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Sexuelle Ekstase, Freiheit und Tod

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Sexuelle Ekstase, Freiheit und Tod
© Hans Ehrhardt

Breite deine Flügel aus und fliege

Le petit Mort. Der Orgasmus wird oft als "kleiner Tod" bezeichnet und dabei finden wir den Tod doch eher unbequem. Er erinnert ans Loslassen, an die eigene Vergänglichkeit und ans Abschiednehmen. Wie lästig! Aber wenn wir uns mit ihm anfreunden, dann zeigt er uns den Weg in die große Freiheit und lässt uns zu ungeahnten Höhen aufsteigen. Christine Janson berichtet von einer intensiven Erfahrung.

»Soll ich deine Füße ein wenig massieren?«, frage ich und streiche mit meinen Händen liebevoll über die Bettdecke. Ich schaue auf seine geschwollenen Knöchel. Ganz blau angelaufen sind sie schon. Er sollte sich mehr bewegen. »Ach, das ist nicht nötig«, sagt er. Wahrscheinlich ist es ihm unangenehm von mir angefasst zu werden. Er hat sich noch nie gerne berühren lassen. Wieso sollte sich das jetzt geändert haben? »Wollen wir ein wenig spazieren gehen?« Ich kann es nicht lassen und will ihm was Gutes tun. »Du solltest nicht immer nur liegen. Deine Muskeln bauen sonst so schnell ab und du willst doch bald wieder nach Hause.«

Mit dem Tod will er nichts zu tun haben

Nach Hause wird mein Vater wahrscheinlich nicht mehr kommen, zumindest nicht mehr so wie früher. Er hat Krebs, Pankreaskrebs. Er ist schon sehr schwach und wird bald sterben. Vor zwei Wochen habe ich ihn ins Krankenhaus begleitet. Habe sein altes Köfferchen getragen. Ihm geholfen die Formulare bei der Anmeldung auszufüllen. Bangend im Flur auf den Chefarzt gewartet. Endlich wurde ich ins Zimmer gerufen. »Ihr Vater ist sehr krank«, sagte er und schaute mir dabei fest in die Augen. »Wir können ihn nicht mehr operieren. Ob wir eine Chemo machen können ist auch noch nicht sicher.«

»Wie lange wird er noch zu leben haben?« Ich hatte Angst vor der Antwort. Der Arzt zögerte ein wenig. Er ist fürs Leben zuständig. Mit dem Tod will er nichts zu tun haben. »Keine Ahnung. So genau weiß man das nie.« Jetzt schaute er mir nicht mehr so ganz direkt in die Augen. »Bitte. Sagen sie mir ganz ehrlich, wie er um ihn steht.« Er wusste, dass ich ihn nicht in Ruhe lassen würde. »Wie gesagt, genau kann ich das natürlich nicht sagen…«, er räusperte sich. »Aber ohne Behandlung wird er wahrscheinlich keine drei Wochen mehr überleben.«

Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser

Ich stehe völlig unter Schock und nehme diesmal nicht die U-Bahn, sondern laufe durch die ganze Stadt. Noch nie ist es mir so sehr aufgefallen, wie strahlend blau der Flieder in den Vorgärten leuchtet. Rosa Blüten von irgendeinem Baum rieseln auf meinen Kopf. Ich kann das immer noch nicht glauben. So schnell soll alles vorbei sein? Das muss ein Irrtum sein! Ich rufe Sebastian an. »Kannst du vorbeikommen?«
»Jetzt gleich?«
»Sofort!«

Sebastian ist mein lieber Freund. Wir kennen uns noch nicht so lange und ich weiß noch nicht so genau, wie viel ich ihm zumuten kann. Wird er mich auch in einer so schwierigen Zeit begleiten können?
»Schlaf mit mir!« Ich ziehe ihn in die Wohnung und verführe ihn bereits im Flur. »Ich will dich in mir spüren. Will dir ganz nah sein!«, flüstere ich ihm ins Ohr und mache seinen Gürtel auf. Er hat meine Lieblingsunterhose an, die rote. Eng schmiegt sie sich an seine knabenhaften Schenkel. Ich streiche über seinen Po. Der fühlt sich fest und knackig an. Sebastian stöhnt leise, das macht mich noch mehr an.

