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Reiseberichte

Vom Friseur zum Entwicklungshelfer Teil 7

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Entwicklungshilfe in Nicaragua

Extreme Gefühle

Vom Friseur zum Heilpraktiker für Psychotherapie bis zum Entwicklungshelfer in einem der ärmsten Länder der Erde, dem mittelamerikanischen Staat Nicaragua: Oliver Unger ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen und berichtet für connection in regelmäßigen Abständen von seinen Erfahrungen in einer Einrichtung in Nacaragua, in der es um die Betreuung von Kindern geht, die auf der Straße leben, teilweise kriminell sind und auch Drogen nehmen. Er ist dort vom dem »Projekt Mosaik« hingeschickt worden, einem gemeinnützigen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, internationale Freiwillige in viele verschiedene Organisationen und Projekte in Mittelamerika (Guatemala, Nicaragua, El Salvador) zu vermitteln. Teil 7

Wut

Gerade ist ein Moment in meinem Leben, wo ich innerlich vor Wut koche. Es ist eine Mischung aus Wut und Trauer und Verzweiflung. In dieser Intensität gibt es diese Momente nicht oft. Ich bin froh, dass ich diesen Blog schreiben kann, weil das Schreiben mit hilft, mich zu sortieren und all das zu verarbeiten, was hier geschieht. Als erstes würde ich am liebsten diesen Hund auf dem Nachbargrundstück eliminieren. Der jault an manchen Tagen ziemlich viel. Ich kann nicht sehen, was mit ihm ist und dieses Geräusch macht mich wahsinnig. Natürlich ist es jetzt auch da. Aufgestochen bin ich durch die Mischung der Ereignisse heute. Ich glaube, es war zu viel des "Guten".

Heute morgen kam Rodolfo ins Zentrum. Er ist eigentlich noch bis 16.Juli suspendiert. Aber Filadelfo und ich hatten ihn im Bus getroffen, als wir letzte Woche die Tortilla-Oma von Maria Auxiliadora besucht haben. Nach dem Gespräch mit ihm im Bus hatte Filadelfo die Idee, die Suspendierung zu verkürzen und Rodolfo heute wieder ins Zentrum zu holen. Da ich sowieso das Gefühl hatte, dass dieser Ausschluss von Rodolfo eher eine "dumme" und unfaire Reaktion des Teams war, war ich sofort dafür und habe Filadelfo das auch gesagt. Vielleicht könnt Ihr euch an den Verlauf der Situation erinnern. Rodolfo kam betrunken ins Zentrum und hat ziemlich rumgepöbelt. Unter anderem hat er mich doof angemacht, was aber eine heilsame Reaktion war. Leider hat er sich aber auch an den Betreuern mit schlechten Worten und blöden Kommentaren vergangen. Das Problem war für mich, dass es eigentlich die Regel gibt, dass die Chavalos in diesem Zustand das Zentrum nicht betreten dürfen. Aber sie haben Rodolfo reingelassen. Dann ist es in meinen Augen deren Verantwortung. Man kann von NIEMANDEM, der betrunken ist oder unter Drogeneinfluss steht, erwarten, dass er sich anpasst oder sich perfekt benimmt. Das ist albern, so zu denken. Meine Meinung kennen sie dort und ich bleibe auch dabei. Trotztdem musste Rodolfo gehen. Und heute kam er wieder. Er roch auch ein bisschen nach Alkohol. Er kam sofort nach Eilass zu mir um 9 ins Büro. Ich dachte, er wollte mit mir sprechen. Aber er wollte das gar nicht. Filadelfo hatte es ihm am Eingangsportal geraten, sofort zu mir zu gehen. Das erfuhr ich aber erst, als ich ein paar Minuten später mitbekommen habe, dass Yahaira und William Rodolfos Zutritt nicht besonders toll fanden. Ich habe mich erst gefragt, was da los ist. Für mich war alles klar und ich habe keine weiteren Fragen gestellt. Ich bin davon ausgegangen, dass Filadelfo das entsprechend abgeklärt hat, dass Rodolfo jetzt schon eintreten darf. Die Wahrheit ist aber: Hat er nicht. Er hat es einfach durchgeboxt und hat mich sozusagen dazu benutzt, ihm Rückendeckung zu geben. Mit meiner Meinung ist das auch kein Problem, weil da stimmen Filadelfo und ich überein. Aber ich habe ja gar nicht die Entscheidungsgewalt. Und Filadelfo auch nicht. Über solche Sachen entscheidet nur Bruder Emmanuel. Und der ist mal eindeutig hintergangen worden. Alles in allem fühlte ich mich als Opfer eines Missverständnisses und als Opfer von Filadelfos Alleingang.

