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Reiseberichte

Vom Friseur zum Entwicklungshelfer Teil 1

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Entwicklungshilfe in Nicaragua

Eine Idee wird konkret

Vom Friseur zum Heilpraktiker für Psychotherapie bis zum Entwicklungshelfer in einem der ärmsten Länder der Erde, dem mittelamerikanischen Staat Nicaragua: Oliver Unger ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen und berichtet für connection in regelmäßigen Abständen von seinen Erfahrungen in einer Einrichtung in Nacaragua, in der es um die Betreuung von Kindern geht, die auf der Straße leben, teilweise kriminell sind und auch Drogen nehmen. Er ist dort vom dem »Projekt Mosaik« hingeschickt worden, einem gemeinnützigen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, internationale Freiwillige in viele verschiedene Organisationen und Projekte in Mittelamerika (Guatemala, Nicaragua, El Salvador) zu vermitteln.

1. Die Vorgeschichte

Meine Zeit als Friseur

Fünfzehn Jahre sind um. Fünfzehn Jahre in denen ich mich meistens fühlte, als sei ich in einem Gefängnis eingesperrt. Wieso? Weil wenn die Sonne schien, ich die Schere in der Hand hatte und wenn es Sonntags und Montags wieder regnete, frei hatte. Man nennt das halt feste Arbeitszeiten. Und Dienstleistung: Der Kunde ruft und man stellt seine Leistung zur Verfügung.

Dabei war es meine eigene Wahl. Damals, als ich sechzehn war, war ich überzeugt davon, ich sollte Friseur werden. Wie das manchmal so ist, denkt man nur, man wüsste wieso man dieses oder jenes macht. Und hinterher stellt sich der wahre Grund heraus. Damals sah die Welt für mich eben auch noch anders aus. Meine Anforderungen an das Leben waren andere. Mein Anspruch an mich selbst war anders als heute. Ich lebte innerhalb des Familienkorsetts, so wie jeder. Und ich habe es nicht gemerkt, so wie jeder. Ich hielt mich für frei, so wie jeder.

Manchmal denke ich: »Vielleicht sollte man in diesem Alter noch keine Festlegungen treffen, die das gesamte weitere Leben bestimmen sollen.« Aber ich weiß es nicht. Vielleicht ist es gerade die Unbedarftheit der Jugend und die Unbewusstheit, die es überhaupt ermöglicht, dass man nach und nach seine Wunden heilt. Mit irgendwas muss man anfangen. Und dann geht es eben weiter.

Ich forderte mir selbst ungeduldig Leistung ab. Das war weder zu meinem noch zum Vorteil meiner Mitmenschen. Aber ich wollte voran kommen, etwas lernen. Manche haben mich dafür bewundert. Andere haben mich einen Streber genannt. Wieder andere empfanden mich als ungezogen, verrückt, überheblich. Für mich selbst gab es keine Wahl. Es war ein innerer Drang, etwas leisten zu wollen, der sich über Jahre lang hielt und der mich bei der Stange hielt. Heute frage ich mich oft, was ich da leisten wollte. Dies blieb für eine lange Zeit die zentrale Frage.

In den ersten Jahren, in denen ich meinen Beruf als Friseur ausübte, brachte mich der innere selbstgemachte Druck tatsächlich zu ansehnlichen Ergebnissen. Das ist verlockend, wenn das funktioniert, weil du denkst, das klappt immer. Aber das ist keineswegs so, wie ich heute weiß. Ich hatte einen sehr guten Prüfungs-Abschluss, eine sehr erfolgreiche Gesellenzeit sowie eine erfolgreiche Selbständigkeit. Und ich war jung. Es gab so manche Kunden und Kollegen, die mich bewundert haben. Nur ich mich selbst nicht. Tief innen drin wollte ich wahrscheinlich einfach nur gesehen werden.

Es gab einen Teil in mir, der damals schon geahnt hat, dass es einen Weg geben muss, der für mich bestimmt ist und der anders ist als jener, den ich betreten hatte. Vielleicht begann ich daraufhin eine weitere Ausbildung. Ich spürte irgendwann, dass der Kontakt zu meinen Haarschenidekunden viel wichtiger war, als das Handwerk selbst und wollte daraufhin »therapeutischer« im Umgang mit den Menschen sein. Das bedeutet: Ich hatte keine Lust mehr auf »Wie ist das Wetter?« oder »Wie geht es ihren Kindern?«. Statt dessen wollte ich wissen, wie es meinen Kunden wirklich geht. Ich kann dir sagen: Ich sah erschreckende Ergebnisse. Nur weil jemand sagt, es geht ihm gut, heißt das noch lange nicht, dass das auch so ist. Meine Ausbildung zum Heilpraktiker und in Kommunikationslehre eröffnete mir Möglichkeiten, hinter die Kulisssen meiner Kunden zu schauen. Manchen gefiel das, anderen nicht. Zunächst bedeutete dieser Weg, dass ich zusätzliche Kapazität aufbringen musste: Neues Lernen, meine Persönlichkeit entwickeln, genauer Zuhören und Handwerk ausüben. Zunächst versuchte ich es mit zusätzlicher Anstrengung. Ich spürte aber schnell, dass das Wundermittel »Leistung" nicht mehr funktionierte, wenn es um »Kontakt« geht. Vielleicht war auch einfach keine Kraft mehr da. Vielleicht, wollte ich mich auch einfach nicht mehr anstrengen.