»Küss mich!« Ich will heute dominant sein, will die Kontrolle behalten un mich stark fühlen.

»Ich werde dir jetzt die Augen verbinden.« Ich suche die lederne Augenbinde. Wo ist die bloß? Meine Hände wühlen blind in der Spielzeugkiste unter dem Bett. Weiche Federn, kaltes Glas, biegsame Plastikstäbe. Endlich! Sie hatte sich neben Sinflut, meinem Lieblingsvibrator versteckt. »Du wirst dich jetzt von mir führen lassen.« Gehorsam lässt sich Sebastian von mir die Augenbinde aufsetzen. Er vertraut mir. Ich setze mich auf ihn. Seine Hände suchen nach meinen Brüsten. Ich streiche über seine wunderschön geformten Lippen. Er wirkt so zart und hilflos. Mir ganz nah. Weiche Hingabe. Zittern. Beben. Schreien. Stöhnen.
»Oh Gott, die Nachbarn«, denke ich noch. Aber egal.
Dann liegt er still in meinen Armen.
»Hey, was ist denn heute in dich gefahren?« Sebastian nimmt die Augenbinde ab und streicht mir zärtlich über die Wangen. Sie sind feucht.
»Mein Vater stirbt!«

Gebratenes Hähnchen auf weiß gedecktem Tisch

Ich bin jeden Tag im Krankenhaus, und mein Vater wird zutraulicher. Ich darf ihm den Rücken einreiben, sagt er mir. Ich habe meinen Vater noch nie nackt gesehen. Er rührt mich, wie er da auf der Bettkante sitzt, in seinem weißen Flügelhemdchen, das es im Krankenhaus nach der OP für die Patienten gibt. Er will nicht, dass ich seine Wäsche waschen muss, dabei hätte ich das doch gerne für ihn gemacht. Aber er hasst es, von anderen Menschen abhängig zu sein. Selbst von seiner Tochter will er das nicht. Ich hatte bis vor vier Jahren kein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Eigentlich hatte ich gar kein Verhältnis zu ihm. Als mein Bruder und ich ihn mal vor vielen Jahren in einer Weinstube trafen, hatte er dem Wirt erzählt, dass er den Tisch für seine »Bekannten« (sprich: für seine Kinder) freihalten wollte. Das hatte mich damals unendlich verletzt. Nach dem Tod meiner Mutter wären wir uns fast für immer verloren gegangen. Aber dann hatten wir beschlossen, die Zeit die uns bleibt zu nutzen, um uns besser kennen zu lernen. Mein Vater wollte immer die Kontrolle behalten, jedes Ereignis musste bis ins kleinste Detail geplant werden. Er war ein Tyrann, ein Bürokrat, eisenhart und unerbittlich. Aber dann begannen wir, ab und zu sonntags miteinander wandern zu gehen und dann in seinem Lieblingslokal in Wicker einzukehren. Damit begann unsere Annäherung. Er erzählte mir vom Krieg und von seiner russischen Kriegsgefangenschaft in Odessa. Und ich begann ihn zu verstehen. Eines seiner Erlebnisse berührte mich besonders: »Ich war in einer Fabrik tätig, in der Radios gebaut wurden«, erzählte mein Vater mir nach dem zweiten Glas Riesling.

»Eines Tages kam ein jüdischer Arzt auf mich zu und wollte, dass ich seine Antenne repariere. Das war damals ganz schwierig. Ich war ja ein Kriegsgefangener, und er musste eine besondere Genehmigung für mich einholen, damit ich ihn nach Hause begleiten durfte. Als ich seine Antenne repariert hatte, rief er mich in die Wohnung.« Mein Vater bekommt ganz feuchte Augen und bestellt sich als nächstes einen Rosé bei der jungen Bedienung. »Als ich in die Wohnung kam, erwartete mich ein weiß gedeckter Tisch, und seine Frau servierte mir gebratenes Hähnchen.« Er wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. »Weißt du, was das im Krieg bedeutete, ›gebratenes Hähnchen‹?« Zum ersten Mal berühre ich seine Hände. »Und der Arzt war auch noch jüdisch. Damals wusste ich nicht, was wir mit den Juden gemacht haben. Ich habe mich so geschämt später.«

Damals, in dieser Kneipe fing es an, dass ich meinen Vater lieben und schätzen lernte. Und jetzt sollte er sterben? Ich fürchtete mich davor.

