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Erfahrungen in einer erotischen Casinonacht

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Das Leben ist ein Spiel
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Das Leben ist ein Spiel

Ist es möglich, erotische Sehnsüchte, geile Sexualität und tiefe Spiritualität miteinander zu verbinden? Christine Janson liebt es, neue Grenzerfahrungen zu machen, deshalb besuchte sie einen ungewöhnlichen Casinoabend. Hier aber wurde nicht um Geld gespielt ...

Es ist fünf Uhr früh. Ich sitze im Zug von Frankfurt nach Berlin und überlege mir ernsthaft, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. In wenigen Stunden soll ich mich auf einer erotischen Schlossparty vergnügen; im Augenblick kann ich mir ein Himmelbett aber eigentlich nur zum Schlafen vorstellen. Wegen Störung der elektrischen Leitungen hält der Zug kurz vor Berlin eine Stunde lang auf freier Strecke - so was kenne ich bisher nur aus Indien. Dort habe ich drei Jahre gelebt. Damals dachte ich noch, Spiritualität sei nur in einem heiligen Ashram zu finden. Mitten in der Pampa setzt mich der Regionalzug nach siebenstündiger Fahrt endlich ab. Kein Taxi weit und breit, außerdem hat es gerade begonnen zu regnen. Ziemlich verloren stehe ich mitten im schönen Spreewald. »Können Sie mir sagen, wie ich hier nach Limberg komme?« frage ich einen Bauern, den ich zum Glück auf dem Weg zu seiner Scheune entdecke. »Das zieht sich aber noch ein ganzes Stück«, der Mann schaut mich ein wenig verwirrt an und kann sich nicht so recht vorstellen, welchen Reiz dieser Ort für mich haben könnte.

Strapse im Familienhotel

Das »Familienhotel im Spreewald« überrascht mich jedoch positiv, denn eine moderne Rezeption und so freundliche Bedienung hätte ich im ehemaligen Osten nicht unbedingt erwartet. Vor der Wende war ich mal mit einer Freundin in Leipzig unterwegs gewesen - die meiste Zeit hatten wir damals damit verbracht, ein Restaurant zu finden, das bereit gewesen wäre, uns etwas zu Essen zu servieren. Im Spiegel begutachte ich meine tiefen Augenringe und bezweifle im Moment doch sehr meine Chancen, dass mich heute Abend jemand »kaufen« will. Das ist nämlich ein Teil des Spiels, das mich in wenigen Stunden erwarten wird. Höchstens vielleicht zur Happy Hour wird mich jemand haben wollen, denn da werden alle Dienstleistungen zum halben Preis angeboten, doch nach einem kurzen Schönheitsschläfchen geht es mir wieder besser, und mein schulterfreies Cocktailkleid sieht doch recht passabel aus, stelle ich erleichtert fest. Dummerweise habe ich aus Versehen Strümpfe mit einem extrem breiten Spitzenbund gekauft, die schauen nun unter dem Rock schamhaft hervor. Im Club wäre das natürlich recht sexy, aber zunächst muss ich es schaffen, die Hotelhalle zu durchqueren, in der sich bereits die meisten Hausgäste mit ihrer Familie zum Abendessen versammelt haben ...

Die Schlossparty beginnt

Der Taxifahrer setzt mich vor einem alten Herrenhaus ab. Sobald ich durch die schwere Holztüre in die mit Kerzen beleuchtete Empfangshalle eingetreten bin, stelle ich fest, dass sich die beschwerliche Anreise zum Glück gelohnt hat: Schloss Milkersdorf ist ein Schmuckstück! Da ich zu den ersten Gästen gehöre, erhalte ich das besondere Privileg, vom Hausherrn persönlich herumgeführt zu werden. René geleitet mich durch die alten Gemäuer und rückt nebenbei liebevoll die Bilder zurecht, die einen Millimeter aus der Horizontale gerutscht sind. Im unteren Bereich des Schlosses soll heute Abend eine außergewöhnliche Casino-Party stattfinden. Im Kaminzimmer gruppieren sich schwere Ledersessel um einen Tisch, auf dem Black Jack gespielt werden darf, auf der Anrichte steht teurer Malt Whisky, und ein dienstbarer Geist fragt nach meinen Wünschen. Als ich auf seinen knackigen Hintern starre, fallen mir schon ein paar besondere Wünsche ein, aber erst muss ich mich wohl mit einem Glas Sekt begnügen.