Jetzt steht noch eine Einigung im Team aus. Yahaira und Emmanuel haben schon angedeutet, dass sie die Fortsetzung des Ausschlusses von Rodolfo forcieren wollen, so dass er ab übermorgen oder Donnerstag dann doch nicht mehr kommen darf. Ich habe betont, dass dies Rodolfo mit Sicherheit eine riesige Verletzung zufügen würde und dass ich da absolut dagegen bin. Den Fehler haben wir als Team gemacht und nicht der arme Kerl. Also müssen WIR das auch ausbaden! William ist ab morgen in Urlaub. Seine Meinung ist also, vielleicht zum Glück für Rodolfo, grade nicht gefragt. Aber es gilt noch, mit Yahaira und Emmanuel in Einkang zu kommen. Ich habe heute schon versucht, mit ihnen darüber zu sprechen. Sie haben sich meine Meinung angehört, waren auch offen für meine Entschuldigung des Missverständnisses. Aber klar ist, dass die Kommunikation im Zentrum verändert werden muss. Das soll morgen Teil der Team-Besprechung werden. Der Moment, in dem ich bemerkt habe, dass ich da in was reingesogen wurde, von dem ich keine Ahnung hatte, welche Konsequenzen das hat und auf welche Weise ich da instrumentalisiert werde, hat mich in einen Sog von Gedanken fallen lassen. Ich habe mich gefragt, was ich hier mache? Und wieso ich mir das antue? Ich könnte auch nch schön zwei Monate Urlaub machen. Ist nicht so, als könnte ich nicht mal eine intensive Erholung gebrauchen. Der Gedankenstrom endete damit, dass mir klar wurde, dass ich wegen der Chavalos hier bin. Sie haben keine Schuld an der aktuellen Misere. Aber wir müssen als Team Verantwortung übernehmen und ich habe das Gefühl, das gelingt irgendwie nicht. Und das macht mich FUCHSTEUFELSWILD!

Tour

Bruder Emmanuel hat uns, Filadelfo und mich angewiesen, zusammen in eine andere Stadt, Tipitapa, zu fahren. Das liegt etwa eineinhalb Stunden von Granada entfernt und ist der aktuelle Wohnort eines unserer Schützlinge: Ernesto, 19. Dort wohnt er seit zwei Wochen im Haus von Eleonor (ich weiß grad nicht, wie die verwandschaftlich zuseinander stehen) zusammen mit zwei seiner Brüder. Das war eine etwas anstrengende Reise. Auf der Hinfahrt hatte ich Gelegenheit, mit Fila über Rodolfo und unsere schlechte Kommunikation im Team zu sprechen. Er war sehr einsichtig, fast so, dass es mich gewundert hat, dass er nicht SELBST auf die Idee gekommen ist, das Thema zu klären. Also meinerseits gab es mit Fila jetzt kein Problem mehr. Ich bin aber gespannt auf die Besprechung morgen.

Wir sind zwei mal umgestiegen und saßen teilweise in wirklich überfüllten Mini-Bussen, so vielleicht 10 Leute reinpassen, aber 20 drin waren. Das war schon echt ätzend. Ich hatte entweder die Füsse irgendwie dich an mich rangezogen in sich angespannt und verknotet oder es saß mir jemand fast auf dem Schoß oder ich hatte die Beine zwischen den Beinen von jemand anderes, was ja auch nicht die optimale Reise-Stellung ist. Die letzte Etappe der Reise ging natürlich, wie nicht anders zu erwarten, nicht via einer Straße, sondern via eines Matsch-Weges mit sieben Millionen Schlaglöchern. Ich stand also nicht nur dicht an dicht, sondern man tanzte auch noch Lambada zusammen. War schon sehr anstrengend.

