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Der heilige Kern der Pornografie

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Schund oder Kunst?
© Renu Li

Schund oder Kunst?

Darstellungen von weiblichen Geschlechtsorganen gab es schon in den Anfängen der tantrischen Kunst, und selbst der Vatikan kommt nicht umhin, die Vagina als »Torweg des Lebens« zu würdigen. Yoni Veyl untersucht hier die Bedeutung des Yoni-Kultes und geht der Frage nach, was sich hinter der Mainstream-Pornografie verborgen hält.

Die einsame Lust

Nachts, wenn alle Lichter ausgehen, ist auch die Zeit, in der Millionen Menschen, in der Mehrzahl Männer, durch virtuelle erotische Gefilde und pornographische Landschaften streifen - auf der Jagd nach erregenden Bildern. Oft ist dabei die virtuelle Wirklichkeit der Porno-Bilder für den Mann attraktiver als seine Frau oder Freundin, die inzwischen gelangweilt oder frustriert über einem erotischen Arztroman eingeschlafen ist.

Was macht Pornografie so attraktiv? Warum nimmt der Konsum von Pornografie derzeit sogar noch drastisch zu, obwohl doch nicht nur die Porno-Angebote, sondern auch das Begehrte in real ebenfalls zugänglicher ist denn je? Dann kann Pornografie wohl nicht bloß eine Ersatzbefriedigung der Zu-Kurz-Gekommenen sein. Es muss noch etwas anderes dahinterstecken.

»Die wilden Jahre sind vorbei«

Diese Überschrift war im Sommer 2005 im »Stern« in einem Report über Sex in den USA zu finden. Die Fun- und Spaßgesellschaft erlitt seit dem 11.September 2001 einen starken Einschnitt. schrieb der Stern. Der weltweite Turbokapitalismus mit seinen sozialen Unsicherheiten und die Zunahme von Katastrophen tun dazu das ihre.

Der christliche Fundamentalismus propagiert voreheliche Keuschheit, Dies ist vor allem bei vielen Jugendlichen aus den entsprechenden religiösen Elternhäusern der USA wieder »in«. Die Hochzeitsindustrie und die Partner-Vermittlungsagenturen im Internet boomen, hier suchen Millionen einsamer Herzen wie in alten Zeiten ihren Traumprinzen und ihre Traumprinzessin.

Kurioserweise nehmen aber auch Prostitution und Pornografie parallel dazu massenhaft zu. Pornografie und Fundamentalismus scheinen wie zwei Seiten einer Medaille zu sein. »Von der Kluft aus Fun und Fundamentalismus profitiert die weltweit größte Pornoindustrie« (die der USA) und »Amerika ist zerrissen zwischen Libertinage und Prüderie, zwischen Fun und Fundamentalismus«, schreib der Stern (Ausgabe 35, 2005).

Was ist Pornografie, was Erotische Kunst?

Im Gegensatz zur Pornografie, die sich durch die Unterdrückung von realer Sexualität und Lebenslust nährt, blüht die Erotische Kunst mit erotischer Lebensfreude auf. Nicht alles, was unter dem Label »Pornografie« läuft, ist »schlecht«, und nicht alles, was das Etikett »Erotik« hat, ist schon deshalb besser. Claudia Gehrke vom Tübinger Konkursbuch-Verlag, die seit Jahren das erotische Jahrbuch »Das Heimliche Auge« herausgibt, verweist auf diesen Widerspruch. Die Darstellung von »Kuschelsex« zum Beispiel kann menschenverachtend sein, andererseits aber auch lust- und liebevoll. Ebenso können Inszenierungen im SM-Bereich das eine sein oder das andere. Es gibt Gewalt verherrlichende Bilder und entsprechende Produktionsverhältnisse, aber auch ethisch anspruchsvolle und künstlerisch hochwertige Produktionen (wie z.B. die Xplore in Berlin).

Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen erotischer Kunst und Pornografie ist, dass in der erotischen Kunst ein geistig-kultureller Hintergrund aufscheint - etwas, das mit Imagination und mit der persönlichen Befindlichkeit im Leben und in der Liebe zu tun hat.

Erotische Kunst ist eine gekonnt lustvoll inszenierte und bewusst wahrgenommene Beziehungslandschaft - nämlich die zwischen der abgebildeten Person, der abbildenden Person und der betrachtenden Person. Im Gegensatz dazu macht Pornografie die Abgebildeten zu Objekten, »die sich für den Außenstehenden hin-richten« (Claudia Gehrke).