»Pass mit der Treppe auf«, warnt mich René, als ich auf meinen hohen Hacken die alte Holztreppe nach oben schreite. Wann dieses Herrenhaus entstanden ist, weiß man nicht so genau; jedenfalls erwähnte es der Reiseschriftsteller Johann Bernoulli bereits 1773 lobend wegen seiner »schönen Alleen, gemalten Geländer und der Reinlichkeit«. Inzwischen ist daraus ein exklusiver Club geworden. René schiebt mich sanft in einen besonderen Raum: Dort hängt hinter einem riesigen Himmelbett ein goldener Spiegel, der aber eigentlich keiner ist, denn aus einem Nebenzimmer kann man sich durch diesen »Spiegel« hindurch an den erotischen Darbietungen der anderen Gäste erfreuen - die dieses »Geheimnis« allerdings längst kennen und lustvoll genießen.

Le Jeu commence

In der Zwischenzeit hat sich eine illustre Anzahl von Gästen um den Roulettetisch im Barbereich versammelt. Fast alle Frauen sind sehr geschmackvoll und elegant angezogen, die Herren stehen im Anzug daneben oder haben sich zur Herrenrunde in eine Sesselecke verzogen. Eine Rothaarige im tief dekolletierten Satinkleid stößt Verzückungsschreie aus. »Jetzt können sich unsere Männer was Nettes kaufen, Gerti. Ich hab grad gewonnen.«

»Das Spiel beginnt. Rien ne vas plus." Der Croupier zwinkert mir verstohlen zu, als ich schnell noch einen Jeton auf »pair« schiebe und lässt es mir durchgehen. Die Kugel rollt. Der Herr neben mir sieht aus wie ein Banker, wenn da nur nicht das Lederhalsband wäre, das er statt einer Krawatte trägt. Er beobachtet fasziniert, wie der Croupier mit seinem Stab seine letzten Jetons zu sich angelt. Ich hatte auch nicht so viel Glück bisher. Pech im Spiel - Glück in der Liebe; ich hoffe, das bewahrheitet sich, denn deshalb sind wir alle hier.

Die erotischen Spielregeln

Es sind fast nur Paare in dieser Nacht anwesend, und die Spielregeln sind streng festgelegt. Jeder darf sich am Roulettetisch vergnügen - so lange, bis er keine Spieljetons mehr hat. Dann kann er leider keine neuen mehr mit Geld einkaufen, denn an diesem Abend zählt eine andere Währung: Sex! Man hat die Wahl, entweder sich selbst oder seinen Partner für eine erotische Dienstleistung anzubieten und damit von der Bank wieder neue Chips zu erhalten.

Ausgedacht hat sich dieses erotische Spiel Gunnar, von der Event-Agentur Eroluna. Er organisiert erotische Partys an ausgewählten Locations. Wer dabei auf den Geschmack gekommen ist, darf sich an Eroluna-Diskret wenden, zur Erfüllung seiner geheimsten erotischen Sehnsüchte. Gunnar ist ein auffallender Mann mit durchdringenden Augen, die mich fixieren, als er mir die verschiedenen Dienstleistungen erklärt, die ich an diesem Abend anbieten kann. »15 Minuten Massage sind das Minimum, was du anbieten kannst. Aber je höher der Einsatz, desto höher der Gewinn.« Gunnar lächelt mir aufmunternd zu und zückt bereits die Polaroid-Kamera. Ein wenig mulmig ist mir schon, als ich mein Foto an der Wand hängen sehe mit dem Hinweis, dass ich »einem Paar oder einer Frau zum Geschlechtsverkehr zur Verfügung stehen werde.« Außerdem stehen noch Anal- oder Oralverkehr zur Auswahl. Aber das ist mir zu heikel, und auch der BDSM-Bereich mit Flag, Bondage oder Wachs macht mich nicht so an. Ein hübscher Junge im hellen Anzug hat sein Foto unter »No Limits« hängen lassen. Er sieht ganz süß aus, und einen Moment überlege ich mir, ob ich ihn mir einkaufen soll. Aber erst mal muss ich wieder Spielwährung erhalten.

