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Mit dem Leben in Berührung kommen

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Der Alltag ist die Prüfung für den Tantriker

von Gerd Soballa

Mantras, Yantras, Klänge, Düfte, Räucherstäbchen – lebt man tantrisch nur, wenn man umgeben ist von tantrischen Ritualgegenständen und wenn man tantrische Rituale zelebriert? Erkennt man den Tantriker daran, dass er mit dem Lunghi ins Büro geht? Nein, es kommt auf die Präsenz an, mit der wir unseren Alltag begehen – auf unser Bewusstsein, auf die innere Haltung, unseren Atem. Tragen wir in unseren Alltag Liebe und Hingabe hinein? – Das ist die Frage, die entscheidet, ob wir tantrisch leben oder nicht, meint Gerd Soballa. In unseren Beziehungen, bei der Arbeit und in der Welt bewährt sich unsere tantrische Lebensauffassung.

»Leider ist unsere Alltagswelt keine sehr wirkliche Welt. Sie kann es nicht sein, denn um wirklich zu sein, müsste sie geliebt werden, genauso wie eine Rose.« — Alan Lowen

Meist fliehen wir aus dem Alltag – in unsere Fantasien, Süchte oder ins Happy Weekend. Dort fühlen wir uns sicher und geborgen. In Seminaren und Tantra-Wochenendseminaren können wir unsere Überlebens- und Alltagsmasken fallenlassen, um wieder ganz Körper, Herz und Seele zu werden. Wir kommen zu uns, in unsere Essenz und geben uns ganz dem Tanz des Lebens hin. Liebevolle und achtsame Menschen umgeben uns, schöne Klänge und wohlige Düfte – unsere Energie steigt. Die Gruppe trägt uns und wir die Gruppe. Wir können uns kaum mehr vorstellen, warum wir »da draußen« immer wieder in eine solch stumpfsinnige Routine fallen können.

In Berührung kommen

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In die Alltagswelt zurückgekehrt, hat uns nach wenigen Tagen das gewohnte Generve und Gezerre eingeholt. Nun sind wir wieder die Alten und haben unsere Ego-Masken wieder perfekt sitzen – wir funktionieren und sind dabei ständig vor uns selbst und den anderen auf der Flucht. Unser Atem stockt, und wir merken es nicht einmal. – Warum gelingt es den wenigsten von uns, die Verbindung von Tantra und Alltag zu meistern?

Von Daniel Odíer gibt es die wunderschöne und lehrreiche Geschichte seiner eigenen tantrischen Einweihung durch seine indische Lehrerin Devi. Er hat Devi nach jahrelanger Suche in dem Moment gefunden, als er die Suche im Außen aufgegeben hatte und ganz bei sich selbst angekommen war. Er beschreibt die Prüfungen, die er auf dem Wege seiner tantrischen Initiation zu bestehen hatte. Eine dieser Prüfungen bestand in einer Begegnung mit leprakranken Menschen, zu denen Devi ihn in einer Rikscha mitgenommen hatte: »Steig aus, geh zu ihnen, nimm sie in die Arme, öffne dein Herz!« Als er dies tun wollte, überkam ihn zuerst Ekel und Brechreiz. Er ging in die Knie. Doch dann wurde ihm Wasser gebracht, und er empfing die offenherzigen Blicke dieser Menschen. Je mehr er seine Abscheu überwand und sein Herz öffnete, desto mehr entstand in ihm eine tiefe Ehrfurcht und Dankbarkeit, und er spürte die Nabelschnur, die ihn mit allem verbindet: »Wir alle waren Menschenkinder ... Ich hatte das Gefühl, an jenen eisenharten Kern gerührt zu haben, den wir in uns tragen und der uns von den andern trennt, von den Gesunden wie von den Kranken.«

Den Schritt ins Leben zu wagen und sich ganz zu geben – aus dem Herzen heraus mit dem Leben in Berührung zu kommen, das ist es, was uns zu uns selbst und den anderen führt. Das war die Lehre dieser tantrischen Prüfung.

Ohne mit etwas wirklich in Berührung gekommen zu sein, können wir es weder annehmen, noch verändern oder loslassen. So ist es auch mit unserem Alltag. Wie oft verlieren wir dort das Gefühl dafür, wie zerbrechlich und anfällig wir als Menschen sind und wie kostbar unser Leben ist und unsere Gesundheit? Unser Wohlergehen undFunktionieren im Alltag nehmen wir meist als selbstverständlich und bemerken nicht mehr, dass es nur ein hauchdünner Schleier ist, der uns von allem trennt – auch von Tod und Krankheit. Morgen schon kann alles ganz anders sein.

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Die Welt ist das, wofür wir sie halten.

Wirklichkeit entsteht zuerst in uns, in unserem Kopf und in unserem Fühlen. Die Trennungen, Wertungen und Färbungen, die wir dort vornehmen, spielen sich dann in der Folge auch in der Welt ab. Wie oft halten wir an Zuständen fest – an Mustern, Meinungen, bestimmten Menschen, von denen wir glauben, dass nur sie in der Lage sind, uns glücklich zu machen – und trennen uns damit von der übrigen Welt?

So werten wir meist unseren gewöhnlichen Alltag als grau und kalt ab, unsere tantrischen Events, Seminare und Gruppen hingegen empfinden wir als bunt, lebendig und von Liebe erfüllt. Dabei merken wir nicht mehr, dass wir es selbst sind, die dem Alltäglichen und den Menschen darin die Liebe verweigern – und sind in unseren selbst geschaffenen Realitätstunnel gefangen.

