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Reiseberichte

Vom Friseur zum Entwicklungshelfer Teil 6

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Entwicklungshilfe in Nicaragua

Synchronizitäten

Vom Friseur zum Heilpraktiker für Psychotherapie bis zum Entwicklungshelfer in einem der ärmsten Länder der Erde, dem mittelamerikanischen Staat Nicaragua: Oliver Unger ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen und berichtet für connection in regelmäßigen Abständen von seinen Erfahrungen in einer Einrichtung in Nacaragua, in der es um die Betreuung von Kindern geht, die auf der Straße leben, teilweise kriminell sind und auch Drogen nehmen. Er ist dort vom dem »Projekt Mosaik« hingeschickt worden, einem gemeinnützigen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, internationale Freiwillige in viele verschiedene Organisationen und Projekte in Mittelamerika (Guatemala, Nicaragua, El Salvador) zu vermitteln. Teil 6

Einkommensverhältnisse

Endlich hatte ich mal die Gelegenheit zu fragen, was unsere Profesores im Zentrum so verdienen. Ich hatte da keine großartigen Vorstellungen, kannte nur Zahlen aus dem Internet, in denen man sagt, dass viele Nigaraguaner mit weniger als 2 Dollar am Tag auskommen müssen. Das kannte ich schon aus der Dominikanischen Republik, wo ich vor etwa zehn Jahren mal mit einer Kellnerin gesprochen hatte, die 200 Dollar im Monat verdiente. Das hat mich damals schon sehr erschrocken. Was ich aber heute hörte, hat alles bisher Dagewesene übertroffen. Unsere Köchin Rosa verdient sage und schreibe 50 Dollar im Monat bei einer 35 Stunden-Woche. Okay. Jetzt kann man denken: "Ist ja auch alles super billig in Nicaragua." Aber Pustekuchen! Ich lebe hier sehr sparsam, esse im Zentrum, so wie die Köchin auch und verbrauche nach bisherigen Berechnungen ca. 150 Dollar im Monat. Dies ist für Toilettenpapier, ein paar Früchte, ein paar Eier etc. Ich kaufe kein Putzmittel und keine Toilletteartikel, weil ich die aus Deutschland mitgenommen habe. Außerdem gebe ich ja nichts für Kleidung und dergleichen aus. Rosa hingegen hat davon inklusive ihr selbst 5  Mäuler zu stopfen, weil sie drei Kinder hat im Alter von 7 bis 10, die nicht arbeiten und einen Mann, der nicht arbeitet. Man zahlt hier keine Miete, weil man eben selbst ein Haus/eine Baracke hat, in der man wohnt. Aber ich habe ausgerechnet (ist ja nicht schwer), dass pro Person 10 Dollar im Mona  für Essen zur Verfügung stehen. Das kann man schaffen, ist aber selbst für Nicaraguaner nicht ganz einfach, weil ein Kilo Reis ca 1 bis 1,5 Dollar kostet. Und dann braucht man ja noch Salz und dergleichen. Gemüse ist relativ teuer. Und Klopapier auch. Da legt man fuer vier rollen niederer Qualität schon gerne mal 2 Dollar hin. Waschmittel kostet für einen Monat ca. 50 Cent pro Person. Also: Über den Daumen gepeilt: Echt wenig!

Die Psychologin Yahaira hat immerhin studiert. Was denkt Ihr, was sie verdient bei 35 Stunden in der Woche? Ich dachte, dann hat man vielleicht seine 200 bis 300 Dollar. Aber auch das war eine Fehlvoraussage. Sie verdient 150 Dollar im Monat. Es ist hier zugegebenermaßen keine Schwerstarbeit, die wir hier machen. Aber ich verstehe auch, dass man sich bei einem Verdienst, der so niedrig ist, auch nicht wirklich anstrengen möchte. 

Wie wenig braucht man?

Ich fand spannend, mit wie wenig Menschen auskommen können. Diese Frage hat mich schon immer fasziniert. Und ich selbst dachte immer über mich: ich kann mit super wenig auskommen. Kann ich auch. Aber ich merke mit jedem Tag: Ich möchte nicht, wenn ich nicht muss. Ich lerne grade, Luxus zu lieben und schätzen zu lernen.

Auch wenn wir Montags die Familien besuchen oder einfach mit Menschen sprechen, von denen wir glauben, dass sie Kinder kennen, die zur "Risikogruppe" gehören, bin ich immer wieder erstaunt, was wir alles nicht brauchen, um glücklich zu sein. Gestern haben wir eine alte Dame besucht, die 72 Jahre alt ist und uns von ihrem Sohn und Enkel erzählt hat, die beide Drogen konsumieren. Sie lebt in einer Wellblechhütte, in der nichts drin steht, außer ein Kühlschrank,ein Fernseher und ein paar Schaukelstühle. Wir würden in Europa nicht mal unseren Hund in solch eine Hütte sperren. Das ist einfach unglaublich, was ich hier sehe.

Die sanitären Anlagen

Ein Loch mit einem Sitz drumherum. Früher nannte man das Plumpsklo. Das stinkt wie sau, aber es funktioniert hervorragend. Und kostet kein Wasser. Davon gibt es in den normalen, armen Haushalten nur eins. Alles wird hier in der so genannten "Pila" gemacht. Das ist eine Betonkonstruktion. In der Mitte gibt es ein Becken ohne Stopfen, in dem immer sauberes Wasser drin sein sollte. Links und rechts gibt es jeweils ein Becken, das einen Boden hat wie ein Waschbrett. Diese Becken werden zum Waschen und für alles Andere benutzt. Man schöpft aus der Mitte das Wasser mit einer Schüssel nach links der rechts, je nachdem wo man grade ist. Das System ist gut durchdacht. Vor allem ist es für alle Bevölkerungsschichten nützlich: Egal ob man die Pila im Haus stehen hat oder ob man im Urwald wohnt - das Teil geht immer. Da es aus Beton-Guss ist, ist es sehr stabil und kann auch draußen stehen- was meistens der Fall ist.

In dem Haus, wo ich wohne, habe ich auch ein solches Becken. Da hat aber jemand in die Mitte ein Loch rein gemacht, was in meinen Augen sehr doof war. Deswegen kann man es nicht mehr in seiner Original-Form benutzen. Ich habe allerdings auch ein "normales" Alu-Spülbecken in der Küche. Aber zum Wäsche waschen, "alla Waschbrett", ist die Pila wirklich super!

Kreative Industrie

Spannend finde ich ja auch, wie die Industrie sich den Bedürfnissen der Konsumenten anpasst. Das muss sie natürlich auch, aber die Lösungen sind echt kreativ. Hier wäscht man seine Wäsche ja meist mit der Hand. Fast keiner der normalen, armen Leute hat eine Waschmaschine. Und dazu benötigt man einfach kein Pulver. Es wird nichts "aufgelöst" und es gibt kein stehendes Wasser, in der die Wäsche eingeweicht wird. Man benutzt "Waschstücke", die wie Seife geformt sind. Mit ihnen wird die Wäsche in der Pila eingeseift, durchgeschrubbt, manchmal sogar mit der Bürste und dann mit Hilfe der Plastikschüssel und dem sauberen Wasser in der Mitte gespült. Diese Waschstücke sieht man super oft auf dem Markt, Pulver hingegen wirklich weniger.

Beim Spülmittel ist das ähnlich. Flüssiges Spülmittel wäre hier der totale Flop. Die Speisereste auf den Tellern vertrocknen durch die Hitze sehr schnell und man muss quasi etwas haben, das man mit dem Spüschwamm aufträgt, den Teller damit abschrubbt und dann mit der Schüssel in der Pila abspülen kann. Dazu gibt es eine Art Scheuermilch, eine sanftere Variante von Viss, in einer Dose, in die man mit dem Spülschwamm eintaucht. Ich finde das System super gut und durchdacht für die Bedürfnisse hier.

Das Klopapier ist hier deshalb so dünn, weil die Leitungen hier dünner gelegt werden und leichter verstopfen. Mest wirft man es in einen Eimer, der neben der Toilette steht. Aber sollte mal was ins Wasser der Kloschüssel fallen, löst es sich quasi sofort auf. Naseputzen mit Toilettenpapier erfordert eine Mehrfachwicklung, denn die Feuchtigkeit aus der Nase aktiviert den Selbstzerstörungsprozess des Toilettenapiers. Auch für die Plumpsklos ist ein dünnes Papier natürlich besser- es wird von den Bakterien schneller zersetzt.

Gott schenkt einem alles, was man braucht!

Ich habe heute endlich eine schöne Zimmerpflanze gefunden. Ich hatte schon länger die Augen nach einer geeigneten Dekoration offen gehalten, dachte zunächst an ein schönes Bild etc. Aber ich wollte auch nicht so viel Geld ausgeben. Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit lag eine abgeschnittene Pflanze im Straßengraben, die mir gefallen hat. Diese benutzt man bei uns in Deutschland durchaus als Zimmerpflanze. Ich habe sie mitgenommen. Auf dem Heimweg fand ich eine alte Fuselflsche aus Plastik, die ich oben aufgeschnitten habe, und die jetzt das neue Bett meiner Pflanze "Oliver" darstellt. Ich finde es übrigens ganz geschmacklos, Alkohol (Wodka) in 2-Liter Plastikflaschen zu verkaufen. Das macht den Fusel noch mehr zu "Spiritus" und noch mehr zu irgendwas Harmlosem, das man ja einfach so wegsaufen kann. Irgendwie eklig. Aber für mich war es gut- eine Glasflasche hätte ich nicht verwenden können.

Den Namen Oliver hat die Pflanze deswegen bekommen, weil sie schon ein Nachfolge-Zuhause hat, wenn ich wieder abreise. Sie wird im Garten des Zentrum eingesetzt, wo jeder Freiwillige anscheinend eine Pflanze eingesetzt hat, der im Zentrum gearbeitet hat. Dort heißen die Pflanzen Charlotte, Frederik, Heronimus und William. Dann kommt in 8 Wochen ein Oliver hinzu. Er freut sich jetzt schon auf seine neuen Freunde und ein Leben im Freien außerhalb von Plastik-Fusel-Flaschen.
Aber so lange bleibt er noch bei mir und bringt mir etwas Frische in mein sehr korallfarbenes Zimmer (passend zu meinem Aura-Soma-Pomander). Darüber bin ich sehr glücklich.

Entwicklungshelfer in Nacaragua

Besprechung

Heute war den ganzen Tag Besprechung der "Profesores". Was läuft gut, was steht an, welche Veränderungen müssen angegangen werden? Die Jugendlichen waren nur zum Mittagessen da.Ich habe heute viel darüber gesagt, wie unklar ich die Öffentlichkeits-Arbeit des Zentrums einschätze. Sie sind sich nicht einig, welche Zielgruppe sie ansprechen. Das ist wirklich ein Problem, wenn man "Teilnehmer" sucht. Das muss man einfach klar haben. Ich kenne das aus unserem Ridaya.
Ich habe mich teilweise sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Ich habe auch gesagt, dass ich sehe, dass die Betreuer ausgebrannt sind und dass ich sich zu stark "anstrengen". Außerdem konnte ich mir nicht verkneifen, zu sagen, dass der Chef bitte das letzte Wort haben muss, wenn wir Entscheidungen fällen und es nicht geht, dass wir immer alles demokratisch in der Gruppe entscheiden. Besprechen ja, aber nicht entscheiden.