»Du bist gekauft, Süße«

Ich fühle mich ein wenig seltsam, als ich mich an die Bar setze und ein Gespräch mit einem Paar beginne, das schon öfters hier war. »Wir finden es so klasse, dass man hier auch in schicker Abendgarderobe sitzen kann«, sagt der etwas beleibtere Herr, und ich verstehe was er meint. In der Unterhose am Tresen würde er nicht so gut rüberkommen. Die meisten Menschen sehen in stilvoller Kleidung einfach appetitlicher aus als nackt. Ich bin nicht so ganz bei der Sache, denn ich überlege mir, was ich machen soll, wenn mich jemand kauft, mit dem ich absolut nichts anfangen kann. Aber noch schlimmer wäre es, wenn mich niemand kaufen würde und ich als Ladenhüter irgendwann zum halben Preis gehandelt werden müsste, das wäre richtig peinlich. Ich bestelle ein weiteres Glas Sekt und versuche meinen beschleunigten Herzschlag wieder eine Stufe nach unten zu fahren. Da legt sich eine schwere Hand von hinten auf meine Schultern: »Du bist gekauft, Süße«.

Das Leben ist ein Spiel
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Es wird ernst ...

Gunnar führt mich durch die Menge und macht mich mit einem Paar bekannt, das mir auf Anhieb sympathisch ist. Gott sei Dank! Uns allen ist die Situation ein wenig peinlich. Wie stellt man es an, mit einem Menschen, den man gar nicht kennt, geilen Sex zu haben? Ich bin ja auch ein äußerst sensibler Mensch und möchte bei allem, was ich tue, auch mein Herz mitnehmen können. Bin gespannt, ob das hier in diesem Rahmen möglich ist. Ein wenig bange ist mir dabei zumute... »Wollen wir uns erst mal ein wenig unterhalten?« frage ich. Die beiden sind erleichtert. »Sympathie ist uns auch wichtig«, versichert mir Roland. »Du bist uns bereits am Roulettetisch angenehm aufgefallen.« Roland hat mit Autos zu tun, und Brigitte hat einen Dönerstand in Polen. Mit Frauen habe ich bisher noch nicht so viel Erfahrung. Ich starre auf ihre glitzernde Strasskette, und dabei fällt mein Blick auf ihren festen Busen, der fast aus dem Kleid herausfällt. Ich frage mich, wie der sich wohl anfühlen wird. Beiläufig streicht mir Brigitte eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wollen wir nach oben gehen?« Sie nimmt meine Hand und führt mich die Treppe hoch. »Roland, schau doch mal, ob unser Bett frei ist.« Die beiden kennen sich aus, das beruhigt mich.

Frauen küssen zarter

Wir sitzen auf einem Himmelbett, ich streife mir das Kleid vom Kopf, aber die Strapse behalte ich an. Brigitte beugt sich zu mir rüber und küsst meinen Mund. Es ist schon lange her, dass ich einer Frau so nahe gekommen bin. Ihre weiche Haut erregt mich. Was ist anders daran, wenn eine Frau mich küsst, überlege ich? Es fühlt sich irgendwie zärtlicher an, nicht so fordernd wie die meisten Küsse von Männern. Ich beginne an dem Spiel Gefallen zu finden, und wir rutschen auf die Handtücher. Brigitte zieht ihren BH aus, und ihre schweren Brüste fallen in meine Hände. Sie fühlen sich ziemlich fest an - wahrscheinlich Silikon, geht es mir durch den Kopf. Aber das stört mich nicht und macht mich trotzdem an. Ihre Brustwarzen sind gepierct, und ich überlege angestrengt, wie ich es am geschicktesten anstelle, dass meine Zunge nicht in ihrem Silberring hängen bleibt. Roland will auch ein wenig gestreichelt werden, aber in erster Linie erregt es ihn, uns beiden zuzusehen. Solche Gruppenfantasien habe ich oft gehabt, aber immer mit der Angst, dass das dann in der Realität nicht so erregend sein würde. Aber heute erfüllen sich viele der Wünsche, die ich bisher nur im Geheimen mir erlaubte. Ich schiebe die Perlenschnur an Brigittes Slip zur Seite und beginne ihre Öffnung mit meiner Zunge zu erkunden. Wenn zwei Frauen sich lieben, sieht das für die meisten Männer ziemlich scharf aus. Ich spüre eine Hand auf meinen Pobacken und schaue in den Spiegel, um zu sehen, wer mich da von hinten begehrt: Es ist der Junge, der sich an der Pinwand mit »No Limits« verkaufen wollte, er möchte bei uns mitspielen. Ok, der gefällt mir, er darf mitmachen, entscheide ich! Die beiden anderen haben offensichtlich auch nichts dagegen. Routiniert streifte er sich ein Kondom über.