Das Fallenlassen darf ich noch üben

Die Tage verbringe ich meistens im Krankenhaus und die Nächte mit Sebastian. Der Tod scheint in mir den Lebenstrieb zu verstärken. Ich will Intensität spüren, meine Lebendigkeit fühlen. Als ob ich den Tod bezwingen möchte, lasse ich mich auf wilde und heftige Sexualität ein. »Komm spiel mit mir«, bitte ich Sebastian. Ich will mich ablenken, will es nicht wahrhaben, dass unser Leben am Ende so bedeutungslos verläuft. Alles was wir als so wichtig empfunden haben, wird auf einmal so banal. Mein Vater muss sterben. Ich will leben!

Ich hole die roten Seile aus dem Geheimversteck.

»Verschnüre mich«, bitte ich ihn. Sebastian ist ein sehr geübter Kletterer. Er kann wunderbare Knoten knüpfen und mich dabei in alle Richtungen verbiegen. Ich liege nackt auf dem Bett. »Nimm deine Arme nach oben!«, befiehlt er mir, und ich tue was er mir sagt. Das Seil wird um meine Handgelenke geschlungen, zweimal, dreimal. Der Knoten zieht sich zu und ich bin seine Gefangene. Er bindet mich an der Rückenlehne des Bettes fest. »Deine Beine, öffne sie ganz weit!« Ich gehorche, und das weiche Hanfseil reibt sanft an meinem Knöchel. Mit gespreizten Beinen liege ich auf dem Rücken und kann mich nicht bewegen, denn ich bin mit Händen und Füßen ans Bett gefesselt.

»Wie fühlst du dich, meine Kleine?« Sebastian leckt meine Brüste, meine Knospen richten sich auf. Kühle Nässe zwischen meinen Schenkeln. »Ich mag es, wenn du so wehrlos bist. Dich mir ganz hingeben musst.« Mein Verlangen nach ihm steigt. Ich will ihn in mir spüren. Aber ich habe meine Kontrolle abgelegt und bin ihm völlig ausgeliefert. Ich vertraue! Darauf, dass er mir nicht weh tut, dass ich jederzeit Schluss machen kann, dass alles gut wird, dass unser Leben einen Sinn hat, und dass auch der Tod genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. Ich überlasse mich seinen geschickten Händen, seiner Zunge, seinen sanften Stößen. Es fühlt sich so kraftvoll an, so völlig passiv zu sein und alles geschehen zu lassen. Aber so ganz leicht fällt es mir nicht. Ich gebe lieber den Ton an. Das Fallenlassen darf ich noch üben.

Sexuelle Ekstase, Freiheit und Tod
© Michael Trout

 

Ich hasse mich für meine Wut

Mein Vater wird immer schwächer. Er, der noch vor wenigen Monaten mit 85 Jahren Deutschland zu Fuß durchquert hatte, traut sich nicht mehr, allein über den Flur des Krankenhauses zu laufen. Er hat Angst hinzufallen, sagt er mir. Seine größte Sorge war es immer, dass er irgendwann die Kontrolle über sein Leben und das der anderen würde aufgeben müssen. Hier im Krankenhaus darf er Demut lernen. Das Essen wird zu bestimmten festgesetzten Zeiten gebracht, und dem Chefarzt ist es gleichgültig, dass mein Vater nach 18 Uhr nicht mehr gestört werden will beim Fernsehen. Der kommt einfach dann zur Visite wenn es ihm passt. Ich bringe meinem Vater Vanillepudding mit, das Einzige was er noch vertragen kann. Löffelchenweise. Dann wird ihm meistens trotzdem hinterher noch schlecht. Mein Vater weiß, dass er Sterben wird, und er bereitet mich auf sein Ableben vor. Ich soll Immobilienfonds verkaufen, damit wir evtl. ein Heim für ihn bezahlen können. Mir ist ganz seltsam zumute, als ich zu Hause in seinen Aktenschrank eindringen muss. Der Schlüssel zu diesem Allerheiligsten war gut versteckt. Ich erfahre, dass mein Vater sein Geld so gut angelegt hat, dass er nun selbst nicht mehr dran kann – und seine Kinder auch nicht mehr, oder zumindest nur sehr schwer, mit großen Verlusten. Sein Haus, das er uns vererbt, darf auch nicht verkauft werden. Immerhin ist es sein Elternhaus, wir sollen es in Ehren halten. Was mache ich mit Immobilienfonds, die sich nicht verkaufen lassen und einem Haus in einer Kleinstadt, in der ich nicht leben möchte? Noch dazu soll ich mit meinem Bruder eine Erbengemeinschaft bis zum Lebensende führen. Da wir zwei grundverschiedene Menschen sind, ist der Streit bereits vorprogrammiert. Ich bin voller Wut auf meinen Vater! Und voller Enttäuschung! Ich dachte, er liebt mich und sorgt sich um mich. Und ich hasse mich für meine eigenen Gefühle. Ich sollte doch traurig sein! Immerhin ist es mein Vater, der da stirbt.

