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Reiseberichte

Vom Friseur zum Entwicklungshelfer Teil 2

Details

Entwicklungshilfe in Nicaragua
Psychologin Yahaira, Betreuer Filadelfo
und Kinder im Jesus Amigos-Zentrum

Das Jesus Amigos-Zentrum

Vom Friseur zum Heilpraktiker für Psychotherapie bis zum Entwicklungshelfer in einem der ärmsten Länder der Erde, dem mittelamerikanischen Staat Nicaragua: Oliver Unger ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen und berichtet für connection in regelmäßigen Abständen von seinen Erfahrungen in einer Einrichtung in Nacaragua, in der es um die Betreuung von Kindern geht, die auf der Straße leben, teilweise kriminell sind und auch Drogen nehmen. Er ist dort vom dem »Projekt Mosaik« hingeschickt worden, einem gemeinnützigen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, internationale Freiwillige in viele verschiedene Organisationen und Projekte in Mittelamerika (Guatemala, Nicaragua, El Salvador) zu vermitteln. Teil 2

Neue Vorschläge

Die Mitarbeiter in dem Zentrum haben mich glaube ich sehr in ihrer Mitte aufgenommen. Obwohl ich sie manchmal aufgrund ihres Dialektes nicht sehr gut verstehe und oft manches drei bis vier mal nachfragen muss. Es scheint fast so, als würden sie sogar ein wenig zu mich aufsehen. Sie sagten, als Außenstehender würde man anders auf die Dinge schauen, als jemand, der immer dabei ist und deswegen wären sie sehr offen für meine Meinung und Vorschläge von mir.

Einen Vorschlag konnte ich bereits machen und bin sehr glücklich darüber, dass er angenommen wurde. Die Therapeutin hat echt Mühe, von den Kindern einfache Informationen über ihre Familie zu bekommen, um sie besser zu verstehen und mit ihnen arbeiten zu können. Wann immer sie nach der Familie fragt (Anzahl der Geschwister usw.) treten bei den Kindern die Verteidigungsmechanismen in Kraft. Sie gehen entweder in Verwirrung, lenken ab oder sind im Widerstand und beantworten die Fragen nicht. Ich habe deswegen vorgeschlagen, mit jedem der Kinder jeden Tag jeweils zehn Minuten »Entladung des Nervensystems" (sprich: Somatic Experiencig Traumatherapie) zu machen. Ich erhoffe mir, dass den Kindern es dadurch leichter fällt, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Außerdem hilft es, die Dissoziationen und Aggressionen in den Griff zu bekommen.

Ich glaube, es kann funktionieren, trotz Sprachbarriere. Das habe ich daran gemerkt, dass wann immer ich sie etwas gefragt habe (nach meinem Stil - manche nennen das von hinten durch die Brust ins Auge), sie gelacht haben und sehr bereitwillig waren, mir das Gefragte mitzuteilen. Vielleicht ist das der Bonus, den man als Neuer hat. Vielleicht ist es aber auch Somatic Experiencing. Außerdem gibt es ja diese zwei angeblich ultra-aggressiven Kinder dort, Ernesto und Carla. Das Team und ich haben heute besprochen, wie man mit der einen, Carla, vorgehen kann. Ich habe Vorgeschlagen, einen Raum zu installieren, wo sie unter Aufsicht mal so richtig schreiben, boxen und fluchen können. Einen Boxsack gibt es sogar schon. In den nächsten Tagen werde ich sehen, was aus meiner Idee wird.

Erste Gruppensitzung

Heute haben wir mit der SE-Traumatherapie angefangen. Ich hatte heute die Möglichkeit in der Gruppe kurze Sitzungen zu geben. Anwesend waren die vier Jugendlichen, die heute gekommen sind, die Betreuer und die Therapeutin Jahaira. Die Jugendlichen sind sehr traumatisiert. Ich habe mit jedem nur ganz kurze Interventionen gemacht (zwischen drei und fünf Minuten), dabei ein wenig erklärt, was ich tue und auf die Phänomene des Nervensystems higewiesen. Das war an manchen Punkten sehr beeindruckend zu beobachten. Ein Junge war heute da, José (15), der alles in sich reinfrisst und irgendwie aggressiv wirkt - aber es nicht ausagiert. Er schaute mich ganz misstrauisch an, als ich mit ihm arbeitete, fast mit "Schlitzaugen". Und als ich ihm erlaubte, in Gedanken alles mit mir zu machen was er wollte, mich zu beschimpfen, zu schlagen oder auch mein Freund zu sein, leuchteten seine Augen für ein paar Sekunden auf und er wirkte erstaunt und entspannt.

