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Sex zwischen Sucht und Vermeidung

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Sex zwischen Sucht und Vermeidung

Je mehr Sex in der Ankündigung eines Workshops vorkommt, desto mehr Anmeldungen von Männern, je mehr Liebe und Beziehung, desto mehr Anmeldungen von Frauen – was steckt hinter diesem und anderen Mann-Frau-Klischees? Saleem Matthias Riek, Tantralehrer und Heilpraktiker für Körperpsychotherapie, nimmt sie unter die Lupe und fängt mit den Fragen bei sich selber an. Wozu Sex? Um andere Befindlichkeiten zu vermeiden, um die innere Leere nicht zu spüren, um sich geliebt zu fühlen, um sich von schmerzhaften Erlebnissen abzulenken, um sich als Mann zu bestätigen? Es gibt viele Gründe, um Sex zu wollen, ja sogar süchtig danach zu sein, aber auch viel, um ihn zu meiden – schließlich vermag er, den gesamten Lebensplan über den Haufen zu werfen. Wie aber finden wir den Mittelweg, der uns dazu verhilft, Sex um unserer eigenen Lebensfülle willen anzustreben?

von Saleem Matthias Riek

Endlich ist sie nackt, geht es ihm durch den Kopf. Sie neckt ihn gekonnt und quälend. Sie lässt sich Zeit. Diese Lust, er findet sie göttlich. Er will in sie eindringen. Nichts anderes zählt mehr für ihn, als sich endlich mit ihr zu vereinigen.

Sie war gerade noch heiß auf ihn, doch plötzlich flaut ihre Lust ab. Sie ringt noch mit sich selbst, es trotzdem zu tun – der guten Stimmung wegen.

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Er ahnt schon was jetzt kommen könnte und wird noch drängender, will nicht wahrhaben, dass der Kontakt bereits abgebrochen ist.

Sie ringt sich durch und sagt »Stopp!«. Sie klingt sicherer, als sie sich fühlt. Er reagiert verständnisvoll. Doch innerlich ist er enttäuscht und wütend. Sie fühlt sich schuldig und schämt sich. Und sagt erstmal nichts.

Was nun?

Was werden die beiden jetzt tun? Sich enttäuscht zurückziehen? Den anderen mit subtilen oder offenen Vorwürfen traktieren? Sich in der eigenen Verletzlichkeit zeigen und riskieren, noch mehr verletzt zu werden? Sich lachend in die Arme fallen und sich köstlich über diesen Klassiker unter den Komödien amüsieren? Umdrehen, einschlafen und das alles erstmal alleine verdauen oder bis zur nächsten Therapiestunde vertagen?

Die sexuelle Kraft

Wie wir mit Sex umgehen, so gehen wir auch mit dem Leben um. Sex ist größer als wir selbst. Aus Sex sind wir geboren. Von der sexuellen Polarität, Yin und Yang, sind wir durchdrungen, durch Sex pflanzt sich das Leben fort. Wer sind wir schon im Vergleich zu dieser universellen Kraft? Ein kleines Ich, einzigartig und unersetzlich, aus der Perspektive des großen Ganzen aber durchaus verzichtbar. Sind wir mit diesem Ich voll und ganz identifiziert, dann ist die sexuelle Kraft etwas zutiefst Bedrohliches, das niemals ganz unserer Kontrolle unterliegt. Ist diese Kraft ganz und gar entfesselt, kann sie uns dazu verführen, uns selbst zu gefährden oder uns selbst ganz aufzugeben. Biologisch gesehen ist das sogar ihr Sinn. Arterhaltung geht vor Selbsterhaltung.

Bei Spinnenmännchen ist es üblich, nach der Paarung eines plötzlichen Todes zu sterben oder vom Weibchen gefressen zu werden, auf dass der Nachwuchs gedeihe. So weit gehen Mann und Frau wohl kaum, aber etwas von dieser plutonischen Kompromisslosigkeit kann sich durchaus auch im menschlichen Sex offenbaren, nicht nur in SM-Studios. Wilde hemmungslose Lust kann geil sein oder auch Angst machen, oder beides. Ungezügelter Sex kann gewohnte soziale Verhaltensnormen außer Kraft setzen, Hierarchien durcheinander wirbeln. Vielleicht sind dies Gründe, warum fast alle Kulturen den Sex durch irgendeine Art von Moral, Reglement oder Tabus in die Schranken zu weisen versuchen.

