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Reiseberichte

Vom Friseur zum Entwicklungshelfer Teil 5

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Entwicklungshilfe in Nicaragua
Diese Zeichnung stammt von Zenia

Die harte Schule des Lebens

Vom Friseur zum Heilpraktiker für Psychotherapie bis zum Entwicklungshelfer in einem der ärmsten Länder der Erde, dem mittelamerikanischen Staat Nicaragua: Oliver Unger ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen und berichtet für connection in regelmäßigen Abständen von seinen Erfahrungen in einer Einrichtung in Nacaragua, in der es um die Betreuung von Kindern geht, die auf der Straße leben, teilweise kriminell sind und auch Drogen nehmen. Er ist dort vom dem »Projekt Mosaik« hingeschickt worden, einem gemeinnützigen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, internationale Freiwillige in viele verschiedene Organisationen und Projekte in Mittelamerika (Guatemala, Nicaragua, El Salvador) zu vermitteln. Teil 5

Der Rückfall von Edgard

Heute stand plötzlich Edgard vor der Eingangspforte des Zentrums, als ich meine Trauma-Gruppe gemacht habe. Ich hörte nur, wie Yahaira das aussprach, habe ihn aber nicht gesehen. Ein Betreuer ist hingegangen und hat mit ihm gesprochen. Eine Sekunde habe ich mich gefreut, dass er wieder ins Zentrum kommen möchte, weil er so niedlich ist. Und dann wurde mir erst das Ausmaß dieser Katastrophe bewusst. Wenn er jetzt wieder bei uns anklopft bedeutet das, dass es Stress in seinem neuen Heim gibt. Yahaira erzählte mir nach der Trauma-Gruppe, er sei von dort abgehauen. Er wäre wieder schmutzig gewesen, lebe also wieder auf der Straße. Dabei hatten wir gedacht, das gibt wirklich was mit seiner "Pflegemutter" und seinem neuen Umfeld dort. Also ist seine Rehabilitation erstmal wieder auf Eis gelegt. Schade.

Aber so ist das einfach. Wenn jemand eine so harte Geschichte mitbringt, dann ist eben nicht von heute auf morgen alles rosa. Ihr erinnert Euch: Seine Mutter hat ihn als Kind immer schon weggestoßen und ihn sogar mehrfach mit dem Messer attackiert. Als Betreuer und Therapeuten haben wir hier eine echte Schule für "Absichtslosigkeit". Rennt man andauernd dem Ziel hinterher, die Jungs und Mädels zu erzogenen abstinenten, gläubigen Mitbürgern zu machen, muss man wahrscheinlich immer wieder mit solchen Rückschlägen rechnen. Und dann verletzen einen die Rückschläge, bzw. man verletzt sich selbst, weil man glaubt, man habe "versagt".

Lernen mit Knete: Jonathán

Ich habe heute meinen Plan umgesetzt, mit Jonathán (20) mit Knete zu lernen. Das war schon mal der Testlauf und die Vorbereitung für das Lernen mit Maria Auxiliadora. Jonathán hat Schwierigkeiten, Gehörtes in Buchstaben (also Bilder) umzuformen und ich dachte mir, lass ihn doch mal die Buchstaben "fühlen". Er hat vor dem Schreiben die Worte mit Knete geformt und was erstaunlich war, dass er die Laute der Buchstaben sofort besser umgesetzt hat. Chakka! Vorher (also nur mit dem Stift allein) konnte er sich nicht vorstellen, welchen Buchstaben der Laut "sss" oder "rrr" hat. Aber mit der Knete ging das. Das hier ist so niedlich: Wenn es ein Wort gibt, das den Laut "s" enthält, passiert immer das Gleiche. Er zeigt auf ein c in seinem Heft (klingt in manchen Worten auch wie "s") und wenn ich dann sage "nein", dann zeigt er auf ein "s" und sagt: "s - Schlange!" Wenn ich dann nicke, grinst er zischend, freut sich und guckt stolz, als hätte er ein TicTacToe gewonnen. Dann greift er zum Stift und schreibt "s".

Es gibt nur einen Haken an der Sache. Sie funktioniert hervorragend, aber Jonathán ist das egal. Er macht lieber Gewohntes, das nichts bringt als etwas Neues, das besser funktioniert. Das ist typisch für die Anfass-Lern-Typen (zumindest für die, die ich beobachtet habe). Und die Betreuer sagten zu mir: "Der kann lesen und schreiben, er will nur nicht". Mit solch einem "inkompetenten" Rückhalt sehe ich keine Chance, dass mit der Technik weiter gearbeitet wird und Jonathán dann doch mal vernünftig lesen und schreiben lernt. Aber ich habe ja noch ein paar Wochen ... Und ich sage mir jeden Tag: "Okay, ich lege hier nur Samen hin. Und die gehen auf oder nicht. Den Rest bestimmt der liebe Gott." Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, wie es mir damit manchmal geht. Außerdem falle ich selbst immer wieder drauf rein, Jonathán Laute vorzumachen. Aber das ist ja genau das, was nicht geht. Man ist ja so festgefahren - unglaublich!

Übertragungsreaktionen

Übertragungsreaktion bedeutet, dass das Umfeld einer Person fühlt und ausagiert, was die betreffende Person, die "überträgt", sich selbst nicht gestattet auszuagieren oder zu fühlen oder sich dessen nicht bewusst ist. Solche Übertragungsreaktionen finden ständig und in allen Situationen des Lebens statt. Wir fühlen, was im anderen fehlt und umgekehrt. Entsprechend dem Stand der vorangegangenen Sensibilisierung ist einem dieser Vorgang bewusst, halbbewusst oder ganz unbewusst. Die Übertragungsreaktion, unter der die Betreuer meines Erachtens "leiden" ist die "Hoffnungslosigkeit", die die Jugendlichen auch haben. Und so lange die Betreuer insgeheim das Gleiche fühlen, wie die Jugendlichen, brauchen sie sich tatsächlich nicht anzustrengen und den Jungs und Mädels Hoffnung machen - diese Anstrengungen entspringen keiner authentischen Quelle und zünden daher in ihren Schützlingen nicht. Manchmal spüre ich die Übertragung auch und der Sog ist echt hart. Aber ich arbeite täglich mit diesem Phänomen und es liegt im Hauptfokus meiner Tätigkeit, deswegen habe ich es vielleicht etwas leichter es differenziert wahrzunehmen und dem eben nicht auf den Leim zu gehen.

