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Das erste Mal

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Was wäre, wenn Eros heilig wäre?

Paar

Fast alle erinnern sich an den ersten Sex. Ob »es« während einer Party mit einem Fremden geschah oder wir die sturmfreie Bude beim Wochenendausflug der Eltern nutzten, ob wir tatsächlich bis nach der Hochzeit warteten oder ob wir eine verletzende Erfahrung machen mussten: Der erste Sex bleibt den meisten ein Leben lang im Gedächtnis. Für traditionelle Kulturen ist er einer der großen Übergänge im Leben – wie Tod und Geburt. Doch während die anderen Übergänge auch heute noch zeremoniell und gemeinschaftlich begleitet werden, müssen die Jugendlichen sich diesen Weg allein suchen – und das in einem Dschungel von Moralvorstellungen, Gruppendruck, Hollywood-Kitsch und Internet-Porno.

Die folgende Utopie entstand im Gespräch mit einer Psychologin. Einen Teil der beschriebenen Arbeit führt sie mit jungen Mädchen tatsächlich aus. Was wäre, wenn die Arbeit, die sie als Einzelne in Mädchengruppen macht, Teil einer Institution wäre – eines Klosters oder Tempels, wo das Heilige und der Eros sich nicht fremd sind?

Von Leila Dregger

Ansi war weg.

Wer ist Ansi? Sie war 15 und schön. Das sagten viele. Glauben konnte sie es nicht. Sie wusste mehr über Kalorien als jeder Ernährungsphysiologe, doch es half nichts, ihre Hüften wuchsen. Und während sie in Fantasien und Träumen ständig mit Sex beschäftigt war, spielte sie im Wachzustand noch mit Stofftieren. Lehrer und Eltern behandelten sie als Kind, aber Männer auf der Straße sahen sie an, als wollten sie sie auffressen. In ihr pulsierte etwas, das war so unheimlich, so gigantisch und – ja, geil… da half nur Coolness. Und Wut.

Paar

Und dann gab es Leo, den liebte sie ganz und gar und er sie. Aber was würde sein, wenn sie nicht endlich mit ihm Sex machte? Würde er nicht mit einer anderen gehen? Ihre Freundinnen machten schon Bemerkungen. Sie sagte ja und dann wieder nein. Es würde weh tun. Sie hatte Angst.

Wer ist Ansi? Ein ganz normales junges Mädchen.

Das Frauenkloster

Und jetzt war sie weg. Keine ihrer Freundinnen konnte sie erreichen, auf Mails antwortete sie nicht, ihr Twitter-Account blieb stumm. Auch Leo war verschwunden. »Wollten sie nicht am Wochenende endlich…?« fragte eine. »Ja, eigentlich schon, aber sie wollte dann doch nicht«, sagte eine andere. In der Schule hieß es, die 15jährige Schülerin Anna-Sieglinde Tuber sei in Kur, man solle sich keine Sorgen machen.

Zur gleichen Zeit stand Ansi in einem Gemüsegarten hinter Klostermauern und jätete das Möhrenbeet. Es war ein Frauenkloster, aber ein besonderes. Die Schwestern, die es führten, empfanden sich teilweise als Bräute Jesu, aber sie pflegten auch den Shiva-Altar und zündeten Kerzen vor der Statue der Großen Mutter an, und die meisten kannten sich mit Sex ziemlich gut aus. Einige von ihnen hatten sogar Kinder, die lebten in der Kindergruppe im Kloster, und ihre Männer oder Geliebten lebten im Bruderkloster auf der anderen Seite des Tals.

Sex gehört in wissende Hände. Die Frauen, die darum wussten und Jahrtausende lang in Bordellen gearbeitet hatten, waren endlich mit Seelsorgern, Therapeuten, Ärzten und Schamanen zusammen gekommen

Solche Klöster gab es mittlerweile im ganzen Land, seitdem man sich endlich bewusst gemacht hatte, wie zentral für alle gesellschaftlichen und persönlichen Belange eine gesunde, bewusste, von allen falschen Moralvorstellungen und Konsumverlockungen befreite Sexualität war. Sex gehörte in wissende Hände, und die Frauen, die darum wussten und Jahrtausende lang in Bordellen entsprechende Arbeit geleistet hatten, waren endlich mit Seelsorgern, Therapeuten, Ärzten und Schamanen zusammen gekommen.

Die Klöster – manche nannten sie auch Tempel der Liebe – berieten Paare, wurden bei Konflikten herangezogen, resozialisierten Straffällige, und jeder und jede konnte herkommen, um bei einer Vertreterin der Großen Mutter zu beichten oder um sich auf eine heilsame und bewusste Art dem Eros wieder anzunähern. Und dann gab es auch das Ritual des heiligen Eros, über das viele Gerüchte kursierten, das sie aber nicht an die große Glocke hingen.