Ich musste dann auch nochmal betonen, dass die Arbeit mit Süchtigen sehr häufig nicht von den Erfolgen gekrönt ist, die man am liebsten gehabt hätte (meist will man ja Abstinenz). Besser sei, einfach Raum, Liebe und Beistand anzubieten ohne große Ziele oder Erwartungen.Es war ein sehr intensives Gespräch. Angeregt war es dadurch, dass seit einigen Wochen kaum noch Jugendliche ins Zentrum kommen. Es stand einfach an, darüber mal zu reden und zu analysieren, woher das kommt.
Yahaira und ich haben natürlich bei unseren Besuchen auf der Straße gefragt, was die Kinder abhält zu kommen und es kamen immer wieder die gleichen Antworten: "Es ist langweilig", "Ich weiß nicht" und "Ich muss arbeiten." Alles drei sehr verständlich.Wir haben beschlossen, den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen auf der Straße zu intensivieren, indem wir öfter mit ihnen sprechen. Das scheint zu funktionieren. Heute kam zum Mittagessen einer, den wir sozusagen re-animiert haben und der eigentlich keinen "Bock" hatte, nochmal zu kommen. Irgendwie scheint es trotzdem zu funktionieren. Ich denke, die Jugendlichen spüren auch, dass dort für sie gesorgt ist.

Ich werde mich jetzt öfter in den Zentralpark setzen und Spiele bzw. Malzeug mitnehmen. Außerdem wird mir Yahaira ihre Gitarre leihen und dann werde ich ein bisschen rumklampfen. Ich habe das mit den Spielen schonmal ausprobiert heute Abend. Das ging eigentlich ganz schnell Es kommt immer ein Kind und sagt: "Schenk mir das." Da kann man sich drauf verlassen. Und dann habe ich geantwortet: "Schenken geht nicht, ist ja auch gar nicht meins. Aber wir können zusammen spielen." Und dann war der Junge schon total begeistert und im Nu hatte ich zehn Kinder um mich herum, die gemalt und gespielt haben. Dann kamen noch Erick, Edgard und Lizeth hinzu und schon hatte ich die Möglichkeit für intensiven vertrauten Kontakt. Erick wollte was zu essen, das habe ich ihm gekauft. Edgard wollte einfach nur quatschen. Das war auch super. Lizeth war ein bisschen sehr anhänglich - da muss ich noch herausfinden, worum es ihr da geht. Und den anderen konnte ich erzählen, wo ich arbeite und dass wir für drogenabhängige Kinder sorgen. Volltreffer Nummer 1! Von den kleinen gehörte anscheinend keiner zur Risikogruppe, die hatten alle ihre Mütter irgendwo in der Nähe. Aber irgendwann wird mal eine(r) dabei sein, der das für sich nützlich findet, was das Zentrum anbietet.

Außerdem hat mich ein Amerikaner angesprochen, ob ich die Hilfsorganisation "Granada Hope" kennen würde. Ich musste dies verneinen, war aber so schlau und fragte ihn, weswegen er Kontakt zu denen aufbauen möchte. Er antwortete, dass er Sachspenden hätte, die er gerne vergeben würde, Kleidung zum Beispiel. Und da habe ich ihm die Adresse vom Zentrum gegeben. Er war ganz angetan. Ich habe erzählt was wir "anbieten" und dass wir Spenden dringend benötigen. Er wohnt sogar in einem Hotel in der Nähe des Zentrums. Ich bin gespannt, ob er kommt. Volltreffer Nummer 2! Manches geht hier in Nicaragua schwieriger als in Deutschland. Manches geht aber auch leichter!

Gabriel

Gabriel ist jetzt doch ausgeschlossen worden. Er war sehr sauer darüber und konnte es nicht verstehen. Aus Frust hat er Bruder Emmanuel sogar Gewalt angedroht. Sehr verständlich für mich. Aber in seiner kurzen Zeit im Zentrum hat er sich nicht daneben benommen. Man sagte ihm, dass das Eingangsalter (22) zu hoch sei. Das verstand er auch nicht, weil ja viele, die dort sind, sogar älter sind (bis 29). Sie sind allerdings tatsächlich schon länger da und daher war ihr Eingangsalter niedriger.
Ich habe heute beim Treffen schon gesagt, dass ich ich Entscheidung nicht verstehe. Das ist aber gepflegt überhört worden. Aber wir werden in der nächsten Besprechung endlich die Zielgruppe definitiv festlegen, damit es solches Hin und Her nicht mehr gibt. Das ist für Gabriel sehr verletzend.

Ich habe ihn heute getroffen und er war sehr deprimiert. Ich habe ihm nochmal versucht zu erklären, worum es geht und habe auch noch mal mein persönliches Bedauern ausgesprochen. Aber das nützt ihm natürlich nichts. Ich dachte so: "Wo kann er denn jetzt hin? Wer kümmert sich dann um die Jugendlichen, die nicht dem Eingangsalter entsprechen?" Die anderen Einrichtungen, die es hier so gibt, sind für die ganz harten Fälle nicht geeignet. Gabriel bleibt also auf der Straße. Ich finde das ein bisschen zum k.tz..n. Aber es ist ja nicht meine Entscheidung. Vielleicht kann ich ihm einfach so mal meine Zuwendung geben. Mal sehen, wie uns das Schicksal noch so zusammen führt.

Erick

Erick war ja heute bei meinem "Spiele-Nachmittag" anwesend. Das war irgendwie total toll für mich.Ich muss dazu sagen, dass ich vor ein paar Tagen geträumt habe, dass er mein Sohn sei. Das fand ich spannend. Seitdem fühlt sich das auch ein bisschen so an, wenn ich ihn sehe. Heute habe ich sogar ein bisschen mit ihm geredet und er hat sich neben mich auf den Boden gelegt. Ich hätte ihn am liebsten genommen und ganz feste geknuddelt- aber das ist zu früh. Und ich werde warten, bis er wirklich auf mich zu kommt für sowas. Er ist deswegen mein "Sohn", weil er genauso wie ich, schnell weg ist, wenn man ihn mit irgendwas überschüttet. Ich hasse das auch. Mir ist es viel lieber, wenn ich ein Angebot vor mir habe und es annehmen oder ablehnen kann. Aber ich muss die freie Wahl haben, sonst lehne ich ab. Ist mir dann auch egal, wer oder was! Spüre ich, dass ich eigentlich nicht wählen "darf", weil man mich dann z.B.nicht mehr mag, wenn ich nein sage oder der andere ist verletzt, wenn ich ablehne, dann lehne ich ab. Das ist mir zu riskant. Ich brauche ganz klare Linien und Entscheidungsfreiheit. Dann ist alles gut.

Und Erick braucht das auch. Vielleicht deswegen dieser Traum. Und ich lerne durch ihn, Liebe durch mich hindurch fließen zu lassen - das passiert wenn ich ihn sehe - und vollkommen bei ihm zu belassen, ob er etwas davon nimmt oder nicht.Angeblich soll Erick auch schwul sein. Das hat mir Yahaira erzählt. Ich halte mein Schwulsein hier im Geheimen. Das tue ich normalerweise NIE, aber hier in Nicaragua hat es triftige Gründe. Zum einen ist Homosexualität hier kulturell wirklich nicht etabliert. Es ist ein Geheimnis, okkult, sagenumwoben. Außerdem wird es verachtet (das wäre mir egal). Die Menschen sind hier außerdem extrem katholisch und eng. Von Gesetzes wegen wird Homosexualität sogar mit Gefängnisstrafen bestraft. Es gibt hier bei den Menschen keine Möglichkeit, Weitblick in Bezug auf das Thema zu erzeugen. Homosexualität wird deshalb meist heimlich ausgelebt. Die Männer, die es offen zeigen, schminken sich und sind wirklich "eklig" tuntig. Mit denen möchte ich nicht assoziiert werden. All das macht es mir zu unsicher. So wird mein Mann Firdouz eben zu einer Frau Firdouz. Bei dem Namen ist das egal, glaube ich. Und ich fühle mich sicher- das ist die Hauptsache. Ich muss einfach ressourciert sein, wenn ich diese Arbeit mache. Aber trotzdem: Erick steht wohl auf Jungs, sagt Yahaira. Das verbindet mich eben auch auf eine bestimmte Weise mit ihm. (Obwohl mich die Männer hier optisch nicht anziehen)

Desweiteren erzählte mir Yahaira, dass Erick wohl dazu neigt, seine Realität, in der er sich befindet, auszublenden. Das kann ich auch gut. Ich kann beides: Sehr weitsichtig und klar sein und träumen und weggucken. Ich denke, Erick kann auch beides. Man schaut nur weg, wenn man vorher zumindest einmal klar gesehen hat- sonst müsste man ja auch schließlich nicht wegsehen.Ich habe heute im Parque Central einen Witz über seine Frisur gemacht und er fand das sogar lustig. Außerdem ging er zwischedurch weg und kam mit einem Getränk zu mir, das er mir anbot. Das war auch total toll. Ich musste das aber leider ablehnen, weil es ein Getränk war, das ich nicht einmal aus Höflichkeit trinken würde. Aber ich hab mich ungefähr tausend mal bedankt, weil ich diese Geste einfach total großartig von ihm fand. (Ich hoffe, er hat das mitbekommen)

Außerdem habe ich ihm Geld gegeben, damit er sich selbst etwas zu Essen kauft. Bis 20 Córdoba (1 Dollar) habe ich ihm erlaubt auszugeben. Ich konnte ja wegen der tausend Kinder um mich herum nicht weg. Er sagte: "Ich bring dir das Wechselgeld zurück. Ich bin kein Dieb." Das hat mich echt Überwindung gekostet, ihm den relativ großen Schein in die Hand zu geben und seiner Aussage zu vertrauen. Und es dauerte und dauerte und dauerte. Das war schon irgendwie schweißtreibend! Aber er kam zurück. Und ich dachte: "Was bin ich für ein Arsch, dass ich ihm nicht glaube!?" (Naja, insgeheim habe ich ihm ja geglaubt ...)

Edgard

Edgard hat ja zwei Wochen bei Silvia, einer gutmütigen, großzügigen Frau gewohnt und ist vor ein paar Tagen wieder abgehauen. Angeblich darf er aber immer noch bei ihr essen und schlafen. Tagsüber schnüffelt er leider wieder Kleber. Yahaira hat Silvia wohl mal nachts gesehen und vermutet, dass sie sich für Geld "anbietet". Yahaira sprach etwas geheimisvoll und bat mich, diesbezüglich auch mal die Augen aufzuhalten. Sie vermutet, dass Edgard nicht ohne Grund abgehauen ist. Als der süße kleine schielende Affe heute bei meiner Kinderstunde anwesend war, habe ich versucht, Informationen darüber zu erhalten, aber er schweigt sich aus. Laut seinen Aussagen ist da alles toll und es gibt nichts Außergewöhnliches.