Ich habe ja die Zusage mit den Betreuern zu arbeiten, sie für die Übertragungsreaktionen zu sensibilisieren, auszubilden etc., damit meine Arbeit weiter geführt werden kann, wenn ich weg bin. Und ich warte quasi auf den energetischen Startschuss. Die Arbeit passiert jedoch schon, aber sie bleibt noch auf der Energieebene. Wir haben uns also noch nicht "körperlich" zusammen gesetzt, auch wenn wir schon zwei Gelegenheiten gehabt hätten (Montag und heute Nachmittag). Yahaira, William und Filadelfo sind aber schon in meinem "Feld" und ich arbeite schon mit ihnen auf einer anderen Ebene. Das hat heute ganz schön "geflirrt". Mein ganzes System war den ganzen Tag zittrig. Ich konnte kaum aus den Augen gucken und konnte mich kaum "normal" bewegen. Die Glieder waren schwer und über alle Maßen voll von Trauma-Energie, die sich entladen hat. Das war wahrscheinlich die "energetische" Vorbereitung auf die Arbeit mit den Betreuern. Ist nur so eine Vermutung.

Weitere Samen legen

Ich glaube sehr an das Potenzial von Francisco (16). Ich habe ihn gestern mal so nebenbei gefragt, ob er sich vorstellen kann, in dem Zentrum mal als Betreuer zu arbeiten. Da haben seine Augen geleuchtet und er hat auch mit Worten "ja" geantwortet. Heute habe ich ihm angeboten, ihm das Heilen mit den Händen beizubringen. Ich denke daran, ihn in den ersten Reiki-Grad einzuweihen. Ich habe ihm gesagt, dass er damit auch Geld verdienen kann, das fand er natürlich spannend. Aber ich habe auch gesagt, dass er dafür jeden Tag üben muss und wahrscheinlich erst nach fünf bis zehn Jahren wirklich so gut darin sei, dass er dafür Geld nehmen könne. Vorerst müsse er mit seinen Freunden üben üben üben.

Ist das fiese Missionsarbeit? Oder muss man manchmal Tricks und Manipulation anwenden, damit Samen gedeihen können? Ich meine: man muss den Samen erst sähen. Das ist schon die erste Manipulation. Woher weiss ich denn, ob Gott den Samen auch dorthin gelegt hätte der woanders hin? Dann muss ich ihn gießen. Wer weiß schon, ob es nicht besser gewesen wäre, auf den natürlichen Regen zu warten? Dann muss ich den Boden lockern, düngen, Unkraut jäten. Oder ist es besser, wenn man alles sich selbst überlässt? Wir werden es nie erfahren. Deswegen wird sich die Frage nach dem Sinn und Unsinn von Manipulation niemals vollständig klären. Da sich mein Plan gut anfühlt und er ja die Wahl hat (ich werde ihn nicht "zwangseinweihen", auch wenn ich das gerne würde), gehe ich mal weiter damit. Meine Vorstellung ist, dass er seine Begabung und sein Talent tatsächlich nutzen kann und möchte. Er kann "Seinesgleichen" viel leichter erreichen als wir "tollen vernünftigen Erwachsenen".

Trauma-Runde

Keine Angst, ich werde nicht von jeder Trauma-Runde erzählen. Aber die, die einen spirituellen Wert haben, den ich gerne teilen möchte, möchte ich gerne hier ausführen. Die heutige war eine solche. Als ich beginnen wollte, hat mich José Abraham (der Bruder von Francisco, 15) gepiesakt, ich solle von meinem Leben erzählen. Und ich nahm das zum Anlass. Ich fragte in die Runde, was sie glauben, welche Droge ich nähme? "Frauen" (hihi), "Alkohol", "Zigaretten" waren die Antworten. Und ich sagte immer: "Nein, ratet weiter!". Nach einer Weile löste ich das Rätsel und sprach: "Meine Droge ist das Bewusstsein." Sie haben ganz gebannt zugehört. Ich erzählte, dass es in meiner Familie durchaus üblich war (und ist), Alkohol zu trinken, zu rauchen, schlechtes Essen zu sich zu nehmen, viel fernzusehen. Und ich sagte, dass ich all dies nie gemacht habe, weil ich das "Bewusstsein" als meinen Kick hatte.

Dann haben wir eine Übung gemacht. Auch die Betreuer haben sie mitgemacht. Mach sie auch, wenn Du willst. Wir haben die linke und die rechte Hand mit der Handfläche nach oben jeweils links und rechts weggehalten. Auf die linke Hand haben wir vor unserem inneren Auge uns selbst erscheinen lassen, unsere Seele, unser Herz, unser gesamtes Sein. Und auf der rechten Hand hat jeder für sich in seiner Vorstellung seine Droge "platziert", den Alkohol, den Sex, die Zigaretten, den Kleber- was auch immer stimmte. Und dann haben wir ganz langsam die Hände zur Mitte und damit zusammen geführt und beobachtet, was die Droge mit einem macht, wenn sie sich einem nähert. Die meisten sind müde geworden. Andere hungrig. Wieder andere schämten sich. Ich sagte: "Das ist Bewusstsein: Kennenlernen, was die Droge macht. Ich würde niemals sagen, verlasse deine Droge oder zwing dich damit aufzuhören. Aber nimm sie mit Bewusstsein, so wie jetzt." Dann haben wir die Hände zu unseren Herzen geführt. Ich habe dazu erklärt, dass das Herz eine Eigenschaft hat, die wir allein nicht aufbringen: Es kann uns den Weg zeigen.

Entwicklungshelfer in Nacaragua
Diese Zeichnung ist von Karla

Das Zentrum

Angeregt durch eine Leserin dieses Blogs habe ich heute mal recherchiert, wie das Zentrum eigentlich offiziell seine Aufgaben und Ziele definiert. Ich habe dazu auch eine Homepage gefunden: www.centrojesusamigo.com. Dort ist auch ein deutsches Konto für Spenden angegeben. Jesús Amigo steht unter kirchlicher Obhut und wird finanziert aus Mitteln der Diözese Granada und aus Spenden.

