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Editorial connection special 87

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Achtsamkeit
Vom Körperkult zur echten Würdigung des Körpers

Photo Wolf Schneider
Photo: Aniela Adams

Den Körper achten und beachten wir meist viel zu wenig. Dabei trägt er uns doch den ganzen Tag durchs Leben, gehend, stehend, sitzend, liegend, 24 Stunden lang, rund um die Uhr. Und das all die Jahre! Während derer er sich zudem verändert, von der Kindheit bis ins hohe Alter, eine Zeit, in der er uns oft als Last erscheint. Trägt er mich? Oder trage ich ihn? Wenn ich meinen Körper »eine Last« nenne, kommt es mir doch so vor, als würde ich ihn tragen, und nicht er mich. Wer bin ich überhaupt, der glaubt, ihn zu tragen – oder von ihm getragen wird?

Naturromantik

Sich des Körpers bewusst zu sein, ist ein geistiger Anspruch. »Im Körper« zu sein, inkarniert, gar »im Körper zuhause«, wie die modernen Körperpsychotherapien es nennen und erstreben, ist ein hoher geistiger Anspruch. Den erfüllen die Naturvölker, Kinder, Bauern oder Handwerker ja gar nicht, bei denen die Romantiker unter uns Computerarbeitern, Büromenschen und Städtern das Glück das natürlichen Lebens vermuten oder wenigstens erhoffen. Hatte der Wildhüter in Lady Chatterley’s Lover solch ein Körperbewusstsein, mit dem er die von den Benimmregeln des britischen Adels so tief sich selbst entfremdete Lady faszinierte? War das der Auslöser des Skandals um dieses Buch?

Jedenfalls hat die Schönheit einer einfachen, unverstellten Körperlichkeit uns Zivilisierte schon immer fasziniert. Zu Recht! Denn nach der Kultur- und Lebensphase, in der wir in Bildung, Anstand, Recht und Intellekt – im »Geistigen« – das Heil suchen, kommt unweigerlich irgendwann der Überdruss. Wenn wir Glück haben, folgt diesem die Einsicht, dass das noch nicht alles sein kann. Dann führt uns die Sehnsucht zurück zu den Wurzeln, zum Körper, der Behausung unseres Geistes – oder wenn wir es ein bisschen religiöser formulieren wollen: zum Tempel unserer Seele.

Körperkult

Der Körperkult, der sich seit über hundert Jahren im Männer»sport« des Bodybuilding äußert und mit der Fitness-Bewegung der 80er und 90er zum Massenphänomen wurde, und zu dem sich heute der Trend zu den Schönheitsoperationen gesellt, hat mit der Achtung und Würdigung des Körpers in seiner Natürlichkeit und eigenen Weisheit nichts zu tun. Das Bodybuilding ebenso wie die ästhetische Chirurgie sind eher Vergewaltigungen als Würdigungen des Körpers. Wofür ich mit diesem connection Tantra-Special werben möchte, ist etwas anderes: ein feines Hinspüren, Lauschen oder Schauen auf den Körper, ein Achten seiner Wünsche und Bedürfnisse, was Ernährung, Bewegung und Haltung anbelangt, und wenn er mal krank wird, ein Verstehen der geäußerten Symptome.

Gemälde
Edgar Degas, »Knieende Frau«

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Wir Menschen haben über die Jahrtausende so viele bizarre Gegenstände, ungewöhnliche Orte und extrem lebende Menschen »geheiligt«, aber wann haben wir schon mal unserem eigenen Körper und Geist die Ehre erwiesen und ihn geachtet? Dabei ist der Körper »greifbarer« als der Geist. Wer den Weg zu sich selbst – auch zur eigenen Gesundheit und Zufriedenheit – starten möchte und nicht weiß, wo denn beginnen: Nimm den Körper! Das Gewahrwerden der eigenen Gefühle und Gedanken, die Quelle unserer Kreativität und unseres Glücks, wird dann fast automatisch folgen.

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Aus dem Heft connection Tantra special 87

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