Aufwachen

Etwa drei Jahre später wachte ich auf. Ich verliebte mich in eine Person, die ich niemals bekommen sollte. Doch gleichzeitig verliebte ich mich in etwas, wofür ich damals erst keine Worte kannte. Heute würde ich sagen, ich habe mich gleichzeitig in das Leben verliebt. Hierdurch bemerkte ich, dass ich etwas anders machen musste. Leistung schien diesen neuen Hunger nach dem Leben nicht abzudecken. Eine Weile strengte ich mich noch an. Ich bemerkte aber erstmalig sehr bewusst, dass ich mich anstrengte. Und dann fiel ein Kartenhaus in mir zusammen. Ich änderte mich offensichtlich so schlagartig, dass eine Art Loch in mir entstand. Dieses Loch spürte ich in Form von nebeligem Gefühl, Dumpfheit im Kopf und im Körper. Jetzt gab es keinen Leistungsanspruch mehr, dafür aber Hunger nach dem Leben und Nebel. Dieser Zustand wurde schlimmer und zeitweilig dachte ich, ich müsste mich berenten lassen. Zu dieser Zeit arbeitete ich nur noch einen Tag in der Woche. Ich hatte etwas weniger Geld, kam aber gut aus, so dass ich mir diesen Zustand einfach eine Weile ansehen konnte. Ich ging zu Therapien und lernte eine Menge über mich, die Anderen und die Welt. Ich bekam eine Idee, was mich in diese hohe Bereitschaft gebracht hat, mich selbst so stark zu fordern. Heute würde ich sagen: Mir war es wichtig dazu zugehören. Und Leistung war etwas, das die Zugehörigkeit zu meiner Familie und anderen Menschen möglich machte.

Das Haarschneiden hat ein Ende

Und jetzt, zum 23.12.09 finden fünfzehn Jahre Haareschneiden ein Ende. Meine letzte Kundin ist die Frau, der ich an meinem ersten Arbeitstag als Geselle als einer der ersten zwei oder drei Kunden die Haare geschnitten habe. Wie Dinge rund werden ... Was ich genau damit beende, weiß ich nicht. Kann dies schon das Ende meines inneren »Getriebenseins« sein? Gibt es überhaupt Dinge im Leben, die enden? Oder verschiebt man sowieso alles nur auf andere Ebenen/Bereiche?

Heute, wo ich mit der Entscheidung lebe, aufzuhören, stelle ich mir die Frage, wie mein Leben und Erleben verlaufen wäre, wenn ich direkt Heilpraktiker geworden wäre. Wie wäre es, wenn ich niemals Friseur geworden wäre? Müßig, darüber nachzudenken. Es ist nur ein Versuch, mir zu erklären, was mit mir geschieht. Manche sagen, ich habe in der Friseurzeit gelernt, mit Menschen überhaupt zusammenzusein, ohne Gefühle wegzumachen oder der Oberflächlichkeit zu viel Raum zu geben. Ich glaube das. Und ich glaube, Friseur sein ist Meditation: Zuhören, Handwerk ausüben, in Kontakt sein und sich konzentrieren. Es war ein langes Retreat!

Ich arbeite heute als Heilpraktiker für Psychotherapie. Ich leite mit meinem Mann zusammen ein kleines spirituelles Zentrum. Insgesamt arbeiten zwischen drei und fünfzehn Leuten bei und für uns, die Einzelsitzungen und Gruppenveranstaltungen für uns leiten. Wir selbst tun dies auch. Der Steuerberater sagt, wir seien sehr erfolgreich. Die Bank denkt etwas anders, ist aber überzeugt, dass wir es schaffen können. Zwei Jahre sind nun seit der Eröffnung vergangen. Eine Menge Menschen haben wir bisher begleitet und inspiriert. Es war anstrengend und hat Spaß gemacht. Wie sieht die Zukunft aus? Wir werden auf harte Proben gestellt. Steuernachzahlungen, extreme Umsatzschwankungen, Missgunst und Neid von Kollegen, Misserfolge bei Werbekampagnen und so weiter und so fort. Doch bisher haben wir nach jeder Feuerprobe gesagt: Wir machen weiter. Ich glaube, Gott will wissen, wie ernst wir es meinen. Er will die Spreu vom Weizen trennen. Ich liebe die therapeutische Arbeit. Doch solche Aussagen enden manchmal mit einem aber. Und mein Aber lautet: Ich möchte freier sein. Ich möchte nicht schon wieder einen Kostenklotz am Bein haben. Ich möchte nicht schon wieder einen Termin nach dem anderen abreißen. Und ich möchte nicht schon wieder an einen einzigen Ort gefesselt sein, den ganzen Tag innerhalb vier Wänden verbringen, während draußen die Sonne scheint.