Wirklichkeit hat viele Möglichkeiten. Unzählige parallel ablaufende Welten sind denkbar. Statt »Wirklichkeit« könnten wir auch »Traum« dazu sagen oder »Film«. Wir kreieren diesen Film, wir sind Drehbuchautoren, Regisseure, Darsteller und Choreographen in einem. An uns liegt es, das Drehbuch umzuschreiben, die Regie und die Choreographie zu verändern oder sogar das Kino zu wechseln. Wir entscheiden selbst, was »Tantra« und was »Alltag« ist und wie viel Liebe und Aufmerksamkeit wir der einen oder anderen Sphäre geben.

Tantra ist das, wofür wir es halten

Ist Tantra für uns so eine Art spiritueller Club Mediterrané? Eine Art gehobener Sexualhygiene, in der nur bestimmte Werte wie Schönheit oder Wellness zählen? Oder ist es mehr? Umfasst unser tantrischer Realitätsbegriff die ganze Lebenswirklichkeit – Geburt, Leben, Tod, Gesundheit und Krankheit – oder beschränkt er sich auf wenige Wirklichkeitsausschnitte?

Von der Bedeutung des Sanskritwortes »Tantra« her und wie es in den alten indischen Schriften auftritt, umfasst Tantra alles: Wissenschaft, Lebenswirklichkeit, Einweihungsweg, Mysterium.

Alles ist mit allem verbunden – wie durch Millionen unsichtbarer Nabelschnüre – in einem einzigen großen Lebensnetz. Wir selbst sind es, die dieses Netz spinnen. Das schließt alle Lebenssphären mit ein. Entscheidend ist, ob wir uns in dem Netz als Gefangene empfinden oder als (Mit-)Schöpfer. Das bestimmt unser Verhältnis zum Alltag und zum Tantra. Alltag und Tantra miteinander zu verbinden heißt aber nicht unbedingt, die Ebenen »tantrischer Ritualraum« und »Alltagsraum« miteinander zu vermischen oder durcheinander zu bringen.

Rituale, Mantras, Yantras, Klänge, Düfte und geschützte Räume unterstützen uns auf ihre Weise. Entscheidend ist jedoch, wie wir mit unserer Präsenz da sind, mit unserem Bewusstsein, unserer inneren Haltung, unserem Atem – und ob wir uns selbst gewahr sind. Werden wir vonLiebe und Hingabe getragen? Entspannen wir uns ins Leben?

Wenn es uns gelingt, mit dieser inneren Haltung und diesen Eigenschaften in den Alltag zu gehen, wird dieser sein Gesicht verwandeln – und wir uns mit. Er wird essentiell werden, lebendig, von Sinn erfüllt und gehaltvoll so, wie auch wir zu unserem ureigensten Wesen kommen.

Wir brauchen nicht im Lunghi im Büro zu sitzen, im Duft von Räucherstäbchen und umgeben von tantrischen Ritualgegenständen, um unseren Alltag »tantrisch« zu leben. Es ist die Art und Einstellung, wie wir es tun, wie wir mit Menschen, Dingen, Raum und Zeit umgehen.

Auf den Boden kommen

»Wäsche aufhängen kann genauso erleuchtend sein wie das Studium alter Schriften. Es kommt auf die innere Haltung an.« Tom Kenyon hat dies gesagt in seinem »Manuskript der Magdalena«, das er mit Judy Sion zusammen verfasst hat.

Das geistige Licht – die Vision – will mit der praktischen Erfahrung des Lebens wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. In unserer Spiritualität wird das Materielle, das Weibliche, ebenso verachtet, wie in unserer materiellen Welt das Spirituelle, das Männliche. Nicht nur die künstlichen rituellen Räume und Sakralräume sind Stätten, an denen die Vermählung dieser Sphären auf praktische Weise vollzogen werden kann, sondern auch unser Alltag. Die Verbindung von Shiva und Shakti, die Heilige Hochzeit ist dieser Akt der Vermählung. Wir können sie nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen zelebrieren.

Ich möchte, dass Tantra »auf den Boden kommt«. Dass es einfacher und für mehr Menschen zugänglich und erlernbar wird. Die Verbindung von Tantra und Alltag muss leichter werden. Das darf nicht heißen, uns vor höheren Ebenen zu verschließen – Lichttantra, Skydancing und andere höhere Lebens- und Liebeskünste. Doch wir wollen dort abgeholt werden, wo wir gerade stehen.

Unsere sinnliche und erotische Kultur in der Welt ist, gelinde gesagt, nicht gerade erbaulich – trotz all der Freiheiten, die in den letzten Jahrzehnten, vor allem in den westlichen Gesellschaften, erkämpft wurden. Und doch ist die erotische Kultur auch hier noch immer weitgehend von der Spiritualität abgetrennt.

Impulse, die unsere Berührungs- und Begegnungskultur anreichern und erneuern könnten, sind da äußerst wertvoll. Eine elitäre Tantra-Einstellung allein vermag dies nicht. Nur an Wochenenden und bei Seminaren »Tantra« zu leben, genügt nicht. Der Alltag ist unser eigentliches Lebens- und Übungsfeld. Erst in unseren Beziehungen, mit unseren Partnern und Kindern, im Leben, bei der Arbeit und in der Welt bewährt sich eine tantrische Lebensauffassung. Der Alltag ist der Test: Wenn unser Alltag nicht tantrisch ist, dann ist diese Art von Tantra auch nicht besser als eine Sonntagsreligion.

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