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Vom Sterben und der Wiederauferstehung des Wünschens

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»Zu einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat …«, so beginnt ein Märchen der Gebrüder Grimm.

Möchtest du eigentlich wunschlos glücklich sein? Kannst du es? Wärst du dann ein für alle Mal gesättigt? Oder einfach nur im Frieden. Und wünscht du dir einen solchen Frieden? Dann, würde ich sagen, hast du eine ausgeprägte Todessehnsucht, was ja auch wieder ein Wünschen ist. Der Wunsch, dass das Wünschen ein Ende habe, führt zum Sterben. Ist es nun ein spirituelles Sterben oder sind es Suizidgedanken? Das könnte ein maßgeblicher Unterschied sein.

Beim spirituellen Sterben handelt es sich nicht um ein Begehren oder Wollen, sondern um den Zustand, in dem das Wollen, der Lebensstrom, im Bewusstsein zum Ende kommt. Wo vor allem auch das Ego nichts mehr zu sagen hat, d.h. nicht mehr existiert. Aber auch keine Gedanken, keine Gefühle, keine Antriebe, nichts mehr ist. Der Körper aber lebt weiter, der Körper mit seinen Instinkten, seinen Trieben, der stirbt deshalb nicht. Und solange der Körper lebt, will auch wieder eine Seele in ihn einziehen, bevölkert ein Ego diese Seele, ein altes oder neues Wollen. So bald dieses Wollen wieder bewusst wird, sind wir wieder mit unserem Ego in Kontakt. Und so muss es geschehen, dass auf das spirituelle Sterben wieder ein Erwachen der körperlichen Bedürfnisse erfolgt, demnach auch ein Erwachen des Ego in diesem physischen Leib.

Um zu wünschen, braucht es eine positive Lebenseinstellung. Wir sind dann auf den Pluspol der Existenz ausgerichtet. Diese Einstellung kann man grundsätzlich begehrlich nennen. Ich will etwas und setze mich dafür ein. Dabei ist es egal, wie hoch oder niedrig, wie edel oder unedel dieses Wollen ist. Moralische, ethische Kriterien spielen dabei zunächst keine Rolle. Es ist einfach Macht, die mir zur Verfügung steht, die ich mir aneigne. Mit dieser Macht begehre ich etwas. Unzählige Regale von Büchern kann man finden zu diesem Thema: »Wie kann ich erreichen, dass …«

Das ist aber nicht alles im Leben: Es gibt auch den gegenteiligen Aspekt zu all dem: das Sterben. Oder: die Zerstörung. Wir wissen, dass es in der Hindu-Trinität eine Sichtweise auf drei Gottheiten gibt. Brahma steht für Schöpfung, Vishnu für Lebenserhaltung und Shiva für Zerstörung. Sind wir mit dem Shiva-Aspekt in unserem Leben beschäftigt, dann geben wir alle Wünsche auf, jedes Begehren, jedes Hängen am Leben. Wir sind bereit zu sterben, bereit, durch die Dunkelheit des Nicht-Wissens zu gehen. Wir geben uns hin, werden schutzlos, begegnen mitunter den Dämonen der Angst, während wir uns anschicken, loszulassen, was immer es gerade ist. Wir können dies den Minuspol unserer Existenz nennen.

Wenn wir diese Sichtweise verinnerlicht haben – oft geht dies nur nach reicher Lebenserfahrung –, dann bekommen wir ein vollständigeres Bild des Lebens und uns geht es nicht nur um´s Wünschen, sondern gleichermaßen ums Loslassen.

Aber vergessen wir nicht den mittleren Aspekt, den Vishnu-Aspekt: Er steht für die Liebe, die um Ausgleich zwischen den Polen bemüht ist, um Erhaltung des Lebens, um Spiel und Freude, um Frieden und Harmonie.

Fassen wir zusammen:

Wünschen ist ein integraler Bestandteil unseres Wesens. Ohne zu wünschen ist kein menschliches Leben vorstellbar. Als eine Metamorphose des Willens dient es dem Fortbestand und Fortschritt des Menschlichen. Die Wunschsphäre verzaubert zudem unser trockenes Streben und sie ist auf´s engste mit der Sehnsucht verwandt, ebenso mit dem Liebeszauber, dem Traum der Verliebtheit, dem freudigen Aufbruch zu neuen Zielen und mit der Vision.

Dass uns alle Wünsche in Erfüllung gehen, ist nicht sinnvoll. Wünsche werden geprüft auf ihre kindliche Wahrhaftigkeit, ihre Authentizität, ihre Herzensqualität. Es braucht einen Gegenspieler zum Wünschenden: das ist der Tod. Das ist die Entbehrung, die Versagung. Erst im Zusammenspiel beider göttlichen Kräfte, des Positiven und des Negativen, entfaltet sich im Mittelraum, im Raum der Liebe und des Spiels, unser Leben in menschlicher Größe und Freiheit.

»Es gibt Wünsche, die man nicht erfüllt wünscht, weil sie einem so lieb sind. Gingen sie in Erfüllung, so verlören sie sich.«

Hier öffnest du die Babuschka und gelangst zu: »Scheitern gehört zur Fülle«
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