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Reiseberichte

Vom Friseur zum Entwicklungshelfer Teil 4

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Entwicklungshilfe in Nicaragua

Strategische Therapie

Vom Friseur zum Heilpraktiker für Psychotherapie bis zum Entwicklungshelfer in einem der ärmsten Länder der Erde, dem mittelamerikanischen Staat Nicaragua: Oliver Unger ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen und berichtet für connection in regelmäßigen Abständen von seinen Erfahrungen in einer Einrichtung in Nacaragua, in der es um die Betreuung von Kindern geht, die auf der Straße leben, teilweise kriminell sind und auch Drogen nehmen. Er ist dort vom dem »Projekt Mosaik« hingeschickt worden, einem gemeinnützigen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, internationale Freiwillige in viele verschiedene Organisationen und Projekte in Mittelamerika (Guatemala, Nicaragua, El Salvador) zu vermitteln. Teil 4

Drogen-Dealer

Seit ich hier in Granada bin treffe ich fast jeden Tag einen freundlichen jungen Mann, der mit seinem Fahrrad die Stadt durchkreuzt. Er grüßt immer sehr nett und als wir so ein bisschen ins Gespräch kamen, sagte er, er würde "verschiedene Sachen" verkaufen. Da ich nichts brauchte, hat mich nicht weiter interessiert, welche "Sachen". Nach ein paar Tagen hatte ich die Idee, ihn zu fragen, welche Sachen. Das hing damit zusammen, dass ich in meinem Haus wo ich wohne keinen Kühlschrank habe. Das ist eigentlich okay für mich. Ich mag sowieso nichts direkt aus dem Kühlschrank essen. Aber da dachte ich auf einmal: Damit das Obst etwas länger hält, wäre so ein kleiner Kühlschrank doch ganz praktisch. Und als ich ihn so danach fragte, antwortete er, er würde "Sachen" verkaufen, die der Entspannung dienen würden, wie Hasch und Marihuana und so Zeugs.
Und da stand ich dann erst mal mit offenem Mund (innerlich). Außen war ich ganz cool, aber ich dachte: Da sind sie wieder meine drei Probleme:
1. Ich arbeite mit Jugendlichen, die dieses Zeug konsumieren und damit ihre Gesundheit und ihr Leben ruinieren.
2. Klassische Suchttherapie "durch zwanghafte Abstinenz" funktioniert sowieso nicht - also lasse ich es bleiben und konzentriere mich mit den Jugendlichen auf das was funktioniert.
3. Eigentlich ist dieser Dealer „ganz nett“ und erzwungene Abstinenz ist sowieso nur von kurzer Dauer - aber was ist mit der Moral? Eigentlich müsste ich ihn anzeigen. Aber bei dieser korrupten Polizei hier ist das sinnlos.
So. Da stehe ich. Erst mal mache ich weiter und meditiere mit diesem Konflikt.

Weitere Widersprüche

Freitag nach der 5-Jähriges-Bestehen-Party des Zentrums gab es doch dieses Gespräch mit den Betreuern und Karla. Sie haben ihr den Ausschluss aus dem Zentrum angedroht und ihr 15 Tage Überwachung (drei Wochen, es zählen die offenen Tage des Zentrums) aufs Auge gedrückt. In diesen 15 Tage darf sie sich keine Fehler erlauben.

Ich hatte beobachtet, dass es ihr nach diesem "Gericht" richtig schlecht ging. Sie hat sich total verschlossen. Und als sie heute ins das Zentrum kam war sie immer noch total mies drauf. Sie antwortete auf keine meiner Fragen. Sie war total abweisend und wirkte misstrauisch. Ich konnte sie gut so lassen. Ich bin einfach normal mit ihr umgegangen. Aber ihr Zustand änderte sich nicht mehr im Laufe des Tages. Ich nehme an, sie "will sich gut und angepasst verhalten" und nicht aus Versehen wieder etwas tun oder sagen, was ihr hinterher zum Verhängnis wird. Dies dient dazu, damit sie in dem Zentrum keine Schwierigkeiten bekommt und weiterhin kommen darf. Aber so, wie sie heute war, ist sie nicht. Außerdem brauche ich für meine Arbeit, dass die Jugendlichen sich trauen, "normal" und sie selbst zu sein. Deswegen erlaube ich ihnen immer ausdrücklich, dass sie einschlafen dürfen, böse Worte sagen und denken dürfen und so weiter. Ich konnte mit Filadelfo darüber reden und ihm sagen, dass ich glaube, dass es gut ist, Struktur zu geben, Regeln aufzustellen, aber dass die Persönlichkeit erhalten bleiben muss. Ich denke, er hat mich verstanden. Aber wie man das genau umsetzt, das weiß ich noch nicht- zumal die Betreuer keine therapeutische Ausbildung haben.

Karlas "Verhalten" hat mich sehr berührt und hat mich sogar an meine eigenen Verletzungen erinnert. In meiner eigenen Zeit als Schüler oder Jugendlicher wurden mir auch Vorschriften gemacht, die einfach nicht zu meinem Charakter passten und die ich auch nicht einhalten konnte. Still sitzen zum Beispiel. Oder mich konzentrieren. Oder was auch immer ... Es werden eben alle über einen Kamm geschert. Es geht vielleicht auch nicht anders.

Abbrechen

Heute hatte ich das erste mal das Gefühl, ich breche die Aktion ab. Das hängt damit zusammen, dass sich die Zusammenarbeit mit den Betreuern zunehmend schlechter für mich anfühlt. Mein Solarplexus platzt förmlich, wenn ich nicht mit den Jugendlichen allein bin. Das ist mein altes Trauma. Ich spüre diese extreme "Unterdrückung", die im Raum schwebt, all das, was nicht sein darf, was nicht ausgesprochen werden darf. Das Gefühl kenne ich sooo gut und bringt mich jedes Mal innerlich zum Zerbersten. Wenn ich mit den Jugendlichen allein bin, z.B. im Garten habe ich das nicht. Ich werde natürlich nicht abbrechen, schließlich möchte ich wissen, ob sich da irgendwann mal eine "Lösung" zeigt. Bisher war Authentizität die Lösung. Diesmal gelingt mir das aufgrund der Sprachbarriere nicht so richtig, so dass ich einfach mit der "Spannung" bleiben muss. Ist ja auch mal eine gute Übung. Als ich im Vorfeld die Stelle auswählte, war da so ein starker Sog hin, dass es offensichtlich die richtige Wahl ist. Und damit gehe ich jetzt weiter.