Entstanden war die Idee für dieses Projekt bereits im Jahr 2000. Die Schwestern des Ordens „San Vincente de Paul“ entschlossen sich ein Projekt für die Straßenkinder und jugendlichen Drogenabhängigen der Stadt Granada in Nicaragua aufzubauen. Unter Leitung der Schwester Maria Mercedes Rodríguez wurde in der Nähe des Parque Central in Granada ein Zentrum eingerichtet, in dem an jedem Samstag alle Straßenkinder zu Mittag essen konnten. Das Zentrum im Stadtkern Granadas wurde in den nachfolgenden Jahren von verschiedenen Priestern und nicaraguanischen Freiwilligen der Diözese Granadas weitergeführt. Im Jahre 2005 beschloss der deutsche Bischof der Diözese Granada Bernhard Hombach, das Zentrum und seinen Zweck zu reanimieren. Mit finanzieller Unterstützung des belgischen Anthropologieprofessors und Geistlichen Valeer Neckebrouck wurde 2005 ein neues Zentrum in der Straße „El Caimito“ gebaut, dessen Inneneinrichtung mit einem einmaligen Zuschuss der Deutschen Botschaft finanziert wurde. Das „Centro Jesús Amigo“ in Granada wurde mit einer Weihnachtsfeier am 23. Dezember 2005 in Betrieb genommen und am 12. Juni 2006 in Anwesenheit des Bischofs und des deutschen Botschafters Gregor Köbels offiziell eingeweiht.

Das „Centro Jesús Amigo“ richtet sich an drogenabhängige Kinder und Jugendliche im Alter von 10-24 Jahren aus ganz Nicaragua. Das Projekt wurde, um seinen Erfolg sicherzustellen, sehr klein gehalten und betreut nur ca. 20 Personen.
Programminhalt derzeit

1. Essen (Mittag- und Abendessen)
2. Körperpflege
3. Medizinische Versorgung (Erstversorgung, Medikamente, Zahnarzt, Krankenhausaufenthalte),Es gibt zwar keinen Allgemeinarzt im "Haus", aber die Diözese übernimmt die Kosten von Arztbesuchen und Medikamenten. Bruder Emmanuel ist Psychiater und kann Rezepte ausstellen.
4. Psychologische Betreuung (Einzeltherapie), sowie statistische Arbeit. Es wird erfasst, wieviele Kinder und Jugendliche auf der Strasse leben, wo diese herkommen, unter welchen Bedingungen sie in ihrem ehemaligen Zuhause gelebt haben und so weiter.
5. Alphabetisierung (Spanisch, Mathe, Religion, Heimatkunde, Sexualunterricht, Werte und gutes Benehmen)
6. Sport (Fußball, Baseball)
7. Gartenarbeit
8. Kontakt zu Jugendamt, Kirchlichen Gruppen, Polizei, Gefängnis, Stadtverwaltung, Schulen, Universitäten
9. Zusammenarbeit mit anderen Organisationen: Kinderheimen, Häuser für Frauen, Rehabilitationszentren
10. Besuch der Familien


Harte Schule der Selbsterkanntnis mit Francisco

Francisco liefert mir grade wirklich eine harte Schule. Als ich ihm anbot, ihm Reiki beizubringen, ist in seinem höheren Selbst die Entscheidung gefallen. Heute fragte er mich, wann ich es ihm zeigen würde und ich sagte:"Jederzeit, wann du willst." Und just in diesem Moment hat er sich energetisch wieder soweit zurückgezogen, dass es nicht möglich war, zu beginnen. Aber in mir hat es einige Energiebewegungen in diesem Augenblick gegeben, so dass ich spüre, dass auf einer höheren Ebene schon etwas passiert. Den Nachmittag hat er vollkommen depressiv verbracht. Das sind erste Folge-Erscheinungen seiner Entscheidung und unseres gemeinsamen Weges.

Heute Abend habe ich ihn auf der Straße wieder "zugekifft" gesehen. Das tut richtig weh. Tagsüber ist er so präsent, so offen, so weich und abends ist er quasi "weg". Sehr schmerzhaft für mich, dieser Wandel. Ich dachte aber auch: Ach, so ist das mit mir für die anderen, wenn ich manchmal plötzlich nicht mehr "anwesend" bin. Ich nehme dafür zwar keine Drogen ein, aber der Prozess ist der gleiche: irgend etwas zieht mich innerlich weg. Und dann fällt irgendwie alles in sich zusammen, was ich vorher "aufgebaut" habe. Manchmal habe ich das daran gesehen, dass sich Teilnehmer für Veranstaltungn an- und wieder abgemeldet haben. Und als ich dann geprüft habe: "Wie präsent bin ich gerade?" musste ich leider zugeben, dass mich mal wieder etwas weggezogen hatte. Okay. Tagsüber lernt Francisco von mir und abends lerne ich von ihm. Ist doch ein fairer Tausch!

Karla

Ich hatte die Inspiration, Karla (22) das gleiche Angebot zu machen wie Francisco, ahnte aber, dass das "schwieriger" wird. Ich habe es ihr heute einfach gesagt. Ich habe erklärt, dass ich sie für talentiert halte und es ihr deswegen anbiete. Sie muss aber entscheiden, ob sie das möchte. Sie wirkte irritiert. Sie schaute mich an und sagte: "Ich verstehe das nicht, was das ist." Sie meinte aber: "Ich bin grad überfordert mit dem Angebot, lass uns ein anderes mal nochmal reden." Darauf habe ich reagiert.

Edgard

Edgard ist heute tatsächlich wieder als "Klient" im Zentrum gewesen. Wir haben nicht viel mit ihm gesprochen, deswegen wissen wir noch nicht, was vorgefallen ist bzw. was ihn bewogen hat, sein neues (jetzt ehemaliges) Heim zu verlassen. Er war aber wieder allerliebst anzusehen. Yahaira war total angesickt, als sie regisitriert hatte, dass er wohl tatsächlich wieder auf der Straße sitzt. Ich habe sie etwas dazu gefragt und sie hat mich voll angepöbelt. Sie hat mich aber gar nicht gemeint, sondern ihren Frust damit rausgelassen. Ich habe ihr meine Enttäuschung ebenfalls mitgeteilt. Das hat Filedelfo gehört und hat mich gefragt, ob Psychotherpapeuten tatsächlich auch mal enttäuscht sein können. Das war zwar eine seltsame Frage, fühlte sich aber ernst gemeint an. Ich habe ihm geantwortet, dass wir auch Menschen sind.