Ein innerer Ruf

Eines Tages rief es deswegen in mir: »Du musst dir jetzt den Raum nehmen und tun, was du schon immer wolltest.« Jetzt ist Platz entstanden in mir, jetzt lasse ich los. Ich fühle mich ein wenig, als sei ich in einer Art leerem Zwischenraum - einem Vakuum, das sich füllen möchte. Was ist das, was ich immer wollte? Genau weiß ich es bis heute nicht. Das ist aber auch egal. Vielleicht muss ich es eben jetzt herausfinden. Meine Therapeutin, zu der ich schon lange Jahre gehe, Regina, sagt: Ein Teil von dir ist nicht auf der Erde angekommen.

Diesen Teil finde ich vielleicht jetzt. Bei einem Besuch bei der Cousine meines Mannes erfuhr ich vom Vorhaben ihrer studierenden Tochter Lisa. Sie ging für vier Wochen nach Ecuador, um dort ehrenamtlich zu arbeiten und Spanisch zu lernen. Als sie so erzählte, klopfte mir das Herz. Ich spürte: Das möchte ich ausprobieren. Eine Mischung aus Aufregung, Neugier und Angst machte sich in mir breit. Wie kam ich auf eine solche Idee? Was könnte mir das bringen, so etwas in Angriff zu nehmen? Ein bisschen bin ich es gewohnt, meinen Impulsen zu folgen. An jenem Abend kam ich mit Lisa ins Gespräch darüber. Sie sagte, es gäbe ähnliche Projekte, die auch für Nicht-Studenten geeignet wären. Ich gab es in die Internetsuchmaschine ein und fand auf Anhieb eine Stelle, die mit zusagte. Es ging um die Betreuung von Kindern in Nicaragua, die auf der Straße leben, teilweise kriminell sind und auch Drogen nehmen. Ich sprach mit meinem Mann Firdouz darüber, auf welche Weise mich die Idee bewegte. Schnell stimmte er meinem Vorhaben zu. Daraufhin bewarb ich mich und bekam schon nach einigen Tagen eine positive Antwort. Alles noch ganz unverbindlich. Bis ich den Flug buchte. Erst in einem dreiviertel Jahr sollte es sein. Ich guckte mir den Sommer 2010 aus. Da hatte ich noch genug Zeit für mentale und finanzielle Vorbereitung.

Entwicklungshelfer in Nacaragua

Mentale Vorbereitung

Was mentale Vorbereitung bedeutet, wird mir erst jetzt klar. Der Abschluss meines Daseins als Friseur war noch nicht richtig in mir angekommen – vielleicht habe ich da zu wenig mentale Vorbereitung gehabt. Und jetzt stand wieder etwas an, vor dem ich mich gleichermaßen fürchtete und freute. Mentale Vorbereitung war zum Beispiel, in bestimmten Momenten des Lebens damit leben zu können, dass eine dreimonatige Auszeit für einen Jungunternehmer auch einen finanziellen Absturz bedeuten kann. In anderen Momenten gab es Auseinandersetzung mit meinem Mann. Immerhin ließ ich ihn, unseren Hund und alles, was wir uns aufgebaut haben für eine Weile allein. Auch Unsicherheiten bezüglich anderer verschiedener Fragen schlichen sich immer mal wieder ein. Bekam ich die Arbeit, die mir so sehr gefallen würde? Oder teilen sie mir vor Ort eine andere Tätigkeit zu? War ich überhaupt stark genug, mich in dem geforderten Maß ohne Entgelt für Andere einzusetzen? Werden meine Kompetenzen ausreichen?

Es gab deswegen bisher keine schlaflosen Nächte, doch so manche Diskussion. Zum Beispiel mit meiner Hausärztin. Man muss dazu sagen, dass sie und ich Impfgegner sind. Doch an bestimmten Punkten bin ich militanter als sie. Es treffen zwei Welten aufeinander: Die alternative Energieheilkunde und die Schulmedizin. Und statt miteinander in Einklang zu kommen, bleibt jeder auf seinem Standpunkt. Auf deutsch heißt das: Ich bleibe meinem Standpunkt treu und vertraue, dass ich mich ohne Impfung gesund erhalten kann. Ich bin bereits einige Male in Mittelamerika gewesen. Und nicht nur in All-inclusive-Hotels, sondern auch auf eigene Faust mit Rucksack durch den Urwald. Nie war ich krank. Und ich werde es natürlich diesmal auch nicht sein …

Andere unvorhergesehene Gespräche gab es mit Kunden. Sie bestärkten mich positiv. Manche bewunderten meinen Mut und meinen Einsatz. Wieder andere sprachen davon, ähnliche Dinge unternehmen zu wollen und nicht die Muße aufzubringen, sich von ihrem Alltag loszulösen. Sehr verständlich für mich. Sie selbst hingegen verurteilten sich dafür. »Es muss auch Menschen geben, die hier alles am Laufen halten“, konnte ich nur entgegnen. Ich fand das eine weise Aussage. Noch weiser machte mich die Frage an mich selbst: »War ich dazu selbst nicht in der Lage? Wie stand es um meine eigene Konstanz, meine eigene Fähigkeit, Dinge zu erhalten- und nicht immer wieder neues heranschaffen oder erleben zu wollen?«

Und unsere Ängste? Wird der Partner fremd gehen? Wird der Schmerz der Trennung unerträglich sein? Bricht unser finanzielles Fundament weg? Bin ich dort in Nicaragua so glücklich, dass ich gar nicht wieder kommen möchte?