Hausbesuche

Montags sind ja immer die Hausbesuche dran. Wir waren heute unter Anderem im Haus von Zenias Mutter. Das war schon echt krass. Ich werde das wahrscheinlich aus Respekt niemals fotografieren. Abgesehen, dass alles sehr abgeranzt aussah in diesem düsteren Schuppen, teilweise wirklich dreckig und eklig war, schlafen dann auch noch alle Personen hinter einem Vorhang in einem kleinen Raum, der gleichzeitig das Wohnzimmer ist und direkt an der Straße liegt. Es gab dicke Staubwolken, Dreck und Zigarettenstummel auf dem Boden. Unglaublich. Die hausen "wie die Tiere". Aber Hauptsache alle haben einen fetten Fernseher und einen DVD-Spieler. Diese Gerätschaften findet man wirklich in jedem letzten "Loch" (das ist aber in ganz Mittelamerika so).

Zenias Mutter hat einfach nie Kontrolle über ihre Tochter gehabt, die nun seit mehr als 17 Jahren Drogen nimmt. Deswegen kann Zenia sich die Birne zuknallen, wenn sie ab und zu ihre Mutter besucht. Außerdem konsumiert sie sogar während ihre 8-jährige Tochter Margarita dabei zusieht. Mehrmals dachte ich: Das Leben auf der Straße ist eine echte Alternative zu einem Zuhause, das so ist. Natürlich schließt man auf der Straße keine Türen ab, hat kein Bett und keinen Fernseher. Aber sauberer ist es zummindest. Und Essen kann man sich auch besorgen. Man muss die Zustände wirklich mit dem Maßstab beurteilen, der jeweils vorherrscht. Mit Zuständen in Europa oder denen, die bei den reicheren Nicaraguanern zu finden sind, ist das nicht zu vergleichen. Mein Gefühl ist, dass die Armen auch niemals über ihren Standard hinauswachsen können. Die können sich gar nicht so verdrehen, dass sie sich irgendwann durch Fleiß oder Beharrlichkeit etwas "größeres" erarbeiten. Andererseits: Warum auch? Zenias Mutter wirkte nicht unglücklicher als so mancher "reiche" Klient oder Kunde in Deutschland.

Entwicklungshelfer in Nacaragua

Rodolfo

Rodolfo war heute morgen sturzbesoffen und hatte Marihuana geraucht bevor er ins Zentrum kam. Das hätte ich nicht bemerkt, wenn er sich nicht so komisch bewegt hätte. Er machte ganz zackige Bewegungen. Das ist der so genannte "Rigor", der geschieht, wenn man zu viel Spannung im Nervensystem hat und diese nicht abbauen kann. Ich nehme an, er hat versucht mit den Drogen damit zurechtzukommen. Außerdem hat er total gezittert und seine Lautäußerung war sehr ruckartig, so als würde er ständig von jemand geschüttelt, wenn er spricht.

Er hat mich morgens relativ schnell nach meinem Eintreffen angepöbelt- er hasse meine Traumatherapie und diese "Scheiß-Bewegungen und Berührungen" (O-Ton), die man da immer machen soll. Er käme sich dabei vor wie ein "Schwuler". Erst war ich einen kleinen Moment geschockt, weil ich mit so einer starken Reaktion eigentlich nun nicht mehr gerechnet hatte, was kurzsichtig von mir war. Erst nach ein paar Sekunden habe ich geschnallt, dass er einen Schritt nach vorne gemacht hat. Erinnert Ihr Euch? Er zog sich immer zurück, wenn wir die Trauma-Gruppe machen und kauert sich in die Ecke. Und dann war er gar nicht mehr ansprechbar. Und jetzt hat er sich endlich ausgedrückt! Das ist ein wunderbarer Erfolg.

Ich fragte ihn, was ihm denn besser gefiele. Er antwortete "Eine Prügelei und sich schlagen". Das habe ich erst mal so angenommen. Ich hab' dann erst mal durchgeatmet und nach einer halben Stunde oder so bin ich noch einmal auf ihn zugegangen und habe ihn gefragt, was er denn konsumiert hätte vor seiner Ankunft. Dann hat er mich fest aber freundlich am Arm gepackt und ist mit mir in das Büro für die Einzelsitzungen gegangen. Er hat erzählt, dass er sehr verletzt war, dass seine Mutter und seine Schwester sich nicht für ihn interessieren und nicht einmal zur 5-Jahres-Feier gekommen sind, obwohl er sie eingeladen hat. Als er erzählte wurden die Zuckungen total schlimm und er hat ganz fahrige Bewegungen dabei gemacht. Ich kenne solche Reaktionen des Nervensystems zwar aber nicht in diesen Ausmaßen. Dann hat er wieder auf meine Therapie geschimpft. Er fuhr fort, dass ihm sein Leben "Sch..."-egal sei und zeigte mir seine Narben, die er sich selbst mit dem Messer zugefügt hat.

Ich konnte ihn gut wahrnehmen, als er erzählte und ich konnte sehr präsent mit ihm sein. Ich fragte ihn, was er denn gut fände an seinem Leben? Er hatte keine Antwort. Als ich ihn fragte, wie denn das Zentrum für ihn sei, entspannte er sich sichtlich. Und ich wies ihn darauf hin, dass er so schön zeichnen kann. Auch das liebe er sehr, sagte er und zeigte stolz auf sein Mandala, das er ausgemalt hatte: Außen hellgrün und innen dunkelgrün. Das liebe er. Und dann begann er gefühlvoll zu singen. Das hat mir dann fast das Herz gebrochen. Ich hatte Tränen in den Augen, die ich nicht vor ihm verbarg. Er hat weiter gesungen und als er nach ein paar Sekunden fertig war, beendete ich die Sitzung und bin erst mal in den Garten gegangen, um meiner eigenen Rührung Platz zu geben. Meine Knie haben gezittert, nicht nur, weil dieses Gespräch so bewegend war, sondern auch, weil er wirklich einen riesigen Spannungspegel getragen und abgebaut hat. Das "beeinträchtigt" das Gegenüber auch immer in gewisser Weise.

Bestärken, was geht - abhaken, was nicht geht

Nachmittags in der Traumarunde ist Rodolfo wieder aufgestanden. Ich habe ihn dazu "gezwungen" zu bleiben. Er ist erstmal trotzdem aufgestanden, dann bin ich lauter geworden. Er hat sich daraufhin von und der Gruppe entfernt während er weiter mit Schimpfwörtern um sich geschmissen hat. Innerlich habe ich schnell losgelassen. Mein Ziel war eigentlich ein anderes, als ihn zu zwingen zu bleiben. Ich wollte ihm zeigen, dass er nun mehr und andere Möglichkeiten zur Verfügung hat, als noch vor ein paar Tagen.