Er hat mir allerdings erzählt, dass die Polizei den Klebstoff-Schnüfflern die Gläser wegnimmt. Sie haben ihn laut seiner Aussage auch schon einmal geschlagen. Offiziell ist der Konsum von Klebstoff kein Delikt, deswegen frage ich mich, was das soll ... Helfen können sie dadurch nicht, denn die Kids kaufen direkt wieder neuen Kleber. Die Drogendealer, die das Zeug verkaufen lassen sie ja schließlich auch ungeachtet frei rumlaufen.

Ein Loslassritual

William schneidet den Jugendlichen im Zentrum ab und zu die Haare. Ich habe dabei zugesehen und er macht es für einen Laien einigermaßen gut. Er ist glaube ich sowieso die Bezugsperson Nummer eins für die Meisten. William ist von Anfang an, also fünf Jahre im Team. Und er ist der einzige von allen, der so lange dabei ist. Deswegen ist er einfach auch der Oberaffe. er kennt die Jungs und Mädels genau und sie ihn. Und das Tolle an ihm ist: Er bewegt sich mit ihnen auf gleicher Augenhöhe. Er scheut nicht davor, sie zu berühren. Außerdem ist er meistens sehr authentisch, meckert auch viel mit ihnen rum, spielt Kommandeur, aber er setzt sich auch einfach mit ihnen in den Garten und lässt sie sich ausquatschen. Er scheint der geborene Sozialarbeiter zu sein. Er versteift sich allerdings sehr, wenn seine Emotionen in Wallung kommen und unterdrückt sie. Seine Persönlichkeit neigt zur Manipulation. Aber das spielt keine Rolle. Für die Jugendlichen ist er ein "Ersatz-Papa".

Ich nehme an, William hat selbst irgend etwas in seiner Kindheit vermisst, dass er jetzt durch das "Weitergeben" an seine "Chavalos" kompensieren möchte. Als ich sah, mit welcher Liebe und welchem Einsatz William sich um die Frisuren des Jungs und Mädels kümmert, habe ich beschlossen ihm zwei meiner Heiligtümer zu schenken: Eine Haarschneideschere und eine Effilierschere ("Zackenschere" zum Ausdünnen). Daraufhin habe ich mit Sabrina gesprochen (die Frau von Projekt Mosaik, die die Freiwilligen hierher holt) und ein Pärchen ausfindig gemacht, die Mitte Juli hierher fliegen. Firdouz schickt ihnen die Scheren zu und sie bringen sie mit, damit ich sie William feierlich übergeben kann.

Als ich ihm davon erzählte, war er sehr dankbar. Eher so, dass er es kaum annehmen konnte.Ich habe ihm erzählt, dass die Scheren trotz "gebraucht seins" noch sehr gut sind und neu 300-400 Dollar kosten. Das hat ihn echt umgehauen. Ich habeihm auch gesagt, dass es ab jetzt SEINE sind und er kann sie im Zentrum nutzen oder woanders. Ich muss dazu sagen, dass dieses Verschenken der Scheren einen wahnsinnigen Prozess in mir auslöst. Es ist so, als übergäbe ich meinen alten Beruf (Friseur), der mir immer sehr viel bedeutet hat, dessen Zeit aber einfach abgelaufen ist, in die Obhut meiner neue Bestimmung. So als würde ein Bäcker den Teig vom Vortag in das neue Brot von heute einkneten (was im übrigen bei vielen Bäckern ein heiliges Ritual ist). Wenn ich mir vorstelle, dass ich in ein paar Tagen meine Schere an William für diesen Zweck verschenke, dann spüre ich, dass dies ein tief greifendes und sehr passendes Abschiedsritual von meinem alten Leben ist.  So fühlt sich das an! Befreiend, traurig und richtig. Ich spüre, dass ich diese Flut, die dieses baldige Geschenk in mir auslöst noch kaum "aushalten" kann. Deswegen bin ich froh, dass ich noch ein paar Tage zur Vorbereitung habe.

Kurse und Karriere

Sabrina hat mich angeregt, hier doch mal meine Heilungsarbeit in Form eines Kurses anzubieten. Sie kenne viele Leute, die das interessiert und würde mir bei der Teilnehmersuche behilflich sein. Das Angebot habe ich sofort angenommen. Ab 10. Juli habe ich mir jeden Samstag von 10-15 Uhr für einen Workshop freigehalten. Sabrina organisiert das und ich kann ein bisschen Geld verdienen. Für einen angemessenen Nicaragua-Preis biete ich jetzt einen Reiki-Kurs im ersten Grad an und einen Heilungsworkshop mit Familienstellen und Tief berührt. Beides jeweils in Spanisch und in Englisch. Ich bin gespannt, was das gibt.

Ich würde gerne Francisco dazu einladen. Mal sehen, ob der darauf anspringt. Ich habe auf die Zusage hin aus dem Internet ein paar spanische und englische Texte geklaut, neu zusammengesetzt und Sabrina hat das Zeugs heute per Mail an ihren Verteiler mit einer persönlichen Empfehlung verschickt. 10% der Einnahmen werde ich dem Zentrum spenden (das ist offiziell mit angekündigt), einen Teil gebe ich Sabrina für die Orga und den Rest (ich hoffe auf mindestens 200 Dollar) nehme ich für meine letzten sechs Tage Ende August, in denen ich mir frei genommen habe. Drückt mir mal die Daumen dafür. Mit dieser Gelegenheit geht zum zweiten Mal innerhalb von ein paar Wochen ein großer Traum von mir in Erfüllung: Gefragt zu werden, ob man einen Kurs geben kann.

Das erste mal war vor meinem Abflug: Ich habe bei ViGeno, dem Internetportal, für das ich ein Jahr lang kostenlos hochwertige Artikel geschrieben habe, jetzt eine Anstellung bekommen. Die organisieren für mich ab November ein bis zwei mal im Monat ein Seminar in einem Schloss bei Aschaffenburg. ViGeno macht richtig tolle und effektive Werbung und hat dadurch innerhalb dieses einen Jahres über 10.000 Benutzer/Leser an Land gezogen! Ich denke, das ist eine gute Sache und wird auf kurz oder lang ein großes Sprungbrett für meine Seminarkarriere sein. Das war die Hammer-Nachricht vor meinem Abflug. www.vigeno.de
Und jetzt kommt das hier hinzu. Das ist ausgesprochen toll, weil ich das Gefühl habe, dass ich endlich ein bisschen ernten kann, ohne mich total abzurackern. Meine Ausbildung hat in zwölf Jahren bisher ca 35.000 Euro gekostet- selbstfinanziert wohlgemerkt. Und wenn jetzt mal was "saftiges" zurück kommt - das ist echt geil!

Francisco

Wie so oft, wenn ich morgens das Haus verlasse, frage ich mich, was heute wohl wieder auf mich zu kommen wird. Oft denke ich: Akten renovieren, rumhängen, ein bisschen mit Yahaira quatschen, Trauma-Runde, Internetcafé, Bericht schreiben und Bettchen. Heute dachte ich das auch. Und als ich das Terrain des Zentrums betrat sprach mich Francisco sofort an. Er fühe sich schwer, müde, traurig. Was könne man tun, fragte er mich - und ich wusste: heute ist wieder einer dieser "anderen Tage". Ich sagte ihm, dass ich ihn gerne behandeln würde und wir legten mehr oder weniger sofort los. Er positionierte sich liegend auf einem Tisch, ich berührte seinen Kopf und hatte sehr schnell die Übertragungsreaktion seines Systems im Körper. "Ja, das kann man auch tatsächlich kaum aushalten", habe ich ihm bestätigt. Ich konnte sehr gut mit ihm arbeiten. er hat auf alle meine Fragen sehr gut geantwortet und sein Körper hat sehr gut reagiert und entladen. Einige alte Erinnerungen sind ihm hochgekommen, diese zu integrieren ist mir leider nicht mehr so gut gelungen, weil ich gegen Ende der etwa halbstündigen Sitzung dann selbst auch am Ende war. Ich riet ihm, die Erinnerungen wie in einem Märchen gut enden zu lassen, mit einem erfundenen Ende, wenn es nicht anders möglich ist. Das hat er nicht so gut hinbekommen, weil er irgendwie aus dem Film nicht rauskonnte. Aber er ist eingeschlafen und ich dachte: "Okay, das ist dann wohl das, was sein Körper damit machen möchte." Ich habe ihn dann noch eine Weile schafen lassen. Ich bin heute echt an meine Grenzen gekommen. Dies war das erste mal. Trotzdem glaube ich dass Francisco von der Sitzung enorm profitiert hat. Es war seine zweite und in beiden war er wirklich sehr weich und offen. Danach brauchte ich erst mal ein Päuschen.

Jonathán

Etwas später hat Yahaira eine Sitzung mit Jonathán gehabt, bei der ich dabei war. Es ging mal wieder um seine Prostitution. Seine Laufbahn hat angefangen. als er 12 (!) war. Der erste sexuelle Kontakt geschah ebenfalls in diesem Alter. Es war ein Missbrauch durch einen Priester - man höre und staune. Das scheint die moderne christliche Initiation zu sein! In der Übertragungreaktion von Jonatháns Ausführungen spürte ich, dass diese Art von Arbeit, die er anbietet ein Ausagieren ist. Er versucht über den Sex mit einer Blockade in seinem System zurecht zu kommen. Diese Blockade hat offenbar mit seinem Wurzelchakra (=Energiezentrum für Lebenswillen) zu tun. Das ganze Becken fühlte sich vom Rest des Körpers abgeschnitten an. Ich bat Yahaira, dass ich mit Jonathán nochmal arbeiten dürfe, um diese Blockade zu lösen. Ich hatte irgendwie "übersehen", dass Blockaden im Becken etwas mit "Überlebensangst" zu tun haben können und hab´ mich frisch und motiviert ans Werk gemacht. Die Blockade löste sich ganz schnell- mit sowas bin ich glaube ich auch ein (gnadenloser Holzhammer-)Zauberer. Aber diese Lösung setzte auch die alten Gefühle frei. Klar! Ich war mir aber nur halb bewusst darüber, dass er mit denen nicht zurecht kommt.

Offenbar hat die Sitzung etwas Platz in ihm erschaffen. Sonst hätte er nicht gestehen können, dass er am Wochenende von zwei Freiern vergewaltigt worden ist. Er sagte daraufhin, dass er jetzt am liebsten weinen würde. Aber er konnte nicht. Dann bat er mich, dass wir die Sitzung beenden und er gehen dürfe. Das war für mich okay, ich wusste ja, dass ich jederzeit wieder das Gespräch aufnehmen konnte. Ich bin nach der Sitzung erst mal in den Garten gegangen und habe selbst geweint. Meine Knie waren wie Gummi und ich war gleichzeitig so unglaublich wütend auf diese Ar...löcher, die sich an meinem Schützling vergriffen haben. Ich habe mir vorgestellt, wie ich die Schweine zu Brei schlage, um mich selbst zu entladen. Ich hätte am liebsten laut losgebrüllt und irgendetwas zerstört, so hat mich das gepackt. Aber die Arbeit mit den inneren Bildern hat auch ganz gut geholfen. Irgendwie dachte ich auch die ganze Zeit: "Ich kann das hier nicht machen! Das ist mir zu hart!"
Ich wurde in meiner Entladung jäh unterbrochen, weil mich Maria Auxiliadora völlig aufgelöst gerufen hat.