Es fällt kein Meister vom Himmel

Auch hier gibt es Übergänge und Verwandtschaften zur erotischen Kunst. Helmut Newton beispielsweise bezog die Inspirationen für seine Art von Fotografie aus der Abbildung polizeilicher Aufnahmen für Steckbriefe - durch die eine »coole« Distanz zur fotografierten Person erzeugt wird. Doch diese wurde von ihm bewusst thematisiert und künstlerisch in Szene gesetzt.

In ihrem Band »Frauen und Pornografie" setzte sich Claudia Gehrke mit Forderungen nach einem Verbot von Pornografie von feministischer Seite auseinander - wie der Aktion »PorNo« von Alice Schwarzer. Mit einem solchen Verbot von Pornografie würde jedoch der Willkür von Staat, Justiz und Gesellschaft gegen erotische Kunst Tür und Tor geöffnet.

Gewalt und Menschenverachtung ist vor allem im realen Leben etwas entgegen zu setzen. Was Erotik und auch Pornografie angeht, sollte nicht mit Verboten gearbeitet werden, meine ich. Ausnahmen: Kinderpornografie und die Darstellung von realer (nicht gespielter) Gewalt. Die Regeln der künstlerischen Darstellung sollten so frei sein, dass sie kreative Menschen - vor allem auch Frauen - ermutigen, ihrem eigenen erotischen Leben in Wort und Bild Ausdruck zu verleihen. Dadurch kann eine neue erotische Kultur positiv beeinflusst werden. Mit dem Experimentieren in der erotischen Kunst kommt auch das Können - und die Freiheit der Bewegung auch außerhalb der Kunst. Sexualität und Erotik sind nicht nur eine Sache von Naturtalent. Sie sind auch eine Kunst, und diese fällt nicht vom Himmel, sondern ist Ergebnis einer Entwicklung und eines Experimentierens.

Schund oder Kunst?
© Renu Li

Der heilige Kern der Pornografie

Pornografische Darstellungen sind nicht nur eine Ware, sondern noch etwas anderes, und dieses andere haben sie mit der erotischer Kunst gemein: Sie haben einen »heiligen Kern«. Dieser ursprüngliche oder Wesens-Kern hat mit der menschlichen Sehnsucht nach Ganzheit, Lust und Liebe zu tun. Pornografie »maskiert« diesen Kern. Diese »Maske« ist ein morphogenetisches Feld, das sich in einer mehrere tausend Jahre alten patriarchal geprägten Kulturgeschichte herausgebildet hat. Dieses Feld hat Sexualität und Lebenslust vereinnahmt und zum Zweck von Machtausübung funktionalisiert, und es ist außerordentlich zäh und in verborgener Weise macchiavellistisch. Big Brother is watching you - ganz tief in der Psyche!

Die Einheit von Spiritualität und Sexualität, wie sie noch in den Mysterienkulten von Frauen in den alten Matriarchaten existierte, wurde im Patriarchat aufgehoben. Die weibliche Sexualität - und damit die Macht der Frauen - wurde fortan unterdrückt, bis heute. Deshalb ist ein Spaziergang in die Etymologie, die Bedeutungsgeschichte der Wörter, zur Beschreibung und Deutung der Pornografie sehr erhellend.

Ein etymologischer Streifzug

Porno-grafie ist aus zwei Begriffen zusammengesetzt. Porne war im Griechischen die Göttin der Liebesdiener und Liebesdienerinnen. Später bekam Porne die Bedeutung von Hure und Dirne. Graphein heißt darstellen. In den alten Schriften ging es um Liebeskunst und die Kunstfertigkeit in Liebestechniken, um Philosophie und die Beziehung zwischen Mann und Frau oder zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern. Pornografie war eine geistig und erotisch anspruchsvolle Literatur und Bildgestaltung auf hohem Niveau.

Gehen wir noch weiter zurück nach Ägypten. Der Begriff Hure kommt von Hora, was auch »Zeit« und »Stunde« bedeutet - allerdings nicht im Sinne von Chronos, sondern im Sinne von Kairos: Im Hier und Jetzt da sein. Horen waren die Priesterinnen und Tänzerinnen, die mit ihrer sexuellen Alchimie den sterbenden Gott Horus auf seiner Reise durch die Unterwelt begleiteten. Hathor, die Große Göttin in Ägypten, auch als Liebesgöttin bekannt, stellte den Tempel dafür bereit: Hathor heißt Haus des Horus.