Grenzenlos verbunden

Ich bin erstaunt, wie liebevoll er mit mir umgeht. Der kennt mich doch gar nicht, denke ich, trotzdem verwöhnt er mich ausgiebig mit seiner Zunge. Mit einem Fremden liebevollen Sex zu haben, das bin ich nicht gewohnt. Normalerweise lerne ich erst jemanden kennen und baue eine tiefe Beziehung auf, bevor ich mich körperlich hingebe. Hier ist das anders. Ich küsse meine süße Spielgefährtin und fühle dabei einen zärtlichen Jungen zwischen meinen Schenkeln, während mein Oberarm an Roland reibt. Wir bewegen uns in verschiedene Stellungen, und ich verliere dabei den Überblick, welches Bein zu wem gehört. Habe ich überhaupt noch welche? Wir scheinen alle miteinander verwoben zu sein. »Oh, wie geil das ist!« Brigitte gefällt es offensichtlich auch. Wir liegen uns in den Armen, und in mir öffnet sich eine Schleuse. Ein Schwall von Wärme, Lebendigkeit und tiefer Liebe durchströmt mich. Es prickelt und vibriert in meinem ganzen Körper. Auf einer menschlichen Beziehungsebene kenne ich meine Spielgefährten nicht, aber unsere Herzen und unsere Seelen haben sich hier für kurze Zeit miteinander verbunden. So fühlt sich also überpersönliche Liebe an! Mein Herz singt vor Freude.

Während ich noch berauscht in Brigittes Armen liege, sind die Männer bereits mit dem Anziehen beschäftigt. Wir Frauen könnten noch ewig so weitermachen, da sind wir von der Natur ziemlich begünstigt. Roland drängelt jetzt ein wenig. »Kommt macht mal Schluss ihr beiden. Lasst uns mal wieder was trinken gehen.« Ich glaube, er hat ein wenig Angst bekommen und hält die Intensität nicht so lange aus wie wir.

Als ich die Wendeltreppe nach unten schreite, fühle ich mich unendlich befreit und glücklich. In diesem Augenblick hätte ich fast mit jedem Menschen eine sehr innige sexuelle Erfahrung machen können, so weit und offen fühlte ich mich. An der Bar unterhalten wir uns noch ein wenig. Es war richtig nett mit den beiden, aber ich schäume über vor Energie und habe immer noch Lust.

Das Foto von dem süßen Jungen, der mich eben beglückt hat, hängt immer noch an der Pinwand unter »No Limits«. Ich glaube, den gönne ich mir noch einmal. Inzwischen ist es schon spät, und ich will sicher gehen, dass er noch fit ist. »Wie oft bist Du heute schon gekommen?« frage ich ihn. »Schon drei Mal«, antwortet er mir ganz aufrichtig, »aber mit dir könnte ich noch ein viertes Mal«, versichert er mir schnell und lässt dabei seine Hand über meine Schenkel nach oben gleiten. Ich werde heute nach Hause gehen wie eine schnurrende Katze.

Christine Janson

Christine Janson leitet Erotik und Tantraseminare, ist Feldenkraislehrerin und Autorin von »Mehr Lust auf Liebe«

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