Erste und entscheidende Antworten

In einer intensiven Konfrontation fand ich einige Antworten auf Fragen, die ich zu mir selbst hatte. Ich fand einige Lösungen zu den Blockaden, die ich in mir fühlte. Diese Konfrontation hatte ich mit meiner Mutter. An eine solche Möglichkeit hatte ich nicht gedacht. Meine Mutter hat einen Hang dazu, Althergebrachtes zu bewahren, mich schützen und behüten zu wollen. So wie Mütter das eben machen. Dass sie regelrecht sauer auf mich wurde, war eine Überraschung. Ich will mich nicht mit Spekulationen darüber aufhalten, was ihre tatsächlichen Beweggründe waren, sauer zu werden. Doch was sie zu mir sagte, lehrte mich doch einiges über mich selbst. Ich erkannte, woher so viele von den Fallen kamen, in die ich immer wieder hineintappte. Eine dieser Fallen und Selbstbehinderungen war: Ich könne doch nicht einfach weggehen. Warum nicht? Wer sagt denn überhaupt, dass ich weggehe? Mein Körper geht in ein anderes Land. Für drei Monate. Und kommt danach zurück. Mein Geist, meine Gedanken, meine Energie machen hingegen etwas ganz anderes. Sie können überall sein.

Ich betrachte mein Vorhaben als Ausbildung. Jede Ausbildung erfordert Einsatz. Diese auch. Ich ging in die Welt und konnte mittels Internet mit Deutschland verbunden bleiben. Außerdem würde ich einen Teil der Welt mit nach Hause bringen. Ich würde einen reichhaltigen Sack voller Ideen und Impulse mitbringen. Und ich würde eine Erfahrung mitbringen, die mich als Mensch bereichern würde. Das wird meine Bezahlung sein. Es wird wie eine Ausbildung sein, eine Selbsterfahrungsgruppe, die drei Monate andauert. Ich komme wieder und meine Klienten und Kursteilnehmer werden davon profitieren. Ich habe zweiunddreißig Jahre lang gelernt, meiner Mutter zuzuhören. Früher habe ich Angst gehabt, wenn sie so war wie sie sich in unserem Gespräch über Nicaragua gezeigt hat. Heute weiß ich, ich muss ihr mit dem Herzen zuhören. Sie spricht genau das aus, was unbewusst in mir wirkt und mich unbewusst hemmt und enger macht. Ihre Worte sind wichtig, denn sie spiegeln auf diese Weise meine innersten Überzeugungen wieder. Doch es ist ein Prozess, in dem ich mich selbst erkenne. Auch wenn sie wütend ist. Was mit meinem Unternehmen passieren würde? Was mit meinem Mann und meinem Hund wäre? Wer denn jetzt das Geld verdiene? Wieso ich alles fallen ließe? Das waren ihre Fragen.

Ich entgegnete: »Was du fragst, klingt mehr danach, als würdest du dich das selbst fragen«. Natürlich zitterten meine Knie dabei. Aber ich war bei mir, fest und dabei, ihr mit dem Herzen zuzuhören und meinem Unbewussten (ihrem Bewussten) Raum zu geben. Nach einigem weiteren Gezeter merkte ich an: »Du fragst mich gar nicht, wie ich es empfinde.« »Weil es bescheuert ist, was du da vor hast!« Auch das konnte ich mit dem Herzen hören. Es sind die Gedanken, die ich auch habe. »Ich bin verrückt.« Und ich spüre: Ich denke das nur, weil meine Mutter das auch denkt.

Dieses Gespräch war, als würde ich geboren werden. Ich spürte genau, wie Energie in meinen Solarplexus hineingesogen wurde. Ich zitterte zwar, mir war eiskalt, doch es war ein positiver Vorgang. Es war eine der ersten Belohnungen, die ich für meinen Einsatz erhalten sollte. Ich sage oft zu meinen Teilnehmern und Klienten: »Alles, was deine Mitmenschen in zwei Lager spaltet ist eine klare und gute Sache. Wenn es nur Positive Rückmeldungen gibt, ist es Wischiwaschi und inspiriert niemanden.« Das sage ich nicht nur, das lebe ich auch. Auch jetzt, mit meiner Mutter.

Ich habe Flyer drucken lassen. Ich habe die Leser eingeladen, sich diesen Text von mir zuschicken zu lassen. Es sind nunmehr etwa 30 Empfänger, die lesen werden, was ich hier schreibe. Und ich habe einen Spendenaufruf in das Faltblättchen mit eingebracht.