Jonathán hatte sich währenddessen hinter das Gebäude verzogen, eine Glasscherbe vom Boden genommen und versucht, sich damit selbst zu verletzen. Maria Auxiliadora hatte das zum Glück gesehen.Diese Situation hatte ich bisher noch nicht in meiner Laufbahn. Und ich musste irgendwie damit umgehen. Ich ahnte ja, womit das zu tun hat, was er da vorhatte. Ich habe ihn angesehen und gesagt: "Schau mir in die Augen und dann nimm die Scherbe und setze sie an. Mach die Bewegung, aber ohne feste zu drücken." Daraufhin hat er dann ein bisschen geweint. Ich habe am ganzen Leib gezittert, bin aber mit ihm in Verbindung und Präsenz geblieben. Er schaute mich total irritiert an. Ich habe dann meine Anweisung wiederholt. "Sieh mich an, mach die Bewegung mit der Scherbe, aber ohne Druck."> Es war vielleicht nur eine Sekunde, aber es fühlte sich an wie drei Minuten. Totenstille, Blickkontakt, seine Augen weit geöffnet und von den Tränen geklärt. Plötzlich gab er mir die Scherbe.

Da stand ich dann mit dem Stück Glas in der Hand und der ganzen Last auf meinen Schultern. Da waren meine Angst, meine Schuldgefühle ("habe ich was falsch gemacht?"), die Reste meiner Wut auf die Täter und die Erleichterung, dass das erste Hindernis genommen ist. Vielleicht hätte ich Jonathán einfach eine reinhauen sollen?! Oder ihn in den Arm nehmen?
Was habe ich gemacht? Nichts. Wir sind zusammen ein paar Meter gelaufen. Ich sagte ihm, dass das was er jetzt wahrnehme Emotionen seien und dass diese aber nur eine körperliche Reaktion seien. "Sie sind nicht die ganze Realität. Es lohnt sich nicht, sich wegen Emotionen umzubringen. Nur Gott ist die ganze Realität! Aber wir müssen lernen mit Emotionen umzugehen." Er nickte. Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hat. Ich fügte hinzu: "Jonathán, wenn du heute entscheidest, dich umzubringen, dann wäre ich sehr traurig!" Er nickte.

Kurz darauf hob er sein T-Shirt und zeigte mir eine große Narbe, die er etwas links auf seinem Bauch hat. Er zeigte mir mit seinen Gesten, dass er sich dort selbst mit einem Messer versucht hat umzubringen. Ich konnte das erst nicht glauben und habe noch mal nachgefragt: "Du hast dir die Wunde selbst zugefügt?" Er nickte.
Wenn sich jemand das Leben nehmen möchte, dann wird er es tun. Und er wird es in einer Weise tun, wie es für sein Familiensystem gestattet ist. In Jonatháns Familie ist es offenbar gestattet, sich selbst zu verletzen und sich auch durch das Risiko "ungesicherter" Sexualität selbst zu verletzten. Dieses Risiko beinhaltet ja nicht nur "Vergewaltigung", sondern auch die Gefahr, sich mit HIV zu infizieren. Sich diesem Risiko auszusetzen ist eine Art Selbstmord auf Raten. All das- und auch das, was ich mit Jonathán in der Sitzung gemacht habe, ohne Hintergrundwissen über seine Geschichte. Meine Interventionen in der Sitzung, die Sätze, die ich ihm gesagt habe und die ich ihn habe wiederholen lassen, kamen nur aus der Übertragungsreaktion. Wie deutlich ich ins Schwarze getroffen habe, klärte sich, als Yahaira mir erzählte, dass es in seiner Familie sehr viel sexuelle Gewalt gegeben hat, die vom Vater ausgegangen ist. Jonathán ist also grade dabei, durch seine Abenteuer mit den Freiern seine Geschichte zu wiederholen.

Dies machen wir alle auf die eine oder andere kreative Weise, um eine Lösung herbeizuführen. Doch ohne Beistand von Außen ist dies oft ein langwieriger schmerzhafter Prozess und durchaus wenig erfolgreich. Ich wünsche mir, dass die gelöste Energieblockade für Jonathán nicht nur Schmerz hervorgebacht hat, sondern auch die Möglichkeit sein Becken "zu benutzen", z.B. Lebenfreude zu fühlen, welche ihren Ursprung im Becken hat. Wenige Minuten später war Essenszeit. Wir saßen alle am Tisch und haben unsere Mahlzeiten eingenommen. Die anderen wussten schon alle bescheid. Maria Auxiliadora ist eine so genannte "Metiche". So nennt man hier die Personen, die sich in alles einmischen und dann natürlich auch alles weitererzählen. Das war im Fall von Jonathán jetzt auch sehr hilfreich. Ich dachte nur, wenn es drei Minuten später schon jeder im Zentrum weiß ist das vielleicht nicht so toll. Andererseits gibt es hier niemals Geheimnisse. Auch die psychologischen Sitzungen haben hier nicht diesen vertrauten Rahmen. Das scheint keinen zu stören- außer mich.

Der Vorteil war, ich konnte Jonathán ganz offen sagen, dass das beste grade sei, einfach wahrzunehmen, dass er im Hier und Jetzt scher mit uns am Tisch sitzt und und ab und zu in die Augen zu schauen. Das hat er auch gemacht und mich immer wieder angelächelt. In einem späteren Gespräch fragte ich ihn, wen er hier aus dem Zentrum mag, vielleicht als Freund bezeichnet. Ich hatte die Idee, dass sich vielleicht einfach einer von den anderen Jungs oder Mädels um ihn kümmert- auch nach der Öffnungszeit. Aber er entgegnete: niemand.

Mein eigener Prozess

Ich fragte, ob auf der Straße jemand für ihn da sei. Auch hier Fehlanzeige.Das hat mich echt umgehauen. Ich hab es Yahaira erzählt, um von ihr vielleicht weitere Informationen zu erhalten und sie sagte, es stimme. Er habe keine Freunde. Normalerweise, wenn er über die Straße gehe, würden ihm die anderen "Schwuler" hinterherrufen und ihn eher verachten. Sein "Geschäft" ist deswegen stadtbekannt, weil er unter anderem auch einige Geschäftsläuten hier seine Dienste in Anspruch nehmen.

Dass es Jonathán so ergeht, hat mich sehr entsetzt. Jonathán ist neben Francisco, Erick, Karla und Zenia einer meiner Lieblinge hier. Das ist wirklich hart für mich zu hören. Außerdem erinnert es mich an meine Jugendzeit, in der es mir genau so ging. Keine Freunde, Hänseleien, Gewalt und auch ich wollte mich oft umbringen.
Heute Abend habe ich ihm einfach Reiki geschickt- und mir selbst gegeben. Für ihn, dass das Beste geschieht. Und für mich? Dass ich das alles hier verdauen kann. In meinem Kopf hat es ganz schön geknallt während der Reiki-Selbst-Behandlung. Ich habe echt Kugelblitze gesehen. Aber sie sind rausgeflogen und waren dann auch weg. Und dann wurde es ruhiger.

Unglaublicher Schritt

Kaum war das Mittagessen vorbei kam William auf mich zu. Er berichtete mir, dass seine Jungs, mit denen er grade im Garten sei schon fragten, wann wir heute die Trauma-Gruppe machen würden. Das hat mich natürlich riesig gefreut. Ich dachte kurz: "Ich kann eigentlich gar nicht, weil ich schon gar bin." Aber Ich habe mir gesagt: "Wenn sie schon fragen, dann darf ich ihnen das in keinem Fall verwähren." Ich habe dann etwas Ressourcierendes gemacht. Ich habe ihnen erzählt wie es mir geht. Karla sagte daraufhin spontan und ganz herzlich: "Aber nicht weinen, Profesor!" Ich erklärte, dass ich ihnen zeige, wie ich mit dieser Beanspruchung umgehe und dass sie das auch so machen können. Wir haben dann die Hirnhäften ausgeglichen (Hände jeweils auf die rechte und linke Hirnhälfte legen, wirken lassen) und danach haben wir uns "geschüttelt" und die überschüssige Energie abgestreift. Das fanden sie total lustig. Und mir ging es dann auch wieder gut.Wenn die Jungs und Mädels schon nach der Trauma-Gruppe fragen, ist das ein unglaublicher Schritt in Richtung Heilung!

Karla

In der Sitzung, die Yahaira und ich mit Karla hatten, gab es ein weiteres Schlüsselerlebnis für mich. Karla hat sehr viel von ihrer neuen Beziehung erzählt. Und ich habe die ganze Zeit gedacht, ich verstehe nicht, was sie sagt. "Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht." Und weiter dachte ich: "Das liegt an meinem schlechten Gehör, an meiner Unkenntnis des Dialekts ..." und so weiter. Hinterher fragte mich Yahaira, was ich über Karlas Ausführungen denken würde. Und ich sagte: "Ich verstehe sie nicht."

Yahaira lachte und sagte: "Das ist auch alles sehr veworren. Karla kann die Realität nicht einschätzen und träumt sich die Welt so hin, wie sie es möchte."Und dann fiel der Groschen. Dann habe ich es doch verstanden. Karla erzähle nämlich, dass sie total in eine Frau verliebt sei, die ihr aber irgendwie Zeugs zukommen lässt für den Sex, den sie miteinander haben (Kleidung, Geld, Essen, Klebstoff und so weiter) und sie sagte, sie wäre lieber ein Mann, weil man sie dann nicht belügen würde. Außerdem meinte sie, sie liebe diese Frau, die würde aber sehr schlecht mit ihr umgehen. Und einen Satz später hat sie gesagt, dass es ganz toll mit ihr sei. Und mir hat sich die ganze Zeit der Kopf gedreht und ich habe wirklich gedacht, ich habe einzelne Fakten nicht gehört und könne den Kontext nicht begreifen. Aber es gibt gar keinen Kontext.

Das hat mich sehr erleichert. Und ich war mal wieder von den Socken, auf welche Weise Karla durch den Wind geschossen ist. Sie hat so ein gutes Herz und gleichzeitig ist sie so verletzt. Yahaira hat sie gefragt, was sie mag. Und sie antwortete: Singen, tanzen, Gitarre spielen, Leuten helfen, Ratschläge geben. Ich dachte: "JA!JA!JA! So ist sie, die Süße! Und das soll sie machen! Dieses ganze Schul- und Bibel-Zeugs und Rehabilitation ist alles Mist. Sie muss mit anderen Menschen sein und ihnen zur Seite stehen." Ich sagte ihr daraufhin: "Karla, du hast sooooo viel Liebe in dir. Manchmal denke ich, du weißt gar nicht wohin damit." Sie lachte und strahlte mich an. Ich riet ihr, genau das zu machen, was sie toll findet. Ich setzte hinzu: "Teile diese Liebe mit anderen!"