Ich selbst habe nach der kurzen Gruppenarbeit fast eineinhalb Stunden gebraucht, um mich davon komplett zu erholen, so heftig ist die frei werdende Energie. Gelungen ist mit das durch den Verzehr einer frisch vom Baum gefallenen Mango und dem Schreiben von Psychologischen Berichten über die Jugendlichen für die Akten. Das ist doch etwas ganz anderes, hier in diesem Umfeld mit diesen äußerst schweren Schicksalen zu arbeiten, als bei uns. Ich glaube, am meisten hauen mich grade die Geschichten von Zenia (29) und von Edgard (16) um, von dem ich weiter oben schonmal kurz erzählt habe.

Zenia wird von ihrer Familie seit jeher wie Luft behandelt. Sie kann sich ins Wohnzmmer zu Hause setzen und Klebstoff schnüffeln und es interessiert niemanden. Sie ist extrem durcheinander, zertreut, dissoziiert und sieht aus wie eine Puppe, deren Augen nach innen gefallen sind. So fühlt sie sich energetisch auch an. Als ich Kontakt zu ihr hatte, lachte sie ganz freundlich und leicht beschämt, aber dann konnte sie anwesend sein. Und Edgard? Seine Mutter hat ihn schon als kleines Kind weggestoßen weil sie ihn nicht wollte. Ebenso sechs seiner 7 Geschwister. Seine Mutter hat ihn im betrunkenen Zustand sogar geschlagen und öfters massiv mit einem Messer verletzt. Vor 8 Jahren, also mit 8, ist er dann abgehauen. Vor eineinhalb Jahren ist sein Vater gestorben, an dem er sehr gehangen hat. Jetzt kommt er nur noch mit einer der Schwestern gut zurecht.

Drogen und Gottvertrauen

Ich kann verstehen, dass die Jugendlichen sich mit Drogen und Alkohol betäuben. Was will man auch tun, wenn einen der Schmerz heim sucht und man keine Möglchkeiten kennen gelernt hat, damit umzugehen? Sie lernen zwar zu beten und Gott zu vertrauen, aber gegen die traumatische Aktivierung im Nervensystem hilft das erst mal nicht. Aber sie lachen und spielen und lernen - fast wie normale Kinder und Jugendliche. Das bringt mich zum Weinen vor Rührung. Und sie nehmen mich total an (angeblich sind sie ja so misstrauisch). Auch das berührt mich. Und wenn ich daran denke, wie das Leben selbst uns verhilft weiterzugehen, wächst sofort mein Vertrauen in Gott und das Leben.

Die Betreuer und Lehrer William und Filadelfo sind wirklich einmalig. Sie sind mit ganzem Herzen dabei und müssen glaube ich sehr sehr oft über ihren eigenen Schatten springen. Sie halten sich sehr im Zaum, auch wenn sie dadurch manchmal nicht ganz authentisch sind. Aber sie sind wirkliche Vorbilder. Sie geben saubere Strukturen vor, sind beharrlich mit der Einhaltung der Hausordnung und sind unendlich geduldig. Diese wunderbaren Jugendlichen sind also auch deshalb so, weil sich das Team und die Freiwilligen, die wie ich ab und zu dort zum Arbeiten herkommen, derart einsetzen. Der Chef, Emmanuel ist noch ganz neu und kann kaum Spanisch. Er spricht Englisch und Französisch, glaube ich. Daher fällt er zwar Entscheidungen, hat aber noch keine wirkliche Anerkennung und Autorität dort. Das macht es manchmal etwas unordentlich, weil er die Dinge noch nicht durchblickt. Das Team muss ihm also quasi beratend zuvorkommen.

Die Therapeutin Jahaira ist noch einigermaßen jung, vielleicht 35. Sie macht meines Erachtens viele Fehler in Kommunikationstechniken, so dass es für mich logisch ist, dass sie nicht mit ihrer Arbeit so voran kommt, wie sie gerne möchte. Was passiert denn bei Dir, wenn dich jemand zwei mal, drei mal das Gleiche fragt und Du möchtest nicht antworten? Entweder bleibst Du stur und antwortest weiterhin nicht oder Du antwortest irgend einen Scheiß, damit der Andere Ruhe gibt. Auf diesem Glatteis rutscht sie ständig aus und ist fast verzweifelt, weil sie die Kids für schwierig hält. Ich halte während der Sitzungen den Mund, es sei denn, sie sagt, dass ich jetzt etwas fragen/sagen soll. Nachdem die Sitzung zu Ende war, konnte ich jedoch schon den einen oder anderen Hinweis geben. Ich hoffe, dass Jahaira das auch gut findet - eigentlich ist es ja nicht mein Job, sie zu verbessern. Jedoch ist sie sehr süß und liebenswert mit den Jugendlichen. Und sie will länger im Zentrum bleiben, dort die psychologischen Studien auf Vordermann bringen und beharrlich weiter machen, um zu helfen. Das finde ich sehr lobenswert!