Endlich angekommen, nach ca. 80 Minuten Gejuckel und Gehuckel, finden wir ein verschlossenes, leeres Haus vor. Keiner da. Hoch gelobt sei das TELEFON. Hat hier aber nunmal nicht jeder. Also sind Fila und ich zu den Nachbarn gegangen und haben die ausgefragt. Ich lerne ja so langsam, mit welchen Fragen man welche Antworten bekommt. Das ist echt spannend. Wenn man direkt fragt: "Was ist passiert", dann wird garantiert alles beschönigt oder man wird einfach glattweg belogen. Da muss ich mich echt dran gewöhnen. Da werden drei Monate aber nicht ausreichen, denke ich. Erst wenn man so ganz hinten rum irgendwas schwafelt und labert und dann so mal ein klein bisschen was einwirft, dann kommen sie mit den Fakten um de Ecke. Fila hat den Mädels eine fette Flasche Cola spendiert, um den Redefluss zu schmieren. Das hat tatsächlich funktioniert. Sie haben erzählt Ernesto sei in der vergangenen Nacht von dem Mann von Eleonor übelst misshandelt worden. Die Nachbarn haben die Schreie wohl gehört und auch gehört, wie er weggerannt sei.

Ich denke ja immer, wenn die hier so erzählen, dass ich das nicht verstehe. Aber ich verstehe es. Ich kann es nur nicht glauben. Der Mann ist tatsächlich mit dem Gürtel und der Machete (!) (=großes, scharfes Messer, mit dem man in der Regel Grünzeug abholzt oder Kokosnüsse öffnet) auf den Jungen losgegangen. Schon als Fila und ich wieder zurück fahren wollten, kam der Bruder von Ernesto heim. Den haben wir uns dann doch noch gekrallt und mal hinten rum so gefragt, was Ernesto so macht und ob es ihm gut ginge. Seine Antwort war: "Ja, ja, alles okay. Er ist gestern zu seiner Tante in den Norden gefahren." Fila und ich haben und nur angeguckt und nichts gesagt. Wir fragten dann so, wie sie sich denn alle so verstünden. Weiter sprach Concho, jener Bruder: "Ja, neeee, alles gut." Und dann hat er uns gebeten, ihm 50 Córdoba zu schenken. Er habe nichts zu essen. Als wir abgelehnt haben, fragte er nach 20 Córdoba. Fila gab ihm zehn. Klingt hart, aber so läuft das hier. Das ist echt übelste Sozialarbeit. Man hat keine Chance, wenn man nicht detektivisches Gespür für die Wahrheit hat und wenn man die Fragetechnik (dieses hinterum schleimige) nicht beherrscht. Und manche Infos kann man sich tatsächlich erkaufen. Fila meint, die Famiienangehörigen haben Angst vor Strafen oder Konsequenzen, die sie nicht einschätzen können und schützen sich durch die Lügen selbst. Klingt logisch.

Noch mehr Wut

Jetzt geht es übrigens schon mit meinem Emotions-Cocktail, weil ich jetzt schon eine Stunde schreibe und währenddessen leckere salzige Kekse in mich reinstopfe. Das ist immer mein "Abendbrot" Diesen Absatz für den Ausdruck, den meine Mutter bekommt, bitte löschen! Ich esse natürlich immer jeden Abend ein saftiges Wiener Schnitzel -> Schutz vor Strafen und nicht vorhersehbaren Konsequenzen, wenn Ihr versteht, was ich meine ;-) Natürlich habe ich Ernesto dann nach Feierabend in Granada getroffen. Gott sei dank! Jetzt wissen wir wenigstens wo er ist.