Von Karma, Verstrickungen und Lösungen

Wieso schreibe ich das alles? Diese Frage ist kaum zu beantworten. Vielleicht will ich einfach etwas aufarbeiten. Vielleicht Dampf ablassen? Vielleicht möchte ich Menschen ermutigen, sich einfach etwas zu trauen – sei es noch so verrückt. Eins ist sicher: Du kannst nichts geben, ohne etwas dafür zu bekommen. Manchmal bekommt man kein Geld oder keine Anerkennung. Auch Sicherheit ist nicht immer der Lohn, den man erwarten kann. Aber was du immer bekommst ist Erfahrung. Um was geht es denn im Leben? Deine Reichtümer kannst du nicht mitnehmen. Eine Inflation und dein volles Bankkonto ist sofort wertlos. Ein Unglück und dein Haus, dein Auto, dein Boot sind zerstört. Aber eine Erfahrung bleibt. Ob sie eine Narbe wird oder eine Ressource, auf die du zurückgreifen kannst, hängt im Wesentlichen von deiner Einstellung dazu ab. Bist du bereit zu nehmen, was du bekommst und daraus zu lernen, wird es bestimmt keine Narbe (oder nur eine kleine, die man verkraften kann). Erwartest du etwas Bestimmtes und bewertest es hinterher, dann wird sie wahrscheinlich eine fiese, hässliche Narbe.

Vieles über mich weiß ich noch nicht. Ich werde es bestimmt noch erfahren. Manches habe ich seit dem Entschluss nach Nicaragua zu gehen, bereits über mich herausgefunden. Aber nur eines ist gewiss: Ich kann die Erfahrung nehmen. Mag es schwierige Zeiten geben oder nicht. Ich werde daran wachsen.

Natürlich schaue ich auch hinter meine Fassade und lasse mich hinterfragen. Es geht im Wesentlichen darum, festzustellen, welche meine Beweggründe sein können, mich unentgeltlich für andere Menschen einzusetzen. So eine Frage kann nur jeder für sich selbst beantworten. Wenn sich jemand so etwas wünscht, lohnt es sich zu schauen, was dahinter steckt. Auf mich bezogen, frage ich mich selbstverständlich, ob ich einfach nur ein toller Hecht sein will. Oder ob ich mich vielleicht zu irgendetwas verpflichtet fühle. Vielleicht habe ich ja sogar Schuldgefühle. Das würde ich jedenfalls von mir kennen. Von diesen Selbstbeobachtungen und -erforschungen handelt dieser Text. Es gibt sogar Parallelen in meiner Familie, denen ich nach und nach auf die Schliche komme. Mein Großvater väterlicherseits lebte eine Zeit lang in Chile und versuchte dort eine Firma aufzubauen. Mein Vater versuchte dasselbe in Malaysia. Und ich in Wuppertal – das war sicherlich genau so herausfordernd. Doch vielleicht gab es so etwas wie einen Sog, der uns Männer ins Ausland zog. Warum auch immer. Es spinnen sich so einige rote Fäden, auf die ich später noch eingehen werde.

Wenn ich bei meiner Therapeutin Regina hoch frequente Energiesitzungen genommen habe, erscheinen manchmal innere Bilder aus meiner karmischen Vergangenheit. Wenn man dem Glauben schenken möchte ... Ich weiß es nicht definitiv, aber die Puzzleteile, die sich offenbaren, passen hervorragend zusammen. Meine Vermutung ist, dass ich einer der Heerführer der Inquisition war und die indigene Bevölkerung mit meinen Mannen auf grausame Weise missioniert habe. Dabei war uns das Gold der Völker nicht unwichtig. Regina erzählte mir, dass man die Inquisitoren für Götter gehalten hat. Zum einen, weil sie so anders ausgesehen haben, z.B. so hell waren und zum anderen, weil sie mit Schiffen kamen, was man bis dato niemals zuvor gesehen hatte. Diese These erklärt zumindest meinen Sog nach allem, was Spanisch ist. Spanische Männer (aus meiner Vergangenheit), spanische Sprache, spanische Musik, dieses Heimatgefühl, wenn ich in Spanien bzw. in Hispano-Amerika bin und vieles mehr. Löse ich in Nicaragua altes Karma auf? Habe ich diesen Lebensweg deswegen so beschritten, damit ich das Gelernte jetzt nach Nicaragua bringen kann? Und wie wird meine karmische Erinnerung sich auf einen aktullen Stand bringen,sobald ich sehe, wie Mittelamerika heute ist?

In einer Aufstellung meines Famiiensystems gibt es einen Hinweis, dass mein Großvater ein Kind während seiner Zeit in Chile gezeugt hat, von dem niemand etwas weiß. Es ist also möglich, dass ich durch meine Aktion dieser Energie folge und diesem Kind einen Platz gebe.

Außerdem deuten viele Hinweise darauf hin, dass ich im Mutterleib einen Zwillingsbruder und sogar eine Zwillingsschwester hatte. Das ist nicht ungewöhnlich. Geschätzte 80 Prozent aller Schwangerschaften sind Mehrlingsschwangerschaften. Oft sterben befruchtete Eizellen sehr früh ab und werden absorbiert, so dass dann nur eine befruchtete Eizelle überlebt und zum Fötus heranreift. Heute weiß man, dass Kinder, die so etwas erlebt haben, verschiedene typische Verhaltensweisen an den Tag legen (von denen ungefähr alle auf mich zutreffen). Eine dieser Verhaltensweisen ist die Suche nach dem verlorenen Zwilling. Dazu nehmen manche Menschen sehr weite, anstrengende Wege auf sich.