Mein persönlicher Prozess

Gestern und heute hatte ich frei und habe die Zeit sehr genossen. Meine depressive Verstimmung scheint tatschlich ein Zeichen von Überanstrangung gewesen zu sein, denn sie ist jetzt weg. Als ich heute am Nicaragua-See (das ist der See, an dem unter anderem Granada liegt) saß und so vor mich hin schaute, habe ich darüber nachgedacht, ob es so etwas wie Verbesserung eines Systems, eines Arbeitsablaufes oder Ähnliches überhaupt gibt. Ich kam darauf, weil ich darüber nachgedacht habe, wie Jahaira, die Psychologin mit den Jugendlichen Therapie betreibt. Sie ist schon fast ein Jahr dort und behauptet, dass sie nicht richtig voran gekommen ist. Und wenn ich sehe, auf welche Weise sie mit den Jugendlichen kommuniziert, denke ich: »Klar, kann ja auch nicht gehen.« Und dann denke ich: »Schön und gut ... Dann mach ich, als Kommunikations-Experte, Trauma-Heiler und NLP-Trickser es jetzt für drei Monate besser. Dann kommt Jahaira danach vielleicht besser voran. Und wenn ich wieder weg bin? Auf welche Weise untergrabe ich vielleicht damit Jahairas Autorität? Welche Auswirkungen hat das wiederum auf die Jugendlichen? Kommt Jahaira dann überhaupt noch mit ihnen zurecht, wenn sie 'fortgeschrittener' sind, als jetzt?"

Ich finde, man muss sich über solche Sachen wirklich Gedanken machen. Wir Menschen neigen dazu, immer alles besser zu wissen als andere und wir versuchen dann großzügig anderen zu helfen. Und manchmal geht das gut und manchmal eben nicht. Was wir manchmal aufbauen oder mit anderen teilen, kann eben gelegentlich nicht aufrecht erhalten werden, wenn wir nicht selbst da bleiben und Chef oder geistiger Führer werden. Ob das Gut oder Schlecht ist, weiß ich nicht. Aber es ist einfach so. Nach welchen Kriterien entscheidet man also, ob man in irgend ein System/einen Ablauf/in ein Leben eingreift? Für mich als Familienaufsteller ist diese Frage natürlich besonders interessant, weil ich ja hauptsächlich mit Gruppen-Systemen zu tun habe.

Man könnte jetzt sagen: Die Liebe oder Gott entscheidet. Aber das ist zu einfach. Es kann nämlich nur ein bisschen Gott / ein bisschen Liebe in uns sein. Eben so viel, wie wir zulassen können. Wenn der ganze Gott oder die ganze Liebe in uns wären, würden wir platzen! Also entscheidet das bisschen Liebe und das bisschen Gott, das in uns ist. Aber das beinhaltet auch, dass man sich irren kann. Damit müssen wir leben. Ich traf gestern Wilfredo, Ana Maria und heute José Abraham auf der Straße. Überraschung- sie leben ja dort. Es war schön, sie zu sehen. Und es war schön, dass es ihnen in meinen Augen gut ging. Da fragte ich mich: »Was machen wir mit den Jugendlichen in dem Zentrum? Helfen wir ihnen wirklich, wenn wir sie verändern wollen?« Klar haben sie Schlimmes erlebt. Aber Ana Maria und José Abraham waren auf der Straße genauso wie im Zentrum - offen und lachend. Wissen Emmanuel, Filadelfo, William, Jahaira und ich besser, wie das Leben geht?

