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Wie sich Wünschen und Begehren verwandeln

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»Ein jeder Wunsch, ist er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.« — Eugen Roth

Jeder Wunsch kommt aus der Begehrensnatur des Menschen. Zu sagen, Begehren sei bähhh, ist ein grober Unfug und eine ausgewachsene Dummheit schlechthin. Begehren ist unsere Willensnatur, und sage mir mal jemand, wir bräuchten keinen Willen im Leben! Auch das hört man ja öfters und es ist eine weitere ausgemachte Dummheit. Wille und Begehren sind eins und das selbe. Der Wille ist die kreative Instanz in uns, die uns gestalten lässt, die uns schaffen lässt, die uns etwas aus nichts hervorbringen lässt, aber auch jene Instanz, die Vorhandenes ständig umwandelt in etwas anderes. Sowohl der Fluss des Lebens wie auch Neuschöpfung haben im menschlichen Willen ihren Abdruck. Das menschliche Begehren oder der menschliche Wille ist ein Kind der göttlichen Schöpfung, ein Abdruck einer göttlichen Wirklichkeit in unserem Seelenleben und natürlich auch in unserem Körper.

Der Wille oder das Begehren macht aber eine beständige Metamorphose durch. Wille offenbart sich auf verschiedenen Ebenen. Dazu braucht es eine gegensätzliche, eine zweite Instanz. Diese heißt Bewusstsein. Es ist stilles Gewahrsein. Es bewegt sich nicht. Alles, was sich bewegt, ist Wille. Je mehr Bewusstsein in den Willen träufelt, um so »höher« entwickelt sich der Wille. »Höher« nennen wir es durch unser Denken, das selber eine Mischung aus Wille und Bewusstsein ist. Es geht immer um das Mischverhältnis von Wille und Bewusstsein. In unserer wahrnehmbaren Welt außerhalb und innerhalb der Seele gibt es nichts, das nicht aus einer Mischung von Wille und Bewusstsein besteht. Reinen Willen könnte ich ja gar nicht wahrnehmen ohne Bewusstsein. Und Bewusstsein würde sich in mir bloß spiegeln, aber nicht wahrnehmbar werden für mein Ich, ohne die Bewegung des Willens.

Sich selbst erkennen ist eine Frucht der Wiedervereinigung von Wille und Bewusstsein. Denn einst waren sie eins; sie sind in ihrem Wesen eins. Sie haben sich getrennt. Das, was getrennt hat, nennen wir den Spalter. Manche sagen Ursünde dazu, manche nennen das trennende Wesen Luzifer, sei´s drum. In unserer Seele kennen wir es als Ego. So nennen wir den Urspalter in uns. Jeder weiß aber auch, dass wir ohne Ego nicht auf dieser Welt wären, nicht unsere täglichen Aufgaben bewältigen könnten.

Das Ego bemächtigt sich also des Begehrens. Das Ego hat die Macht erhalten, seine eigenen Schöpfungen hervorzubringen. Insofern ist es eine Spiegelung einer göttlichen Realität, nämlich von Schöpfung, in unserer Seele. Gott hat uns ermächtigt (meinetwegen hat er Luzifer beauftragt), eigene Schöpfungen hervorzubringen. Und dabei passiert viel Unglück! Wir sind ignorant geworden, kennen Gottes »Schöpfungsplan« nicht und schustern herum, was das Zeug hält! Wir müssen durch Erfahrung und Irrtum lernen. Gott musste das nicht, aber Gott wollte es. Sonst hätte Gott nicht den Menschen geschaffen, hätte der göttlichen nicht eine scheinbar »widergöttliche« Macht gegenüber gestellt. Das ist das Ego.

Zurück zum Begehren: Es kommt darauf an, unsere Begehrensnatur richtig einzusetzen. Es kommt darauf an, dass wir unseren Willen reflektieren, dass wir Bewusstsein in großen Mengen hindurch wirken lassen. Aber nicht zu viel, bitte! Sonst können wir nicht mehr handeln, sind willensblockiert. Wille ist Dunkelheit, Bewusstsein ist Licht. Weder in kompletter Dunkelheit können wir sehen noch im vollständigen Licht. Wir brauchen die Mischung.

Was ist Wünschen? Natürlich eine Mischung aus Wille und Bewusstsein. Der Mystiker, Seher und Philosoph Rudolf Steiner hat die Metamorphosen des Willens in sieben Stufen beschrieben: Instinkt – Trieb – Begehren – Motiv – Wunsch – Vorsatz – Entschluss.

Klingt einfach und recht psychologisch, hat aber einen tiefsinnigen Aufbau.

