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Liebe und Selbstliebe

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Liebe und Selbstliebe
© Stefan Kapust bodyphoto.de

Ein unzertrennliches Paar

In der westlichen Tantra- und Therapieszene wird Selbstliebe oft über die Liebe zu einem anderen Menschen gestellt. Sich anzupassen und den Bedürfnissen eines anderen unterzuordnen sind eher verpönt. Aber wer sich wirklich selbst liebt, der muss solchen Erfahrungen nicht ausweichen.

»Hast du es gut!« flüstert Andrea Martin zu, als sie sich am Ende eines erlebnisreichen Tantrawochenendes voneinander verabschieden. »Zuhause wartet jetzt deine Liebste sehnsüchtig auf dich und du kannst dein Verlangen mit jemandem teilen. Und ich muss in meine verwaiste Zweizimmerwohnung, wo sich noch nicht mal ein Hamster auf mich freut.« Sie hatten sich intensiv mit ihrer Sehnsucht beschäftigt, und beide spürten jetzt ein brennendes Begehren nach Lust und Liebe. Und doch hatten sie miteinander eine Grenze gewahrt, denn weiter zu gehen, da waren sie sich einig, würde alle Beteiligten ins Unglück stürzen.

Ich dachte, du freust dich auf mich

Zuhause angekommen liegt Martins Frau Anne in der Badewanne und will erstmal nicht gestört werden. Etwas enttäuscht packt Martin seine Sachen aus und wartet, bis Anne aus der Wanne kommt. Sie begrüßt ihn mit einem Küsschen und verkündet mit zuckersüßer Stimme, dass sie schon auf dem Sprung ist zu einer Verabredung mit Katja, ihrer besten Freundin, zu der sie auf keinen Fall zu spät kommen möchte. »Aber wir sehen uns ja morgen!« fügt sie noch im Abwenden hinzu und sieht nicht, wie Martins Mundwinkel heruntersacken. »Aber«, stammelt Martin ihr noch hinterher, »ich dachte, du freust dich auf mich, nach all den heißen SMS, die du mir geschickt hast!« Er fühlt sich hundsmiserabel, könnte gleich losheulen, aber das schluckt er runter und denkt nur: »Von wegen ich habe es gut! Jetzt beneide ich Andrea mit ihrer eigenen Wohnung: Da wüsste ich, was ich habe und niemand würde mich so verletzen können und einfach stehen lassen! Oder ich wäre gleich zu Andrea mitgefahren...«

Der Markt der einsamen Herzen

Andrea, inzwischen auch zuhause angekommen, sitzt etwas fröstelnd an ihrem Küchentisch und schiebt sich ein Käsebrot zwischen die Zähne. Ihr ist wehmütig ums Herz, wenn sie zurück an die vielen intensiven Begegnungen des Wochenendes denkt, und jetzt spürt sie die Kälte ihrer Wohnung doppelt heftig. Niemand da, der ihr vorher die Heizung aufgedreht hätte. Dann gibt sie sich einen Ruck: »Hier zu sitzen und mich selbst zu bemitleiden, das interessiert nun auch keinen!«, sagt sie zu sich selbst, schlägt die Zeitung auf und verschwindet in all den Ereignissen, die sonst so auf der Welt passieren. Manchmal taucht Martin vor ihrem inneren Auge auf, wie er jetzt in den Armen seiner Frau liegt. Sie kann diesen Gedanken nicht ertragen. »Warum vergucke ich mich wieder in einen gebundenen Mann? Warum nicht in Peter, der ist frei? Ich muss bald was unternehmen, sonst werd ich noch alt und grau bevor mich endlich der Prinz wach küsst«, murmelt sie vor sich hin, und dann fällt ihr Blick auf die Flirtseite ihrer Sonntagszeitung. »Hamster sucht Laufrad!« liest sie da und muss lachen, obwohl ihr kurz vorher noch zum Heulen zumute war. Nein, was für dumme Anzeigen manche Typen aufgeben! Mich auf diesen Markt der einsamen Herzen werfen? Niemals. Dann doch lieber die kalte Wohnung und ab und an ein Tantrawochenende...