Plötzlich drehte er um und kam zurück. Ich habe ihn mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit bedacht, wie es grade möglich war, um seine Entscheidung positiv zu bestärken. Er murrte. Aber als ich ihm klar machte, dass er keine "schwulen" Bewegungen machen müsse und es mir darum ging, dass er bliebe, wurde er ruhig. Außerdem sagte ich ihm, dass genau diese Aggression gegen mich das ist, was ich grade für gut für ihn halte. Ich leitete die Gruppe an, mir zuzusehen, damit sie auf unbewusster und neuronaler Ebene lerne, wie man auch mit Aggression umgehen kann, statt immer direkt draufzuhauen oder jemanden anzuschreien. Dann forderte ich Rodolfo auf, wieder aggressiv zu mir zu sein und er stieg auf das Spielchen ein. Er hat mir sogar zaghaft auf die Brust geboxt, als ich ihn geschubst habe, er sagte, die Nase sei ihm lieber (das haben wir vorher ausgehandelt, dass er das zu meinem Schutze nicht soll).

Die Gruppe schaute anfangs ganz irritiert, fast entsetzt drein und später waren sie ganz fasziniert. Ich erklärte ihnen, dass ich mich verhalte wie ein Baum im Wind. Ich erklärte, ich ginge mit dem Sturm, nicht gegen ihn, während ich meine Wurzeln fest im Boden habe. Rodolfo sagte hinterher zu mir, dass es ihm richtig gut ginge und er entspannt sei. Seine Bewegungen waren dann tatsächlich auch weicher. Filadelfo fragte mich danach um Rat, wie sie mit Rodolfos Rausch-Ausrutscher umgehen sollten. Mein Vorschlag war, die erste Regel zu ergänzen. Sie lautete zuvor: "Ich komme freiwillig ohne Waffen und ohne Drogen." Die neue Variante soll heißen: "Ich komme freiwillig ohne Waffen, ohne Drogen und mit klarem Kopf."

Loslassen ist ... die Hand aufzuhalten

Und ich lerne loszulassen in Bezug darauf, ob die Kids mein Angebot annehmen oder nicht. Auch damit habe ich ein Thema. Ich fühle mich immer schlecht, wenn jemand etwas von mir Angebotenes nicht nehmen möchte. Das ist natürlich Irrsinnn und macht es dem anderen auch nicht grade leichter, meine Leistung für sich zu nutzen. Schließlich biete ich es ja nicht an, um mich besser zu fühlen. Und der andere soll es auch nicht nehmen, damit ICH mich besser fühle. Das ist sehr wichtig. Das wird in diesem Rahmen klarer, als jemals zuvor. Ich bin jetzt noch etwa 10 Wochen hier. Und ich öffne mich so gut es geht für alles, was hier passieren will. Und was nicht geht, das geht nicht.

Die meisten sind nicht so begeistert von der Trauma-Runde. Aber daran, was passiert sehe ich, dass ich damit richtig bin. Und ich sage jedes mal zu ihnen: "Ich bin jetzt drei Monate hier. Das könnt ihr nutzen oder es lassen. Bald bin ich wieder weg und komme vielleicht nie wieder. Was aus eurem Leben wird ist also eure Sache, das bekomme ich gar nicht mit!" Das ist echt eine harte Schule für mich, das so zu sagen, gleichzeitig in Liebe zu sein, mich nicht aufzudrängen, mein Angebot aufrecht zu erhalten und nicht "eingeschnappt" zu sein. Aber genau das ist die Ordnung der Liebe und des Helfens (nach Bert Hellinger).

Rodolfo suspendiert

Rodolfo ist durch Beschluss des Direktors des Zentrums für einen Monat suspendiert, weil er sich gestern so schlecht benommen hat. Ich habe drauf beharrt, dass ich seine Reaktionen sehr heilsam und gut fand und dass seine Reaktionen auf mich bitte nicht der Grund sein dürfen. Das haben sie, glaube ich, verstanden. Es ging ihnen mehr darum, dass er allgemein Unruhe stifte (das stimmt) und sich die anderen Jugendlichen natürlich fragen, warum das bei ihm so durchgeht und bei ihnen nicht. Das ergibt Sinn. Und er war betrunken als er kam. Das ist ja schließlich auch nicht erwünscht und ergibt ebenfalls Sinn. Jetzt soll er darüber nachsinnen, ob ihm das Zentrum etwas nützt oder nicht.

Nicaraguas Bestrebungen der Alphabetisierung

Der Präsident Ortega, der aus Nicaragua grade "heimlich" eine kommunistische Diktatur macht hat auch gute Dinge getan. Er hat 1984 bei seiner ersten Amtsperiode mit Alphabetisierungskampagnen begonnen, die sehr erfolgreich liefen. Die Quote der Analphabeten ist seit Beginn der Kampagne von 50% auf 12,5% gesunken. Dazu werden kostenlose Lehrmaterialien gestellt, die alles "nötige" Wissen vermitteln: Schreiben, Rechnen, Sachkunde, Umweltkunde und so weiter. Wir arbeiten im Zentrum mit diesen Materialien. Am meisten hat mich beeindruckt, dass das erste Heft sich mit dem Thema "Körper und Gesunderhaltung des Körpers" befasst. Darin sind Bilder von Organen enthalten, Beschreibungen von Funktionen und Dysfunktionen der Organe und sogar Beschreibungen von psychischen Erkrankungen (derer es hier viele zu geben scheint).

Interessant ist, dass in keinem der Hefte großartig über die Nachbarländer gesprochen wird. So als gäbe es derer keine. Francisco ist schon sehr weit in seiner Ausbildung mit diesen Heften. Als ich ihn heute fragte, wo Costa Rica ("bekanntes Nachbarland"), Brasilien ("Lieblingsfussballmannschaft") oder die USA ("wo die reichen großzügigen Touristen mit den vielen Dollars in der Tasche herkommen") liegen, konnte er mir das NULL auf der winzigen Weltkarte, die in seinem Heft drin ist zeigen - nicht mal ansatzweise. Die Frage nach "links oder rechts auf der Weltkarte" ging schon nicht. Keinerlei Vorstellung. Und der Junge ist wirklich nicht dumm!

Das gibt mir ein bisschen zu denken. Sind das nicht u.a. die Maschen, die die Politiker anwenden, wenn sie uns manipulieren wollen? Die Verbindung zum eigenen Land extrem stärken und so tun, als wäre "woanders" gar nicht vorhanden / bzw. schlecht? Und dann noch nett verpackt in eine kostenlose, gute Alphabetisierungskampagne, mit der man 50% der Bevölkerung in seine Richtung bewegen kann? Krasse Methoden, finde ich. Eigentlich fehlen nur noch die Fotos von Ortega auf allen Büchern und in allen öffentlichen Gebäuden- so es von Präsident Chavez (sehr unsympathischer Mann) in Venezuela teilweise gemacht wird (das hatte ich da 2006 schon gesehen). Was es in Nicaragua auch noch nicht gibt sind diese Power-Gute-Laune-Werbespots, in denen junge, hübsche Menschen tolle Lieder über ihr Land singen (auch gesehen in Venezuela 2006). Aber das kommt bestimmt noch.