Der physische Körper hat in sich den Instinkt als den Beweger. Im Instinkt lebt das göttliche Bewusstsein in Vollkommenheit, ist aber unserem bewussten Zugriff verborgen. Deshalb sagen wir zum Instinkt, er sei die Intelligenz unseres Körpers. Sie ist unbewusst. Sie schlummert im Dunkel des Unbewussten. Je mehr wir uns davon bewusst machen, um so mehr verwandelt sich der Instinkt in »höhere« Manifestationen des Willens. Bewusst gemacht, bleibt der Wille nicht Instinkt. Er wird auf der nächsten Stufe zum Trieb.

Trieb ist noch relativ unbewusst. Wenn wir den Ausdruck gebrauchen: Hier ist ein triebgesteuerter Mensch, unterstellen wir ihm, dass er wenig Bewusstsein und wenig Kontrolle über seine Handlungen hat. Aber dass er gar kein Bewusstsein hätte und gar keine Steuerungsmöglichkeit, das wiederum wollen wir ihm auch nicht zugestehen. Denn sonst würden wir ihn nicht ins Gefängnis stecken, sondern ins psychiatrische Krankenhaus.

Begehren als die dritte Stufe in den Metamorphosen des Willens bezeichnet schon einen höheren Grad von Bewusstheit im Willen. Ich weiß, was ich begehre. Im Unterschied zum Trieb trägt das Begehren schon mehr bewusste Ausgerichtetheit in sich. Im Begehren sind wir schon auf der Tierstufe, genauer gesagt, da sind wir Raubtiere.

Voller Mensch werden wir erst auf der Stufe der Motivation. Sobald wir vom Zwang körperlicher Willensreflexe frei werden, äußert sich dies in unseren Motiven. Wir können begründen, warum wir dies oder jenes anstreben, d.h. wollen, man könnte auch sagen: begehren. Hier sind wir auf der mentalen Ebene. Wir denken. Wille und Denken sind gleichgewichtig.

Nun kommt das Wünschen. Wünschen geht schon wieder mehr ins Träumen, ins Visionieren. Ein Mensch, der eine Vision hat, einen Traum, wirkt auf dieser Stufe des Willens. Nur hat der Wunsch noch nicht die volle Kraft, sich zu verwirklichen. Dazu braucht es erst einen Vorsatz. Sonst setzt sich das Wünschen unendlich fort und wir erleben das, was wir von Eugen Roth am Anfang unserer Betrachtungen lesen.

Der Vorsatz ist ein starker Willensimpuls im Bewusstsein. Einen Menschen mit einem klaren Vorsatz kann man meistens sehr schwer nur davon abbringen. Andererseits gibt es das Sprichwort: »Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert«. Was so viel bedeutet, dass ein Abfallen von Vorsätzen viel beunruhigender auf die Seele wirkt, viel schmachvoller, als ein Nachgeben oder In-Versuchung-Fallen auf der vergleichsweise niedrigeren Trieb- oder Begehrensebene. Hier auf dieser Stufe ist die Seele viel anspruchsvoller, kennt ihre Macht und kann hoch fliegen. Aber auch tief stürzen.

Der Entschluss ist die Vervollkommnung des Willens im Bewusstsein. Hier gibt es keinen Konflikt mehr, keinen Zweifel, keinen Absturz, nichts, was nicht bereits vollendet wäre. Ein wahrer Entschluss enthält bereits alles in sich, was der Wille sich ersehnt hat. Erst im Entschluss sind wir befriedigt, ist der Wille gesättigt. Hier sagen wir voll »Ja« zu etwas, hier stehen wir dazu. Auch wenn Andere sagen, der Entschluss wäre falsch gewesen, kann nichts mehr die Tat ändern. Ein Entschluss ist Respekt gebietend. In ihm kommt die Würde des Menschen zum Ausdruck. Hier ist der Mensch unangreifbar, auch wenn er für seinen Entschluss misshandelt oder getötet wird. Hier nimmt er alle Folgen auf sich.

Gibt es im Entschluss noch ein Ego? Ja und Nein. Denn das Ego wird erst auf der Stufe der Motive in wahren Sinn des Wortes aktiv: Ein aus sich selbst heraus gefasstes, gedachtes Motiv. Das Selbst oder Ego ist ja ein Gedanke, und erst wenn wir klare Motive haben, haben wir ein denkendes Ego. In den nachfolgenden Stufen von Wunsch, Vorsatz und Entschluss veredelt sich das Ego. Im Entschluss hebt es sich dann sogar selber auf, indem es alle Folgen seines Handelns freiwillig auf sich nimmt, d.h. sich ergibt, sich hingibt. Also verleugnet im Moment des intensivsten Ergreifens des Ego, in seiner willensstärksten Ausformung, sich das Ego selbst auch wieder.

Diese Betrachtung über den Willen sehe ich als Vorwort zu dem, was ich nun über das Wünschen sagen will.

Hier öffnest du die Babuschka und gelangst zu: »Was gehört mir? Wann bin ich gesättigt«
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