Kleine Wunder - Maria Auxiliadora

Die "Metiche" (22) ist eigentlich sehr in sich gekehrt. Sie spricht nicht viel, nur wenn sie etwas "nichts angeht", dann ist sie dabei. Sie arbeitet den ganzen Tag vor sich hin. Und wenn sie ihre Buchstaben lernt (schreiben kann man das nicht nennen), dann weiss sie gar nicht, was sie da macht. Ich denke, sie ist ein bisschen zurück geblieben. Und gleichzeitig ist sie ein Anfass-Lerntyp und damit einfach gemütlicher. Sie wird einmal eine gute Mutti und eine gute Omi. Sie hat zwar Ziele, aber ob sie diese Ziele erreicht ist einfach ein Frage, ob sie den Lehrer findet, den sie braucht und der mit ihr umgehen. kann. Darüber hatte ich ja schon einmal geschrieben.

Die Wucht geschah, als Yahaira mir heute ihre Gitarre mitgebracht hat. Abgesehen davon, dass die völlig ungestimmt war (ich habe das Stimmgerät aber mit nach Nicaragua genommen), hat die Auxiliadora sofort nach dem Instrument gegriffen und völlig ungehemmt drauf los geklampft. Sie kann nicht im "musikalischen" Sinne Gitarre spielen, aber sie war völlig lebendig und offen, als ihre Finger die Saiten zupften. Ich dachte in dem Moment, da steht eine andere Person vor mir. Die sonst so apathische junge Frau hat mich strahlend mit riesigen Knopfaugen angesehen. Ich denke, damit kann man weiter arbeiten. Musik ist für ein Schlüssel für viele Tore.

Man achte auf die Synchronizitäten

Als Rüdiger Dahlke mich vor etwa 20 Jahren mit seinem Buch "Krankheit als Weg" sehr glücklich machte, hatte ich nur im Kopf, im Verstand ein Konzept davon, was er meint, wenn er von Synchronizitäten schreibt. Diese erklärt definiert er als Ereignisse, die nicht direkt einem logischen Zusammenhang entspringen, aber gleichzeitig geschehen und die man deshalb durchaus in Zusammenhang bringen kann. Synchronizitäten sind zum Beispiel das Sternbild, das am Himmel steht und das Zeitpunkt Deiner Geburt. Beides steht nicht direkt im logischen Zusammenhang, aber findet gleichzeitig statt. Und beides hat einen bestimmten Ausdruck, eine bestimmte Symbolik, die man aufeinander beziehen kann. So ist die Arbeit mit den Horoskopen entstanden. Man hat gesagt: Die Sterne stehen so und so und dieser bzw. jener Mensch ist geboren. Also trägt er die gleiche Qualität in sich, wie das Sternbild. Es sind die Qualitäten jener Dinge, die synchron laufen, die die Synchronizität auszeichnen, nicht die Logik. Ein anderes Beispiel: Ein Gruppenteilnehmer erzählt von seiner Leidensgeschichte und man spürt förmlich die Trauer, die hochkommt. Zur gleichen Zeit fällt im Grupenraum ein volles Glas Wasser um, weil jemand mit seinem Stuhl dagegen gekommen ist. Das Wasser fließt auch, so wie die Tränen vielleicht kommen möchten. Die Qualität "fließen" ist hier durch synchrone Ereignisse ausgedrückt.

Wieso schreibe ich das? Ich fühle mich grade sehr synchron.

Eigentlich hatte ich den Computer schon ausgemacht für heute. Aber für dieses Ereignis, diese erstaunliche Sychronizität habe ich ih wieder eingeschaltet. Die Geschichte ist mit dem Stromausfall verwoben, der heute Nachmittag in Granada war. Ich hatte mich nach der Arbeit mit Sabrina getroffen um noch einmal mit ihr wegen der Organisation meiner Kurse zu sprechen. Sie hatte ein Raumangebot dafür bekommen. Die Anbieter sind auf sie zugekommen, weil Sabrina ihnen die Info-Mail zugeschickt hat. Das ist schonmal sehr synchron. Außerdem ist der Anbieter ein Sport und Spa-Center mit dem Namen PURE. Das ist wirklich ein wunderschöner Ort. Dort gibt es Geräte zum Trainieren, Tanz, Kickboxing, aber auch Yoga, Meditation, Ernährungsberatung und Massage. Auch diese Chance auf einen Workshop an diesem wundervollen Platz ist ein riesen Geschenk. Sabrina hat ihnen geschrieben, dass ich für den Raum möglichst nichts oder nur wenig bezahlen möchte. Trotzdem haben sie mir das Angebot gemacht. Also war ich heute da, habe mir schon einmal den einen der beiden möglichen Räume angesehen- den anderen werde ich morgen besuchen.

Ich habe mit dem Chef abgemacht, ihm die Workshop-Daten vom Internetcafé aus zuzusenden. Ich bin daraufhin also ins Internetcafé (warum heißt es eigentlich Internet-Café? Es ist doch einfach nur eine Aneinanderreihung von Computern in einem öden Raum?) gegangen, habe begonnen, diese Mail zu schreiben mit den Daten und meinen Anforderungen an den Raum (Tische, Stühle etc.) und einer "halben" Zusage. Und kurz bevor ich die Mail beenden konnte, fiel der Strom aus. Alles was ich mühevoll geschrieben hatte, war weg. Ich tastete mich im Dunkeln zur Kasse und zahlte dort meine 5 Córdoba (=nix) für die halbe Stunde, die ich umsonst am PC gesessen habe und machte mich auf den Heimweg. Irgendwie hatte ich schon Lust, in diesem Center die Kurse zu geben. Aber irgendwas ist da noch nicht ganz rund. Ich schob das erstmal darauf, dass mir die Frau, die mir die Räume gezeigt hat, sagte, es gäbe keine Stühle dort. Für das Familienstellen brauche ich aber Stühle- etwa zwanzig. Ich überlegte die ganze Zeit auf dem Heimweg, wie man das mit den Stühlen hinbekommen kann. Ich will auch nicht im Zentrum Jesus Amigo nach Stühlen fragen. Erstens sind die sehr unbequem, zweitens muss man die ja auch transportieren und drittens ist es mir einfach unangenehm, dort aufzukreuzen, alles aufzumischen und dann noch Stühle zu erbitten.

Zuhause angekommen, fummelte ich im Dunkeln die ganzen Schlösser auf, die ich laut meiner Vermieterin immer abschließen muss. Der Computer war dann die einzige Lichtquelle im Haus. Alles stockfinster! Ich habe mit dem Reststrom im Akku diesen Text verfasst. Als ich nun fertig war mit Schreiben, habe ich den Computer geschlossen und der Strom ging wieder an. Ich wollte auf Toilette gehen. Das Wasser ging aber nicht. Das passiert hier auch. Diesmal konnte aber daran liegen, dass ich vergessen habe, den Haupt-Wasserhahn im Vorgarten zu öffnen. Auch den soll ich laut meiner Vermieterin immer schließen, wenn ich gehe. Sie ist etwas ängstlich ... Ich machte mich also von meinem Schreibtisch auf den Weg zur Haustür und knipste an diesem Abend das erste mal das Licht im Haus an. Und was sah ich?

Da standen neben der Haustür sechs Tische und zwanzig(!) Stühle. Die Vermieterin war heute anscheinend im Haus. Sie kommt ab und zu zum Putzen, was ich sehr edel von ihr finde. Es ist allerdings nur die Auswirkung ihres Kontrollzwangs. Aber wenn dann wieder alles sauber ist, soll mir das egal sein. Und sie hat diese Ausrüstung offensichtlich hier "untergestellt". Wenn das mal nicht synchron ist?!Ich schaute völlig perplex auf diesen Berg von Tischen und Stühlen und zählte ein paar mal durch. Zwanzig. Vor Verwunderung kopfschüttelnd bewegte ich mich in den Vorgarten. Der Wasserhahn war in der richtigen Stellung: AN. Ich schloss die Tür, zählte nochmal die Stühle, zwanzig, bewegte mich zur Toilette und drehte den Wasserhahn auf, um zu prüfen, ob das Wasser jetzt ging. Nein. Da ich aber so dringend musste habe ich mir gedacht: egal. Wird schon irgendwann wieder gehen. Dann kann ich immer noch abziehen. Als "Signal" ließ ich den Wasserhahn geöffnet.Während des Geschäfts dachte ich: "Das mit den Stühlen ist eindeutig grünes Licht für den Workshop! Und vielleicht auch grünes Licht dafür, ihn nicht in dem Spa-Zentrum zu machen, sondern hier im Haus. Zumindest das Familienstellen." Just in diesem Moment begann der Wasserhahn wieder zu laufen. Ich nenne das "im Fluss sein". Ich werde mir den Raum morgen trotzdem mal ansehen und dann noch mal hineinfühlen, was sich besser anfühlt: Im Spa oder im Haus bei mir.

Auswirkungen

Franciso kam heute morgen etwas "angeheitert" ins Zentrum. Er hatte wahrscheinlich geschnüffelt. Eigentlich lassen wir die Jungs und Mädels dann nicht rein. Aber bei Francisco war es anders. Vielleicht, weil er sonst so folgsam ist. Anfangs hatte ich Angst, dass er "rausfliegt" und habe ihn immer wieder von den anderen ferngehalten, damit er ihnen nicht zu sehr auf die Nerven geht. Wenn man geschnüffelt hat, macht man irgendwie total überdrehten Quatsch und ist total aufgekratzt. Aber als ich in Filadelfos Gesicht die Enttäuschung sah, dachte ich: "Er hat's gecheckt und er hat's hingenommen, ohne ihn zu suspendieren." Dann habe ich mich etwas beruhigt.

Ich musste auch etwas schlucken, als ich seinen Zustand registriert hatte. Auch hier wieder kam mein Schuldgefühl. Ich habe seine Unvernunft darauf bezogen, weil ich am Vortag so intensiv mit ihm gearbeitet hatte, aber am Schluss die Integration nicht richtig funktioniert hat. Etwa eine Stunde später war er wieder "normal". Vielleicht ist es bei ihm nicht so schlimm wie bei anderen. Ana Maria kam ja auch "zugeschnüffelt" und sie hat sich ja den ganzen Vormittag nicht mehr beruhigt und hat unglaublich viel Blödsinn gemacht. Daraufhin ist sie ja einen Monat lang suspendiert worden. Francisco kam im Laufe des Vormittags zu mir und sagte, dass die Zeit mit mir und meiner Arbeit ihm sehr gut getan habe und ich müsse das mit den anderen heute unbedingt nach dem Gottesdienst auch machen. Das hat mich dann erleichtert.

