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Auch SM ist Liebe

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Auch SM ist Liebe

Vertrauen lohnt sich

Die Autorin lebt seit einigen Jahren in einer liebevollen SM-Beziehung und beschreibt die Sehnsucht nach Dominanz, Schmerz, Lust und tiefer Hingabe – aber auch die Probleme einer solchen extremen Beziehung. Im Dialog mit ihrem Partner delta RA’i zeigt sie, dass Liebe viele Ausdrucksformen haben kann.

Sie: Zum ersten Mal trafen wir uns bei einer Tanzperformance. Ich als Gast, er als Tänzer. Jedoch konnte ich ihn nicht sehen, denn dem Publikum wurden bei dieser Performance die Augen verbunden, und es wurde dann Teil der interaktiven Performance, bei der auch die Zuschauer in den Tanz mit eingebunden wurden. Ehe ich mich versah, wurden meine Handgelenke an langen Ketten befestigt – und dann hörte ich zum ersten Mal seine raue, leise Stimme, die mich begrüßte.

Ziemlich angespannt wartete ich immer auf die im Programm angekündigten Grenzen, dich ich erreichen sollte. Ganz so wild war es dann in der Realität (leider) doch nicht. Ich wurde gestreichelt und liebkost und mit verschiedenen Instrumenten mal sanft, mal etwas härter geschlagen oder gezwickt. Doch meine Grenzen habe ich an diesem Abend nicht erreicht. Ich war etwas enttäuscht.

Er: Ich liebte und liebe diese Performance noch heute. Das war genau mein Ding. Endlich konnte ich an etwas teilhaben, bei dem ich Liebe und gleichzeitig auch Schmerz geben konnte. In einem offiziellen Rahmen, jenseits aller Klischees von mit Leder behangenen Schlägern.

Als ich Caprice zum ersten Mal vor mir stehen sah, so hilflos und irgendwie auch ein wenig schüchtern, fielen mir zuerst ihre wunderschönen Füße auf. Ich gestehe, ich bin ein Liebhaber schöner Füße. Natürlich ist schön für jeden etwas anderes. Für mich sind Füße schön, die schmal sind, lange, gerade Zehen haben, bei denen die zweite Zehe länger ist als die Anderen. Und die Frau, die hier vor mir stand hatte die schönsten Füße, die ich seit langer Zeit gesehen hatte.

Ich musste es schaffen sie unbedingt wieder zu sehen! Deshalb lud ich sie zu einem privaten Treffen ein. Zu meiner Freude willigte Sie ein. Doch bevor wir uns wieder sehen sollten, vergingen noch drei Wochen.

Sie: Als wir uns anschließend zum ersten Mal privat trafen, stand für mich die Zeit still. Eigentlich war von mir nicht bewusst geplant, irgendetwas in Richtung SM zu machen. Aber natürlich ist es dann doch passiert. Unglaublich vorsichtig, aber dennoch voller Konsequenz und Leidenschaft führte er mich in die Welt der schmerz- und lustvollen Liebesspiele ein. Bisher kannte ich solche Liebesspiele nicht. Bisher kannte ich auch eine solche in mir explodierende Leidenschaft nicht.

Ich ließ einfach alles geschehen und genoss es. Ich genoss es, endlich einmal die Macht, die Führung abgeben zu können. Nicht mehr die starke Powerfrau sein zu müssen, die viele in mir sahen. Es war einfach wunderbar, alles mit mir geschehen zu lassen, ohne es nach rationalen oder moralischen Kriterien zu hinterfragen.

Anschließend spielten meine Gefühle verrückt. Da gab es alles: Verliebtheit, Schuldgefühle gegenüber meinem damaligen Lebenspartner, wohlig schauriges Gänsehautgefühl bei den Erinnerungen an die vergangene Nacht, Stolz, diese Schmerzen ausgehalten zu haben, Angst davor, wie es weiter gehen wird – und am allermeisten Angst vor mir selbst.

Er: Eigentlich war unser Treffen ganz anders geplant. Ich wollte eine Fußwaschung mit ihr machen. Aber schon während dieser Fußwaschung knisterte die Luft merklich. Diese schönen Füße in meinen Händen, die so selbstverständlich auf den Druck meiner Hände antworteten, so dass sich eine wundervolle nonverbale Kommunikation zwischen uns entspann! Diese Frau, vor mir sitzend, die doch eigentlich nur gekommen war, weil sie sich eine Fortsetzung der begonnenen SM-Session wünschte. Das alles war ein Geschenk an mich, und ich brauchte mein Geschenk nur noch auszupacken ...
Alles war so schön und gleichzeitig geil und ging fließend ineinander über. Wir begannen uns zu küssen, und ich spürte, dass sie bereit war für mich und für die Peitsche.