Tolle Geschichte mit der Tante! Fila hatte das aber direkt auf dem Schirm, dass das ausgedacht war. Ich fragte ihn, wie er darauf gekommen sei. Er sagte: "Ist doch klar: Diese Tante wohnt angeblich in Jinotega. Das ist viel zu weit weg von hier, da fährt Ernesto nicht hin." (Jinotega ist etwa 7 Stunden von hier entfernt). Also man muss sich nicht nur daran gewöhnen, dass man von vorn bis hinten belogen wird, sondern dass diese Lügen auch noch total schlecht konstruiert sind. Mein Problem ist, dass ich es dann NOCH SCHWERER habe, weil ich immer denke: "Sowas Dummes denkt sich doch keiner aus!" Also alles in allem weiß ich jetzt schonmal, dass Ernesto den Kampf mit diesem A...loch überlebt hat. Er war durchnässt vom Regen, als ich ihn traf und ich habe ihn erst gar nicht erkannt. Ich weiss gar nicht warum, weil er sah eigentlich aus wie sonst auch. Vielleicht irgendwas mit seiner Energie... oder einfach nur, weil er ein T-Shirt an hatte (im Zentrum ist sein Oberkörper fast immer unbekleidet) Mal sehen. Er war leider total zu und zog auch relativ schnell wieder sein Glas mit Kleber raus und inhalierte den "Duft". Er erklärte, er schliefe jetzt wieder auf der Straße. "Nur ich und die Straße", sagte er. Das war ein Satz, der mir einen Stich ins Herz versetzt hat. Nur ich und die Straße. Ich sagte ihm, dass ich wisse, was passiert sei. Ich kann und will ja nicht so "hintenrum labern". Er drehte sich daraufhin mit dem Rücken zu mir, hob sein T-Shirt an und ich sah seinen Rücken. Das hatte ich bisher tatsächlich nur im Fernsehen gesehen. Ernesto hatte fünf bis sechs richtig fette dunkel blau-rote Blutergüsse auf dem Rücken und sogar eine kleine offene Wunde, die wie ein "Schnitt" aussah. Da fiel der Groschen, dass ich die Geschichte mit der Machete doch richtig verstanden habe. (Ich lerne hier grade meinen Ohren zu trauen). Es hat nichts geblutet, alles schien bis auf die Schmerzen "gut" ausgegangen zu sein. Aber es hat mir einfach total weh getan, das zu sehen. Ernesto ist bestimmt nicht einfach. Er schreit auch schnell rum, wenn er im Zentrum ist und schlägt auch schnell zu. Aber das hat er nicht verdient. Der Junge ist einfach sehr schmächtig und klein für sein Alter und war dem Täter garantiert körperlich unterlegen. Ich habe ihm eindringlich gesagt, dass er morgen ins Zentrum kommen soll, damit wir uns um ihn kümmern können. Er hat zugesagt. Allerdings ist ja morgen diese dusselige Besprechung. Mal sehen, wie wir das machen.

Als ich vor ein paar Wochen (vor tausend Jahren) mit Ernesto eine Sitzung hatte, hat er eine Zeichnung von seiner Familie angefertigt. Die Figuren haben alle "wurstige" Formen. Wurstige Arme, wurstige Beine, wurstige Nasen. Und sie haben keinen Rumpf. Wie man das "professionell deutet", weiß ich nicht, ist mir auch schnippi, aber für mich spiegelt das, dass in dieser Familie die Aspekte, die durch den Rumpf gelebt werden, nur wenig oder gar nicht zum Ausdruck kommen. Das wären zum Beispiel die Themen Beziehung, Gefühle, Herz. Ernesto hat auf diese Zeichnung auch einen Strand gemalt. Und er sagte, dass seine Mutter am Strand tot aufgefunden worden ist. Da war er 15. Ihren Tod hat er noch lange nicht überwunden. Aber weinen kann er auch irgendwie nicht. Ich denke, als Straßenkind muss man einfach seine "Gefühle" abschneiden, weil man sich sonst nicht behaupten kann. So steht es um den angeblich hochaggressiven Ernesto. Ich würde sagen: So steht es um den hochgradig verletzten und missachteten Ernesto. Nach unserem kurzen Kontakt auf der Straße war ich so "überfordert", dass mir nicht einmal einfiel, ihm vielleicht erst mal was zu essen zu kaufen, bis er wieder ins Zentrum kam. Ich habe mich von ihm verabschiedet und habe mal wieder geweint. Im Haus, wo ich wohne, angekommen, war ich dann sauwütend. Da hat der Junge sich schon mal getraut einen Schritt auf seine Familie zu zu machen und dann sowas! Ich hätte am liebsten alles, was mir in die Finger kommt zu Boden geworfen, nur um diese Wut loszuwerden. Stattdessen habe ich die Pfützen im Haus weggewischt, die bei starkem Regen immer entstehen, weil es an manchen Stellen durch das Dach hindurch tropft. Ich bewundere die Chavalos hier auch. Die schlagen sich einfach durch. Und sie sind OFFEN für Heilung. Natürlich, wenn man ihnen ständig alle Türen vor der Nase zuschlägt, macht das die Sache nicht leichter für sie.