In unserer Kultur wurde Sex lange unterdrückt, abgewertet und verteufelt. Seit ein paar Jahrzehnten wird diese direkte Unterdrückung teilweise durch einen neuen Mechanismus ersetzt, der ebenso wirkungsvoll und doch weniger offensichtlich die anarchische sexuelle Kraft einzugrenzen sucht: Sie wird funktionalisiert. Sie wird gnadenlos vermarktet gemäß dem Motto »Sex sells!«. Sie wird auf Leistung getrimmt – Durchhaltevermögen und multiple Orgasmen als Pflicht. Und Sexappeal wird zum Statussymbol. Durch all das wird die Sexualität eingebunden und festgezurrt in die vielfältigen Verstrickungen unserer Persönlichkeit, in die Abhängigkeiten und Begehrlichkeiten unseres kleinen Ich. Und allen diesen Mechanismen zum Trotz bleiben sie doch Gegenpole: die universelle sexuelle Kraft und die Sicherheitsbedürfnisse unserer individuellen Existenz.

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Das Arrangement

Wir alle haben unser eigenes Arrangement gefunden, wie wir mit diesem Dilemma in unserem Alltag umgehen. In unserem Alltag und in unserem ganz konkreten Körpererleben finden wir die entsprechenden sexuellen Muster wieder, in die uns unser kulturelles und familiäres Umfeld hat hineinwachsen lassen. Dabei bewegen wir uns zwischen den gleichen Polen wie auch unsere Kultur insgesamt. Entweder wir tendieren dazu, Sex weitgehend zu vermeiden, ihn körperlich kaum oder gar nicht zu spüren und/oder ihn in bestimmte Alltagsreservate einzusperren – nur Samstagnacht, nur im Bett, nur mit meinem Partner, nur mit Hilfe meiner Fantasie ... Sex wird dann bestenfalls zu einer mehr oder minder angenehmen Freizeitbeschäftigung oder unser Leben wird weitgehend asexuell. Vom Gewahrsein, in jedem Moment unseres Lebens von sexueller Polarität durchpulst zu werden, und von dem Zustand, mit brasilianischem Körpergefühl durchs Leben zu tanzen, sind wir weit entfernt. Den anderen Pol erleben viele als eine Art Besessenheit von Sex. Einige Wissenschafter wollen herausgefunden haben, dass Männer alle paar Sekunden an Sex denken, Frauen etwas seltener.

Die klassische Rollenverteilung

Dieses Besetzt-Sein vom Sex, ob wir ihn nun konkret ausleben oder nicht, gleicht einer Sucht. In der Sucht bekommt Sex eine Funktion, er erfüllt einen bestimmten Zweck, der eigentlich nichts mit Sex zu tun hat, und kann dadurch kaum noch seine eigene Kraft entfalten.

Es ist kein Geheimnis, dass in unserer Kultur Frauen eher dazu neigen, Sex zu vermeiden und Männer mehr zur Sexsucht tendieren. Wir sehen es regelmäßig an den Anmeldezahlen zu unseren Workshops. Die einfache Formel lautet: Je mehr Sex im Titel desto mehr Anmeldungen von Männern, je mehr Liebe und Beziehung im Titel, desto mehr Frauen. Statistiken sind manchmal unverschämt plump und direkt. Es gibt Ausnahmen, und eine Weile dachten wir sogar, der Trend dreht sich um, aber derzeit scheint er sich wieder zu verstärken. Diese Polarität findet sich in vielen Beziehungen wieder. Die Muster sind längst Klischees und so abgedroschen, dass ich mich schon fast entschuldigen muss, sie hier vorzubringen: »Er will immer nur das Eine«, »Sie will mehr Zärtlichkeit«, »Muss denn jede Berührung gleich zum Sex führen?«, »Kann sie denn nicht auch mal von sich aus initiativ werden?«. Keiner kann's mehr hören, und doch ist das die klassische Rollenverteilung, bestätigt durch viele Ausnahmen.

Um-zu-Sex

Ich selbst gehöre eher zur Kategorie der Sexsüchtigen. Ich bin nicht im klinischen Sinne sexsüchtig. Wenn ich aber ehrlich bin, dann muss ich zugeben, dass ich Sex, vor allem Sex mit mir selbst, oft in meinem Leben dazu benutzt habe, um andere Gefühle und Befindlichkeiten zu vermeiden. Um meine innere Leere nicht zu spüren. Um mich geliebt zu fühlen. Um mich von schmerzhaften Erlebnissen abzulenken. Um meine Einsamkeit zu vertreiben. Um Trauer oder Wut zu verdrängen. Um mich als Mann zu bestätigen. In meinem psychischen System hat Sex eine Funktion bekommen. Sex ist nicht frei, wenn ich mich z.B. selbst befriedige, um mich nicht so allein zu fühlen. Ich nenne diesen Sex »Um-zu-Sex«. Es ist wie bei anderen Süchten auch: Je dringender der Zweck ist, für den wir Sex oder Alkohol oder Essen oder Beziehungen oder Arbeit oder Medikamente oder was auch immer einsetzen, um so eher sind wir wirklich süchtig. Wir können nicht davon lassen, weil sonst das ursprüngliche lebensgeschichtliche Thema mit seinen mehr oder minder unerträglichen Gefühlen an die Oberfläche käme. Aber auch dann, wenn wir nicht süchtig im engeren Sinn sind, dient Um-zu-Sex meistens dazu, den bedrohlichen Strudeln der sexuellen Eigendynamik zu entkommen und den Kopf über Wasser zu halten. Eine wirklich geniale Strategie: Wir kontrollieren den Sex durch Sex.