Es gibt Darstellungen und Beschreibungen von rituellen Gegebenheiten und Mysterien wie der »Heiligen Hochzeit« aus der Zeit der Großen Göttin, die noch älter sind als diese griechischen und ägyptischen Darstellungen, und die Sexualität als sakralen Akt öffentlich zelebrierten - sozusagen »Pornografie« in Reinform. Die Pervertierung und Entwürdigung dieser einst als heilig empfundenen Akte geschah erst später durch das Patriarchat. Spiritualität ist im Patriarchat überwiegend etwas rein Geistiges und sonderte Sexualität als »Sünde« von dieser ab. Die Kultur der Großen Göttin wurde zerstört und durch männliche Götter ersetzt. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Da schimmert noch ein Geheimnis unter der »Maske der Pornografie« hindurch. Am Beispiel der Darstellung des weiblichen Geschlechts lässt sich die gut aufzeigen.

Yoni, Vulva, Scheide, Möse, Pussy...

Unsere Geschlechtsorgane sind mit Tabus belegt. Laut geltendem Jugendschutz dürfen Kinder weder »scharfe Schamlippen noch aufgerichtete Penisse« sehen. Und auch für die Erwachsenen gibt es nicht viel mehr zu sehen: »Die Weiblichkeit wurde wegkastriert. Zwischen den Beinen ist eine Kastration. Da siehst du nicht mal einen Schlitz. Gar nichts ... Darum haben die Playboymädels immer so einen unscharfen Fleck zwischen den Beinen« (Claudia Gehrke in einem Interview). Eine »merkwürdige Kultur bei diesen Menschen" würden Besucher von einem fernen Planeten empfinden, denn »aufgerichtete« Waffensysteme und verschlingende Todesmaschinen mit scharfen Kanten werden Kindern und Jugendlichen tagtäglich in den Medien zugemutet. Ein alter indianischer Spruch sagt: »Alles ist aus der Frau geboren«. Die Yoni ist das Tor zur Welt. Der Schoß schenkt uns Leben - und wenn wir gestorben sind, nimmt uns der Schoß von Mutter Erde wieder auf. Aus urgeschichtlichen matriarchalen Zeiten verweisen uns Legenden und bildliche Darstellungen auf Göttinnen, deren Yonis als etwas Heilendes und Heiliges auf sehr frivole Art gewürdigt werden: Die heilige Clownsgöttin Baubo hebt vor Demeter ihren Rock und bringt diesen zum Lachen. Oder Sheela-Na-Gig, die nackte Göttin aus dem heidnischen Irland, zeigt ihre weit geöffnete Vulva und lächelt dabei auf geheimnisvolle Weise. Zum Zeichen ihrer Würde wurde die Große Göttin meist nackt abgebildet - und Yoni-Darstellungen, realistisch oder symbolisch, waren in der Antike stark verbreitet.

»Torweg des Lebens«

Beim weiblichen Geschlechtsorgan, der Vagina, kommt selbst der Vatikan nicht umhin, sie als »Torweg des Lebens« zu bezeichnen. Dieses Tor übt auf alle Menschen eine starke Faszination aus. Die, wie auch historische Quellen belegen, oft mit Ängsten verbunden war. Der Kulturethnologe Hans Peter Duerr berichtet darüber in seinen Forschungen.
Eluan Ghazal (in ihren Büchern »Yoni und Lingam« und »Schlangenkult und Tempelliebe«), später Rufus Camphausen in »Yoni«, haben der Yoni ganze Bücher gewidmet. Yoni - Yoin geschrieben, Yoni gesprochen, kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Schoß, Lebensprinzip, Heiligkeit, Liebe, Leere, Schöpfung, Ursprung und Quelle.

Rufus Camphausen beschreibt Heilige Rituale und Zeremonien, wie zum Beispiel die Yoni-Puja aus Indien, durch die das weibliche Geschlecht in Tempeln und an heiligen Stätten in den alten Zeiten und noch bis in die Neuzeit geehrt und gewürdigt wurde. Erst der Islam, dann die Engländer und Portugiesen verboten und zerstörten diese Kulte weitgehend. Nur in wenigen Orten gibt es sie noch. Bei der Yoni-Puja bietet eine Devadasi, eine Priesterin der Göttin, ihre Yoni zur Anbetung dar. Die zum Ritual versammelten Menschen verneigen sich vor ihr und würdigen sie mit Blumen und Geschenken. Es gibt heute wieder - zum Beispiel in den Tantrakreisen des Westens - moderne Formen dieser Yoni-Puja.

Keine Angst vor »scharfer« Darstellung

Es wäre wünschenswert und schön, wenn sich auch die erotische Kunst und Kultur - ohne Tabus vor Details und »scharfer« Darstellung, wieder unseren Lust- und Liebesorganen widmen würde. Das könnte der Mainstream-Pornografie einigen Wind aus den Segeln nehmen.

Text: Yona Veyl, Bilder: Renu Li

Yona Veyl (geb. 1950) studierte Architektur und Städtebau, ist freier Zukunftsgestalter und Städteplaner

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