Eigentlich ist es mehr oder weniger klar, wenn sich Erinnerungen wieder ankoppeln (zurückkehren), die schmerzhaft sind, so wie das bei Francisco gestern der Fall gewesen ist, dass man eine Weile braucht, um das zu verarbeiten. Und wenn man dazu neigt, sich "wegzumachen", dann greift man wahrscheinlich am Anfang nach so einer Sitzung erst mal zu seinem "Wegmach-Zaubermittel"- welches auch immer das bei der jeweiligen Person ist.

Erick

Meine "Charraluda" Erick kam heute ins Zentrum. Ich nenne ihn jetzt so, weil seine Haare immer wuscheliger und runder werden. Charraludas heißen hier "hässliche" Frauen mit ganz vielen, dichten, wirren Haaren. Das ist ja immer ein besonderes Ereignis, wenn Erick mal erscheint. Ich konnte ihn heute mal wieder sprechen hören. Er hat ja so einen komischen Rhythmus beim sprechen. Die anderen hänseln ihn deswegen schonmal. Ich dachte, dass er vielleicht zum Stottern neigt und es mit dieser Art, seine Worte zu betonen "überspielt". Irgendwie gefällt mir das, wie sich das anhört. Es klingt wie der venezolanische Dialekt. Ich werde ihn mal fragen, ob seine Familie aus Nicaragua ist.

Wir haben uns heute "gekappelt". Das ist hier irgendwie die angemessene Form, dem anderen zu zeigen: "Ich mag dich". Er hat angefangen. Davon habe ich mich dann für die Trauma-Runde zu einer "Kabbelübung" inspirieren lassen. Das hat die Chavalos zwar erst total irritiert, aber irgendwie waren sie alle total gut gelaunt hinterher  - außer Karla. Sie hatte sich während meiner Instruktionen daneben benommen und William hat sie daraufhin total heftig zusammengeschissen. Dann hatte sie natürlich von der Übung nichts mehr. Der Mann ist einfach ein echter Streetworker - rauh wie die Jungs aber auch voller Liebe und wirklich auf gleicher Augenhöhe. Manchmal schüttel ich den Kopf und denke: "PAH, was macht der da????!!!" Und manchmal könnte ich vor Respekt in die Knie vor ihm gehen.
Aber zurück zur Runde. Keiner wollte die Übung mit Erick zusammen machen. Sie haben immer gesagt: "Der ist verrückt!" Das stimmt irgendwie auch. Er ist schon wirklich ein bisschen stark "psychopathisch" veranlagt (=Drang zum Herrschen und zur Manipulation anderer). Das muss man "verkraften" können. Meistens habe ich dann die Übung mit ihm gemacht (also mich nochmal mit ihm gekabbelt) und ab und zu habe ich einfach einen anderen aus der Runde gegriffen und gesagt: "So, jetzt macht ihr zwei mal zusammen." Das war dann echt immer ein bisschen schwierig für denjenigen, den ich ausgewählt hatte.Das tut mir irgendwie ein bisschen leid für Erick, dass ihn niemand so recht mag. Dann ist es auch kein Wunder, dass er nicht oft ins Zentrum kommt. Allgemein zeigen sich die Chavalos keine "Zuneigung", so wie wir es machen würden. Zum Einen sind sie natürlich im Pflegelalter. Zum Anderen muss es halt immer die Faust sein. Dann ist man eben wer.

Als ich etwa in dem gleichen Alter war, hat mich diese Umgangsform schon total abgestoßen. Und ich war deswegen bei niemandem beliebt. Ich brauchte das irgendwie "zarter" und "direkter" und nicht über so Pflegel-Umwege. Zum Glück ist diese "Wunde" in mir geheilt. Es macht mir heute nichts mehr aus, wenn die Jungs mir feste auf die Schulter klopfen, mir gegen den Oberarm boxen oder mir angedeutet "in die Weichteile" treten wollen, um sich mit mir zu messen. Ich freue mich dann eher, dass sie sich das mit mir trauen und mache einfach mit. Ich glaube, die Heilung ist in der wunderbaren Primärtherapie eingetreten, an der ich vor fünf Jahren im Osho-Uta-Institut in Köln teilgenommen habe. Da war ich Teil einer "Massenkabbelei" mit Kissen und ganz vielen "Jungs und Mädels" (=andere erwachsene Teilnehmer). Das war super und für mich eins der Highlights der intensiven Selbsterfahrungswoche.

Straßenkinder in Brasilien

Anscheinend vergehen hier nur wenige Tage ohne Horrormeldungen. Heute haben wir von einer großzügigen Frau tonnenweise Spaghetti und Erfrischungsgetränke geschenkt bekommen. Bruder Emmanuel sagte, dass einer von uns vorkosten soll. Alle lachten. Dann fügte er relativ ernst hinzu, dass in Brasilien die Straßenkinder mit vergiftetem Essen gefüttert werden, um sich ihrer zu entledigen. Und diejenigen, die die Aktion überleben und mit Krämpfen oder sonstwas in der Gosse liegen, werden abgeknallt. Dann werden die Leichen zusammengefegt, auf einen Haufen geworfen und angezündet. Soviel dazu. An was erinnert Euch das? Der Holocaust ist in keinster Weise zu Ende. Er geht an ganz vielen Ecken dieses Planeten und mit sehr vielen unterschiedlichen Gesichtern weiter.

Sand in den Schuhen

Das ist genau das was ich sehen wollte. Ich wollte wissen, was das Ego der Menschen produziert. Ich wollte das wirklich ganz tief in mich hineinlassen, damit ich ein größeres Bild von Realität bekomme. "Bitte schön!" sagt der liebe Gott. Bert Hellinger, der Vater des Familienstellen sagt, es sind die düsteren Bilder, die heilen. Und ich kann mit jedem Tag, den ich hier bin mit wachsender Gewissheit sagen: Das stimmt. Man könnte vermuten, dass ich nach solchen "Nachrichten" völlig paralysiert bin. Das passiert auch einen Moment lang. Das ist auch menschlich, denke ich. Es dauert dann unterschiedlich lang, bis ich mich wieder sammeln kann. Aber ich habe dann hinterher, wenn ich mich erholt habe, das Gefühl wacher und klarer zu sein.

Kennst Du das, nach einem Strandspaziergang den Sand aus deinen Schuhen zu schütteln? Du schüttelst und schüttelst und klopfst die Schuhe auf den Boden und nach einigen Minuten kommt immer noch was raus. So fühle ich mich hier. Ich denke: "Jetzt bin ich doch schon ganz 'gereinigt' oder 'geklärt' oder was auch immer." Und dann kommt nochwas aus der hinterletzten Ecke herausgerieselt. In irgend einer Zelle steckte noch was Altes, das nun aufgerüttelt und verarbeitet wird.

Gelebte Ursprünglichkeit

Heute haben wir einen überraschenden Hausbesuch gemacht. Maria Auxiliadora war vergangene Woche ein paar Tage nicht im Zentrum und schlug dann gestern mit 350 Córdoba in der Tasche bei uns auf. Angeblich habe sie Tortillas für ihre Großmutter verkauft. Das hat uns stutzig gemacht. Das ist für uns Europäer zwar nicht viel Geld (vielleicht 17 Euro), aber hier ist das eine Menge. Wir dachten also, dass diese Einahme durch Tortillaverkauf nicht möglich ist. Wir haben ihr also nicht geglaubt. Sie hatte angekündigt, heute wieder bei der Großmutter zu sein und Filadelfo und ich haben beschlossen, sie einfach dort zu besuchen. Wir haben uns in den Bus geschwungen und sind bis in die Pampa gefahren, wo diese Großmutter ihre Behausung hat.

Wir hatten uns allerdings getäuscht, das muss ich dazu sagen. Als erstes war die Auxiliadora anwesend und nach dem Gespräch mit der Omi haben Fila und ich einstimmig gesagt: "Ja, das glauben wir jetzt auch." Interessant war die Art und Weise, wie diese alte Frau lebt. Die vorherrschende Farbe auf dem Grundstück war braun. Irgendwie war alles braun. Die Pila, das Wellblech - vor Rost- die Steine der Behausung, die Haut der Anwesenden, die Flecken auf deren Kleidung und der Hund, der dort überall seine Nase hineinsteckte.  Ein paar Bäume gab es, dere Kronen waren nicht braun. Sie erzeugten gemeinsam mit der sehr erdigen, ungeordneten Umgebung den Eindruck, als sei man grade mitten im Urwald. Die Natur hatte sich viele der Gegenstände, die es auf dem Grundstück gab, wieder zurück geholt. Alles war schmutzig, vom Regen mit den typischen Erd-Regen-Flecken bedeckt, teilweise von Moos überzogen.

Die Dame hatte wirklich kein "Haus" in dem Sinne, wie die anderen Armen es hier haben, sondern irgendwie waren da ein paar Steine aufeinander gesetzt. Das Ganze war mit Wellblech abgedeckt. Nicht einmal mannshoch war diese Konstruktion. In der Mitte des Grundstücks gab es eine "Freilicht-Küche". Ein paar flache Steine und Beton zierten den Boden. Ein paar Holzstäbe hielten weiteres Wellblech als Sonnenschutz für die Köchin fest. Da stand ein altes, ausgedientes, rostiges Air-Condition-Gerät als "Untersatz", damit die Kochplatte die richtige Arbeitshöhe hat. Auf dem Gerät lag das glühende Brennholz und auf dem Brennholz lag wiederum mit ein paar Steinen abgestützt eine alte Eisenplatte auf der die Mutti immer etwa 6 Tortillas röstete. Ein unglaublich ursprüngliches Bild! Die Frau selbst war eine typische Nica. Langes, graues Haar, irgendwie zusammengefriemelt. Es war vor Ewigkeiten mal gefärbt, so dass man einen langen Ansatz sah, der sich prompt in einem dunklen Haarknäuel verlor. Ihre Statur war etwas massiger - eine Omi-Statur eben. Sie trug eine fleckige Schürze, darunter ein T-Shirt, aus dem die fleischigen, dunklen Arme herausragten. Die vorderen Zähne fehlten ihr komplett. Während sie sprach, schaute sie uns mit ihren freundlichen aber müden dunklen Augen an und etwas weiter unten sah man aus ihren Mundwinkeln die seitlichen Zähne durchblitzen.

Unablässig vollzog sie den gleichen Arbeitsablauf: eine handvoll Teig vom großen Ballen abreissen, der auf einem mit allem möglichen schmutzigen Zeugs vollgestellten schmutzigen Tisch ruhte. Als Nächstes wurde der Teigknäuel zu einer Kugel geformt und zwischen den Händen plattgedrückt. Während dessen wackelte die welke Haut ihrer Oberarme hin und her. Dann legte sie die plattgedrückte Masse auf das heiße Eisen, drückte es mit einem Spatel noch einmal flach. Sie drehte die anderen Tortillas um und nahm immer ein bis zwei, die schon gar waren mit dem Spatel herunter und schleuderte sie in eine alte, zerkratzte Platikschüssel, die irgendwo im Gekrööse hinter ihr ihren Platz gefunden hatte. Man konnte ahnen, dass deren Farbe mal blau war, als sie sie gekauft hat. Während ihr Körper immer vom Tisch zum Rösteisen hin und her wackelte, erzählte sie unablässig und impulsiv von ihrer Kindheit, wie arm sie war, wie wenig sie von ihren Eltern bekommen hat und dass sie wollte, dass es ihren Kindern besser geht.