Nun glaube ich, dass alles, was man erlebt und erfahren hat, immer nur ein Teil der Wahrheit ist und jedes Detail zu einem großen Puzzle gehört. Alles zusammengefügt ergibt dann diesen roten Faden, von dem ich eben sprach. Ich folge also einer groß angelegten Bewegung, die nicht nur aus dem Kopf und dem Herzen kommt, sondern auch aus einer Intelligenz, die wir nicht begreifen.

Die Reise

Eine andere Welt

Es ist wirklich eine andere Welt hier. Ich bin Mittelamerika-erprobt, aber man muss sich doch immer wieder dran gewöhnen. Nicht nur an das Klima, sondern auch an die andere Mentalität. Mit der Ehrlichkeit haben sie es hier nicht so, wenn es z.B. um das Geld geht. Die Menschen, die hier leben, kämpfen um jeden Córdoba (=die Währung, 21 Córdoba ensprechen einem US-Dollar). Das habe ich daran gemerkt, dass ich beim Geld tauschen an der Grenze zu Nicaragua mehr über's Ohr gehauen worden bin, als ich gedacht und "eingeplant" hatte. An der Grenze wird man bei der Passkontrolle von zehn wahrscheinlich illegalen Geldtauschern gleichzeitig angequatscht. Während dessen wedeln sie wild mit einem riesigen verlockenden Paket voller Geldscheine vor dem Gesicht rum. Und ich dachte: Komm, tausch mal 100 Dollar um, auch mit dem Risiko, dass ich hier einen schlechteren Kurs bekomme als bei der Bank. Schließlich würde ich erst um zehn Uhr Abends Ortszeit in meinem Hostal (meine vorläufige Unterkunft) ankommen und bevor ich das Zimmer nicht bezahlen kann, weil sie keine US-Dollar nehmen (oder mir dort einen noch schlechten Kurs anbieten) ... Ich habe den Schaden noch nicht genau ausgerechnet, aber ich denke, er beläuft sich auf 20 Euro. Ein Abenteuer ist auch, dass sie einem im interationalen Bus die Pässe abnehmen und man lange gar nicht weiß, wann (und ob) man sie wiederbekommt. Man muss dann zwischendurch an der Grenze noch einmal aussteigen und ohne Pass irgendwo anstehen, wo man nicht weiß, wofür. Aber zum Glück erschließt sich das immer durch die Gespräche von anderen Mitreisenden. Wer Gottvertrauen üben möchte: Dies ist die Gelegenheit!

Unterkunft

Mein Zimmer in meiner vorläufigen Unterkunft ist ... Man könnte sagen »einmalig«. Es ist eine riesige Halle, in der nur zwei Betten, ein Stuhl und ein Tisch stehen. Die Halle ist von der Straße nur durch ein großes Portal getrennt, das verschlossen ist. Jedes Auto, das vorbei fährt, hört sich an, als führe es direkt durch das Zimmer. In der Nacht, in der ich schlafen wollte, habe ich bei jedem Glockenschlag der Turmuhr gezählt, wie viel Uhr es ist und gerechnet, wann es in etwa hell wird, damit ich aufstehen kann. Bis sieben habe ich es ausgehalten und habe mich dann auf meinen üblichen Morgenspaziergang gemacht.

Ganz schnell entdeckte ich, dass es eine wunderschöne Stadt hier ist- natürlich nach mittelamerikanischen Maßstäben. Es gibt neben jenen für Drittewelt- und Schwellenländer typischen barackenartigen Gebäuden nämlich auch noch eine ganze Menge relativ gut gepflegter Häuser im Kolonialstil. Ich fühle mich sehr wohl und hatte heute morgen schon das Gefühl, richtig hier zu sein. Mehr oder weniger zufällig entdeckte ich bei diesem Spaziergang auch schon meine Arbeitsstelle. Als ich den Namen des Zentrums las, in dem die Kinder, die auf der Straße leben, Anlauf finden war ich schon sehr berührt. Es heißt: »Jesus' Amigos« (Freunde Jesu). Ich selbst fühle mich Jesus Christus sehr verbunden, auch wenn ich nicht mehr Mitglied der katholischen Kirche bin. Ich bezeichne Jesus Christus neben Osho und Bert Hellinger als einen meiner Meister, von denen ich meine Inspiration bekomme und deren Kraft mir sehr gut tut.

Die Religion

Überhaupt scheinen die Menschen in Nicaragua von der Kirche sehr beeinflusst zu sein. auf der Busfahrt hierher haben sie zwei Filme gezeigt, die mir ein weig suspekt vorkamen, weil sie nicht im tyischen amerikanischen Stil gemacht worden waren. Es waren aber normale Spielfilme, in denen Geschichten erzählt wurden, in denen die Lösung aus dem Gottvertrauen heraus geschah. Das fand ich sehr schön, wenn auch extrem ungewöhnlich einen solchen Film an einem »öffentlichen Ort" vorgeführt zu bekommen. Wie haben die Zuschauer im Bus darauf reagiert? Die, die nicht geschlafen haben, haben hingesehen und manchmal habe ich sogar gesehen, dass sie genickt und genau verstanden haben, worum es geht.