Lendenlahm durchs Leben

Für Menschen, die dazu tendieren, sexuelles Begehren eher nicht zu spüren oder auf Sparflamme zu kochen, kann es gerade umgekehrt genau dann bedrohlich oder gar unerträglich werden, wenn die Situation oder der Partner so richtig geil wird. Auch hier gibt es oft lebensgeschichtliche Hintergründe wie sexueller oder erotisch-athmosphärischer Missbrauch. In der Vermeidung von Sex in seiner rohen Kraft liegt jedoch auch eine Strategie, das Leben nicht in seiner Fülle an uns heran zu lassen. Wir gehen lendenlahm durchs Leben, und alles hat seine Ordnung.

Es bringt meiner Ansicht nach gar nichts, diese Symptome und Strategien zu beklagen und Besserung zu geloben. Bereits hier hilft uns die Haltung des Tantra, die uns lehrt, anzunehmen, was ist. Daraus kann ein mitfühlendes Verständnis für uns selbst und füreinander wachsen. Die Veränderung geschieht dann manchmal fast wie von selbst, zumindest fühlt es sich so an, weil sie genau dann geschieht, wenn wir innerlich mehr losgelassen haben.

Aber wir brauchen eigentlich gar kein Tantra, um dies zu lernen. Ein Partner reicht aus! Sogar ein nicht vorhandener Partner kann weiter helfen. Das Leben präsentiert uns in der Regel genau die Partner und die Situationen, die uns früher oder später auf uns selbst zurückwerfen. Diese Lektionen zu verstehen und auch anzunehmen, fordert uns allerdings immens. Für den Mann heißt es dann: Kann ich die Stopps und Neins meiner Partnerin annehmen, als Gelegenheit inne zu halten und hinzuschauen, welcher geheime Zweck sich gerade im Boot meiner Geilheit befördern lässt? Wie kann ich diesem Zweck seine eigene Würdigung zukommen lassen und dadurch frei werden, mit meiner Geilheit wirklich meiner Partnerin zu begegnen?

Die Frau steht vor der Herausforderung, das drängende Begehren des Partners nicht einfach abzuwehren, sondern es willkommen zu heißen, was nicht bedeutet, dass sie es auch befriedigen muss. Mit einem liebevollen »Stopp mal« oder »Pause bitte«, könnte sie sich von ihrem Druck befreien und sich die Zeit verschaffen zu spüren, wovor sie eigentlich zurückweicht. Wie kann sie auf ihre Weise ihre eigenen Bedürfnisse und aus diesen heraus auch ein Ja finden?

Das sind Lektionen, die immer neu und immer tiefer gelernt werden wollen.

Die Chance

Ich muss meine eigenen Zeilen immer wieder lesen, so gerne vergesse ich sie und verliere mich in den Lektionen, die zu lernen ich am liebsten meiner Partnerin verordnen würde, damit ich den Schmerz nicht mehr spüren muss, der unweigerlich hochkommt, wenn Sex die Zwangsjacke seines Eingebundenseins in Funktionen abstreift und seine unmittelbare Potenz entfaltet. Und das heißt dann auch, dass die sexuelle Energie durch den ganzen Körper strömen darf und ohne festes Ziel alle Gefühle in mir berühren kann, ob ich sie nun fühlen will oder nicht. In dieses Verständnis hineinzuwachsen, birgt die Chance, dass Sex zu einer erfüllenden und befriedigenden Dimension unseres Alltags wird.

