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Ein Tantra-Seminar mit Daniel Odier

von Dorothea Luther

Was sollte an einer Kaffeetasse oder Tür so erotisch sein, dass wir sie lieben könnten? Wie können wir eine Bahnhofshalle als großen tantrischen Ritualplatz erleben? In Daniel Odiers Tantra-Seminar erfuhr Dorothea Luther, was es bedeutet, mit den Dingen, die uns umgeben, in Verbindung zu stehen. Nicht Realitätsflucht und weltfremdes Meditationsgehabe lehrt Odier, sondern er will uns unsere gesamte Alltagswelt zum Experimentierfeld für den tantrischen Yoga-Weg erschließen. Es geht um unsere Liebesbeziehung mit der Welt. Wenn unser Körper jederzeit und überall dafür offen ist, dann können wir jederzeit und überall Liebe erfahren: in der Sexualität, der Kunst, Musik und im prosaischen Alltag. Dann dehnt sich die Ekstase auf alle Lebensbereiche aus.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich Daniel Odiers Buch über seine tantrische Einweihung bei Devi in Kaschmir gelesen habe. Es hat mich so beeindruckt, dass ich auch jetzt noch, kurz vor seinem Seminar, lebhaft einige Szenen vor Augen habe.

Was hat er wohl mit uns vor? Meine Phantasie sieht uns eine Nacht lang nackt am Hamburger Hafenbecken stehen, eine Handbreit entfernt vom gähnenden Abgrund – ständig pendelnd zwischen der Gefahr, nach vorn ins eiskalte, ölige Nass zu stürzen, und der Versuchung, einfach nach hinten wegzurennen… Irgend so ein Ego-Killer gleich zu Beginn, um uns für die tantrischen Tage zu öffnen, schwebt mir vor. Natürlich kommt es ganz anders.

Präsenz

Sein Tantra sei nicht populär, meint er zu Beginn: Es sei nicht romantisch, sondern einfach nur an die Wirklichkeit gebunden. Es ginge nicht um ein Loslassen von Realität, sondern im Gegenteil um die völlige Präsenz. Statt Realitätsflucht und weltfremdem heiligem Meditationsgehabe soll unsere gesamte Alltagswelt zum Experimentierfeld unserer Übungen werden.

Devi habe Daniel ständig gefragt, ob seine buddhistischen Praktiken Auswirkungen auf seinen Alltag hätten, ob sich dadurch sein Alltagsverhalten ändern würde. Wenn dem nicht so sei, dann wären sie sinnlos. Sie meint, es sei viel leichter, sich einem strengen Meditationsritual zu unterwerfen, als völlig gegenwärtig im Augenblick zu leben und zu sein. Aber – wie kommen wir in diese Gegenwärtigkeit, in diese Bewusstheit?

In Verbindung stehen

Daniel stellt uns dazu das Ur-Yoga vor, das bereits mehrere tausend Jahre alt ist. Es gilt als die Grundlage für unsere heutigen Formen von Yoga und Taiji. Yoga heißt für ihn: in Verbindung stehen, sich ununterbrochen bewusst sein, was ist. Wenn wir die Dinge mit totalem Bewusstsein machen, ist alles Yoga. Daniel liebt es beispielsweise, in einem Bahnhof zu sitzen und ihn als großen tantrischen Ritualplatz zu erleben.

Zwei Tage lang begleitet uns dieses Ur-Yoga: Während wir auf unseren Kissen sitzen, bewegt unser Ein- und Ausatmen unser Becken, es rollt zurück und rollt wieder nach vorn. Wir lassen dieses Schaukeln langsam kommen, es soll geschehen, dabei lassen wir die Atmung los, dann wird die Bewegung frei, in alle Richtungen, bis man sich nicht-willentlich bewegt – wie ein heiliger Tanz des Shiva oder wie ein Wiederfinden der Bewegung im Uterus, ein Tanz im Bauch der Göttin. Es ist ein sehr weiblicher Weg, als ob man schwanger ginge. Oder als ob Shakti sich auf Shivas Lingam bewegt.

Das ist ein direkter und einfacher Weg, um zu sich selbst nach Hause zu kommen und die ermüdende Suche aufzugeben. »Was du suchst, bist du selbst!«

Bewusstsein des Körpers

Dann kann Stille einkehren, der innere Dialog kommt zur Ruhe. Es ist ein langer Weg. Aber irgendwann verändert sich das Bewusstsein des Körpers: Er dehnt sich immer mehr in den Raum aus. Dann geschieht es – dann kann es geschehen – dass in dem Augenblick, in dem sich alles entspannt, die Kundalini aufsteigt, von ganz allein, ohne spezielles Kundalini-Yoga. Eine Kraft bringt uns dorthin, ohne dass wir die Quelle suchen.