Sucht, Glaube und Heilung

Ich habe ihm weiter erklärt, dass die Arbeit mit Süchtigen einfach sehr langwierig und kompliziert sein kann und wenig Chance auf "Erfolge" in Bezug auf Abstinenz hat. Er kennt allerdings einige Beispiele, bei denen es anders war. Diese Menschen, von denen er erzählte, seien mit der Hilfe Gottes von ihrer Sucht weggekommen. Er hat mich zu einem Treffen dieser ehemaligen Süchtigen eingeladen. Das werden wir wahrscheinlich kommende Woche gemeinsam in Anspruch nehmen. Ihn interessiert, was ich dazu sage.

Grundsätzlich glaube ich, dass der Glaube bzw. die Anbindung an etwas Höheres die einzige wirkliche Heilung von Sucht darstellt. So ist das Thema an sich gestrickt. Es kann eigentlich keine andere Möglichkeit geben. Alles andere sind Zwischenstufen, in denen es zwar Abstinenz gibt, es aber zu Rückfällen kommt. Daher denke ich, Filadelfo hat recht. Und gleichzeitig sehe ich, dass viele Menschen, die glauben, dass sie glauben nicht glauben, sondern in ihre Konzepte verliebt sind. Das schrieb ich weiter oben bereits. Das ist nur ein anderes zwanghaftes Verhalten und somit eine neuerliche Sucht (nämlich nach einem Verhalten oder einem Konzept) - keine Heilung.

Filadelfo hat laut eigenen Angaben selber in jungen Jahren, während seines Studiums heftige Suchtexzesse hinter sich: Alkohol und Zigarren. Und nach seinen Worten habe er durch Gott den Weg gefunden. Er fühlt sich geheilt und sagt, er könne ab und zu mal einen trinken und es würde keine Probleme geben. Das wäre tatsächlich ein Indiz für Heilung. Ich beobachte aber auch, dass er sich "zusammenreisst". Innendrin tobt ein Vulkan. Aber die Kruste ist sehr fest, undurchlässig. Nur manchmal sieht man die Glut durchschimmern. Das lässt mich kritisch auf seine Ausführungen schauen.

Treffen zur Prävention von sexueller Ausbeutung Minderjähriger

Heute war ich auf Anraten meiner Projekt-Betreuerin Sabrina auf einem Treffen eines Netzwerks, das gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern arbeitet. In Nicaragua gibt es tatsächlich so etwas wie organisierten Sextourismus, der "Kinder verkauft". Ich hab es nicht glauben wollen, aber es ist wahr. Bestimmte Hotels und Absteigen unterstützen diese Arbeit sogar, obwohl auch hier der Verkehr mit Minderjährgen verboten ist. Ich konnte teilweise meinen Ohren erst nicht trauen bei dieser Versammlung und musste zwei mal hinhören: Die Polizei und das Ministerium für familiäre Angelegenheiten kümmert das nämlich gar nicht, was da passiert. Die Promotoren des Netzwerks haben erzählt, dass sie versucht haben, Einzelfälle zur Anzeige zu bringen und dass das nicht funktioniert hat. Das ist echt krass. Die Frauen des Netzwerks versuchen durch Arbeit in den betreffenden Familien, Aufklärung und Recherche sozusagen ohne staatlichen Rückhalt, etwas zu bewegen. Sehr mutig und sehr tapfer!

Ich erinnere noch mal daran, dass die Abtreibung hier per Gesetz in jedem Fall, ausnahmslos verboten ist. Dazu zählen auch Abtreibungen von Schwangerschaften, die aus Vergewaltigungen oder sexueller Ausbeutung entstanden sind und die vorzeitige Beendigung von Risikoschwangerschaften. Das ist hier echt ein steiniger Acker! Den Betreuern des Zentrums Jesus Amigo, in dem ich bin, geht es bei ihrer Arbeit ähnlich. Als ich ihnen erzählt habe, welche Probleme das Netzwerk hat, hat mir die Köchin Rosa davon berichtet, wie es den Betreuern ergeht, wenn sie Amtsgänge erledigen oder die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen müssen. Allesamt, Männer wie Frauen werden von den Beamten total missachtet und unfreundlich behandelt. Rosa sagte, es habe gar keinen Sinn, sich mit Familienthemen an diese Stellen zu wenden. Die Ämter sind nur arbeitswillig, wenn sie einen Eigennutz davon haben, meinte sie. Zum Beispiel, wenn die Beamten dadurch in ihrer Laufbahn aufsteigen oder Geld dabei in ihre eigenen Taschen fließen kann und dergleichen.

Die Herren mit den Schlagstöcken werden nicht mal aktiv, wenn sie Drogenhandel beobachten, meint Rosa. Das kenne ich aus Venezuela und Mexico. Da sitzen die großen Chefs der Straße auf ihren Motorrädern und haben natürlich ihre Augen mit angsteinflößenden schwarzen Sonnenbrillen bedeckt. Um sie herum klimpert es nur so von Metall: Pistolen, Ketten, Handschellen und so weiter (das ist hier nicht so stark ausgeprägt). Und dann sitzen sie halt den ganzen Tag so auf ihren dicken Maschinen rum. Eingreifen tun sie nur, wenn sie ahnen, dass es ein Delikt gibt, bei dem einer oder beide der Beteiligten "Verbrecher" sie mit Geld "bestechen" könnte.