Ich habe lange geglaubt, ich müsste nur eine Frau finden, die eben auch so viel Lust auf Sex hat wie ich, und musste dann einsehen, dass diese nahe liegende Lösung keine ist. Denn beim Partner oder der Partnerin merken wir viel schneller als bei uns selbst, wenn er oder sie im Sex gar nicht wirklich sich selbst begegnet, sondern etwas anderem hinterher jagt. Genau das, was wir auch tun, wenn wir Um-zu-Sex betreiben. Was uns nicht immer bewusst sein mag und uns doch tief frustriert. Was wir aber selten wahr haben wollen. Und so sind beidseitig sexsüchtige Paare oft auch streitsüchtige Paare, die nicht allzu lange zusammen bleiben. Ein Artikel in der »Psychologie heute« brachte es auf den Punkt: Je heftiger die Leidenschaft im Bett, desto dringender meide den Traualtar! Ein zwar nachvollziehbarer, aber hoffentlich doch voreiliger Schluss.

Trügerische Sicherheit

Paare, die beide ihren Sex auf Sparflamme kochen, mögen gut im Alltag miteinander harmonieren und kaum noch merken, dass aus Mann und Frau Bruder und Schwester geworden sind. Alles läuft liebevoll und vielleicht sogar zärtlich ab, und es ist ganz und gar zahnlos. Aber es ist auch nicht die große Erfüllung. Nicht selten bricht Eros dann plötzlich und bedrohlich von ganz unvorhergesehener Seite in den Alltag ein, indem z.B. ein Partner sich heftig woanders verliebt. Die wohlige Sicherheit hat sich als trügerisch herausgestellt. Es lohnt sich in jedem Fall, die eigenen sexuellen Muster zwischen Sucht und Vermeidung anzuschauen. Die meisten von uns brauchen allerdings mehrere freundliche oder auch krassere Erinnerungen des Schicksals, um diese Einladung anzunehmen und sich die Verantwortung für das eigene Liebesleben voll und ganz zu Herzen zu nehmen.

Eros Tag für Tag

Aus tantrischer Perspektive geht es allerdings um weit mehr als um einen erfüllenden sexuellen Alltag. Der Alltag von Tantraschülern traditioneller Schulen war aus heutiger Sicht zunächst nicht sehr erotisch. Es ging die ersten Jahre oder Jahrzehnte nur um Meditation. Bis dann irgendwann mit Hilfe innerer sexueller Bilder meditiert werden durfte, aber erst dann, wenn sie einen nicht mehr in blinder Lüsternheit davontragen. Einweihung in tantrische sexuelle Praktiken war in der Regel nur sehr Fortgeschrittenen vorbehalten.

Mit solchen Aussichten könnte man hier nur wenige hinter dem Ofen hervorlocken. Viele kommen zum Tantra, weil sie einen erfüllenden erotischen Alltag, weil sie Tag für Tag Liebe erleben wollen. Dies erscheint aus einer spirituellen Perspektive gesehen oberflächlich. Diese Motivationen abzuwerten, finde ich allerdings weder tantrisch noch hilfreich. Sie sind ein wertvoller Ausgangspunkt, der wie alles andere auch angenommen werden möchte. Schlicht und einfach wird dieser Weg kaum bleiben, wenn wir ihn weiter gehen. Die meisten lernen hier recht schnell ihre inneren Achterbahnen kennen.

Den Tanz riskieren

Wenn wir uns auf den tantrischen Weg machen und uns darauf auch im Alltag einlassen, dann werden irgendwann die tieferen Schichten berührt, und persönliche Liebe und leidenschaftlicher Sex werden zu einem Gleichnis für etwas Größeres, was sich darin abbildet.

Soweit wir wach, bewusst und wirklich präsent sind, können wir im Eros eine Kraft spüren, die uns nie auf Dauer zufrieden sein lässt. Sie treibt uns weiter, sie bringt uns in Kontakt mit unserem zutiefst menschlichen Dilemma, einerseits grenzenlos lieben zu wollen und andererseits doch nur begrenzt lieben zu können. Dieses Paradox ist nur so lange ein Dilemma, wie wir uns weigern, es zu akzeptieren und unsere einzigartige Antwort darauf zu finden. Künstlerinnen, Tänzer und Poeten aller Zeiten haben dieses Thema zu Papier, zu Gehör und auf die Bühne gebracht. Es ist der Stoff, der uns zutiefst bewegt. Wir können aus dem Zuschauerraum hinaustreten und unseren Alltag zum Mittelpunkt dieses spannenden Projektes machen. Sex gibt uns die Kraft und die Lust, diesen Tanz zu riskieren. Als sexuelle und liebesbegabte Wesen und mit allem, was wir sind, können wie jeden Tag neu riskieren zu erfahren, wie Sex, Liebe und Leben größer sind als wir selbst. Erfahrbar und doch nicht kontrollierbar. Es liegt in unserer eigenen Verantwortung und ist doch so etwas wie Gnade.

Wie erschreckend für unser Ich, das sich so sehr nach Sicherheit sehnt. Und doch wie schrecklich, wenn es anders wäre.

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