Sechs Wochen in Klausur

Ein besonderes Angebot dieses Klosters war, Gruppen von jungen Mädchen für sechs Wochen aufzunehmen und sie über alle Bereiche des Frau-Seins zu unterrichten. Zu den sechs Wochen gehörte auch eine Reihe von Übergangsriten – Zeremonien zum Abschluss der Kindheit und dem Beginn des Frau-Seins.

Ansi war für diese sechs Wochen herkommen und lebte hier nun in einer Gruppe nur unter Frauen. Sie tat alle Arbeiten, die anfielen, half bei den Pferden oder arbeitete im Garten. Es war toll, hier einmal was richtig Sinnvolles zu tun, fand Ansi. Die Mädchen hatten iPod und Gameboy abgegeben, über ihren normalen Klamotten trugen sie nun das schlichte Klostergewand, und mehr und mehr verzichteten sie auf Schminke.

In dem Gruppenraum voller gemütlicher Sofas und großer Kissen befand sich ein Altar mit dem Bild einer indischen Eros-Göttin. Alles, was in den nächsten Wochen unter den Mädchen mitgeteilt, erfahren, erkannt und gelernt wurde, geschah nun quasi unter den Blicken dieser freundlichen, wilden, üppigen und weisen Frauengestalt.

Schwester Karina

Jeder Vormittag begann und endete mit einer Redestab-Runde. Jede kam zu Wort, wenn sie den Stab in die Hand nahm, dann teilten sie einander mit, was ihnen am Herzen lag. Ansi hatte keines der Mädchen vorher gekannt, aber in den Freundschaften, die jetzt begannen, erzählte sie mehr als allen Freundinnen zuhause.

Schwester Karina, die sie begleitete, war ein erstaunliches Geschöpf. Unter ihrem schlichten Klostergewand sah man Jeans und manchmal einen kurzen Rock. Sie war nur etwa zehn Jahre älter als die Mädchen, voller Humor, und sie war schön auch ohne Kajal und Mascara. Frau zu werden, dachte Ansi, ist vielleicht doch nicht so schlimm. Wenn Karina zuhörte, wenn sie eine Pflanze oder ein Tier berührte, immer merkte man, dass sie ganz verbunden damit war. Und vor allem: Sie nannte die Dinge klar und deutlich beim Namen und redete nicht lang um den heißen Brei herum.

Die Vagina-Puppe

Gleich am Anfang ließ sie eine bunte Stoffpuppe im Kreis rumgehen. »Wie nennt ihr das?« – »Ih, das ist eklig. Ich will das nicht anfassen.« Allgemeines Kreischen. »Und für so was hast du Geld ausgegeben?«

»Es ist eine Vagina-Puppe. Ihr könnt auch Pussi oder Möse sagen. Schaut sie euch an. So seht ihr aus. Ihr findet euch eklig und der Mann soll euch begehren?«

Das sahen die Mädchen ein, und so lernten sie nach und nach ihren Körper kennen. Obwohl alle im Biologieunterricht Fortpflanzung und den weiblichen Zyklus durchgenommen hatten, merkten sie erst in diesem Rahmen, dass sie selbst ja damit gemeint waren. Auch das Thema Verhütung sprachen sie hier zum ersten Mal richtig bis zum Ende durch und beäugten Kondome, Diaphragmas und andere Utensilien. Ganz unauffällig begann Ansi, ihren Körper – ja, wenigstens einmal interessant zu finden und sich darin zuhause zu fühlen.

Das Bruderkloster

Eines Tages sagte ein anderes Mädchen zu Ansi: »Komm heute Abend mit!« Als es Abend geworden war, schlichen sie sich aus der kleinen Pforte auf eine Lichtung. Dort brannte ein Feuer, und darum herum saßen Jungen. Eine Hand schob sich in ihre. Leo! Er war in der gleichen Zeit in einer Männerzeit im Bruderkloster. Zwei Stunden später, zerzaust, glühend und glücklich schlichen die Mädchen zurück.

»Hoffentlich hat uns niemand gesehen«, flüstert sie ihrer Freundin zu.

»Ach was, die Schwestern wissen doch, was wir tun«, antwortet die. »Sie denken nur, dass wir Heimlichkeiten mehr genießen.«

Falsche und richtige Gründe

Was sind falsche Gründe? »Wenn er unbedingt will und ich ihn nicht mehr hinhalten kann?« – »Wenn die Freundinnen alle schon Sex hatten und sich über mich lustig machen?«

»Was denkt ihr, sind falsche Gründe, zum ersten Mal Sex zu haben?«, fragte Schwester Karina in der nächsten Runde. Der Sprechstab kreist. »Wenn er unbedingt will und ich ihn nicht mehr hinhalten kann?« – »Wenn die Freundinnen alle schon Sex hatten und sich über mich lustig machen?« Die falschen Gründe sprudeln nur so aus ihnen heraus. »Ja, aber was sind richtige Gründe?« will Ansis Freundin nun wissen.