Krankheit und Prozess

Ich bin ja nicht so empfindlich, aber jetzt hat es mich doch mit heftigen Durchfällen erwischt. Und das sogar ganz ordentlich, so dass ich kaum von der Toilette runter komme, ziemliche Bauch- und Gliederschmerzen habe. Ich hatte das schon mal ähnlich, als ich 2003 in der Dominikanischen Republik war, deswegen macht mir die Schwere der Erkrankung keine Sorge. Das werde ich überstehen. Aber es beutelt mich und meine Kräfte doch sehr. Gestern hatte ich zwar weitaus schlimmere Symptome, habe aber gearbeitet. Heute habe ich es nur bis 11 Uhr ausgehalten und habe mich dann gepflegt ins Wochenende verabschiedet.

Ich gebe mir viel Reiki auf den Bauch und spüre, dass dieser Durchfall etwas mit meinem Energiedurchfluss zu tun hat. Das, was ich vor ein paar Tagen im Solarplexus "festgehalten" habe (so dass er gefühlsmäßig platzt), bekommt jetzt tatsächlich mehr Raum. Mein Gefühl ist, dass der Körper und seine Energiekanäle "umgebaut" werden, damit dieser Stau in Zukunft besser abfließen kann. Ich kam auf die Idee, das so zu formulieren, weil ich merke, dass nicht nur mein Bauch weh tut. Mein Herz schmerzt auch sehr, allerdings mehr auf einer "emotionalen" oder Energie-Ebene. Es hat sich sozusagen manifestiert, was vorher nur ab und zu gelungen ist: das Herz zu öffnen.

Diese ganze Reise ist eine Herz-Öffnungs-Reise. Zu Hause hätte ich niemals den Mut gehabt, diesen Prozess zuzulassen. Und ich hätte zu Hause auch nicht die richtige "Schwingung" gehabt. Ganz Granada (vielleicht sogar ganz Nicaragua)schwingt irgendwie in der Herzfrequenz. Das ist in Wuppertal einfach nicht so. Als ich Anfang 2003 in der Dominikanischen Republik die gleiche Erkrankung hatte, hat sich danach auch sehr krass etwas in meinem Leben verändert. Vielleicht ist damals auch schon ein bisschen mein Herz aufgegangen. Die Veränderung hat zwar auch im Außen viel bewirkt, hatte aber hauptsächlich mit einer inneren Haltung etwas zu tun. Ich hatte danach viel mehr Spaß am Leben. Ich hatte das Gefühl ganz 2003 stand unter dem Motto "intensiv im Hier und Jetzt sein". Vielleicht kommt jetzt etwas Ähnliches auf mich zu, das wäre toll.

Außerdem steigen ganz viele alte Bilder in mir hoch. Ich erlebe das wie Alpträume. Ich spüre richtig, wie voll mein Kopf mit altem Müll und widersprüchlichem, beschwerendem Zeug ist. Das macht mich manchmal sehr wütend und manchmal lässt es mich verzweifeln. Gestern Nacht war vor meinem inneren Auge alles ganz unordentlich, vollgestopft. Kein Platz, keine Ästhetik. Und heute erinnerte ich mich an Bilder aus einem Splatter-Horrofilm (mit viel Blut und Äxten und so), den ich in meiner frühen Jugend öfter angeschaut habe. Dann kamen Erinnerungen aus einer sehr intensiven, aber schmerzvollen Beziehung, die ich 2004 vor Firdouz hatte. Nicht umsonst sagt man, dass der Darm auch das "Verdauungsorgan der Seele" ist. Das alte, belastende Zeug befreit sich aus seinen Fesseln und kann jetzt "losgelassen" werden.

Entwicklungshelfer in Nacaragua

Medikamente oder Selbstheilungskräfte?

Filadelfo hat mir jetzt schon mehrfach geraten, einen Arzt aufzusuchen. Ich lehne das ab und bin stur damit, weil ich spüre, dass es hier um was anderes geht. Ich bin aber trotzdem immer wieder entsetzt, wie schnell Menschen Angst haben, der Körper schaffe es nicht allein. (@ Dr. Hertle: Sorry! Liebe Grüße!). Natürlich hat der Organismus hier mit ungewöhnlichen Belastungen zu tun, aber unser Immunsystem ist einfach ein Wunder, wenn man es schalten und walten lässt und nicht immer wieder durch den Einsatz von Chemie ausbremst.

Und ich bin immer wieder auf's Neue müde, mich zu rechtfertigen. Also sage ich nichts dazu. Auch die Versuche, zu erklären, dass ich spüre, dass das schon von allein weggehen wird, stoßen immer wieder (auch zu Hause) auf taube Ohren. Mein Wunsch ist, mehr Menschen zu finden, die nicht zum Arzt gehen, weil sie überzeugt sind von ihren Selbstheilungskräften und ihnen vertrauen. Wenn du also diesen Weg konsequent gehst, so wie ich (ich habe seit 13 Jahren keinerlei Tablette mehr genommen), melde dich bitte zwecks Gründung einer solchen Vereinigung. Ich finde, es wird allgemein viel zu viel mit Medikamenten um sich geschmissen. Wegen jedem Kack wird sofort was genommen. Im Zentrum werden z.B. ganz oft Schmerztabletten vergeben, was ich das Unnötigste überhaupt finde. Was macht Schmerzen so unattraktiv? Sind wir so zerbrechlich, dass wir nicht mal ein bis zwei Tage Schmerzen aushalten können? Na, ja ... wenn man sich schon nicht traut, seine Emotionen zu fühlen, dann will man natürlich auch keinen Schmerz fühlen.

Schreiben üben

Jonathán kann Buchstaben und kurze Worte schreiben. Aber ich erwähnte ja schon, dass er sehr schlecht spricht. Und irgendwie wird mir jetzt der Zusammenhang klar zwischen seiner Art zu sprechen und den Fehlern die er beim Schreiben macht. Es scheint mit seinem Gehör zusammenzuhängen. In einem Buch des NLP-Erfinders Richard Bandler las ich vor einiger Zeit, dass es keine Lernbehinderten gibt, sondern nur Lehrbehinderte. Diesen Ausspruch fand ich wunderbar und wahr. Jonathán ist ein Opfer solcher Lehrbehinderter (also Opfer von uns Betreuern). Ebenso Maria Auxiliadora (="Maria, die Helferin"), die auch "komisch" schreibt und liest.