Um die Ausdehnung des Bewusstseins zu erfahren, müssen wir die Ausdehnung des Körpers erfahren. Um eine tiefe Bewusstheit zu erlangen, kommen wir nicht umhin, unser Instrument, den Körper, richtig zu stimmen. An diesem Punkt kommt auch unsere ganze Sinnlichkeit ins Spiel. Was ist ein Körper wert, dessen wunderbare Funktionen lahm liegen? Wie könnte sich Bewusstsein entfalten, das – in eine starre Form gepresst – sich nicht nach seiner natürlichen Geschmeidigkeit hin entwickelt?

Entspannung

Immer tiefer wird die Entspannung. Ohne Druck. Immer wieder hören wir: »Entspanne, entspanne ...«. Unser Innenraum weitet sich, es ist, als ob die Organe miteinander Liebe machen würden. Wir öffnen uns in den Raum, bewegen die Arme dazu, sie machen Liebe mit dem Raum, wir dehnen uns aus. Es ist wie ein freies Taiji. Die Ausdehnung tut auch unserer Umgebung gut, sie wirkt sehr anziehend.

Bei diesem Yoga werden wir uns so wohl fühlen, verspricht Daniel, dass wir den Wunsch nach Erleuchtung vergessen. Dann kann es von allein geschehen, dass der Lotus an die Oberfläche steigt.

Shivas heiliger Tanz

Zwei Tage lang verlassen wir unsere Sitzkissen nur für die Pausen. Wir erleben Meditationen in ruhiger Bewegung oder in bewegter Vorstellung. Wir lauschen. Keine Begegnung, keine Berührung, kein Austausch. Das überrascht uns, aber es wirkt überzeugend. Sich ausdehnen in den Raum – das befreit die Emotionen, die Gedanken, die körperlichen Empfindungen. Vom Innersten im Körper unwillentlich ausgehend, vom Atem freigelassen, ins Unendliche hinausgetragen und von dort angereichert zurückkehrend. Es ist wie ein Liebemachen mit dem Raum, ihn streicheln und von ihm begehrt werden. Das ist der heilige Tanz des Shiva.

So einfach. Daniel spricht mit den Worten seines Lehrers: Es sei so einfach, dass es kaum einer versteht.

Es gibt nichts zu erreichen, was außerhalb unserer selbst läge. Alles Glück liegt in uns. Einzige Bedingung, es zu entdecken, ist, dass wir uns mit unserem Alleinsein abfinden. Erst dann können wir erfahren, dass wir mit dem Ganzen verbunden sind. Dann ist unser Heimweh nach Einheit gestillt.

Die weibliche Kraft

In seinem Vortrag am Vorabend erzählte Daniel über die kaschmirische Tantra-Tradition. Sie sei der Ursprung aller anderen Tantra-Richtungen und entwickelte sich vor etwa fünf bis sechs Jahrtausenden. Sie fand ihre stärkste Ausprägung in Kaschmir während des 7. bis 13. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Wegen der großen Bedeutung der Frau sei das Tantra so einfach und lebendig geblieben, es sei weder verschult noch religiös, sondern ist mystisch und spirituell. Wie in allen tantrischen Schulen gab es hier keinen strengen Dogmatismus, keine Diskriminierung, keine Hierarchien.

Während männliche Traditionen oft geprägt sind von Dogma, Struktur, Autorität und oft rigide wirken, sind die mutterrechtlichen Wege von Spiritualität eher leicht, spontan, ihnen fehlt ein Programm, sie sind naturnah, sinnlich und betonen die Gegenwärtigkeit und Körperlichkeit. Während der männliche Weg eher philosophisch-distanziert ist, ist der weibliche Weg mehr poetisch-sinnlich. Die Yoginis erfreuen sich, wie alle Frauen Kaschmirs, großen Ansehens.

In seinem Buch erzählt Daniel von der Kraft der Frauen, die ihren Ursprung in einer legendären Erzählung hat: Einst seien die Götter von einem riesigen Phallus bedroht worden, der mit entsetzlicher Zerstörungskraft das Paradies vernichten wollte. Erst als sie sich ihre Machtlosigkeit eingestanden, erinnerten sie sich der Großen Göttin, die sie in ihrer Eitelkeit bisher ignoriert hatten. Sie wollten ihre Ehre wiederherstellen und ihre Vormachtstellung anerkennen, wenn sie diesen schrecklichen Phallus überwinden könnte. Das tat sie, indem sie ihn in sich einführte, was ihm einen derartigen Genuss bereitete, dass er von seiner Zerstörungswut geheilt war.

