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Editorial connection special 80

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Macht, Ohnmacht, Einsicht

»Und doch welch Glück geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!« dichtete der junge Goethe nach einer Nacht bei seiner Geliebten, in der sich Glück (»Ich hofft' es, ich verdient' es nicht«) und Abschiedsschmerz (»In deinem Auge welcher Schmerz«) miteinander vermischten.
Lieben und geliebt zu werden, ja, das ist - trotz Schmerz - das höchste Glück. Aber wie schaffen wir das? Wie gelangen wir in diesen siebten Himmel? Wo doch das, was wir »Liebesbeziehung« nennen, meist mehr davon bestimmt ist, wer da gerade die Macht hat und was sie oder er damit anstellt?

Macht

Macht zu haben heißt, erreichen zu können, was man will. Was für ein großartiges Gefühl! Kann aber sein, dass ich mich irgendwann damit langweile oder feststelle, dass einige dieser Ziele oder Wünsche mir und anderen gar nicht gut tun - und mich ohnmächtig fühle, sie zu ändern. So ohnmächtig wie die Gefangenschaft in einem Job, einer Beziehung oder einem kranken Körper. Was kann ich da tun? Erst einmal: akzeptieren, dass es so ist. Damit bin ich noch nicht frei, aber das Gefühl der Ohnmacht ist erst mal weg. Im Sex kann die Erkenntnis der Unfreiheit durchaus etwas Prickelndes haben. Im Religiösen ebenso: sich einer viel größeren Macht ausgeliefert zu wissen als dem eigenen, kleinen Ich, das kann sehr ekstatisch sein.

Täter & Opfer

Dabei haben wir manchmal viel mehr Macht, als wir denken. »Gib mir den Mut zu tun, was ich kann«, lautet deshalb ein altes Gebet, »und die Fähigkeit hinzunehmen, was ich nicht ändern kann. Und die Intelligenz, das eine vom anderen zu unterscheiden.«
Macht und Ohnmacht hängen voneinander ab, nicht nur in den Spielen der Paare. Täter und Opfer, Macht und Ohnmacht, Hybris und Demut sind eng miteinander verwoben, sogar in einem selbst: Manchmal ist uns nur das Tätersein bewusst, manchmal nur das Opfersein. Wer das Ganze sieht, erkennt den Täter als Opfer seiner eigenen Antriebe (ohne ihn damit gleich ent-schuldigen zu wollen) und das »bewusste« Opfer als Agenten von Schuldzuweisungen, die wieder andere zu Opfern machen.
Nicht immer sind Opfer und Täter bloß Rollen. Aber wenn sie es sind, dann haben die Spieler die Möglichkeit, diese zu erkennen und sich neue Spiele auszudenken, die mehr Glück bringen.

Einsicht & Liebe

Bin ich wirklich so - oder tue ich nur so? Wenn ich »nur so tue«, dann soll das Spiel wenigstens Vergnügen bringen und Glück, und zwar allen Beteiligten. Einsicht tut gut, aber was glücklich macht, ist erst die Liebe. Als Liebende haben wir das Gegenteil in uns aufgenommen und sind einander nicht mehr fremd: »Liebende treffen sich nicht einfach, sie sind ständig ineinander«, sagte der Sufi-Dichter Rumi, und: »Es gibt einen Kuss, den wir mit unserem ganzen Leben wünschen: die Berührung des Körpers durch den Geist.«

Lebensglück

Dem sei dieses Heft gewidmet: der Berührung des Körpers durch den Geist und des Geistes durch den Körper. Der Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Macht und Ohnmacht vor allem dort, wo sie für unser Lebensglück so wichtig sind: in der Liebe. Auch der körperlichen. Dem Mut, das Ehe- und Gegensatzpaar Macht & Ohnmacht in seinem Spiel zu durchschauen und dadurch Freiheiten zu gewinnen.
Als Erkennende sind wir mächtig in der Gestaltung unseres eigenen Lebens, aber auch einsichtsfähig in unsere Ohnmacht und Hilflosigkeit. Auch als bewusste Gestalter unseres eigenen Lebens sind wir doch nur ein winziger, staunender Teil im großen Kosmos, darin eingewoben und davon abhängig mit unserem ganzen Leben.



Wolf Schneider
Herausgeber

Christine Janson
Redaktion
   
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