Gestern und in der Zeit, in der ich heute da war habe ich mit Jonathán ein bisschen schreiben geübt. Und wie geht man normalerweise vor, wenn jemand ein Wort nicht richtig schreibt? Ich habe es so gemacht: Ich habe das Wort gaaaaaanz langsam ausgesprochen, damit er die Laute genau hören kann. Und genau das funktioniert bei ihm NULL. Das Wort "Calcetines" (Socken) habe ich dann gedehnt wie Kaugummi. Schon bei "C" (sprich K) zeigte er in seinem Heft auf den Buchstaben M. Dann habe ich nochmal wiederholt "CCCCC" und er zeigt auf ein B, dann auf ein S. Klar wurde, die Zuordnung vom Laut, den ein Buchstabe beim Sprechen erzeugt und der dazugehörigen Form, die der Buchstabe dann hinterher auf dem Papier hat, gelingt Jonathán auf diese Weise nicht. Er könnte also vom "Hören" von sich aus nicht auf die Idee kommen, wie man das Wort schreibt. Wenn ein Lehrer dann bei solcher Methode bleibt, wird Jonathán nicht schreiben lernen. Im NLP würde man sagen: Jonatháns Zugang geht nicht über den auditiven (hörenden) Kanal. Der auditive Impuls kommt nicht zu visueller Umsetzung. Ich vermute, dass seine schlechte Sprache damit vielleicht zusammenhängt. Die gesamte Umsetzung von Lauten scheint beeinträchtigt. Vielleicht ist der Sektor, der im Gehirn für die Verarbeitung "auditiver" Eindrücke zuständig ist, belastet oder traumatisiert. Mal sehen, was sich da in Bewegung bringen lässt.

Mich hat natürlich interessiert, was denn dann Jonatháns erster Zugang zu einem Buchstaben ist. Und da er immer mit dem Finger auf Buchstaben zeigte, nehme ich an, sein erster Zugang ist "visuell" (über das Auge). Man muss also beim Lehren berücksichtigen, dass er über das Aussehen von Buchstaben lernen kann. Ich werde mal versuchen, daraus eine andere Lehrform zu entwickeln. Vielleicht muss man die Socken einfach malen und das Wort dazu schreiben. Oder aus den einzelnen Buchstaben Bilder machen, damit er die Laute später damit assoziieren kann.

Nachhaltigkeit

Donnerstags haben die Betreuer immer Besprechung. Ich hatte mir im Vorfeld schon Notizen gemacht, damit ich nicht wieder die Hälfte vergesse. Folgende Pläne werden realisiert unter Anderem durch die großzügige Spende eines unserer Ridaya-Kunden. Seine Worte dazu waren: "Tu was Gutes damit". Und ich habe lange drüber nachgedacht, was genau "gut" ist. Die Kinder, die auf der Straße betteln kaufen sich von jedem Centavo, den sie bekommen Drogen. Das Zentrum hingegen sorgt für die Jugendlichen in vielerlei Hinsicht, u.A. für Essen und auch für die medizinische Versorgung. Da das Zentrum sich um etwa 90 Jugendliche kümmert (von denen nicht alle kommen, aber diese sind sozusagen unter der Obhut des Zentrums), dachte ich, wenn man die Quelle nachhaltig speisen kann, ist das sinnvoller, als das Geld für "Einzelfälle" einzusetzen. (@B.V.: Danke sehr! Die Zentrumsleitung war sehr beeindruckt und dankbar!) Das Zentrum wird Samen kaufen und Gemüse in kleinen Beeten anbauen. Außerdem wird es eine Hühnerzucht geben, die sowohl der Fleisch- als auch der Ei-Gewinnung dient. Hühner sind unkompliziert zu halten, kosten wohl kaum Unterhalt und sind in ein paar Wochen "schlachtreif". In ihrer Blütezeit produzieren sie bis zu 2 Eier am Tag.

Damit wird das Zentrum in seiner Versorgung autonomer und die Jugendlichen bekommen gleichzeitig etwas Verantwortung übertragen. Das Grundstück gibt den Platz locker her und wäre damit zumindest etwas besser ausgenutzt. Eine Bananenplantage gibt es im Übrigen schon. Außerdem denkt man darüber nach, aus den hunderten von Mangos, die täglich von den Bäumen herabfallen, Gelee zu machen, diesen zu verkaufen und damit die finanzielle Lage des Zentrums aufzubessern. Desweiteren haben sich die Betreuer damit einverstanden erklärt einige der SE® - und Tief berührt®-Techniken zu lernen, die ich mit den Jugendlichen in der Trauma-Runde mache, um diese Arbeit nach meiner Abreise mit ihnen täglich weiter fortzusetzen. Dazu haben wir jetzt in den folgenden 10 Wochen jeweils an 4 Tagen von 15.00 - 15.30 Zeit. Bruder Emmanuel hat zwar wegen der fehlenden "Arbeitszeit" etwas gemurrt, hat sich aber schnell überzeugen lassen.

Kirche oder Glaube?

Dass Kirche und Glaube zwei unterschiedliche Sachen sind, ist wahrscheinlich jedem Menschen mit einem klaren Verstand bekannt. Ich finde es sehr gut, dass in Nicaragua die Kirche offensichtlich einen gewissen Halt liefert. Özlem hat mir erzählt, dass ihr das in einer gefährlichen Situation das Leben gerettet hat. Sie hat zu dem Täter gesagt: "Du glaubst doch an Jesus, oder? Dann tu das nicht!" Und er hat von ihr abgelassen. Neben dem Bibelunterricht, den Bibelgesprächen, die durchaus nett und gehaltvoll sind, gehen die Jugendlichen immer donnerstags mit Filadelfo in die Kirche zum Santísimo (Besegnung, Gottesdienst). Da war ich diesmal dabei.

Es ist keine offizielle Gottesdienstzeit und deswegen ist die Kirche fast leer gewesen. Wir haben uns in eine Ecke gesetzt und Filadelfo hat über die fünf Mysterien Mariä erzählt. Nach jedem Mysterium haben sie das Vaterunser gebetet und ein Lied gesungen. Das war eigentlich ganz schön. Die Lieder, die hier in der Kirche gesungen werden, kann man auf CD kaufen. Sie sind im Pop-Musik-Stil aufgenommen und hören sich wirklich nett an. Wir haben diese CDs im Zentrum. Das Lied, das ich mit Karla zusammen gesungen habe ist auch so ein christliches Lied.