Die Begierde

Dem Thema Sinnlichkeit widmet sich Daniel natürlich mit besonderer Leidenschaft. Und auch wir verlassen dieses Seminar bereichert um eine neue Sicht der Welt. Er meint, unsere Begierden und Leidenschaften würden uns nicht vom Wesentlichen, von uns ablenken, wir müssten lediglich das Objekt der Begierde in uns hineinverlagern. Wenn wir die Begierde vom Objekt lösen, dann sei sie kein Problem. Dann gibt es kein Greifen mehr. Nur das Greifen, das uns aus uns selbst herausführt, ist das Problem, denn dann werden wir von der Begierde verzehrt.

Wenn sie sich aber frei entfalten kann, dann ist sie eine wunderbare Kraft, sie kann unser Herz berühren, uns weit machen, damit wir uns öffnen für eine durchgehende Liebesbeziehung mit der Welt. Wir können Liebe machen mit der Kaffeetasse, mit der Tür ... Man stellt sich vor, dass es die Dinge sind, die uns begehren, die Tür will von uns geöffnet werden und die Tasse will von uns an die Lippen geführt werden, der Kaffee von unserer Zunge geschmeckt werden. Wenn unser Körper 24 Stunden lang geöffnet ist, können wir 24 Stunden lang Liebe erfahren.

Daniels Lehrer meint dazu, dass die Erleuchtung umso größer ist, je größer die Leidenschaft ist. Wir sollten einem Objekt, das fähig ist, unsere Begierde auszulösen, zutiefst dankbar sein, denn es führt uns in unsere Göttlichkeit. Begierde beziehe sich natürlich nicht nur auf unsere Körperlichkeit. Von 130 Praktiken im kaschmirischen Tantra berühren nur drei die Sexualität. Viele Menschen ziehen viel mehr Empfindung aus Musik oder Kunst als aus der Sexualität. Das sei völlig in Ordnung. Die Ekstase dehnt sich auf alle Lebensbereiche aus.

Die Einfachheit

Wir sind in diesem Seminar mit dem Ur-Yoga bereits sehr vertraut geworden und haben die Bedeutung der Leidenschaft begriffen. Wie bringen wir aber beides zusammen? Genau das ist Daniels Anliegen: »Wonach wir uns sehnen, ist ein Weg, der nicht gegen das Leben ist, und ein Leben, das nicht unserem Weg diametral zuwiderläuft – mit einem Wort, wir wollen einen harmonischen Ausgleich zwischen dem Spirituellen und dem Materiellen, auf eine Art und Weise, die realisierbar ist und nicht zu sehr von unserem kulturellen Umfeld abweicht. Wir wollen einen Zugang zu unserer vollen Entfaltung, ohne dabei auf das aufregende Prickeln des Lebens verzichten zu müssen; wir wollen eine federleichte und bewegliche Freude, die uns die allumfassende Erfahrung der Wirklichkeit beschert.«

Indem er die Übereifrigen und die selbsternannten Heiligen mit schauspielerischen Einlagen parodiert, wirbt er gnadenlos für die Einfachheit seines Weges, gibt aber gleichzeitig zu, dass er nicht wisse, was gut und richtig sei. Auf alle Fälle müsse sich ein »Weg« am Alltagsverhalten messen lassen. Und er wirbt für die bestechende Wirksamkeit seiner »Mikropraktiken«: Mehrmals am Tag solle man auf seine Atmung achten! Diese Übung aus dem tantrischen Yoga würde höchstens fünf, zehn oder dreißig Sekunden in Anspruch nehmen. Bei diesem kurzen Rückzug würde die eigene Bewusstheit gestärkt, sie bewahrt uns vor Automatismen und wir kommen jeweils wieder ganz zu uns selbst zurück. Es sei wie ein Heimkommen oder wie eine Stippvisite im Hier und Jetzt. Diese Sekunden der Achtsamkeit auf den Atem können Tore zur Seligkeit werden – einmal am Tag, zehnmal oder hundertmal. Dabei lernen wir, dass wir nicht jemand anders sein müssen, um uns annehmen zu können, sondern dass es darum geht, uns selbst zu lieben und zu achten, wie wir sind. Danach könne wieder der »Autopilot« die Führung übernehmen.

Bücher von Daniel Odier

  • Tantra. Eintauchen in die absolute Liebe, Lübbe 2000
  • Begierde, Leidenschaft und Spiritualität. Der tantrische Weg des Erwachens, Innenwelt Verlag 2002

www.danielodier.com


Tantra-special 69
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