Besprechung

Filadelfo hat sich in der Besprechung heute für seinen Fehler (s.o.) entschuldigt. Seine Erklärung war, dass ihm durch ein kleines familiäres Problem entgangen ist, mit Bruder Emmanuel über die Kürzung der Suspendierung zu sprechen. Mein Gefühl war, dass die Entschuldigung von allen angenommen worden ist. Yahaira hat mir ein paar fragende Blicke zugeworfen, so als wollte sie wissen: "Was meinst du, stimmt das?" Ich habe ihr zugenickt. Jetzt haben sich die Wogen um Rodolfo noch mal ein wenig geglättet. Wahrscheinlich kann er jetzt bleiben. Wir werden ihn aber unter strengste Beobachtung stellen, haben wir beschlossen. Das war für mich ein bisschen wie einen "Strafgefangenen" auf Bewährung zu behandeln. Rodolfo darf sich jetzt keinen Fehler mehr erlauben. Bruder Emmanuel sagte, beim nächten Verstoß gegen die Regeln soll er dann zwei Monate suspendiert werden. Ich habe ja schon mehrfach gesagt, dass manche der Sachen, die dort "gemacht" werden, nicht so ganz mein Ding sind. Das gehört dazu. Wir haben es hier mit Menschen zu tun, deren Gehirn durch den Drogenmissbrauch einfach beeinträchtigt sind.

Mein Gefühl ist, dass Emmanuel einfach Angst vor den Jungs hat. Ich glaube das an verschiedenen Stellen zu beobachten. Komischerweise spricht er nie darüber, wann wir Zenia, die schon 30 ist, aus dem Zentrum "entlassen". Sie läuft so nebenher. Sie ist eben ein bisschen zurückgeblieben, aber nicht weiter kompliziert. Auch wenn sie nie macht, was man ihr sagt, lächelt sie einem freundlich zu und macht dann irgendwas ... Keine Gefahr. Und deshalb kümmert es Emmanuel auch nicht. Gabriel hingegen (ihr erinnert euch), war ja dagegen sehr schnell weg vom Fenster. Kommentar Filadelfos von heute: "Dem ist das schon bald total egal."(Ich weiß es nicht). Aber im Fall von Gabriel hat Bruder Emmanuel ja sogar geäußert, dass er Angst vor ihm hat.Und vor Karla hat er auch Respekt. Sie ist zwar erst 22, aber eben eine sehr laute und grobe Persönlichkeit. Ebenso wie Ana María. Sie ist quirlig, laut und manchmal auch chaotisch und aufmüpfig. Bei diesen zwei jungen Damen macht sich Bruder Emmanuel schon Gedanken, wann es Zeit für sie ist, sie "nicht mehr zu betreuen".

Als es heute in der Besprechung darum ging, das Eingangsalter der Jugendlichen zu bestimmen, waren die Betreuer aufgrund der Erfahrungen sich mehr oder weniger einig. Alle haben sich auf 14-17 eingependelt. Bruder Emmanuel stimmte für 6-13. Ist schon spannend, oder?! Zu seinem Unglück, aber zum Glück der Jugendlichen, für die das Zentrum aufgrund seiner Konzeption wirklich Sinn ergibt, ist Emmanuel aus tiefster Überzeugung Demokrat. Das hat ihn dann heute den "Kopf gekostet". Jetzt muss er sich doch mit Jugendlichen und nicht mit Kindern auseinandersetzen. Ich zweifle einfach noch ein wenig an seinem Überblick. Obwohl er schon mehrere solcher Projekte in der ganzen Welt geleitet hat. Vielleicht ist es auch ein Sprachproblem. Er kann ja kaum Spanisch. Oder er ist nooch schüchtern, weil er ja auch erst drei Monate da ist.

Entwicklungshelfer in Nacaragua

Juan Jose

Juan José ist der Mann, der mich in der Vergangenheit zwei mal um Geld angebettelt hat und dem ich beim letzten Mal " die Wahrheit" geschenkt habe. Heute bin ich ihm begegnet. Er kam direkt auf mich zu. Ich bin auch auf ihn zugegangen, ich wusste ja was kommt. Natürlich kam wieder die Frage nach Geld. Ich habe ihm gesagt, dass ich keinen Bock habe und dass er ja echt resistent ist. Er ist ein Stück mit mir mitgegangen und hat weiter gebettelt. Er sagte, er habe Hunger und heute noch nichts verdient. Er wolle nur Milch und ein paar Kekse. Ich habe gedacht: "Warum eigentlich nicht?" Wir sind zusammen in einen kleinen Kiosk gegangen, dort habe ich ihm für umgerechnet 60 Cent eine Tüte Milch und ein paar Kekse gekauft und wir haben uns dort auf die Treppe gesetzt und gequatscht. Das war es mir wert. Habe ich mir halt zehn Minuten "Unterhaltung" gekauft. Komisch für mich. Aber ich wollte mich auch mit ihm unterhalten, ihm mal länger in die Augen sehen, gucken, wie mein Herz sich öffnet oder nicht.