Während ich mich bemühte zuzuhören und zu verstehen, was die Dame loswerden wollte, erschloss sich mir, warum hier so viel "braun" war. Der Herd, den die alte Frau sich gebastelt hatte, hat ununterbrochen gequalmt. Grau-braune Rauschschwaden stiegen auf und je nach Windrichtung streiften sie entweder die alte Uhr, die an einer Bretterwand hing und deren Glas auf dem besten Wege war durch einen bräunlichen Film undurchsichtig zu werden. Oder die Feuer-Gespenster ließen sich auf den DVDs auf dem "Küchentisch" nieder, wo auch der Teigklumpen ruhte. Es dauerte eine Weile, bis ich überhaupt entdeckte, dass es sich bei diesen eckigen, braunen Kassetten um CD-Hüllen handelte. Ein anderes Mal zog der Qualm zur Pila, wo der Enkel arbeitete oder zur Steinbehausung, um sich dort auf den Steinen niederzulassen.

Während an diesem einen Schauplatz die Tortillaproduktion ablief, wurde an einem anderen Platz, etwa drei Meter weiter vorne, neuer Teig hergestellt. In einer Plastikschüssel, die schon eingerissen und geflickt war und die auf dem Betonwaschbecken, der Pila ruhte, knetete der andere Enkel der Oma unter freiem Himmel eine gelbliche Masse. Er schöpfte ab und zu mit einer kleinen Plastikschüssel Wasser aus der Pila. Dieses Wasser war völlig verfärbt. Es sah aus, als wäre es Wasser aus einer Pfütze. Braun eben. Er schüttete es in den Teig und knetete mit dem Rücken zu uns weiter, während ab und zu links und rechts von ihm Tropfen von Teig-Wasser-Mischmasch durch die Luft spritzten. Etwa dreihundert Tortillas werden am Tag an diesem rustiklen Ort gebacken. Und für jede verkaufte Tortilla bekommt Maria Auxiliadora 10 Pesos. Diese hat sich allerings an der Produktion nicht beteiligt, zumindest als wir anwesend waren, sondern hat fleißig zugeschaut.

Jonathán

Heute hat die Traumarunde in Jonathán wieder die Traurigkeit und den Unwillen zu leben freigesetzt. Er legte sich danach auf den Boden und wir haben ein bisschen Integrationsarbeit gemacht. Das war gut. Ich denke, der Körper hat jetzt zumindest einen Weg, wie er die Traurigkeit freisetzen kann. Jetzt muss die Regulation noch ein bisschen trainiert werden, dann gibt das was mit dem süßen Kerl. Der Ausdruck in und um seine Augen hat sich total verändert. Dieser (Entschuldigung!) verschreckte, "etwas dumme" Blick ist seit der Sitzung vorgestern weg. Er sieht viel wacher und erwachsener aus. Das freut mich total!

Spiele-Nachmittag

Yahaira hat heute Fragen auf mehrere Blätter Papier geschrieben und die Blätter etwas unliebsam "zusammengeknüllt", damit die Fragen geheim sind. Jeder hat dann eine Frage gezogen und man hat sie vorgelesen und beantwortet. Es waren Fragen in der Art: "Was ist deine Lieblingsfarbe, dein Lieblingtier" etc., um sich ein bisschen kennen zu lernen. Das süßeste war, das Yahaira die Frage gezogen hat: "Wie wäre deine Idealmutter?" und sie sagte: "Ich habe eine Idealmutter." Und ich dachte in diesem Moment: "Ich auch." Das kam von ganz tief aus meinem Herzen und war vollkommen authentisch. Dass jemand das einfach so behauptet ist für mich sehr berührend, weil es einen Idealzustand darstellt, den es nicht oft gibt.

Francisco hat über seine Lieblingsfarbe gesprochen: orange. Die Essenzfarbe, die ich von ihm empfangen habe ist blau. Das ist immer spannend, wenn einer die Komplementärfarbe seiner Essenzfarbe als Lieblingsfarbe hat. Bisher habe ich es so erlebt, dass diese Personen ihre Essenz ganz weit von sich wegschieben, weil sie Angst haben, sie zu leben. Indem sie sich auf die Gegenfarbe konzentrieren, haben sie das Gefühl, sie könnten jemand anders sein, als sie sind. Aber das malnur so in den Raum gestellt.

Zenia sprach über ihr Lieblingstier. Sie erzählte, dass sie die Kühe so toll findet, die auf der Straße rumlaufen. Ich habe sie gefragt, was ihr daran so gefällt und sie sagte: "Weil sie den ganzen Tag fressen." Dabei strahlten ihre Augen, so wie ich es noch nie zuvor bei ihr gesehen habe. Vielleicht habt ihr die Zeichnung angesehen, die ich euch zugeschickt habe, auf der Zenia ihre Familie darstellt. Die Augen der Figuren sind alle runde, leere Kreise. So ist Zenia auch. die Augen sind immer zerstreut, abwesend, wie "nach innen gefallen". Und in diesem Moment waren sie ganz klar und auf und präsent. Das war unglaublich. Ich habe die Chance direkt genutzt, um ihr tief in die Augen zu blicken und zu sehen, was sich dort zeigen will. Dort habe ich ganz viel Liebe gesehen. Liebe für Kinder, für Menschen. Aber dieses Potenzial ist wirklich sehr verschüttet. Schon eine Sekunde später fiel sie wieder in den alten Zustand zurück. das ist wie "plöpp"-die Augen sind wieder nach innen gefallen.

Ich hatte die Frage nach Geschwistern. Und ich habe mir ja angewöhnt zu sagen: "Ich habe keine lebenden Geschwister. Aber wir waren im Mutterleib zu zweit." Diese Antwort tut mir/uns sehr gut. Nach der Frage-Runde haben wir gespielt. Domino, X für O, Puzzle, Hütchen-Hüpf und so Krimskrams. Das ist wirklich eine tolle Methode, die Jungs und Mädels länger an sich zu binden und mit ihnen einfach mal zu quatschen. Karla hätte gegen mich bei X für O immer verloren, wenn ich sie nicht hätte gewinnen lassen. Dieses Spiel ist wirklich verhext. Es hat weder mit Intelligenz noch mit Strategie zu tun, sondern ich denke heute, dass es damit zu tun hat, mit wem man es spielt. Gegen Jonathán habe ich nämlich fast immer verloren. Wie kommt das? Ich benutze doch das gleiche Gehirn.

Klampfen im Zentralpark

Heute Nachmittag habe ich mich mit der Gitarre in den Zentralpark gesetzt. So eine Gitarre ist wirklich ein Menschenmagnet (genau so wie die Spiele). Ich habe den Bruder von Erick, Alexandre kennengelernt. Die sehen sich kaum ähnlich, aber wenn man es weiß ... Alexandre hat auf der Gitarre rumgeklampft und ich konnte ihn ein bisschen ausfragen. Er lebt mit Erick zusammen bei der Oma. Er verkauft den ganzen Tag lang Kaugummis an Touristen. Das machen hier viele Straßenkinder. Sie laufen Stund' um Stund' die Calzada (Touristenstraße) und den Park ab. Manche von ihnen habe Körbe mit Kaugummis, Zigaretten, Streichhölzern und anderem Kleinkram. Alexandre hat nur eine Pappschachtel mit den Kaugummis. Alexandre kennt das Zentrum Jesús Amigo auch und hat sogar gesagt, dass er Montag kommen möchte. Ich habe ihm nochmal gesagt, dass er dort zu essen bekommt und dass er nachmittags dann ja arbeiten könne. Außerdem traf ich noch zwei andere Jungs, die das Zentrum auch schon kennen, Ich habe ihnen dann nochmal gesagt. dass sie kommen können. Der eine ist noch bis kommende Woche suspendiert, aber der strahlte mich so an und fragte mich zwei mal ob ich da arbeite, dass ich mir vorstellen kann, dass ich den auch reanimiert habe.

Miguel

Außerdem hat sich Miguel zu mir auf die Bank gesetzt. Er ist 30 und angeblich Touristenführer in der Stadt. Ich spürte am Anfang des Gesprächs schon Bewegungen in meinem ersten Chakra. Das bedeutet entweder ist die Person kriminell, will Sex oder es geht um Geld. Ich habe des Spaßes halber mich einfach weiter auf ihn eingelassen. Wir sind ein bisschen durch die Stadt gegangen, dann hat er mich in eine Bar geführt. Und ich dachte: "Okay, riskant, aber ich will ja auch was von der Kultur hier kennen lernen."

Als ich die Leute in der Bar sah, habe ich schon mehr "Informationen" gehabt. Es waren unheimlich viele Männer da, die sehr weiblich aufgemacht waren. Aber auch "normal" aussehende Männer und Frauen. Es gab Musik und Karaoke und mache haben getanzt. Das war echt cool. Wir haben uns total nett unterhalten, auch wenn ich gespürt habe, dass irgendwas nicht so ganz stimmt. Ich habe natürlich gefragt, was ihn bewegt, sich mit so "doofen Ausländern" wie mir abzugeben. Und seine Antwort war natürlich, dass er aufgrund seines Berufes sowieso mehr mit Ausländern zu tun habe. Er kannte dafür aber ziemlich viele von den einheimischen Schwulen, die dort in der Bar rumgehangen haben. Obwohl ich auch detektivisch immer wieder Fragen gestellt habe, die sich auf die Schwulen bezogen haben, die er dann so beantwortete, dass man hätte glauben können, dass er nicht schwul ist.

Er hat sich ein Getränk bestellt und als es kam und bezahlt werden sollte, hatte er kein Geld. Ich habe es dann bezahlt. Das war ja dann schonmal eine geplante Sache. Erstes Chakra eben. Aber für mich war es noch okay. Als er dann das zweite Getränk haben wollte und ich wusste, dass ich es wieder bezahlen muss, habe ich auch noch ja gesagt, mich aber dann innerlich verschlossen. Ich habe gesagt, dass ich jetzt gehe und er hat versucht mich noch zu überreden, dass er mich nach Hause bringt. Das habe ich abgelehnt.

Ich muss aber dazu sagen, dass ich ihn trotz der (von mir ja auch bewusst in Kauf genommenen) Unaufrichtigkeit sehr nett fand und ihm durch einen Blick und eine Geste zu verstehen gegeben habe, dass ich seine Intention deutlich verstehe, aber ablehne. Ich habe mich natürlich gefragt, wieso ich trotz meiner Intuition, der ich in dem Moment sogar getraut hatte, mich auf ihn eingelassen habe. Ich wollte ja keinen Sex mit ihm und mich auch nicht beklauen lassen. Aber irgendetwas hat mich gezogen.