Ich glaube, dass die Religion den Menschen hier inneren Halt verschafft. Sie sind vielleicht deswegen nicht frustriert über ihre Armut. Mag die Kirche noch so viele schlimme Dinge über die Menschheit gebracht haben - sie gibt denjenigen etwas zurück, die wissen, was man von ihr nehmen kann. Um noch mal zurückzukommen auf meine Erinnerungen an meine karmische Vergangenheit. Nur angenommen, sie entspringen keinem psychotischen Zustand, sondern enthalten Wahrheit, kann ich sagen, dass ich mich glücklich schätze, dass die Inquisition von damals (um 1520 n. Chr.) auch positive Spuren hinterlassen hat.

Im Jesus Amigos-Zentrum

Es ist so heiß und feucht hier, dass ich den ganzen Tag ununterbrochen schwitze. Ich trinke viel, gehe aber fast nie aufs Klo. Das ist echt krass! Gestern habe ich meine Unterkunft für die nächsten drei Monate bezogen und eine unglaublich grausame Nacht hier vebracht. Hier läuft nämlich ständig eine Katze übers Dach, die dazu auch noch fast ununterbrochen jault wie ein geschlagenes Kind. Das ist sehr grausam. Und es gab ein Gewitter, dass ich in dieser Lautstärke auch noch nie erlebt habe. Fast hätten die Wände gewackelt.

Ansonsten ist es wirklich nett hier. Ich habe viel Platz, wohne bis zum 15. noch ganz allein im Haus (dann kommen zwei weitere Freiwillige, die auch Zimmer im aus bekommen haben). Es gibt eine schöne Küche und einen bezaubernden Innenhof zum Draußensitzen. Die Vermieterin hat mir sehr eindringlich gesagt, ich solle alle Fenster und Türen sehr sorgfältig verschließen. Ich glaube, es gibt einen komischen Nachbarn, den Mann ihrer Schwester. Am Diebstahl kann es irgendwie nicht liegen, denn das Haus ist nach hinten versetzt und mit einem fetten Gitter gesichert. Nichts desto trotz war ich heute das erste mal im Jesus Amigos-Zentrum. Mann, an den Dialekt, den die Menschen hier sprechen, muss ich mich verdammt noch mal gewöhnen! Zum Glück war in der ersten Stunde Sabrina, meine Betreuerin vom Projekt Mosaik dabei, um mir die Teile zu übersetzen, die ich nicht verstand. Und als sie ging, dachte ich: Und wer übersetzt jetzt? Im Zentrum kann niemand Englisch. Deutsch schon gar nicht. Und alle sprechen diesen Dialekt. Spanisch ohne s, so wie man es in Andalusien spricht. Ich dachte, das könnte ich ganz gut, aber na, ja...

Die Kinder

Sechs von den etwa 40 Kindern, die in das Zentrum kommen, waren heute hier und ich hatte zu allen ein wenig Kontakt. Laut der Psychologin haben fast alle selbst Erfahrungen mit der Polizei und mit Gewalt, sowohl als Täter als auch als Opfer. Fast alle nehmen Drogen, vorwiegend schnüffeln sie Klebstoff, trinken Alkohol und rauchen Crack. Crack ist das Härteste, sagte Sabrina. Es zerstört das Gehirn stärker als Heroin und bewirkt, dass man nichts mehr isst und innerhalb kürzester Zeit ausmergelt. Viele von ihnen haben sexuelle Gewalt erfahren, sowohl gegen- als auch gleichgeschlechtliche. Und manche bieten sich zur Prostitution an.

Erstaunlich war für mich, dass ich nicht erkennen konnte, wie alt die Kinder sind. Sie sehen alle viel viel jünger aus, als sie sind. Wilfredo z.B. ist 28 und er sieht aus, als sei er 18. Und Ana Maria sieht aus als sei sie zwölf, ist aber 22. Was ist das für ein Phänomen? Wilfredo hielt mich im Gegenzug für 40 (ich bin 33). Auch sehr nett ... Die Psychologin sagt, die Kinder lügen alle. Man dürfe ihnen nicht trauen. Diese Aussage entspricht meinem Eindruck. Sie reden sich raus, wenn man sie etwas fragt, träumen, wechseln das Thema. Sie wissen, sie haben mit dem Zentrum eine Anlaufstelle, in der sie gut behandelt werden, sind aber offensichtlich so traumatisiert, dass sie sich nicht wirklich öffnen. Ich glaube, dass das einer der Punkte sein wird, an denen meine Arbeit ansetzen kann: Sie mit ihrem Misstrauen anzunehmen und dann zu schauen, was daraus entstehen kann.

Berührende Kontakte

Heute habe ich bei zwei Gesprächen beigewohnt und konnte schon erste sehr interessante Beobachtungen machen. Die Sitzung mit Edgar (16?) lieferte eines dieser Phänomene, das ich als Traumatherapeut natürlich ganz bsonders spannend fand. Edgar schielt stark und immer wenn er erzählte, welche schlimmen Dinge ihm widerfahren sind, bewegten sich seine Augen ganz schnell hin und her, teilweise auch nach oben, so dass sie fast ganz weiß waren und seine Stimme veränderte sich deutlich. Zudem kontrollierte den Atem, um die Emotionen in Schach zu halten. Als er von den guten Sachen erzählte, z.B. von seiner Schwester, waren die Augen fast normal und schielten kaum noch.