Auf diese Weise lernt man sie auch. Das fand ich früher, als ich während des Kommunionsunterrichts noch in die Kirche ging immer ganz grauslig, dass ich die Lieder nicht kannte. Alle haben mitgesungen und ich konnte nicht, hätte aber gerne. Ich habe allerdings mal wieder gedacht: "Was der Kirche wirklich fehlt ist der echte Kontakt zu Gott durch die Stille." Da wird die ganze Zeit rezitiert, rezitiert, rezitiert, geredet, erklärt- eine Geschichte nach der anderen und noch ein bisschen Blabla und dann noch Musik und die Hostie und Gaga, dann Amen und Ende-Tschüss. Aber wo ist da Gott? Gott ist in der Stille zwischen den Worten. Gott ist doch kein Konzept oder eine Idee. Und sicherlich braucht es ab und zu Geschichten und Vergleiche, um unseren beschränkten Verstand verlassen und Gott ein bisschen näher kommen zu können. Aber dann muss auch Raum dafür da sein, dass man ihm näher kommen kann.

Dann schaute ich auf die Jesus-Figur, die mir ihre offenen Hände entgegenstreckte. Und ich war sehr gerührt. Ich spüre engen Kontakt zu der Energie und dem Erbe von Jesus Christus. Aber ich dachte: "Was die Gläubigen an Jesus so lieben, sind die Vorstellungen, die sie von ihm haben." Das fängt schon mit dem leidvollen Gesicht an, das sie der Figur gegeben haben. Und dann die offenen Haende. Das heilige lange Haar (im Geschichtsunterricht habe ich gelernt, dass die Männer zu dieser Zeit das Haar kurz geschoren trugen, aber das sieht natürlich langweiliger und weniger dramatisch aus). Hinzu kommen die ganzen fantastischen Geschichten, die sich im Laufe der Jahrhunderte wie Spinnweben um den wirklichen Christus drumherumgelegt haben und seine wahre Lehre verschleiern. Es ist halt alles nach unserem Geschmack.

Wenn der Christus, so wie er damals war, heute in der Kirche predigen würde, was würde geschehen? Ich glaube, er würde die ganze Doppelmoral, die ganze Scheinheiligkeit und den Un-Kontakt zu Gott gnadenlos aufdecken und alle Anwesenden damit auf den Pott setzen. Und alle würden entrüstet aufstehen und schimpfend das Haus verlassen. Warum schreibe ich das hier an dieser Stelle? Ich wünsche mir, abseits von heiligem Blabla, mein Licht, Gottes Licht, das durch mich hindurch scheint, so wie bei jedem anderen auch, mit den Jugendlichen hier zu teilen, ohne dass ich ihnen von ihrer "abscheulichen Schuld" erzählen muss, die sie begehen, wenn sie nicht arbeiten und Kleber inhalieren Ihre Lichter, ihre Herzen kann ich sehen. Das ist sehr erfüllend und erfrischend.

Gabriel und der "neue Wind" in meinem Energiefeld

Aufgrund meiner Ausbildungen und Vorerfahrungen im therapeutischen Bereich interessiert mich sehr, was im Umfeld von Personen, Einrichtungen, Ereignissen geschieht. Dabei kann man zum Beispiel fragen: Welche Personen sind zu welchem Zeitpunkt anwesend und üben welchen Einfluss aus? Wer verlässt wann das Feld und auf welche Weise? Und welche Auswirkungen hat dies wiederum? Darauf bezogen Folgendes: In den letzten Tagen tauchte ein "neuer" Junge im Zentrum auf. Er heißt Gabriel. Er war schon mal da, aber zwischendurch länger nicht. Und jetzt scheint er regelmäßig zu kommen. Ich finde das interessant, was um Gabriel herum passiert, deswegen greife ich das Thema an dieser Stelle gerne auf. Vielleicht kam er zm gleichen Zeitpunkt, wie meine Erkenntis, was der Durchfall grade in mir anzeigt. Gabriel hat nur ein sehtaugliches Auge, das rechte aus seiner Sicht. Das linke ist ganz weiß. Da musste ich mich erst ein wenig dran gewöhnen. Das sieht man bei uns ja nicht so oft. Gabriel ist schon etwas "älter", vielleicht 20 und ein bisschen durchgeknallt. Der Klebstoff eben ... Er hat irgendetwas an sich, was ihn "schwierig zu ertragen macht". Anders als bei den anderen. Dabei redet er nicht mehr oder weniger. Und er benimmt sich auch nicht schlechter oder aufdringlicher oder so. Ich gehe davon aus, dass diese meine Reaktion die Übertragungsreaktion seiner Geschichte und darausfolgenden inneren unbewussten Entscheidungen ist - kurz: seine Verstrickung. Ich schau mir das Thema an und stelle fest:
1. Ich mag nicht alle Jugendlichen gleich.
2. Daher würde ich zur Zeit nicht alle gleich behandeln.
3. Ich möchte einen Weg finden, trotzdem Liebe mit allen gleichermaßen zu teilen. Ich kann das mit ihm noch nicht.

Das ist total spannend für mich. Nicht dass ich das nicht kenne, aber hier befindet sich das Phänomen in einem Rahmen, wo ich es nicht erwartet hätte (=kurzsichtig von mir!). Interessanterweise hat Bruder Emmanuel ebenfalls geäußert, dass er Gabriel nicht mag. Er hat dann noch zugefügt, dass er sowieso besser fände, wenn mehr "jüngere" kämen, weil es einfacher sei, mit ihnen zu arbeiten und sie zu formen. Emmanuel fuhr fort, er habe ihn bei seinem Einkauf auf dem Markt masturbieren gesehen. Als er das erzählte, wirkte er vollkommen entrüstet. Innerlich habe ich ein bisschen gelacht und mich wieder daran erinnert, was ich vor ein paar Tagen geschrieben habe: "Nicht WIR lehren den Jugendlichen die Liebe, sondern SIE UNS (hihi)." Ich habe ihn heute auch auf dem Markt getroffen. Ich habe mir etwas Gemüse für eine Suppe gekauft und er hat mich währenddessen angequatscht. Er hat mir erzählt, wie gut er Fußball und Baseball spielen kann und dass er einmal von einem Spiel eine sehr schwere Verletzung davongetragen habe. Ich habe mich schnell wieder von ihm verabschiedet, weil ich mich noch nicht so fit fühlte und kurzfristig wieder nach Hause wollte. Noch in der gleichen Sekunde hat er sein Glas mit Kleber rausgezogen, sich hingesetzt und inhaliert.