Entwicklungshelfer in Nacaragua
5-Jahr-Feier im Jesus Amigos-Zentrum

Hausbesuche

Zur Tagesordnung Montags gehören die Hausbesuche bei den Familien, Angehörigen oder Freunden, bei denen die Jugendlichen aus dem Zentrum wohnen. Ich gehe dabei mit, denn Jahaira legt Wert auf meine Beobachtungen, die ich dort mache. Die Besuche werden hinterher in einem Report festgehalten. Es ist nicht nur ziemlich spannend, die Angehörigen kennen zu lernen, sondern auch eine besondere Arbeit für die Freiwilligen, weil nur wenige in diesen Genuss kommen. Jahaira und ich sind heute durch die Armen- und Barackenviertel der Stadt gegangen. Was ich da gesehen habe, ist nicht für Zartbesaitete geeinget. Die Häuser in diesen Vierteln sind Bretterbuden, Wellblechbuden - allerdings alle mit Fernseher. Außerdem sind die Viertel sehr stark mit Müll verschmutzt, stinken daher auch etwas. Es gibt keine Straßen, nur Wege oder Pfade. Die Menschen sehen nicht sehr viel anders aus, allerdings gibt es manche, die wirklich ausgemergelt sind. Auf Fotos aus diesen Vierteln werde ich die nächste Zeit noch verzichten. Wenn ich mehrmals dort war und die mich kennen, dann schieße ich vielleicht mal ein paar.

Bei den Angehörigen war es sehr nett, wenn auch obskur. Ich habe mir von der Projekt Mosaik-Frau, die mir die Stelle in dem Zentrum vermittelt hat, sagen lassen, dass die Nicaraguaner alle sehr gute Schauspieler seien. Und so ist es auch. Wir kennen ja die Geschichten der Jugendlichen und wenn man die Angehörigen so ansieht, dann schwappt einem eine Welle auf Ignoranz aufgebauter heiler Welt entgegen. Nicht, dass wir das in Deutschland nicht auch hätten ... Aber irgendwie sieht es alles gar nicht so schlimm aus, es wird halt ein bisschen schön geredet oder gar nicht drüber geredet. Die Jugendlichen weisen eben mit ihren Drogen darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Und meines Erchtens ist das auch die einzige Möglichkeit, die sie sehen.

Klebstoff schnüffeln

Ein kleiner Junge, den Jahaira kannte, hat uns heute zufällig begleitet und ich konnte hautnah sehen, wie das Klebstoffschnüffeln von statten geht. Die Schnüffler tragen kleine Einmachgläser mit sich rum, in denen sie Kleber abgefüllt haben. Und alle paar Minuten ziehen sie das Glas aus der Tasche und halten es entweder an die Nase oder an den Mund und saugen den aufsteigenden Duft ein. Der Junge war vielleicht 8 oder 10 Jahre alt und hat sogar mit der Zunge in das Glas geleckt. Das war schon befremdlich anzusehen. Ich habe ihn gebeten, mich auch mal riechen zu lassen, damit ich weiß, was das Zeugs macht und wie es riecht. Ich kann Euch sagen, ich habe fast gebrochen. Ich dachte ja, es riecht wie Uhu oder so. Das ist ja manchmal ganz lecker. Aber sie benutzen anderen Klebstoff, der so ähnlich riecht wie dieser Pattex Universalkleber, dieser gelbliche, dicke Kleber. Der riecht mehr süßlich, ein bisschen nach Benzin. Und das knallt einem echt die Birne weg. Ich hab nur ganz vorsichtig und ganz wenig dran gerochen und mir war sogar schon etwas dämmrig zumute.

Dieses Klebstoff-Schnüffeln machen alle. Und es gehört schon fast zum guten Ton der Straßengangs, so wie das Rauchen bei uns oder das Haare-Färben. Das macht die Sache der Entwöhnung unmöglich. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe geht immer vor! Und wenn du nicht schnüffelst, gehörst du nicht mehr dazu. Das Leben auf der Sraße ist aber sau-gefährlich, wenn du deine Gruppe nicht hast. Also: Entwöhnung? Keine Chance! Außerdem kostet es ja nichts. Die Tuben Kleber kosten vielleicht 1 bis 3 Dollar. Und einmal ins Glas umgefüllt hat man ja auch ein paar Tage was davon. Die andere schlimme Droge, die hier sehr verbreitet ist ist Crack (hier sagen sie Piedra=Stein). Das ist echt ein Teufelszeug und kostet auch nur 50 Cent für 100 Gramm oder so. Davon kann man sich etliche Zigaretten drehen ...