Er trägt unglaublich viel Hass in sich. Seine Augen, seine "Energie", seine Worte drücken das voll aus. Verachtung, Hass, Missgunst. Eigentlich ist er ein ganz schrecklicher Typ. Er hat mir erzählt, dass sein Vater gestorben sei und jetzt würde sich die ganze Familie um das Erbe streiten. Das glaube ich ihm sogar. Danach sagte er, seine Mutter sei auch tot und er habe nur noch eine Schwester, mit der er sich verstehe. Sie könne er aber aufgrund von Geldmangel nicht besuchen. Natürlich hat er mich gefragt, ob ich ihm die 20 Córdoba für die Busfahrt (ca. 90 Euro-Cent) geben könne. Ich habe gesagt, er würde bestimmt jemand anderes finden. Er hat sich mir als Reiseführer angeboten, wenn ich mal was anderes sehen wolle. Puh, das weiß ich aber noch nicht ... Es war eine Erfahrung, diese paar Minuten mit Juan José zu sein. Mittlerweile glaube ich ihm sogar, dass er total arm ist, so wie er sagt. Zwar hat er noch Geld für die Zigarette, die er nach dem Verzehr der Milch und der Kekse geraucht hat, aber er hat nach meiner Einschätzung "wenig in seinem Herzen". Das wiederum finde ich spannend. Ich möchte das verstehen und freue mich auf das nächste Treffen.

Manchmal denke ich, ich bin verrückt, dass mich Menschen so derart interessieren und faszinieren. Manchmal denke ich, dass die "harten" Fälle für mich deswegen so interessant sind, weil mein Herz und mein erstes Chakra oft so blockiert sind. Vielleicht inspirieren mich Menschen, bei denen es ähnlich ist und bringen etwas in mir in Bewegung. Was hat sich denn nach dem Kontakt zu Juan José in mir bewegt? Mein erstes Chakra. Das ist offensichtlich grade dran. Ich war nämlich ein paar Minuten super-sau wütend, als ich mich von ihm löste. Nicht wegen ihm. Ich wusste ja, wie er ist und habe mich drauf eingelassen. Vielleicht war es eine Übertragungsreaktion. Egal. Jedenfalls gab es Bewegung in mir, die ich vielleicht genau so wollte.

Neurosen-Drama

Meine Vermieterin, in deren Haus ich wohne ist ja sehr speziell. Zur Erinnerung: Ich muss immer alles gut abschließen, beim Verlassen des Hauses den Haupt-Wasserhahn zudrehen. Man könnte ja den teuren Fernseher klauen oder gar den Kühlschrank. Zur weiteren Erinnerung: Das Haus steht LEER und enthält nur meine Sachen, ein paar alte Töpfe und Bratpfannen und ein paar Möbel, die sich sicherlich keiner unter den Arm klemmt.

Das braucht schon so seine guten zehn Minuten, bis ich alle Fenster und Schlösser bedient und den Hahn zugedreht habe. Das plane ich morgens schon mit ein. Außerdem soll ich nicht so viel Licht anmachen, weil das so teuer ist. Okay. Offenbar ist Licht billiger als Fernsehen. Denn der Strom, um den ganzen Tag die Flimmerkiste laufen zu haben, ist offenbar selbst den verhungernden Menschen, die sich nachts nur von Wellbech umhüllen lassen, nicht zu teuer. Aber ich halte mich ja sowieso nur in einem Zimmer auf. Hoffentlich wird meiner Vermieterin der Stromverbrauch meines riesigen Netbooks von 3 mal 5 Metern nicht zum Verhängnis ...