Ich habe das Gefühl, das Auftauchen von Gabriel vertieft grade meinen Prozess. So nah am Konsum und seinen Folgen (die "Aufgedrehtheit") zu sein, erlebe ich grade "bewusster" und ist für mich daher wie "neu". Zudem tauche ich vertieft in folgende Fragen ein: Was habe ich zu geben? Wem gebe ich? Was nehme ich dabei für mich ? Spannend ist vor allem: An welche Bedingungen ist das was ich gebe noch geknüpft bzw. in wie weit ist meine Liebe noch eingeschränkt? Das wird mir viel über mich und meine inneren Beschränkungen zeigen. (Macht das der Erzengel Gabriel auch? Ich weiss nicht genau...) Mitzubekommen, dass in meinem Umfeld die gleichen Vorbehalte sind, wie bei Bruder Emmanuel, triggert bei mir zumindest schon einmal den Gerechtigkeitssinn. Wenn die "Älteren" nicht erwünscht sind, muss man die Regeln ändern und dann müssen sie für alle gelten. In den letzten Tagen habe ich mir innerlich die Frage gestellt: "Hätte ich mich getraut, das gleiche auch in Deutschland auszuprobieren? Drei Monate mit obdachlosen Jugendlichen zu arbeiten zum Beispiel? Und ich bin ganz klar damit: Nein! Ist doch interessant, oder? "Würde ich jetzt die gleiche Arbeit mit dem gleichen Klientel dauerhaft auch in Deutschland machen?" Vielleicht mal ein bis zwei Tage im Monat aber nicht als Haupt- oder Nebenberuf. Dabei liegt es mir sehr, mit "schweren" Fällen zu arbeiten. Ich habe deshalb schon darüber nachgedacht, einen oder zwei Tage im Monat mich um die Strafgefangenen der neuen JVA Ronsdorf zu kümmern. Interessant ist auch, dass Özlem sich ab jetzt erst mal eine Weile weiter im Norden des Landes aufhält. Sie ist nach León gereist, eine Kleinstadt, in der sie einfach weiter chillen möchte. Ich hatte sie in den letzten Tagen fast jeden Tag auf der Straße gesehen und wir hatten zumindest immer ein paar Minuten gequatscht, was immer sehr lösend für mich war. Und jetzt lösen sich meine "Stauungen" wahrscheinlich tatsächlich von allein, so dass sie nach León weiter reisen "darf" und ihre Aufgabe in Granada erfüllt ist.

Den Job in dem Zentrum habe ich übrigens nur durch Özlem überhaupt bekommen. Das Zentrum war bisher nicht unter der Obhut des Projekt Mosaik, unter dessen Fahne ich hierher gekommen bin. Und Özlem hatte vorher ja eigentlich auch andere Jobs, bevor sie in das Zentrum gekommen ist. Das Zentrum hatte sie durch die Jugendlichen kennen gelernt und als sie da war, hatte sie Sabrina, der Frau von ProMosaico gesagt, dass sie mal eine Stellenausschreibung für das Zentrum machen soll- woraufhin ich mich ja noch mal entsprechend umentschieden habe. Özlem spielt in dem ganzen Prozess also echt eine "Schlüsselrolle".

Während ich dies schreibe, freue ich mich besonders darüber, dass die Konzepte, die ich für mein Tief berührt® -System (www.tiefberuehrt.de) in Worte gefasst habe, tatsächlich immer so funktionieren: Bewegung, Berührung und Kommunikation bringen wieder Bewegung, Berührung und Kommunikation. So kommen wir in unserem Bewusstwerdungsprozess Schritt für Schritt voran. Die Begegnung, Kommunikation und Berührung von Özlem und Sabrina hat mich hierherbewegt. Und meine Berührung und Kommunikation mit Özlem hat sie nach León bewegt und die "neue Energie" zu mir, damit das Leben mich jetzt wiederum tiefer berühren kann. Und so geht es immer weiter.

Müllkatastrophe

Heute habe ich mir mal wieder einen Morgenspaziergang gegönnt. Meine Verdauung hat sich irgendwie wieder "normalisiert", auch wenn ich noch alle paar Stunden für einen kurzen Moment krampfartige Schmerzen im Bauch habe. Das fühlt sich aber mehr an wie "Erinnerungsschmerz" und nicht als ob mein Immunsystem wirklich noch kämpft. Deswegen habe ich mich getraut, heute noch einmal die Küste des Nicaragua-Sees hier in Granada zu besuchen. Letztes mal bin ich rechts rum gelaufen, Richtung Süden und dieses mal links Richtung Norden. Ich muss sagen, der See ist eigentlich ganz schön, aber er lädt einfach nicht sehr zum Verweilen ein. Zum einen ist er zumindest hier an dieser Stelle sehr verschmutzt. Die Bewohner der Stadt leiten ihre gesamten Abwässer in den See und das scheint mehr zu sein, als dieser Küstenabschnitt verkraftet.

Zum Anderen sind die Küsten teilweise bewohnt. Das ist für die Bewohner bestimmt schön. Sie haben ihre Hütte direkt am Stand und schauen jeden Tag auf den See. Manche haben es sich wirklich nett gemacht mit Hängematten und so. Fast wie bei Robinson Crusoe. Aber für "Fremde" bleibt da natürlich kein Raum, um sich mal zurückzuziehen und zu chillen. Das Schlimmste ist aber der Müll. An dem Küstenabschnitt, an dem ich heute war ist der gesamte Strand, den ich gesehen habe eine riesige Müllhalde. Man sieht kaum Sand, alles ist mit altem Zeug bedeckt. Alte Kleidung, Plastik in allen Farben, Formen und Konsistenzen, Tablettenverpackungen, Flaschen und und und. Ich habe das mal fotografiert, weil man es sonst nicht glauben kann, wenn man es nicht gesehen hat. Ich bin bestimmt eine halbe Stunde Richtung Norden über diese Müllberge gelaufen. Ich vermute, die gehen erst mal noch eine ganze Weile weiter, obwohl die Stadt schon zu Ende war.

Es ist leider auch übliche Praxis hier, seinen Müll einfach über die Brücke in den Fluss zu werfen. Ich wohne in der nähe einer Brücke, die zwei Namen hat. Wenn man Stadteinwärts fährt, heißt sie Papa-Q und wenn man Stadtauswärts fährt, heißt sie King-By. Es gibt jeweils auf jeder Seite der Brücke ein Schild mit dem entsprechenden Namen. Ist das nicht ulkig? Aber zurück zum Müll. Ich konnte beobachten, wie mancheiner seine Mülltüte einfach die Brücke runtergeworfen hat- und das, obwohl ein paar Meter weiter ein offizieller Container steht, der auch entleert wird.