Karina: »Es gibt nur einen: Wenn ihr den Jungen oder Mann begehrt. Das weiß niemand besser als euer eigener Körper. Wenn ihr ihn so sehr begehrt, dass euch bei dem Gedanken warm und heiß wird, wenn ihr dann noch wisst, dass ihr euch darauf verlassen könnt, dass er nichts tut, was ihr nicht wollt, dann tut es. Und übrigens: Sex wird im Laufe der Zeit immer schöner, weil sich der Körper erst ab dem dritten oder vierten Mal richtig entspannt.«

»Es tut sehr weh, oder?«

»Beim ersten Mal kann es etwas ziepen, bei manchen mehr, bei anderen weniger. Wenn es richtig weh tut, dann ist euer Körper noch nicht bereit. Dann gibt es nur eins: sofort aufhören und warten, bis der Körper sich öffnet. Verliebtsein hilft da sehr. Und je mehr Petting ihr schon gemacht habt, je schöner ihr onaniert habt, desto besser weiß der Körper, was er will.« Schaute sie in diesem Moment Ansi an?

Weiblichkeit

Die sechs Wochen gehen zu Ende. Durch die tägliche Arbeit haben die Mädchen ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Durch Tanz und eine Art Yoga lernten sie, die erotische Energie aufsteigen zu lassen, im Bauch zu wiegen und zu halten. Ansi merkt es selbst noch nicht, aber sie hat einen anderen Gang bekommen, ihre Hüften gehören jetzt zu ihr.

In einem Ritual sind sie in die Rollen von Göttinnen geschlüpft, haben darin ihre eigene weibliche Größe entdeckt und sich und den anderen versprochen, sich ihrer Schönheit als Frau immer bewusst zu bleiben. Sie haben unendlich viel über Weiblichkeit gelernt und auch verstanden – über die magnetische Anziehungskraft von Frauen.

Das Abschlussritual

Einige Male war Ansi noch auf der Lichtung. Gern nahm sie Karinas Ratschlag zu Herzen. Und jetzt bereiten sie sich auf das letzte, das große Ritual vor. 24 Stunden werden sie jede allein in einer kleinen Erdhütte verbringen, die sie selbst gebaut haben, im Dunkeln. Die Einkehr. Die Begegnung mit der eigenen Seele. Die Begegnung mit dem Schoß der Erde. Die Stille. »Oh Gott. Wer das überstanden hat, hat vor nichts mehr Angst«, sagt Ansis Freundin.

Danach, als Abschluss, das große Fest. Sie werden sich schön machen wie noch nie, und jede wird in den Kreis der Erwachsenen treten. Auch die Männer des Bruderklosters und dessen junge Gäste werden dabei sein, und von ihnen wird sich jedes Mädchen etwas abholen, ein wohlwollendes Feedback für ihr Aussehen, ihr Auftreten, ihre ganze Erscheinung. Eines, das sie annehmen können, da es im Schutz des Kreises geschieht. Leo wird vor Stolz und Bewunderung leuchten, wenn er sie sieht.

Wer von den jungen Frauen will, wird den Mann ihrer Wahl einladen, mit ihr Das Erste Mal zu begehen. Dafür stehen besondere Räume im Kloster bereit

Dann wird es Musik und Tanz geben. Und dann – wer von den jungen Frauen will, wird den Mann ihrer Wahl einladen, mit ihr Das Erste Mal zu begehen. Dafür stehen besondere Räume im Kloster bereit, mit breiten Lagern und schönen Tüchern. Für viele der Mädchen wird es natürlich nicht wirklich der allererste Sex sein, dafür waren die Abende am Feuer zu heiß. Das interessiert hier aber niemanden; hier geht es um das rituelle, das offizielle Erste Mal, um den feierlichen Übergang. Und wen eine junge Frau dafür wählt, ob ihren Freund oder lieber einen etwas erfahrenen Mann, das steht ihr frei.

Ansi ist voller Freude, Aufregung und so viel Lust, dass ihr warm wird, wenn sie daran denkt. Ob sie Leo in diesem offiziellen Rahmen treffen wird oder später, zuhause, intimer, das weiß sie jetzt noch nicht. Ihr Körper wird es ihr sagen. Denn eines weiß sie: Sie wird nichts tun, nur um anderen zu gefallen oder es ihnen recht zu machen.

Ansi ist eine Frau geworden.

Leila Dregger ist Journalistin und Schriftstellerin, sie war Herausgeberin der Zeitschrift »Die weibliche Stimme« und arbeitet am Aufbau eines Hauses und Heimatplatzes für »Writers for Peace«, das in Portugal, im Friedensforschungszentrum Tamera entstehen soll. Zu ihren ersten journalistischen Berufserfahrungen gehört ein Praktikum bei der connection vor fast zwanzig Jahren.


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