Liebe und Selbstliebe
© Stefan Kapust bodyphotos.de

Selbstliebe als tantrische Hausaufgabe

Welchen Rat würden wir Andrea und Martin geben? »Lerne dich selbst zu lieben, dann wird sich alles finden!« Damit liegen wir bestimmt nicht falsch. Aber was heißt das schon?

Dass Selbstliebe eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein erfülltes Leben im Allgemeinen wie auch für ein erfüllendes Liebesleben im Besonderen ist, gehört schon zu den Binsenweisheiten. Das Ja zu uns selbst, so wie wir sind, gilt auch im Tantra als die Basis dieses spirituellen Weges. Gerade Tantra hat viel dazu beigetragen, dass auch sexuelle Selbstliebe aus der Schmuddelecke des »Wichsundweg« oder der bemitleidenswerten Ersatzbefriedigung herausgekommen ist. Selbstlieberituale gehören zum Standard tantrischer Hausaufgaben. Sich selbst lieben zu lernen, und das natürlich nicht nur sexuell, ist ein herausfordernder Prozess mit vielen Höhen und Tiefen und manchmal auch öden Ebenen. Und vielleicht ist dieser Prozess nie zu Ende.

Dennoch scheint nicht selten ein langer innerer Prozess des Sich-annehmen-Lernens die Chancen, einen passenden Partner oder eine Partnerin zu finden, nicht unbedingt zu erhöhen, sondern sogar noch zu vermindern. Frauen, die früher gewohnt waren, dem Manne untertan zu sein und sich so manches eigene Bedürfnis abzuschminken, sind heute weit weniger nachgiebig und viel eher bereit, die Beziehung zu verlassen, wenn es »nicht mehr stimmt«. Viele betrachten dies als ein Ausdruck ihrer Liebe zu sich selbst. »Ich lasse nicht mehr alles mit mir machen, dann lebe ich lieber allein!«, heißt die Devise.

»Ich bin, der ich bin« – also wird nichts aus uns?

Nach dem Schock durch die sich emanzipierenden Frauen und den Jahrzehnten frauenfreundlicher Umerziehung sind Männer allerdings auch immer häufiger an dem Punkt, dass sie lieber allein bleiben anstatt sich Vorwürfe machen zu lassen, sexuell zu Frauenbefriedigern zu mutieren oder ihre originär-männlichen Stärken zu verleugnen. Auch dies kann durchaus ein Ausdruck von Liebe zu sich selbst sein: »Ich bin, der ich bin, und wenn du mich so nicht willst, dann wird das nichts mit uns!«

Wenn sich da nicht tief in uns und immer wieder unabweisbar die Sehnsucht nach Nähe und Verbindung melden würde – oder ist es vielleicht nur Ausdruck von frühkindlichen Entbehrungen? – dann würden wir bald alle in Singlehaushalten unserer Selbstliebe frönen. Wir könnten uns alles leisten, wir wären niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig, und wir wären glücklich bis ans Ende unserer Tage. Oder nicht?

Oft kommen Männer und Frauen in unsere Seminare, die sich zutiefst nach einem Partner sehnen. Sie sind voller Bereitschaft sich einzulassen, und begegnen doch immer wieder schier unüberwindbaren Hindernissen. Es ist für mich manchmal schmerzhaft mit anzusehen, wie beide, indem sie zu sich stehen und auch ihre Grenzen anerkennen, einem tieferen Einlassen aus dem Wege gehen. Die im Tantra vielfältig unterstütze Fähigkeit, sich selbst zu lieben, scheint das Alleinbleiben mindestens erträglich, wenn nicht angenehm und bequem gemacht zu haben. Immer weniger Menschen gehen nur deswegen eine Beziehung ein, weil sie es mit sich allein nicht aushalten. Soweit so gut. Aber wir können uns auch in der Bequemlichkeit so einrichten, dass fast jede nahe Beziehung zu großen Unannehmlichkeiten führt. Würde uns nicht manchmal der Pfeil des Amor mit voller Wucht treffen und uns dazu verführen, uns gegen alle inneren Hemmnisse doch wieder auf einen anderen Menschen einzulassen, ja was wäre dann?

Eigene Wahrheit oder Beziehung?