Auch wenn Yahaira und ich Montags unsere Hausbesuche machen und dafür das Armenviertel "Sabanita" durchkreuzen, müssen wir über einen Fluss. Wir verlassen die Anhöhe der Stadt und steigen dann erst mal über Müllberge hinab zum Fluss. Dann überqueren wir das von Abwassern verseuchte, stinkende Gewässer und steigen dann wieder hoch in die Sabanita. Und dort sind die Straßen ebenfalls mit übriggebliebenen Cola Dosen, Küchenabfällen, alten Textilien, Tüten, CD-Hüllen und dererlei Zeug geflastert.

Ich bin mal wieder entsetzt, wieviel Müll wir so produzieren. Und auch darüber, dass sich die meisten Länder dieser Erde einfach keinen Deut drum kümmern, wie man seine Abfälle vernünftig wieder los wird. Es ist schön und gut, dass wir in Deutschland unseren Müll recyclen und tolle abgasarme Autos fahren. Aber es müssen schon auch andere Staaten mitmachen, sonst gibt das nichts. Ein Film, der wirklich anregend zum Thema Umweltschutz ist, ist "Home". Den kann man im Saturn für ein paar Euro kaufen oder kostenlos bei Youtube (www.youtube.com) ansehen. Zu aufklärenden, faszinierenden, teils erschreckenden Textbeiträgen werden wunderschöne Naturaufnahmen und auch verheerende Bilder von Dysbalancen bzw. Umweltkatastrophen gezeigt. Eine gelungene, wachrüttelnde Zusammenstellung. Ein Muss für jeden, der achtsamer mit dem Thema Umweltschutz umgehen möchte.

Weiteres tiefes Eintauchen

Ich werde ja quasi mehrfach am Tag um Geld angebettelt. Und meistens gehe ich einfach weiter oder winke ab. Die meisten Better setzen das Geld offensichtlich in Drogen um. Deswegen möchte ich nichts geben. Und es sind zu viele, als dass ich jedem etwas zu essen kaufen könnte. Daran habe ich mich weitestgehend gewöhnt. Manchmal laufen einem die Leute auch hinterher und versuchen sozusagen die "scheimige" Tour. Sie reichen einem die Hand oder setzen sich ganz nah zu einem, was ich an sich schon "schweirig" finde. Dann sagen sie: "Ich bin ein guter Mann und du bist doch mein Freund" und so weiter. Dieser Typus sieht oft schon sehr "betrunken" bzw. zugekifft aus. In den letzten Tagen habe ich aufgehört ihnen zuzuhören, weil es mich zu viel Energie gekostet hat, um am Ende festzustellen, dass sie nur an Geld für ihren nächsten Kick interessiert sind. Ich frage jetzt immer: "Was willst du? Geld?" Meistens antworten sie dann ehrlich mit "ja" Und dann schicke ich sie weg. Das tut mir viel besser. Und ich schicke ihnen dann immer noch Reiki hinterher, in der Hoffnung, dass dann das Bestmögliche für sie geschieht. So fühlt es sich gut an. Leider macht mich diese "schleimige Masche" sehr wütend, so dass grade nicht mehr drin ist.

Heute habe ich Francisco auf der Straße getroffen. Er bastelt auch diese Figürchen aus Palmblättern, wie Erick und verkauft sie. Er war auch etwas "weggeblasen". Das war komisch für mich, weil er im Zentrum wirklich fleißig, anständig und treu ist. Er ist ein Junge mit sehr feinstofflicher Energie und ist vielleicht von allen, die dort hinkommen am nächsten dran, einen Job zu bekommen und ein normales Leben zu führen, wenn er sich ein bisschen zusammen nimmt. Und jetzt dieser Kontrast. Ich wusste ja, dass er konsumiert- da macht er ja auch keinen Hehl draus, aber zu sehen, wie er dann ist war doch nochmal anders. In dem Moment hatte ich meine Gefühle zum Glück "abgeschaltet", so dass es mich nicht allzu sehr umgehauen hat.

Strategische Therapie

In den letzten Tagen gehe ich mit verschiedenen therapeutisch wirkenden Ideen schwanger. Bald möchte ich damit beginnen, dass die Jugenlichen zu mir sagen: "Du bist meine Droge". Aber dafür brauche ich noch mehr "Vertrauen" ihrerseits. Und ich muss im Energiefeld noch etwas mehr Bewegung haben. Ich warte quasi drauf. Dann lege ich damit los. Solche Spiele sin sehr kraftvoll. Sie schütteln das Unterbewusste sehr durch und bringen viel altes Zeugs ans Licht. Dann hatte ich die Inspiration, mir auch ein Glas anzuschaffen, so wie die Schnüffler es benutzen. Es ist so ein kleines Marmeladenglas. Und ich dachte, ich setze mich dann irgendwann kurz vor Schluss der Nicaragua-Aktion, vielleicht Mitte August mit dem Glas auf die Straße, wo sie mich damit finden können. Da ich da selbstverständlich keinen Kleber reinfülle, muss ich mir überlegen, was genau so aussieht, aber angenehmer riecht und ich dachte an Bananenbrei. Mit Limone versetzt hält er normalerweise die Farbe. Und es riecht super! Mal gucken.

Als ich Özlem von dieser Idee erzählt habe, hat sie sofort verstanden, was ich damit bewirken möchte, obwohl sie keine Therapeutin ist und ich ihr keine Erklärung abgegeben habe. Sie meinte, das wäre total schockierend für die Jugendlichen, aber es würde sie "aufwecken". Ich denke, dieses Wachrütteln funktioniert wahrscheinlich nur bei denen, die mich dann auch wirklich schätzen und mögen. Aber egal! Wenn es nur einen einzigen berührt (vielleicht Francisco), dann reicht das ja schon dicke aus.

Giorgio Nardone nennt solche Aktionen übrigens "Strategische Therapie". Das ist total effektiv, wenn es gut durchdacht ist und wirkt ganz schnell und nachhaltig. Er schreibt darüber in seinem Buch, das den Titel "Pirhouetten im Supermarkt" trägt. Das ist ein sehr lustiges Buch über Einzelfälle, in denen er mit dieser Therapie Menschen aus extremen psychischen Schwierigkeiten geholfen hat. Hier ein Beispiel, das mich sehr beeindruckt hat: Nardone hatte einen Patienten, der eine Psychose hatte. Jemand, der eine Psychose hat ist "verrückt" und weiß es nicht einmal. Der Patient bekam immer Anweisungen von einer Stimme, die er aus Steckdosen heraus hörte. Aber in der Therapie konnte Nardone mit ihm nicht vernünftig arbeiten. Also beschloss er, in die Steckdosen seines Wartezimmers kleine Lautsprecher einzubauen, durch die er dann mit dem Klienten sprechen und seine Therapie machen konnte, während dieser gewartet und Nardones Anweisungen gelauscht hat. Einfach Genial!

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Oliver Unger

   
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