Der Grund kam bald zum Vorschein. Er erzählte, dass seine Vorfahren (väterlicherseits?)  bei der spanischen Inquisition hierher gekommen seien (so wie ich). Als er das erzählte, blitzte es in meinem ersten Chakra, das auch das Energiezentrum für Wurzeln und Herkunft ist, erneut auf und es löste sich etwas. Es gab also eine karmische Verbindung zwischen uns. Jetzt, hinterher, denke ich: "Dann ist es auch gut, dass ich mit ihm den Deal eingegangen bin." Die Auflösung dieses Karmas hat mich sage und schreibe nur 2 Dollar gekostet. Andere geben dafür Tausende aus.Außerdem war es ein lustiger Abend.

Es gibt laut Sabrina eine offizielle Statistik, die besagt, dass 70% der Männer in Nicaragua schon einmal gleichgeschlechtlichen Verkehr hatten. Dies beinhaltet natürlich sowohl freiwilligen, homosexuellen Verkehr, als auch die Prostitution, die hier sehr verbreitet zu sein scheint als auch den sexuellen Missbrauch.

Ausflugswochenende

Dieses Wochenende stand wohl unter dem Stern "Ausflug". Freitag hat es ja schon angefangen. Und Samstag waren Sabrina (die Frau, die die Freiwilligenstellen hier organisiert und verteilt), ich und Christina, eine andere Freiwillige, die in einer anderen Stadt arbeitet zum Mittagessen in einem wunderschönen Café, das ich vorher noch nicht kannte. Dort gibt es normalerweise auch Chai-Latte (nur an dem Samstag nicht, weil die Maschine kaputt war), was mich sehr freut. Christina ist Krankenschwester und arbeitet in einem ähnlichen Projekt wie ich, nur dass ihre Kinder nicht drogenabhängig sind und auch nicht auf der Straße leben. Die Kinder, die in dieses Haus kommen, sind sozusagen tagsüber unter Betreuung, während die Eltern arbeiten. Mit ihr verstehe ich mich sehr gut. Vielleicht liegt es daran, dass sie einen Tag nach mir Geburtstag hat, also auch das Sternzeichen Zwilling hat. Zwillinge finden ja intuitiv andere Zwillinge, das ist echt ein Phänomen! Die Ähnlichkeiten zwischen uns sind auch unglaublich. Sie reist gerne, sie hat ihren sicheren Job aufgegeben, sie liebt Mittelamerika und und und. Vielleicht deswegen haben wir beschlossen, dass wir heute, am Sonntag was zusammen machen.

Masaya-Vulkan

Wir haben uns ganz früh getroffen und sind auf den Masaya-Vulkan gewandert. Da fährt man zuerst eine halbe Stunde mit dem Bus und geht dann zu Fuß, wenn man das möchte, sechs Kilometer hinauf zum Krater. Das Besondere an diesem Vukan ist, dass er noch aktiv ist. Er ist um 1770 das letzte mal ausgebrochen. Da hat es fette Lava-Ströme gegeben. Und bis heute ruht er nicht, sondern stößt die ganze Zeit Qualm aus. Dies sind Dampfwolken mit verschiedenen "Säure"-erzeugenden Stoffen. Bis man oben ist, kommt man an einer skurrilen Landschaft vorbei. Es gibt viel Lavagestein, zwischen dem sich wieder Vegetation angesiedelt hat. Teilweise sind die Farbkontraste einfach wunderschön: das schwarz der Lava, saftiges Grün und manchmal gibt es dazwischen entweder leuchtende Blüten oder Ablagerungen der Dämpfe, die ein orange mit hineinbringen.

Je weiter man hoch kommt, desto faszinierender und stimmungsvoller werden die Kontraste. Verdörrte Bäume neben grünen Büschen und dazwischen weiterhin dunkle Unterbrechungen. Der Dampf, den der Krater ausstößt, schwebt manchmal zwischen den Büschen und Bäumen hindurch, so dass die Atmosphäre fast gruselig ist. Das erinnerte mich an die Bilder aus einem englischen Moor, das man machmal in alten Krimis oder Gruselfilmen sieht.  Zunehmend hat man die Dämpfe des Vulkans auch gerochen und "geschmeckt". Er roch leicht schwefelig, süßlich. Und im Mund schmeckte es salzig süßlich. Manchmal brannten uns für einen Moment die Augen, vor allem, wenn wir zu dem Krater hochgeschaut haben. Dieser Impuls war allerdings meist kaum zu "unterdrücken", weil man inmitten des bewölkten Himmels genau sah, wie der Rauch aufstieg, so als hätte jemand ein riesiges Feuer angezündet. Das war schon faszinierend.

Oben angekommen gab es natürlich ein paar Touristen. Die meisten sind allerdings mit einem Shuttle hochgefahren. Man steigt dann nochmal 177 Stufen auf einen Aussichtspunkt und schaut ... in eine Rauchwolke. Manchmal steht der Wind günstig und dann kann man ein bisschen den Krater sehen, aber nur für Sekunden. Es reichte nicht, um ihn richtig zu fotografieren. Also war die Aussicht eher unspektakulär. Aber der Aufstieg war super. Und für mich als feinfühlige Antenne war es natürlich besonders interessant, mal zu spüren, wie sich das anfühlt, wenn man so nah an der Vibration des Erdinneren dran ist. Es gab hierzu passend schon den ein oder anderen Moment, in dem ich die Vibration der Erde sehr deutlich in meinem feinstofflichen Körper wahrgenommen habe. Das war wie ein wohliger, aber auch extrem wuchtiger, zittriger Schauer, der mir durch Mark und Bein fuhr. Sehr tolle Erfahrung. So fühlt sich also die Kraft von Mutter Erde an, wenn sie nicht durch die dicke Erdkruste "gefiltert" wird.

Vulkane und Kontinentalplatten

Nicaragua hat neben Chile die meisten aktiven Vulkane. Ich habe keine genaue Zahl, aber es sind wohl um die 40. Ich kann mir vorstellen, dass das Land deshalb auch so eine kräftige Schwingung hatl, die mich die meiste Zeit, die ich hier bin auch tatsächlich von innen zu reinigen scheint. Außerdem liegt Nicaragua inmitten der relativ kleinen Zentralamerikanischen Kontinentalplatte. Von diesen Erdplatten gibt es ein paar in unterschiedlichen Größen. Hier in Mittelamerika stoßen vier weitere dieser Erdplatten an die Zentralamerikanische Platte an. Diese Kontinentalplatten bewegen sich und wenn sie sich zu stark "reiben", kommt es zu Erdbeben. Auch diese "Spannung", die durch die Erdplatten hier entsteht kann man irgendwie wahrnehmen, aber fragt mich nicht wie. Es ist einfach so ein Gefühl. Irgendwas ist hier anders als in Europa, welches vergleichsweise inmitten einer sehr großen Erdplatte liegt und daher weitestgehend Erdbebensicher ist.

Sabrina hat mir erzählt, dass Granada, die Stadt, in der ich wohne, von "kleineren" Erdspalten umgeben und daher Erdbebensicher ist, weil diese Spalten die Bewegungen der zentralamerikanischen Platte wohl abpuffern. Das fand ich auch sehr interessant. Und trotzdem liegt Granada direkt an einem Vulkan, dem Mombacho, der auch aktiv ist. Diese Kombination spürt man auch irgendwie. Es vibriert her einfach in einer unglaublich spirituellen Frequenz, die ich sonst nur aus Köln kenne. Man muss irgendwie lernen, das zu "erden", also damit umzugehen. Mein Gefühl ist, dass das hier kaum einer kann und deswegen hat sich hier auch noch nicht so viel spirituelle Arbeit angesiedelt. Aber es ist ein guter Platz dafür, denke ich. Christina und ich haben auch noch einen anderen Krater angesehen, der ein paar Meter Luftlinie vom aktiven Krater entfernt lag. Dieser ist wohl auch das letzte mal 1770 ausgebrochen. Seitdem ruht er aber. Hier gibt es keine Aktivität. Der ganze Krater ist mit Urwald ausgekleidet. Das Land in und um einen Krater herum ist meist sehr fruchtbar. Das kann man dort sehr schön sehen.

Abstieg und Erholung an der Lagune

Der Abstieg war viel entspannter, weil wir natürlich bergab gegagen sind. Nach einem Kilometer hat uns ein Fahrer auf seine Ladefläche eingeladen. Das wird ja hier so gemacht. Fast jeder fährt einen Pick-Up und wenn man noch Platz hinte drauf hat, lädt man einfach jemanden auf, der in die gleiche Richtung möchte. Das is super cool, weil man hinten auf dem Ladefläche immer nette Menschen kennen lernt. Das ist mit das Coolste, was es in Mittelamerika gibt. Die Sonne scheint, man hockt manchmal zu sechs, sieben Mann hinten drauf, der Fahrwind bläst einem um die Ohren und man quatscht einfach irgend ein unverbindliches Zeugs. "Where do you guys come from?" "Ah, Germany! I've got an uncle living in Germany." und so was eben. Und irgendwann springt man wieder ab. Das ist Freiheit!

Christina und ich sind dann noch zur Laguna de Apoyo gefahren. Es gibt hier viele Vulkane und deswegen auch viele Lagunen- das sind Seen, die aus Vulkanen entstanden sind. Dies Laguna de Apoyo ist wirklich ein paradiesischer Ort. Man ist umgeben von Gebirge, das wunderschön dicht und saftig bewachsen ist. Meist gibt es wenige Bewohner direkt an der Lagune, so dass man ein reines Entspannungs- und Naturerlebnis hat.

Wir haben dort in einem Restaurant am Wasser gesessen. Dort gab es einen Tisch mit  ein paar Amerikanern, die fleißig grottenfurchtbares Spanisch gesprochen haben, um zu üben. Sie sind für 25 Monate hier in Nicaragua. Es gibt in den USA solche Entsendungen, die von der Regierung organisiert werden. Die Gringos am Tisch nahmenan diesem Programm Teil. Sinn und Zweck ist Entwicklungshilfe im Allgemeinen. Die Jungs und Mädels bekommen ein Training in Spanisch und Basis-Kenntnisse von Land und Leuten hier und dann werden ihnen für fast zwei Jahre die Jobs zugeteilt. Sie können nicht wählen und müssen dann machen, was sie aufgetragen bekommen. Man kann wohl abbrechen, aber nicht wechseln. Allerdings gibt die Regierung ein bisschen Geld dazu, so ca. 40 Dollar im Monat.
Außerdem haben wir in der Lagune gebadet, was ein außerordentlich schönes Erlebnis war. Das Wasser ist wärmer gewesen als die Außenemperatur. Angeblich heizt der Vulkan es von unten her immer noch auf. Ich halte das für möglich, denn die Sonne hat den ganzen Tag nicht geschienen, daher kann die Temperatur also nicht stammen. Zudem war das Wasser sehr sauber und man konnte ziemlich weit rein gehen und noch stehen, so dass selbst ich mich getraut habe, zu schwimmen.

Oliver Unger

   
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