Woody Allen: »Die Ehe ist der Versuch, gemeinsam mit den Problemen fertig zu werden, die wir alleine nie gehabt hätten!«

Eine wesentliche Entscheidung kann uns auch Amor nicht abnehmen: Wenn nämlich die Wirkung des Pfeils nachlässt, stehen wir irgendwann wieder vor derselben Frage, spätestens dann, wenn unser Partner sich mal wieder unmöglich verhält (und wer tut das nicht?): Soll ich zu mir und meiner Wahrheit stehen oder weiter in Beziehung bleiben? Dieses Thema scheint mir unauflöslich mit verbindlicher Liebe einherzugehen. Solange wir glauben, dem Dilemma z.B. durch eine Trennung entkommen zu können, sehen wir noch nicht, dass sich in dieser Situation vor allem ein inneres Dilemma spiegelt.

An diesem Punkt ist es verführerisch und weit verbreitet, sich selbst in die Tasche zu lügen. Wir wenden uns vom anderen ab in dem Glauben, uns darin selbst zu lieben und zu achten, und unbemerkt wenden wir uns dadurch auch von dem Teil in uns ab, der unsere Selbstliebe am dringendsten braucht.

Am Du werden wir zum Ich, erst in der Begegnung mit dem Gegenüber entdecken und entwickeln wir weite Bereiche unserer selbst. Dies gilt nicht zuletzt für unsere Schattenseiten, für unsere blinden Flecken, die wir wohl alle mit Vorliebe auf andere projizieren, weil sie doch so unzweifelhaft erst in der Begegnung mit dem Anderen zum Vorschein kommen. So kommen wir zu dem köstlichen Koan von Woody Allen: »Die Ehe ist der Versuch, gemeinsam mit den Problemen fertig zu werden, die wir alleine nie gehabt hätten!«

Ein sehr einfacher Schritt an dieser Stelle hat unabsehbare Konsequenzen. Wir verstehen ihn vielleicht zunächst nur intellektuell. Was da in Beziehung zum Vorschein kommt und mich zurückweichen lässt, das bin ich selbst! Das sind vor allem die Bereiche meiner selbst, die ich im noch so liebevollen Kontakt mit mir selbst ausblende, ohne es zu merken. Das zu wissen ist erst der Anfang eines langen Weges. Es braucht Bewusstsein und Mut, es genau dann zu beherzigen, wenn sich unser(e) Partner(in) gerade wieder »unmöglich« verhält. Ich scheitere daran immer wieder, und doch werden die Abstände kürzer, bis ich aufwache und »zu mir komme«.

Schau mich an und liebe mich!

Wenn wir diese Erkenntnis langsam tiefer sacken lassen wollen, dann hilft uns der Raum des Nicht-Wissens. Wir könnten ihn auch den Raum der Ohnmacht oder den Raum wirklicher Liebe nennen. In diesem Raum erleben wir Verbindung jenseits aller Konstrukte unseres Verstandes. Wir können es nicht tun, daher sind wir ohnmächtig. Wir können es nicht wissen, denn es ist unvorhersehbar frisch und neu. Wir können es erfahren, insoweit wir bereit sind, unwissend und ohnmächtig zu sein, und dies vollkommen freiwillig. Unfreiwillige Unwissenheit und Ohnmacht macht uns zu Opfern. Wir wachen aus unserem Opferbewusstsein auf, indem wir hinschauen, indem wir nicht mehr verleugnen, was wir bereits wissen und indem wir Macht anerkennen, die wir bereits haben. Diese Schritte sind befreiend, und sie können uns ein warmes Gefühl für uns selbst bescheren: »Ich weiß, was ich brauche, und ich übernehme dafür die Verantwortung. Ich liebe mich!« Doch damit ist die Reise zu unserer Liebesfähigkeit nicht zu Ende. Dann kommt der Schritt ins Ungewisse, und kaum etwas kann uns so direkt dorthin führen wie ein anderer Mensch, auf den wir uns wirklich einlassen. Obwohl wir glauben, unser Opferbewusstsein längst hinter uns gelassen zu haben, fühlen wir uns wieder als Opfer. Obwohl wir sicher sind, schon weiter zu sein und so einen offensichtlich unbewussten, unreifen Partner nicht mehr verdient zu haben, landen wir wieder genau dort. Genau hier können wir den Hilferuf vernehmen. Hier schreit etwas in uns: »Nimm mich an! Schau mich an! Bitte liebe mich!«