Mutmasslicher Eigennutz der Polizei

In Granada gibt es die Touristen-Straße "Calzada", in der sich viele Lokale befinden. Das ist die Straße, die vom Central-Park zum See führt und die ich auf den ersten Fotos dieses Reisebereichts fotografiert hatte. Die Calzada ist für die Straßenkinder bisher immer ein wichtiger Ort gewesen, weil es dor Touristen gab, die den Kindern dort Geld gegeben oder ihre Produkte gekauft haben, die sie angepriesen haben. Neuerlich vertreibt die Polizei die Jugendlichen von der Calzada. Francisco hat es uns erzählt. Die Beamten setzen dazu meist überflüssige Gewalt ein. Sie schlagen die Jugendlichen. Ich denke, sie wollen sie nicht nur vertreiben, sondern auch einschüchtern. Angeblich geschehe dies zum Schutze der Touristen, was ein nachvollziehbares Motiv ist. Viele der Jungs und Mädels aus unserem Zentrum stehlen eben auch. Ich denke, dass diese Aktionen aber auch deshalb geschehen, weil die Polizisten eben einen "Vorteil" davon haben. Warum sollten sie es sonst tun (siehe oben)? Ich nehme an, dass die Lokalbesitzer Schmiergelder fließen lassen. Dann müssen sich die Männe rin Bau natürlich auch sichtbar anstrengen, um ihren Brötchengebern zu zeigen, dass sie ihres Talers wert sind. Wieso sollten sie sich sonst so viel Mühe mit den Strassenkindern machen, für die sie sich sonst einen feuchten Kehricht interessiert haben?

Diese Umstände machen das Ganze für mich ein bisschen "schief". Als Francisco das erzählt hat, hat sich Yahaira wieder einmal furchtbar aufgeregt- diesmal aber zugunsten der Kids. Das zeigt mir, dass sie ihren Job nicht ausschließlich anstrengend findet, sondern auch noch ein Herz für die Chavalos hat.

Entwicklungshelfer in Nacaragua
Diese Zeichnung ist von Ernesto

Gott im Anderen

Wichtiger als die Mysterien war für mich heute die Erkenntnis, dass es zu einem authentischen friedlichen und zivilisierten Zusammenleben nur kommen kann, weil wir alle zumindest grundlegende Fähigkeiten haben, Gott im Anderen / im Nächsten zu erkennen. Wie komme ich darauf? Ich dachte während des Rezitation der Mysterien: Wieso schlagen wir uns nicht andauernd gegenseitig einen über den Kopf? Ich brauche Geld, also haue ich jemanden zu Boden, der Geld hat und nehme es mir. Das wäre doch total einfach. Oder ich mag jemanden nicht und töte ihn einfach. Dann ist er doch weg. Das wäre doch viel einfacher, als immer dieses doofe Diskutieren, immer dieses doofe Verhandeln und Liebe lernen und all dieses Zeug. (Interessante Übertragungsreaktion, während man so zwischen drogenabhängigen, gewaltbereiten Jugendlichen sitzt, oder?)

Der Autor Paulo Coelho, der im übrigen eine ganz krasse Drogenkarriere hinter sich hat und seit ein paar Jahren ausgesprochen tief gehende und inspirierende Bücher schreibt, setzt sich mit dieser Frage übrigens in seinem Buch "Der Dämon und das Fräulein Prym" auseinander. Sein Ansatz ist klar: Wir unterdrücken unsere Gewalt, weil wir Angst vor den Konsequenzen haben. Diese Konsequenzen sind vielleicht gesetzlicher Natur, wie z.B. die Gefängnisstrafe oder Anderes. Oder sie sind von religiöser Natur: Das schlechte Gewissen und das Schuldgefühl in Gottes Angesicht.

Meine Antwort heute war anders. Und sie war eindeutig: Schaust du jemanden an, z.B. in seine Augen, und kannst Gott in ihm ein bisschen sehen, dann achtest du sein Leben, seine Geschichte, seine Person, seine Seele von ganz allein. Dann spielt die Angst vor Strafe, auch die Angst vor der Strafe Gottes, eine untergeordnete bzw. gar keine Rolle. Dann spürst du: "Diese Person ist Gott und ich bin Gott: wir entstammen also der gleichen Quelle." Es entsteht eine Art Miteinander. In diesem Kontakt gibt es zumindest keine "gewählte Gewalt".

Kannst du Gott in der anderen Person gar nicht sehen- also wirklich null, dann könnte es sein, dass du Angst vor gesetzlicher Strafe oder der Strafe Gottes hast und deswegen "deine Gewalt" bei dir behältst. Hast du aber keine Angst vor Strafe, weil du weißt, dass da kein Richter sein wird, wirst du "zuschlagen". Damit meine ich nicht nur "körperliche Gewalt", sondern auch "seelische", wie z.B Missachtung, bewusste Beleidigung und dergleichen mehr. Mir wurde in diesem Moment klar, dass die Missionsarbeit der Kirche nicht ausschließlich aus Eigennutz und Goldgier geschehen ist. Die Missionsarbeit der Kirche war auch darin begründet, dass es Menschen gab, die Gott im anderen nicht gesehen haben und deswegen wirklich barbarisch waren. Sehr schön nachzulesen ist das Barbarentum des 9. Jahrhundert n. Chr. in "Die Päpstin" (ein sehr spannendes und empfehlenswertes Buch, wie ich finde). Hier geht es um Köpfe abschlagen, Gold rauben, Frauen missbrauchen, entführen und so weiter.

Im Gegenzug dazu gab es aber auch Menschen bzw. Priester, die wussten, dass es Gott gibt und dass es ganz viel im Zusammenleben der Menschen "verbessert", wenn man eine Idee davon bekommt, wie es ist, ihn zu sehen oder zu spüren. Das Sehvermögen der Menschen für Gott zu schärfen ist aber nicht so leicht. Diese Erfahrung mache ich in der spirituellen Therapie jeden Tag. Der Blick der meisten Menschen ist durch ihre Geschichten, Vorbehalte, inneren Einschränkungen und Gedanken so getrübt, dass sie bestenfalls nur "glauben" Gott zu sehen. Dann beginnt man als "Priester" oder wie auch immer man sich nennt, sich "Tricks" einfallen zu lassen. Das sind dann Geschichten, Rituale, therapeutische Interventionen, Einweihungen, was auch immer. Diese wirken aber nur, wenn sie die Personen anwenden, die Gott auch tatsächlich sehen. Wenn diese Tricks angewendet werden von Menschen, die nur "glauben", dass sie Gott sehen, dann werden die Tricks "unheilig", unfunktionabel und werden zu leeren Ritualen. Das kann man oft in der Kirche beobachten: Wenn ein Priester die Hostie teilt, dann vermehrt sie sich nicht. Niemand fühlt sich von dem trockenen "Dingens da" wirklich genährt. Es ist ein totes Ritual. Das Drama geht weiter bei Hochzeitsritualen: Man tauscht Worte und Ringe aus und drei Jahre später lässt man sich wieder scheiden, weil man grade wirklich zu blind ist um Gott im Anderen, den man angeblich "nicht mehr liebt", sehen zu können..