Sie: Alles lief prima, bis sich herausstellte, dass mein »Meister«, der bis dahin für die Erfüllung meiner sexuellen Fantasien zuständig war, auch noch erhebliche menschliche Qualitäten vorweisen konnte. Ziemlich schnell fand ich heraus, dass er ein hervorragender Gesprächspartner war, der über eine hohe Sensibilität besonders hinsichtlich philosophischer (Lebens-)Fragen verfügte. Und mindestens genauso schlimm war sein Humor – mit kaum jemand anderem konnte ich so gut lachen. Was für ein Dilemma! Denn so schlichen sich nach und nach immer tiefere Gefühle für ihn bei mir ein. Für mich ergab sich daraus schon bald die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu fällen. Mein Ehemann tolerierte das SM-Verhältnis bis zu diesem Zeitpunkt zwar, wenn auch zähneknirschend, aber ich brauchte eine Entscheidung.

Ich merkte sehr schnell, dass ich nicht in der Lage war, meine Liebe zu teilen. Es versetzte mich in Stress, in einen Dauerzugzwang. Ich musste für mich selbst eine Entscheidung fällen. Doch es sollte über ein Jahr ins Land gehen, bis ich wirklich in der Lage war, eine Entscheidung zu treffen und auch mit den Konsequenzen zu leben.

Er: Meine damalige Freundin trennte sich bald von mir. Und es dauerte nicht lange, bis Caprice und ich ein offizielles Paar wurden. Dennoch wollte ich mir meine Liebe zu meiner zweiten SM-Frau nicht verbieten lassen. Was leider schon sehr bald zu einem entsprechenden wechselseitigen »Zicken-Alarm« führte. Ich konnte nur sehr schwer damit umgehen. Wie konnte ich angemessen reagieren, wenn Caprice mal wieder eine ihrer Eifersuchtsattacken hatte? Argumentativ war ihr leider nicht mehr beizukommen.

Wollte ich ein SM-Liebesspiel, hieß es, ich sei nur daran interessiert. Was de facto einfach nicht stimmte. Aber wie soll man so etwas jemanden klar machen, der aus Gründen der emotionalen Selbstverstümmelung unbedingt daran glauben möchte? Also war die natürliche Konsequenz daraus, auf SM-Aktivitäten zu verzichten. Ich muss es nicht haben, und wir hatten es auch nicht immer. SM ist nur eine von vielen Möglichkeiten des Liebesspiels.

Auch SM ist Liebe
© www.woschofius.de

Sie: Meine momentane Lebensform ist die Monogamie, das habe ich durch dieses Experiment gelernt. Das Problem ist nur, wenn man dann einen Partner hat, der gerne polyamorph leben möchte. Es ist ein langer Weg, sich von der Angst loszusagen, dass der eigene Partner vielleicht jemand anderen lieber hat. Es geht auch nicht um die Zeit, die er ganz konkret mit einer anderen Frau verbringt. Viel schlimmer sind die (möglichen) Gedanken. Es ist die Angst, dass er mit mir zusammen ist und in Wahrheit an eine andere denkt. Natürlich könnte er auch genauso gut an einen Porsche denken. Wäre ich dann eifersüchtig? Wohl kaum.

Es ist schwer, solchen starken Empfindungen Vernunft entgegen zu setzen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich auf diesem Weg bestenfalls die ersten winzigen Schritte gegangen bin. Doch im Lauf der Zeit wurde und wird der Umgang damit immer besser. Es fällt mir leichter, über die wahre Natur meiner Gefühle zu sprechen. Damit meine ich nicht nur die Gespräche mit meinem Partner, sondern auch Gespräche mit Freunden und Bekannten.

In jeder Beziehung ist es das A und O, sich offen auszutauschen. Nur dann kann eine Basis für Vertrauen geschaffen werden. Dies gilt besonders für Beziehungen, die ein Leben und eine Sexualität jenseits der allgemeingültigen Norm haben.

Er: Es sind ja nicht nur die alltäglichen Problemchen, mit denen jeder zu leben hat. Fast noch »schlimmer« ist für mich der ganz normale, tägliche Umgang miteinander. Unser Zusammenleben ist geprägt von Humor, Zärtlichkeit und tiefen philosophischen Gesprächen. Und genau dort liegt die Krux. Auf der einen Seite schlägt natürlich noch immer mein sadistisches Herz in meiner Brust, und nur zu gerne möchte ich meine Liebste »züchtigen«, ihr mit einem Rohrstöckchen heiße Fußsohlen bereiten.

Doch durch unser Zusammenleben habe ich sie so sehr lieb gewonnen, dass es mir gleichzeitig auch immer schwerer fällt, ihr Schmerzen zu zufügen. Wenn sie nur ein paar Mal aufschreit, kann ich schon nicht weitermachen, denn ich kann sie nicht leiden sehen. Ich weiß, das klingt paradox, und das ist es auch.