Heute morgen hat sie mir über ihre Schwester, die im Vorderhaus wohnt ausrichten lassen, ich solle die Gartenmöbel nur rausstellen, wenn ich sie benutze. Sonne und Regen würden sie zu sehr strapazieren. Es handelt sich hierbei um edle Möbel aus weißem Kunststoff, welche bereits durch starkes Übergewicht der Vorbenutzer ihhre Festigkeit verloren haben. Ich bin schon einmal auf einem der Stühle beim Hinsetzen "durchgesunken", falls ihr versteht, was ich meine. (Die Beine knicken dann ein, weil jemand davo zu schwer war und da auch die Beine schonmal eingeknickt sind) Und der Tisch sieht sowieso schon aus, als hätte er drei Jahre seiner Zeit ohne Obdach verbracht. Na, gut. Ist ja nicht mein Haus und sind auch nicht meine Möbel. Also respektiere ich das.

Die Schwester war sehr freundlich. Auch meine Vermieterin ist sehr freundlich. Aber ich hasse solch neurotisches Verhalten. Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich abzuregen. Als Nächstes soll ich wahrscheinlich die Möbel nachts in Plastiktüten einwickeln, damit die Ameisen nicht draufsch... MANN! Ich sehe immer mehr, dass die Scheinwelt, die einem im Fernsehen vorgegaukelt wird und die ständige Angst davor, Geld ausgeben zu müssen, welches dann vielleicht irgendwann nicht mehr vorhanden ist, die Menschen wirklich VERRÜCKT macht, so dass sie sich um Sachen sorgen, die vollkommen DUMM sind. Das liegt doch klar auf der Hand: Wenn wir alle unsere Chakras durch unsere Ängste nach und nach verschließen, dann fließt da weniger Energie und weniger Geld durch. Und dann denken wir, statt uns WIRKLICH drum zu kümmern, dass die Wirtschaft schlecht ist oder dies oder jenes. Oder wir fangen an zu betteln und zerstören damit vielleicht noch den letzten Rest unseres Energiesystems. Und je neurotischer und ängstlicher wir durch diesen Vorgang werden, desto einsamer werden wir, weil keiner mehr etwas mit uns zu tun haben möchte. Und wieder denken wir, es ist die Wirtschaftskrise oder sonstwas. Dabei ist es ein Mangel von Chancen, der durch einen Mangel an Beziehungen und eine Mangel an Offenheit entsteht. Chakra wird eigentlich durch das Wort "Rad" (Energierad) übersetzt. Die treffendere Übersetzung ist "Chance". Offenere Chakras (durch weniger Neurosen und weniger Ängste) = mehr Chancen auf Glück, Wohlstand, Reichtum.

Abreise Franciscos

Francisco hat heute das Zentrum für unbestimmte Zeit verlassen. Er hat erzählt, dass einer seiner Cousins aus Managua umgebracht worden sei. Man habe ihn mit einem Messer direkt ins Herz gestochen. Er würde jetzt zu seiner Familie zurück gehen und Beistand leisten. So war seine Aussage. Fila kommentierte das heute Nachmittag folgendermaßen: "Diese Geschichte erzählen sie immer." Man weiß es nicht. Es ist auch egal. Francisco ist weg und alle sind super-traurig. Hatte wir doch grade endlich den nächsten Schritt für ihn geplant ... Ich habe erst gar nicht gecheckt, was das genau heißt, dass er jetzt nach Managua geht. Das ist ja nicht so weit, dachte ich und er wird ja in ein paar Tagen zurück sein. Ana Maria geht auch manchmal nach Managua und kommt dann wieder. Aber als Francisco zu mir kam und mir sagte, er werde oft an mich denken und an meine Therapie-Runde, da machte es klick-klick und der Groschen fiel. Ich fragte ihn, wann er wiederkäme und er zuckte mit den Schultern. "Vielleicht gar nicht", sagte er daraufhin. Ich bin dann erst mal zu Bruder Emmanuel ins Büro gegangen, weil er und Yahaira dort waren. Sie suchten wie wild in den Kleiderkisten nach Kleidung, die sie ihm mitgeben konnten. Er hat ein neues Oberteil, eine neue Hose, einen Gürtel und Schuhe (LACKSCHUHE - sehr unpraktisch für ein Leben in Nicaragua!!!) bekommen. Und während die beiden so in den Kleiderkisten wühlten, habe ich mir erst mal ein Tässchen geweint. "Was soll ich denn jetzt noch hier?" habe ich mich gefragt. "Traurig?" fragte Yahiara. Ich nickte. "Wir sind alle traurig", fügte sie hinzu.