Filadelfo, ich und Jesus

Nach dem Gottesdienst hat mich Filadelfo nach meiner Verbindung zu Jesus Christus gefragt. Ich habe sehr ehrlich geantwortet und gesagt, dass er einer meiner Meister ist. Ich schöpfe meine Klarheit und meine Herzenskraft von Christus. Aber ich habe auch gesagt, dass ich mit den Ritualen der Kirche, den Figuren und Abbildern Schwierigkeiten habe. Jesus sei keine Figur, sondern eine Kraft. Ich erklärte, wir verstoßen durch die Abbilder bereits gegen das erste der zehn Gebote. Diese Aussage hat er sehr willkommen geheißen. Aber er hat sich aus dem Gespräch auch ungewöhnlich schnell wieder verabschiedet. Ich denke, das hat ihn auch erschüttert, was ich geäußert habe.

Noch eine Erschütterung

Gestern Abend bin ich vom gleichen Typ zum zweiten Mal um Geld angequatscht worden. Der Herr ist etwa in meinem Alter, vielleicht etwas älter. Er sieht sehr gepflegt aus, ist kräftig gebaut und ich denke, er ist gesund genug, um zu arbeiten. Beim ersten Kontakt habe ich nur abgewimmelt. Da hatte er erzählt, dass er da und da arbeite, dass er Familie habe und dass er lieber Marihuana rauche statt Cocain zu nehmen. Gestern ist er mir aber hinterhergelaufen und hat nicht locker gelassen. Ich habe ihm erst nichts gegeben. Aber er blieb stur und hat gesagt, ich solle ihm irgendwas schenken. Da habe ich beschlossen, ich schenke ihm "die Wahrheit" und meine Liebe. Das ist viel mehr wert als jeder vergängliche Córdoba. Das ist unbezahlbar! Ich habe ihm angekündigt, was ich ihm geben würde und er war natürlich neugierig was die Wahrheit sei. Ich sagte: "Du bist ein Lügner." Dann habe ich ihm gesagt, dass es mir auf die Nerven geht, dass er nicht locker lässt und dass er immerhin genug Geld habe, um sich Marihuana zu kaufen. Dann könne er sich auch Lebensmittel kaufen. Er blieb wirklich vor mir stehen und starrte mich an. Ich spürte, wie er tierisch aggressiv wurde, aber ich habe mein Herz offen gelassen. Er hat seine Wut nicht ausagiert. Er fragte: "Woher weisst du, dass ich ein Lügner bin?"

Ich habe geantwortet: "Das sehe ich an deinen Augen." Diese Aussage entsprach meinem Empfinden. Ich wäre für alle seine Reaktionen offen gewesen, aber er verteidigte sich nur. Die Gewalt, die er in sich trug, richtete er gegen sich selbst- nicht nur die Energie, sondern auch die Selbstverteidigung. Er hat seine Position damit gar nicht eingenommen. Er bebte und ich bebte mit. Das verband uns. Wenngleich diese Situation auch sehr gefährlich war und durchaus hätte anders ausgehen können, fühlte ich mich "von oben" geschützt. Ich sagte nochmal freundlich: "Das ist auch für mich nicht leicht grade aber das ist das Geschenk von mir an dich. Nimm es an." Er setzte erneut zum Betteln an und ich sagte: "Du kannst noch nicht einmal das annehmen." Dann habe ich mich abgewendet. Er ist dann in eine andere Richtung gegangen. Meine Knie haben gezittert und mein Herz hat mir weh getan wie Muskelkater. Aber meine Reaktion fühlte sich kraftvoll, richtig und gut an. Dann habe ich ihm Reiki hinterhergeschickt, damit das Bestmögliche für ihn geschieht. Das war ein klassischer Fall von "da braucht jemand kein Geld, sondern Liebe und Klarheit!" Ich vermute, ich sehe ihn nochmal und bin gespannt, wie der nächste Kontakt ist.

Mit Gottes Hilfe ist alles möglich: Der Drogendealer

Erinnert Ihr Euch an den Drogendealer, der immer mit seinem Fahrrad durch die Stadt fährt? Der war immer freundlich zu mir und ich fand ihn auch sehr nett. Und als ich mehr oder weniger per Zufall herausfand, was er da auf seinem Fahrrad anstellte, wusste ich ja nicht mehr, wie ich am besten darauf reagieren sollte. Heute stellte sich heraus: Es war nicht nötig einzugreifen. Mein Gebet und mein unbewusstes Gespür dafür, dass alles seinen Gang gehen wird, so wie es richtig ist, hat offenbar ausgereicht. Heute habe ich ihn ohne seinen Drahtesel getroffen und ich frage: "Wo ist dein Fahrrad?" Er strahlte mich an: "Keine krummen Geschäfte mehr." Er wirkte dabei sehr befreit und fügte entsprechend hinzu: "Zum Glück!" Irgendwie spürte ich, dass er keinen Müll daher schwafelte, sondern wirklich erleichtert und dankbar war, keine Drogen mehr verkaufen zu müssen. Er fuhr fort: "Ich habe eine Stelle in einem Hotel- Gott sei Dank!" Manchmal sind Menschen, die "Unsinn" machen eben nicht "schlecht", sondern verzweifelt, kurzsichtig, verirrt, festgefahren, ängstlich etc.