Auf der einen Seite gibt es nichts, was ich erotischer finde als eine Frau, die sich unter der Peitsche windet. Auf der anderen Seite kann ich kaum ansehen, wenn meine Liebste leidet. Obwohl mir sehr wohl bewusst ist, dass sie das freiwillig tut, dass sie sich den Schmerz wünscht, schaffe ich es manchmal nicht, weiter zu machen.

Sie: Stimmt, zuviel Liebe kann es einem manchmal richtig schwer machen. Aber für mich spielt das alles nicht mehr eine so schrecklich wichtige Rolle. Ich denke, wir sind entspannter geworden im Umgang mit unserer Sexualität. Manchmal findet SM bei uns nur noch im Ansatz statt, und wegen der von ihm genannten Gründe machen wir dann mit liebevollem Kuschelsex weiter. Manchmal findet SM auch nur noch in unserem Kopf statt. Manchmal findet SM überhaupt nicht mehr statt. Und manchmal toben wir uns richtig aus und lassen allen Fantasien und aufgestauten Gelüsten freien Lauf.

Er: Um es einmal bildlich auszudrücken, würde ich sagen, dass in dem großen Haus, das unsere Beziehung ist, anfangs nur ein Zimmer eingerichtet war, mit viel Erotik und SM. Doch im Laufe der Zeit wurden auch die anderen Zimmer immer voller: voll mit Erinnerungen, voll mit tiefen Gefühlen.

Sie: Vor ungefähr zwei Jahren haben wir ein gemeinsames Tanz-Projekt mit Workshops, Symposium und Performance veranstaltet. Einer der Teilnehmer schrieb mir hinterher, dass unsere Liebe zueinander sich auf alle Workshopteilnehmer übertragen hätte. Das war für uns das schönste Kompliment, das wir bekommen konnten.

Gerade in SM-Kreisen gibt es viele Klischees. Genau so hat es zu sein und nicht anders. Es gibt entweder einen Meister und seine Sklavin oder eine Domina und ihren Sklaven. Auf jeden Fall ist das Sklavendasein als Zeichen der Unterwerfung für viele unabdingbar. Und natürlich haben Frauen prinzipiell bisexuell zu sein und am liebsten möglichst vielen Männern »zur Verfügung« zu stehen. Dann läuft bei vielen Paaren, die ich im Laufe der Zeit beobachtete, alles nach strengen Ritualen ab. Doch leider sind es oftmals nicht selbst geschaffene Rituale, sondern es werden Vorlagen aus der Literatur (z.B. »Die Geschichte der O«) mehr schlecht als recht nachgespielt. Dieser ganze Habitus war mir von Anfang an fremd.

Für mich stand ziemlich schnell fest, dass ich überhaupt nicht in alle diese Raster passe. Ich bin keine Sklavin, ich bin eine Prinzessin. Ich berühre gerne Frauenkörper, hatte aber noch nie das Bedürfnis mit einer Frau Sex zu haben. Manchmal unterwerfe ich mich meinem Mann bei einer Session. Doch ich bin kein Weibchen, das vor ihrer eigenen Unzulänglichkeit gerettet, beschützt und therapiert werden muss. Ich weiß, was ich tue. Ich mache es aus einer bewussten Entscheidung heraus.

Kinder bringen Dinge wie Tod, Aggression, Krieg und so weiter durch ihren Spieltrieb in eine Form, die sie beherrschen können. Das nimmt ihnen die Angst. Im SM ist es ähnlich. Auch hier spricht man gerne von einem Spiel. In diesem »Spiel« werden Fantasien ausgelebt. Die Gewalt, die hier stattfindet, hat nichts mit realer Gewalt zu tun. Ich denke es ist wichtig, den Menschen die Möglichkeit zu geben, Fragen zu stellen. Es müssen Plattformen geschaffen werden, auf denen sich die Menschen austauschen können. Sei es auf körperlicher, spiritueller oder wissenschaftlicher Ebene. Im Idealfall werden alle Ebenen angesprochen.

Mit dem von Felix Ruckert initiierten Projekt »xplore« (www.xplore05), welches ich mit ihm bereits im zweiten Jahr in Berlin produziert habe, ist uns ein großer Schritt in diese Richtung gelungen, auf den ich sehr stolz bin.

P.S. : »Vertrauen lohnt sich« stand damals auf dem Plakat zur Performance. Vertrauen ist nicht immer einfach. Aber es lohnt sich tatsächlich!

von Caprice Dilba

Caprice Dilba, Yogalehrerin, arbeitet als Produzentin im kulturellen Bereich, bietet Workshops zu Themen rund um SM und Sinnlichkeit.

Aus dem Heft connection tantra special 77

  • Inhaltsverzeichnis
  • connection special Nr. 77 im Shop bestellen
  • Alle Special Magazine auf einen Blick
  • Magazine, Bücher und Abos im Connection Shop
  • Titelseite connection special

       
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