Die Trauma-Therapie-Runde

Heute waren echt ein paar harte Fälle da. In der Trauma-Runde waren die alle total angepisst, weil sie keinen Bock hatten, die Therapie zu machen. Manche sind auch eingeschlafen. Aber ich hatte auch schöne Minuten. Der eine agressive Junge, Ernesto war dabei. Ich habe ihm gesagt, dass ich von den anderen gehört habe, dass er oft agressiv sei. Er hat zugestimmt. Dann habe ich ihn sozusagen aufgefordert, agressiv zu mir zu sein und mich zu beschimpfen oder zu schlagen (die Erlaubnis galt nicht für das Gesicht und die Geschlechtsteile). Diese Idee fand er gar nicht gut. Er hat sich erst abgewendet und dann hat er sich geschämt. Damit habe ich es belassen. Die Trauma-Therapie geht ja in sehr kleinen Schritten vor und das war schon ein relativ großer Schritt: von der Verschlossenheit zur Scham zu kommen ist schon ein Weg. Am Ende des Tages kam er zu mir, hat mir kurz von sich aus von seiner Mutter, von seiner Schwester und seiner Großmutter bei der er lebt erzählt und hat sich ganz freundlich von mir verabschiedet.

Manuel Madrid war einer der anderen Jungs, die heute da waren. Der ist echt etwas seltsam. Niemand weiß, wie alt er ist, nicht einmal er selbst. Er hat mich direkt zu Beginn des Tages um Geld angebettelt. Dann hat er mir an die Hosentasche gegriffen, um zu prüfen, ob da Münzen oder Scheine drin sind. Den ganzen Tag hat er meine Gesten und Bewegungen nachgemacht. Und in der Traumarunde habe ich ihn aufgefordert, dieses Imitieren mal ganz bewusst zu machen. Das hat er abgelehnt. Daraufhin hat er sich auf den Boden gelegt, sich zusammen gerollt und die Augen verschlossen. Auch er hat sich zum Ende des Tages zu mir gesetzt. Dann hat er mich ganz demonstrativ imitiert, aber mit relativ freudlichem Blick so als würde er sagen »Schau mal, jetzt mach ich, was du gesagt hast«. Ich habe daraufhin mitgemacht. Rodolfo ist Alkoholiker und etwa 29. Er war in der Traumarunde sehr abweisend und sagte, das sei super komisch und unangenehm, was ich da mache. Und als wir fertig waren, hat er mich nochmal gefragt, was ich denn da gemacht habe. Er fühle sich so entspannt. Dann habe ich es ihm erklärt und erwähnte, dass diese Arbeit das Nervensystem entlastet. ich muss dazu sagen, dass er weder lesen noch schreiben kann. Aber was ich ihm erklärt habe hat er aufgesogen. Dass er mich verstanden hat, habe ich daran gemerkt, dass er nach meiner Erklärung von seinen Symptomen erzählt hat, die er machmal hat (Krämpfe und Kontraktionen in den Händen) und er verstanden hat, dass das auch etwas mit dem Nervensystem zu tun hat.

Heilsame Gefühle

Ich bin ja wirklich Mittelamerika-Fan. Die Musik, die Menschen, das Obst, das Klima. Alles hier gefällt mir sehr gut und ich fühle mich hier sehr zu Hause (auch wenn die Menschen auf der Straße mich wegen der weißen Hautfarbe anstarren als sei ich von einem anderen Planeten). Irgend ein Teil von mir wollte immer in Mittelamerika leben. Doch das scheint sich tatsächlich verändert zu haben. Heute hatte ich das erste mal den Gedanken: »Okay, diese Zeit ist wirklich vorbei. Wenn ich hier wegfliege und nach Hause nach Deutschland komme, dann bin ich wirklich in Deutschland angekommen.«

»Zu Hause sein« fängt ja schon bei der Sprache an, geht über das Klima bis hin zu Freunden und Klienten, die man gern mag. Ich habe mich immer tief innen drin überflüssig gefühlt. Ich dachte, meine Mutter sei die einzige, die meine Anwesenheit glücklich macht. Mein Kopf wusste schon, dass das nicht stimmt, aber ich habe es nie gefühlt. Heute spüre ich, dass ich einigen Menschen wichtig bin und diese mir auch sehr wichtig sind. Das ist ein neues und sehr heilsames Gefühl. Vielleicht ist es sogar Heimweh. Schön, dass mal wahrzunehmen. Vielleicht heilt meine größte Schwäche ja jetzt auch ein wenig: Dieses ständige »Nicht ganz da sein«, weil mich noch etwas wegzieht. Dieser Sog hat bisher schon wirklich ein paar fiese Konsequenzen gehabt. Wäre schön, mal ganz da zu sein und zu bleiben, ohne den Sog.

Oliver Unger

Hier gehts weiter zu Teil 3

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