Achterbahnfahrten: Hoch

Die Trauma-Gruppe war heute in meinen Augen ein großer Erfolg. Erst schien es, als gäbe es riesige Widerstände. Edgard sagte bei der Ankündigung schon, dass er nicht mitmachen möchte. Ich erlaube das nur insofern, als dass die Person dann aber bitte trotzdem anwesend sein soll. Ich habe aus Reflex zu Edgard gesagt: "Okay, dann kommst du eben einfach nicht." Er hat im Übrigen daraufhin echt super mitgemacht. Zu Beginn legten sich alle fünf einfach auf den Boden. "Ausruhen!" sagten sie und waren sich, wie sonst selten, alle einig. Ich hatte zwar eigentlich was Anderes vor, aber ich dachte: "Geh mit dem Fluss!" "Okay, ausruhen ist gut", sagte ich. "Das machen wir."

Dann haben wir Zweier-Gruppen geformt. Der eine liegend, der andere am Kopf-Ende der Person sitzend. Ich habe die Übung übrigens mit Gabriel gemacht, der heute irgendwie doch Einlass gewährt bekommen hat. Vielleicht sind auch diese meine Gebete erhört worden! Und dann hat der Sitzende dem Liegenden die Hände auf die Hirnhälften gelegt und war einfach in Stille mit dem anderen. Ihr müsst wissen, dass die Kids wirklich sehr hyperaktiv sind und sie in einen kontemplativen Zustand zu versetzen ist super-schwierig. Aber anscheinend fruchtet die Arbeit schon. Sie waren drei bis fünf Minuten ganz still. Keine Witze, keine dummen Sprüche, kein Zappeln. Echt super! Dann haben wir gewechselt und dann durfte der jeweils andere nochmal ausruhen bzw. die Hände auflegen. Auch diese Runde war toll. Ich habe dann erzählen lassen, wie sich das Liegen und berührt werden angefühlt hat und sie haben wirklich vernünftig geantwortet. Das war wie ein Wunder. Ich konnte mir nicht verkneifen, Yahaira, Filadelfo und William hinterher zu sagen, dass es heute echt toll gelaufen ist und ich sehr zufrieden bin, damit auch mal registriert wird, dass die Kids auch lernfähig sind.

Achterbahnfahrten: Der Aufprall

Danach hat Francisco im Zentrum einen Film angeschaut, den ich auch gekauft habe, aber bisher noch nicht gesehen hatte. Es ist ein Dokumentarspielfilm. Er handelt von der unnötigen, leichtfertigen Gewalt von Straßenkindern in Kolumbien. Die Situation ist dort sehr ähnlich wie hier, nur dass andere Drogen genommen werden (mehr Cocain) und dass dort viele Pistolen im Einsatz sind. Hier sind es mehr Messer, Steine, Gürtel, Schlagstöcke etc. Der Film war wirklich grausam. Ein paar Ausschnitte werde ich bestimmt an dem Oliver-Willkommens-Chai-Nicaragua-Abend am 28.8. zeigen. Ich habe mir die DVD aber zu Ende angesehen, weil ich wissen wollte, in welchem Milieu meine Schatzis da so rumhängen, wenn wir Feierabend haben. Gabriel, Jonathán, Francisco und ich saßen also vor dem Fernseher. Die Jungs haben das irgendwie "lockerer" genommen als ich. Ich war die ganze Zeit super schockiert und entsetzt, wegen welcher Kleinigkeiten dort direkt Pistolen und Messer eingesetzt werden. Francisco sagte, das sei wirklich so. Yahaira hat das später bestätigt. Ich konnte das kaum fassen. Ganz easy wird da mal jemand abgestochen, weil er vielleicht ein Glas Klebstoff hat und man sich selbst grad keins kaufen kann. Als der Film nach 45 Minuten (zum Glück) blutig zu Ende gegangen ist, bin ich erst mal rausgegangen. Ich wollte eigentlich nur durchatmen, Stress abbauen, entladen, die gesehenen Bilder loswerden. Dass Menschen so sein können hat mich so traurig gemacht, dass ich schon ein bisschen geweint habe. Wie kann das sein? Wieso lässt Gott das zu? Und wieso können die verletzten, erschreckten und daher aggressiven Seelen nicht von uns "Weiseren" lernen?

Mitleid

Plötzlich hatte ich einen Gedankenblitz, der mich echt umgehauen hat: Francisco, Jonathán, Karla, Edgard, Erick - das sind nunmal meine Liebsten - die setzen sich jeden Tag diesen Gefahren aus. Sie leben in diesem Milieu von teilweise wirklich unglaublich fiesen Charakteren, die einfach so zuschlagen. Menschen, die auch noch stolz darauf sind, solche eiskalten Machos zu sein. Und ich denke, dass einige von den Jungs bei uns auch teilweise diese Allüren haben. Den Gedanken, dass einem von ihnen vielleicht mal ein Messer in der Brust steckt oder aus sinnloser Gewalt der Schädel eingetreten wird, konnte ich nicht ertragen. Ich sah förmlich das Blut, in dem sie baden würden, die verletzten Körper und wie sich ihre Gesichter mit ihren süßen Kulleraugen vor Schmerz verzerrten. Daraufhin bin ich dann endgültig in Tränen ausgebrochen.

Karla, die eigentlich weit ab von mir mit William zusammen saß hat das mitbekommen und hat mich gefragt, wie es mir geht. Ich konnte es nicht zurückhalten. Ich bin zitternd vor ihr in die Knie gegangen. Ich nahm ihre Hand, schaute ihr fest in die Augen und brachte schluchzend hervor: "Karla, ich hab grade diesen Film gesehen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass ihr jeden Tag dieser Gefahr ausgesetzt seid!" Sie wirkte, als sei sie von einem Mischmasch von Gefühlen vollkommen übermannt. Sie schaute irritiert und gerührt gleichzeitig. Ihre Augen öffneten sich, als sei sie auch erschrocken. Dann sagte sie: "Du musst zu William gehen, damit er dir hilft." Sie hat meine Hand fest genommen und zu William geführt. "Er wird dir helfen", versicherte sie mir und zog mich weiter zu ihm. Das war so niedlich. Als wir bei William waren sagte sie: "Der Professor weint. Ihm geht es nicht gut. Ihm hat der Film nicht gefallen. Sie müssen ihm helfen."