Unsere Selbstliebe und unsere Liebe für andere Menschen sind zwei Seiten derselben Medaille, zwei Aspekte des einen Mysteriums der Liebe. Vermeiden wir das eine, fehlt uns bald das andere. Wenn du erfahren möchtest, wo du wirklich Bedarf an Selbstliebe hast: Lass jemanden nah genug an dich heran! Und nimm die Verantwortung für alles, was in dir geschieht, zu dir!

Die Lust am eigenen Begehren

Und wie geht es bei Martin und Andrea weiter? Lassen wir uns von ihnen überraschen:

Als am späten Abend Anne nach Hause kommt, liegt Martin in der Badewanne. Als sie ins Bad kommt, sieht sie ihn bewegungslos in rot gefärbtem Wasser liegen. Sie bekommt einen riesigen Schrecken. Dann zieht er sie plötzlich ins Wasser, voll bekleidet: Er lacht sie an und lässt sich darin auch von ihrem überraschten Prusten nicht beirren. Nach der Welle der Erleichterung spürt Anne intensives Begehren in sich aufsteigen, obwohl ihr diese Situation einfach nur schrill vorkommt und sein Humor doch etwas makaber. Das rote Wasser schmeckt nach rote Beete. Im ersten Moment hatte sie tierisch Angst gehabt, dass sie es mit ihrer Unabhängigkeitsdemonstration an diesem Abend zu weit getrieben hat. Jetzt spürt sie, wie sie dahin schmilzt, und sie kann ihre Klamotten nicht schnell genug vom Leib bekommen. Als sie später aus der Wanne steigen, sagt Martin trocken: »Ich glaube, ich habe etwas ganz Tiefes begriffen. Ich werde dich nie begreifen! Du mich auch nicht. Und das ist geil so!«

Andrea liegt um Mitternacht hellwach in ihrem Bett und träumt von Martin. Sie hat sich nackt ausgezogen, streichelt sich über ihre empfindlichsten Zonen und stellt sich vor, er würde sie berühren. Sie ist überrascht, ihre Lust so stark zu fühlen, obwohl er doch gar nicht da ist. Sie erlebt ihre Selbstliebe völlig neu. Sie ist ganz bei sich, und trotzdem ist es so, als berühre sie jemand anderes. Sie fühlt eine Elektrizität, die sie nur vom Zusammensein mit einem Mann kennt, in den sie verliebt ist. Es ist, als führten die Hände, die sie berühren, ein Eigenleben. Sie ist regelrecht überwältigt, wie sie sich anfasst und was sie dabei fühlt. Sie spielt mit ihrem Begehren, und sie fühlt sich geneckt und gelockt. Ihre Säfte fließen und plötzlich sprudeln Bilder von all den Männern durch ihr Bewusstsein, mit denen sie schon mal Liebe gemacht hat. Es geht nicht um Martin, es geht nicht um irgendeinen bestimmten Mann. Plötzlich spürt sie ihr Herz voller Liebe für diese, ihr so fremden Wesen der Gattung Mann. Und sie ist sich sicher: Die nächste Begegnung mit einem Mann wird anders sein...

-Saleem Matthias Rieck

Saleem Matthias Rieck ist Art-of-Being- und Tantra-Lehrer sowie Heilpraktiker für Körperpsychotherapie. Er leitet seit 20 Jahren Gruppen zu Liebe, Intimität und Tantra. Sein besonderes Interesse gilt der Heilung der Beziehung von Frauen und Männern, von Sex und Herz und dem Raum des Seins, in dem sich Wahrhaftiges spontan ereignen kann. Er bildet Art-of-Being-Lehrer und Gruppenleiter aus und ist Autor der Bücher Herzenslust und Leben, Lieben und Nicht Wissen.

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Titelblatt special Nr. 78

Aus dem Heft connection Tantra special 78

   
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