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Editorial connection special 86

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Es kann vernünftig sein, von etwas abzurücken

Photo Wolf Schneider
Photo: Aniela Adams

Vielleicht beginnt es mit dem Mut, den man braucht, um einem Menschen, den man liebt, zu gestehen, dass man ihn oder sie liebt. Auch wenn es verrückte Gefühle sind, die einen da gepackt haben und auch, wenn man fürchtet, dass irgendjemand über diese Liebe die Nase rümpfen und sie für verrückt halten könnte. Oder es beginnt mit dem Mut, den man braucht, um an einer Liebe festzuhalten, obwohl man dafür schräg angesehen wird und sich dabei immer wieder die Frage stellt: Bin ich es, der hier verrückt ist? Oder ist es die Gesellschaft, die das beurteilt? Männer, die Männer lieben, haben das erfahren, Frauen, die Frauen lieben, und alle, die andere liebten als ihre Eltern sich für sie ausgedacht hatten. Solchen Mut brauchen alle Formen der Liebe, die sich jenseits der konventionellen, jeweils angesagten Formen bewegen.

Irre?

Es betrifft aber auch Formen der Liebe, die man traditionell als »religiös« bezeichnet. Asien kennt seit Jahrtausenden die Liebe der in göttlicher Ekstase Entrückten. Vor allem aus schamanischen, taoistischen, hinduistischen und Sufi-Praktiken ist das bekannt. Aber auch die westliche Psychiatrie kennt die »irre Liebe« zu Objekten, Tieren, Menschen, und auch in der Sensationspresse gibt es die »verrückte Liebe«: Als kürzlich ein Deutscher mit seinem letzten Geld nach Brasilien geflogen war, um dort seine Geliebte zu treffen, die er nur aus dem Internet kannte, und von der er nur die Handynummer hatte; nun harrte er 13 Tage lang an einem brasilianischen Flughafen aus, ein Hotel konnte er sich nicht leisten, bis Psychologen kamen und ihn einweisen wollten.

Wann ist eine Liebe »irre« und wann ist sie »religiös«, wer mag das beurteilen? Sie ist eine anarchische Kraft. Sie braucht eine »Ordnung«, gewiss, aber wenn man ihr das Wilde nimmt und sie nur noch in der domestizierten Form duldet, nimmt man ihr die Kraft und Schönheit. Auch das Ideal der romantischen Liebe, die nach weit verbreitetem Konsens zumindest den Beginn jeder sexuellen Liaison ausmachen sollte, umso mehr einer Ehe, ist ja die »bedingungslose« Liebe. Ohne Bedingungen ist eine Beziehung – der irdische Anteil einer Liebe – aber nicht zu haben.

Das Kleine und das Große

Neben der Verrücktheit oder Vernunft der persönlichen und der religiösen Liebe möchte ich hier auch noch ein paar weltpolitische Themen streifen. Kann man als Liebender eine Weltordnung unterstützen, die Kriege führt, die Natur ruiniert und die Armut perpetuiert? Sich dem zu verweigern, mag für Kollegen, Freunde und Nachbarn zunächst verrückt aussehen. Da heißt es dann: »Du spinnst!«, oder etwas freundlicher formuliert: »Du kannst doch eh nichts ausrichten!«, und man wird als Verrückter ins Abseits gestellt. Ein bisschen weiter geblickt aber sind diese Abweichler tief Liebende und Pioniere einer viel weiter gefassten, größeren Vernunft. Von etwas abzurücken, das man als falsch erkannt hat, ist nicht »verrückt«, sondern es kann, ganz im Gegenteil, sehr vernünftig sein.

Ist dieses Abrücken vom Wahnsinn einer zerstörerischen Kultur eine zu große Aufgabe für den einen, kleinen Menschen – für mich? Nein, denn Groß und Klein sind nur Betrachtungsweisen desselben. Auch bei unseren unvermeidlichen täglichen Kompromissen (die kleine Liebe, das kleine Glück) sollten wir nicht auf die große Liebe und die zum großen Ganzen verzichten und auch nicht auf das große Glück, sich darin geborgen zu wissen – die mystische Liebe.

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