Ich habe William noch einmal erzählt, was mir auf der Seele brennt. Er verstand, was ich meinte und hat noch einmal bestätigt, dass es wirklich für die Jungs und Mädchen so sei, wie in dem Film gezeigt. Er erzählte, er sei auch oft so entsetzt und würde auch manchmal wegen einem der Kids weinen, weil ihn so umhaut, was mit ihnen geschieht. Er beteuerte, dass er sie Chavalos wirklich total liebe, fast wie seine eigenen Kinder. Man könne diese Arbeit sonst auch nicht machen. Francisco kam für einen Moment zu unserem Gespräch hinzu. Er hat mich auch weinen gesehen und ein bisschen darüber gelacht. Das war nicht schlimm oder peinlich für mich. Ich hatte eher den Eindruck, dass er nicht wirklich verstand, dass es Menschen gibt, die ihn lieben und sich Gedanken um ihn machen. Wie soll er das auch verstehen, wenn er die Erfahrung bisher vielleicht nicht gemacht hat. Nicht einmal ich mit meiner behüteten Kinderstube verstehe das immerzu. Ich habe ihn inständig gebeten, seine Situation ernst zu nehmen. Ich richtete die Worte aus meinem Herzen direkt an ihn: "Ich bin bald wieder in Deutschland, da ist alles sicher und gut für mich. Aber du bist hier dieser Gefahr ausgesetzt. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir oder den anderen so etwas zustößt, wie in dem Film", habe ich ihm gesagt. Ich flehte ihn fast an: "Pass auf dich auf! Sei vernünftig!"

Ein Einstieg für den "Abschaum"

William hat auch erzählt, dass es kein Zentrum gibt, wie Jesus Amigo. Es gäbe zwar andere Zentren - auch nicht wenige - aber die meisten seien so wie "Heime" und viel "schicker". Die Jugendlichen, die dort hin gingen, seien schon auf dem Weg der Rehabilitation, wären schon viel angepasster. Jesus Amigos kümmere sich aber um die Jugendlichen, die keiner haben will, den "Abschaum", die Schwierigen. Das erklärt auch, warum manche die Nase rümpfen, wenn ich ihnen erzähle, wo ich arbeite (ist mir bei dem Treffen Organisationen gegen sexuelle Ausbeutung passiert und Sabrina erfuhr diese Reaktion bei einem Treffen der verschiedenen Hilfsorganisationen). William beteuerte auch, dass es wirklich ein Kampf sei, in Jesus Amigo zu arbeiten weil diese Jugendlichen den Wert des Angebots einfach noch nicht zu schätzen wissen (können). Aber irgend einer muss auch für diese Jugendlichen einen Raum anbieten und ihnen einen Einstieg in ein "gesellschaftsfähiges" Leben bieten.

Hoffnung und Nächstenliebe

Viele der Ziele und Ideen, nach denen das Zentrum strebt, sind Träumereien, die niemals in Erfüllung gehen werden. Jonathán wird nicht aus Eigeninitiative Texte lesen. Und Zenia wird auch niemals ein Haus besitzen. Wenn wir Glück haben wird Karla einen Arbeiter-Job irgendwo bekommen- beim körperlichen Schuften ist sie wirklich einzigartig stringent, kraftvoll und klar. Wenn wir Glück haben, wird Francisco vielleicht eine Zeit lang einen Job haben, Geld verdienen. Aber für immer ein normales Leben? Das sehe ich nicht. Er muss mit seinem Potenzial etwas tun, was nicht so einfach ist: Ich spüre, er muss mit Menschen arbeiten, sie begleiten, inspirieren, sich vielleicht selbst um drogenabhängige Straßenkinder kümmern. Aber wagt er diesen Schritt in dieser Macho-Gesellschaft? Kann er seine eigene Perspektivlosigkeit überwinden? Kann er die gesellschaftlichen Konventionen überwinden, das was man halt so erwartet?

Und Erick? Der hat keine Chance. Er spricht so schlecht, dass ihn nicht einmal Einheimische verstehen. Und er ist so unglaublich stur, dass er alles, was ihm vielleicht helfen kann, erst mal abschlägt. Ich denke nicht einmal, dass er älter als zwanzig oder dreißig wird, wenn er nicht irgendwann Gottes Hand ergreift und sich von ihr tragen lässt. Ich will kein Pessimist sein, sondern ich möchte sagen: Jesus Amigos, die Arbeit der Betreuer und der Rückhalt, der aus der Mission kommt, und der das Zentrum finanziell erhält, leben von der Hoffnung und von der Nächstenliebe, nicht von realistischen Chancen. William erzählte, dass junge Priester, die sozusagen noch in der Ausbildung sind, oft einen Teil ihrer Ausbildungs-Zeit im Zentrum verbringen. Er sagt: "Hier erfahren sie, ob sie wirklich bereit sind, Nächstenliebe zu praktizieren!" Wow, was für eine Aussage! Und sie ist absolut wahr!

Perspektiven des Zentrums: Schlafräume

Im Herbst/Winter diesen Jahres bekommt das Zentrum Schlafräume. Dann können die Jugendlichen hier auch übernachten. Ich vermute, das wird einiges erleichtern. Manche der Jungs und Mädels bleiben vielleicht wirklich den ganzen Tag- vergleichsweise wie im betreuten Wohnen in Deutschland. Dann würden sie vielleicht auch nicht mehr konsumieren. Ich bin gespannt. Zu Beginn meiner Tätigkeit hier dachte ich, ich würde wahrscheinlich nicht noch mal hierher kommen, aber jetzt denke ich: Doch, vielleicht komme ich nochmal, um mir anzusehen, was draus geworden ist. Diese Aktion scheint zwar fest geplant zu sein, steht aber im Widerspruch zu den schlechten Teilnehmerzahlen. In den letzten Wochen kommen immer nur vier, fünf Jugendliche und Yahaira meint, dass wenn das so bliebe, würde die Mission das Zentrum langfristig wahrscheinlich schließen. Yahaira und ich haben uns überlegt, dass es nützlich sein könnte, die Jugendlichen, die kommen, dazu aufzufordern, wiederum mehr Freunde mitzubringen. Außerdem haben wir überlegt, dass wir vorschlagen, das Angebot wieder etwas "attraktiver" zu gestalten, z.B. mit Gesellschafts-Spielen. In meinen Augen kommt der "Spaß" für die Jugendlichen tatsächlich zu kurz.

Oliver Unger

   
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