direkter Standnähe ein Restaurant betreibt, eingebunden in einen Familienclan. Ich ließ mich für die Spanne eines Traums mit meinem ganzen Sein auf dieses Leben ein.

Zur gleichen Zeit ist Max mit der Asiatin zusammen. Oh, dieser weiße, schlanke und makellose Körper...  und er streichelt sie zärtlich, stößt sie meisterlich von allen Richtungen. Bin ich deshalb nach Griechenland ausgewandert? Bin ich eifersüchtig, neidisch und ängstlich? Ja, doch, für kurze Zeit schon. Aber zwischen den Ritualen treffen sich Max und ich dann in großem Einvernehmen; das nimmt mir einiges von der Angst, ich könnte ihn an eine andere verlieren.

Das Neun-Stunden-Ritual

Max und ich kämpfen darum, das Neun-Stunden-Vereinigungsritual miteinander verbringen zu dürfen. Max will sich auf keinen Fall mit der Frau vereinigen, die nicht nur einen wülstigen Bauch, sondern ebensolche und gewaltig wirkende Lippen zwischen den Beinen hat. Es gibt auch eine gewisse Enttäuschung bei ihm, dass nicht genug Auswahl an Frauen da ist, die solche körperlichen Merkmale aufweisen, auf die er geprägt ist, in die er sich verlieben und die er begehren kann. Aber es ging ja gar nicht um Wahl, sondern um Wahllosigkeit ... Jeder kann jeden lieben, reinlassen, aufnehmen, mit ihm verschmelzen  so habe ich den Sinn dieser Rituale verstanden. Aber auch ich wäre auf die Barrikaden gegangen, wenn Devatara für dieses Ritual nicht uns beide zusammengeführt hätte. Aber wir hatten Glück!

Neun Stunden! Das ist eine sehr lange Zeit. Wir haben nicht die geringste Ahnung, wie das funktionieren soll. Neun Stunden auf einem Platz und möglichst in Dauervereinigung. Wir einigen uns darauf, dass hier unser Einfallsreichtum gefordert ist. Wir würden es schon schaffen, wir kannten uns ja gut  vögelnderweise seit zehn Jahren. Außerdem gab es hierzu Viagra, wenn der Mann wollte. Und alle wollten!

Alles noch einmal von vorne: erlesene Decke, bunte Kissen, prachtvoller Blumenstrauß. Schweißtücher, Talismane, Kraftobjekte, Gleitgel. Diesmal, mit Max, keine Kondome  wie wundervoll! Mit gehobener Stimmung stürzen wir uns ins Geschehen. Er im Schneidersitz, ich auf ihn drauf. Während sein Lingam in meine Yoni eindringt, schlinge ich meine Beine um seine Hüften und ziehe ein Kissen unter meinen Po, um mich nach hinten abzustützen.
Wir lauschen der Musik einer CD und singen unentwegt unsere Mantren, in deren Singsang sich alle unsere Emotionen mischen. Zwischendurch gibt es mundgerechte Obststücke auf einem silbernen Tablett, Wasser oder Wein schlückchenweise aus einem Glas. Die Ritualmeister lösen sich ab, singen unentwegt die besagten Mantren, legen Hintergrundmusik auf, verstummen, stimmen wieder an, bis  fast unglaublich  ein Klangteppich aus allen Stimmen entsteht, der uns weiter und weiter trägt. Ich falle aus der Zeit, löse mich auf in raumlose Klänge, die von irgendwoher neue Impulse bekommen und mich stimulieren, mich wieder zu bewegen oder eine neue Position einzunehmen.

Neun Stunden Sex! Das ist eine sehr lange Zeit. Wir haben nicht die geringste Ahnung, wie das funktionieren soll

Ich sinke mit Max in eine Innigkeit, die durch alle Menschen im Raum auf unsichtbare Weise getragen wird. Ich löse mich auf im Liebesrausch, der sich abwechselnd in wilder orgasmischer Bewegung und dann wieder in völliger Bewegungslosigkeit äußert. In jede neue Etappe hinein entspanne ich mich vollkommen und fühle die Energien in mir vibrieren und pulsieren oder spüre sie als heftiges oder feines Strömen. Unsere Energien verweben sich und lösen sich dann wieder voneinander. Da die Rollos heruntergelassen sind, können wir nicht einmal am Verlauf des Tageslichts erkennen, wie weit die Zeit fortgeschritten ist. Wir probieren die unterschiedlichsten Stellungen aus und wiederholen sie. Zeitweise liege ich nur noch auf der Seite, den schlaffen Schwanz von Max in mir. Manchmal fallen wir einfach erschöpft auseinander und lassen uns zu Essen und zu Trinken bringen oder gehen aufs Klo. Mehr und mehr fühlen wir durch die Stimmung im Raum, gemeinsam mit den anderen, dass die neun Stunden bald um sind. Dann der Gongschlag, mit dem das Ritual jäh zu Ende geht.

Es war viel. Wir sind ausgelaugt und müde, trotzdem fühle ich mich leicht und zufrieden. Ich stehe und gehe aufrecht und umarme die anderen. Wir sind alle stolz auf uns. Ich fühle mich mir, Max und allen anderen wundervoll nahe.

Zwei Jahre sind nun vergangen, und ich begreife immer wieder neu: Diese Erfahrung war für mich elementar wichtig auf dem Weg zu einem Bewusstsein, das Menschsein weder zu rechtfertigen noch zu verdammen, sondern  zu lieben.

-Felicitas Faber

Felicitas Faber, Jg. 1951, ist Diplom-Sozialpädagogin und Heilpraktikerin. Sie arbeitete als Lehrstuhlsekretärin erst an einer Philosophischen Fakultät, dann für einen Lehrstuhl für Soziologie, danach für Politologie. Auf dem zweiten Bildungsweg erwarb sie die Fachhochschulreife und studierte Sozialpädagogik. Mit dem Heilpraktiker-Titel ließ sie sich zur Psychotherapeutin ausbilden und arbeitete zwanzig Jahre in eigener freier Praxis. Hauptberuflich ist sie nun Betreuerin nach dem Betreuungsrecht. Sie hat eine erwachsene Tochter. Ihre Themen sind Bewusstsein und Kreativität. Sie ist Autorin, Mentorin und Kreative.
   
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