Die Gier nach Intensität

Ich bin verzweifelt und suche Streit. Will mich ablenken von meiner Verletztheit. Ich will Drama! Sebastian besucht mich und will mich aufmuntern, doch ich fühle mich auf einmal eingeschlossen in meiner Beziehung. Das Leben erscheint mir zu kurz, als es nur mit einem Mann zu verbringen. Da gibt es noch jemanden, auf den ich Lust habe. Ein sehr sensitiver Mann und ausgesprochen lecker. Er hat eine Leichtigkeit, die mir jetzt gut tun würde, denke ich. Ich werde gierig!

»Du wusstest, dass ich mehrere Männer lieben kann!«, haue ich Sebastian um die Ohren. »Ich will frei sein!« Sebastian ist geduldig. »Ich will dich nicht festhalten«, sagt er. »Aber leb mit den Konsequenzen. Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen werde, wenn du mit einem anderen Mann schläfst.« Sebastian ist einer der wenigen Männer, der sogar auf Sinflut, meinen Vibrator eifersüchtig ist. Auf Eifersucht habe ich keinen Bock mehr. Ich will Lebendigkeit und neue Erfahrungen. »Was hat er, was ich nicht habe?« Sebastian stellt die klassische Frage. »Darum geht es nicht«, versuche ich ihm klarzumachen. »Ich bin total glücklich mit dir. Aber ich will mich frei fühlen. Will dir treu sein dürfen aus freien Stücken und nicht aus Angst, dass du mich dann verlassen könntest.« Er glaubt mir nicht und ist verletzt. Es ist fast drei Uhr früh, und wir streiten. Er will aufstehen und nach Hause gehen. »Na, dann geh doch!« Ich kann sowieso keinem Mann vertrauen, soll er mich doch verlassen!

Aber Sebastian bleibt. Mein Bett ist riesig, und wir liegen an den entgegen gesetzten Seiten. Auf keinen Fall sollen sich unsere Körper zufällig in der Nacht berühren. Ich weine mich in den Schlaf. Bin völlig erschöpft, fertig. Mitten in der Nacht spüre ich seine Hand. Sie tastet sich langsam über meinen Po nach oben. Am Morgen wachen wir eng umschlungen auf. Er liegt neben mir und streicht über meine Haare. Obwohl ich ihn so verletzt habe! Ich werde meine Lust zügeln. Ich kann ihm nicht wehtun. Er bringt mein Herz zum singen. Ich liebe ihn.

Das größte Geschenk meines Vaters

Wenn diese Zeilen gedruckt sind, wird mein Vater vielleicht schon nicht mehr leben. Ich hoffe, dass ich meinem Vater in seinen letzen Tagen gut beistehen konnte. Als ich eben den Anfang meines Artikels noch einmal las, kamen mir die Tränen. Ich liebe meinen Vater, auch wenn ich mich verletzt fühle. Jeder handelt so, wie er im Augenblick kann, es gibt keine Schuld. Meine emotionale Achterbahnfahrt wird sicherlich noch eine Weile anhalten, aber ich weiß, dass die Intensität meiner Gefühle und die bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod mich zur Freiheit führen werden. Das ist das größte Geschenk, das mir mein Vater machen konnte.

von Christine Janson

Christine Janson ist Feldenkraislehrerin, Autorin und Erotikcoach

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Aus dem Heft connection Tantra special 78

   
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