Sehr berührend war heute der Kontakt mit Ana Maria. Sie hat sexuelle Gewalt erfahren, knallt sich regelmäßig die Birne zu und ich glaube, sie prostituiert sich, wenn ich das richtig verstanden habe. Und wenn sie spricht, spricht sie sehr viel, schnell, undeutlich und schaut immer weit in die Ferne. Sie hält den Augenkontakt zu Gegenüber gar nicht oder nur kurz. Mir kommt es so vor, als wäre sie nicht zu knacken. Sie wird am Ende immer die Siegerin sein. Alle Interventionen der Therapeutin bewirkten in ihr, dass sie noch mehr redete, schneller wurde, unklarer wurde - als sei sie im Widerstand. Als Ana Maria dann während der Sitzung mit mir gesprochen hat, hat sie zunehmens länger in meine Augen geschaut, am Schluss sogar ein bis zwei Sekunden. Das war sehr berührend für mich. Ich sagte ihr, dass ich zwar nicht jedes ihrer Worte verstehe, aber mein Herz das ihre sehr gut versteht. Dann fragte ich sie, ob das für den Anfang okay so wäre. Sie hat zusgestimmt. Und daraufhin habe ich versprochen, zu lernen, auch ihre Worte besser zu verstehen. Als Hausaufgabe habe ich ihr mitgegeben, vor jedem Schnüffeln eine Person ihrer Wahl vor ihr inneres Auge einzuladen und ihr innerlich zu sagen: »Ich werde es dir zeigen" und erst dann die Droge einzunehmen. Dieser Satz bezieht sich auf den Widerstand und gibt ihm Raum. Ich bin gespannt auf die Wirkung. Zum Glück sind die anwesenden Therapeuten und Lehrer meiner Arbeitsweise gegenüber offen und sehen dem fasziniert zu, statt mich zu begrenzen. Es hätte auch anders kommen können.

Mit einem der Jungen, Francisco, (ich glaube er ist 16???) werde ich ein Ritual durchführen. Er ist ein Junge, der sehr verschlossen ist, schnell einschläft und kein Selbstbewusstsein hat. Als er heute sagte, er suche eine hüsche Frau, um mit ihr Sex zu haben, entgegnete ich: »Wenn sie auch Sex mit dir will, wird Gott sich freuen! Deswegen sind wir hier, um einvernehmlich guten Sex miteinander zu haben.« Das hat er mir nicht geglaubt... Na, ja. Ich bin ja noch ein Weilchen hier. Ich werde mit ihm abmachen, ihn immer zu begrüßen mit den Worten: »Du schaffst es eh nicht!« Und er muss drauf antworten: »Doch! Natürlich schaffe ich es.«

Strenge Regeln

In dem Zentrum herrschen strenge Regeln. Es gibt sechs Ge- und Verbote, die eingehalten werden müssen, z.B. dass die Besucher freiwillig kommen, ohne Waffen kommen, sich waschen, auf die Sachen aufpassen, die dem Zentrum gehören, keiner Person Schaden zufügen und natürlich keine Drogen nehmen. Eine andere Regel ist, dass sie sich selbst lieben und anerkennen sollen. Das ist die krasseste Herausforderung. Dafür lernen wir Erwachsenen normalen Menschen ja schon ein Leben lang, um das zu können. Abends vor Feierabend reflektieren die Kinder mit den Erwachsenen gemeinsam, wie gut oder schlecht es ihnen gelungen ist, diese Regeln einzuhalten. Wenn es um die Frage geht, wie sie sich selbst anerkannt bzw. geliebt haben, wird es etwas schwierig und mulmig. Wem ginge es nicht auch so?

Angeblich gibt es zwei sehr gewalttätige Kinder in dem Zentrum. Einen Jungen und ein Mädchen. Die beiden waren heute nicht anwesend. Ich bin sehr gespannt darauf, wie der Kontakt mit ihnen sein wird, wenn sie vielleich in den nächsten Tagen erscheinen. Eriks (15?), ein anderer Junge, der sehr dominant ist und dem ich heute morgen als erstes begegnet bin, hat versucht mich unter seine Kontrolle zu bringen. Er wird aber als harmlos eingestuft. Der Kontakt mit ihm hat mich aber schon ganz schön herausgefodert. Eriks hat ganz demonstrativ aus meiner Flasche getrunken ohne zu fragen. Und ich konnte mir daraufhin nicht verkneifen, ihm im Nachhinein noch die Erlaubnis zu erteilen, mein Wasser zu trinken. Außerdem wollte er mir seinen Namen nicht sagen. Und ich hab ihm dann meinen auch nicht gesagt. Und ich fühle mich mit dem kleinen Monster total stark verbunden. Ist das nicht verrückt? Wie kommt das? Bin ich selbst so ein Hammel und erkenne mich grade wieder? Oder gleichen sich unsere Geschichten? Oder kennt man sich aus früheren Leben? Ich bin hier richtig und es ist gut, dass ich hier bin. Das fühle ich ganz tief drin. Und ich werde viel lernen.

Oliver Unger

Hier gehts zum zweiten Teil

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