Ich war wie gelähmt. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Ich stand da so rum mit meinen feuchten Augen und starrte einfach in die Leere. Nach ein paar Minuten bin ich dann in Yahairas und mein Besprechungszimmer gegangen und habe mich an den Tisch gesetzt. Jonatháns Rufe nach mir haben mich aus meinem Zombie-Zustand herausgeholt. In dem Büro gibt es statt einem Fenster eine Tür nach draußen. Sie war offen. Allerdings muss man ein Gitter öffnen, um heraustreten zu können. Dieses war verschlossen. Aber ich sah, dass Jonathán an dem Gitter stand und mich anblickte. Er hatte auch feuchte Augen und ich dachte, es sei vielleicht auch wegen Franciscos Abreise. Ich ging zu ihm hin und fragte, wie es ihm ginge. Er zeigte mir, dass er in jeder Hand eine Glasscherbe hielt. Dann ballte er die Fäuste fest zusammen. Ich erschrak und war zwischen den Gefühlen hin und hergerissen. Trauer, Zombiezustand, Schreck, Angst. Ich erinnerte mich an die Situation vor ein paar Tagen und bat ihn, mir in die Augen zu sehen. Er tat es, aber nur eine Sekunde, dann wendete er seinen Blick ab. Ich ging zu Yahaira und sagte ihr, was er tat. Gleichzeitig kam Francisco in das Zimmer. Ich sagte ihm, dass Jonathán sich grade selbst verletzt und dass ich deswegen raus muss. Jonathán stellte sich an das Gitter und nahm Kontakt auf. Yahiara war schnell draußen und ich auch. Jonathán war nicht zu überzeugen, die Scherben loszulassen. Er hielt die Fäuste weiterhin geballt. "Schau mir in die Augen" half diesmal nicht. Er wendete sich ab und drückte stattdessen die Hände noch fester zusammen. Yahaira redete auf ihn ein und ich bat Gott, mir eine Idee zu geben, was ich jetzt tun kann. Ich nahm Jonathán in den Arm und drücke ihn feste an mich. Er ballte die Fäuste und ich hielt ihn einfach fest und streichelte ihm über den Rücken. Ich spürte seine immense Trauer und konnte das nicht lange aushalten. Schneller als mir lieb war, musste ich ihn wieder loslassen und weggehen. Yahaira nickte mir zu und blieb bei ihm. Ich ging auf die andere Seite des Hauses, nach vorne, und musste erst mal wieder runter kommen. Jonathán und Yahaira kamen relativ schnell nach. Jonathán ging in das Haus und legte sich unter einen der Tische. Ich blieb noch draußen, weil ich dachte, es wäre jetzt alles okay. Ich brauchte die Zeit rum "runterkommen". Das hat mir diesmal noch mehr Angst gemacht als letztes Mal. Yahiara sagte mir, Jonathán habe am Vortag 4 Marihuana-Tüten geraucht und wenn er das macht, dann ist er manchmal so drauf.

Ich ging daraufhin ebenfalls rein. Ich setzte mich zu Francisco, der an einem anderen Tisch saß. Irgendwie wollte ich noch ein bisschen mit ihm sein, seine Energie genießen, seine Frische. Und ich wollte für mich in Stille von ihm Abschied nehmen. Ich habe ihm gesagt, er könne jederzeit zurück kommen, wenn was schief läuft. Ich fragte ihn, ob er sich eine Arbeit suchen würde. Er sagte: "Sehr wahrscheinlich ja, um meine Familie zu unterstützen. In Managua ist das auch einfacher als hier." Francisco hat laut Yahaira keine Gewalt in der Familie erlebt. Die Chancen, dass er dort gut unterkommt und vielleicht auch bleibt sind ganz gut. So ist das mit der Liebe: Man teilt sie, so lange es dran ist. Und dann muss man sich gegenseitig wieder frei lassen. Dann fließt die Liebe weiter. Woanders hin. Und manchmal tut das auch weh. Wir schauten daraufhin zu Jonathán. "Was meinst du, ist er traurig, weil du weggehst?" fragte ich Francisco. "Nein. Das ist was Anderes." Francisco stand auf und ich bewegte mich daraufhin zu Jonathan. Er lag mit dem Bauch nach oben unter dem Tisch und blickte ins Leere. Seine Arme waren über dem Kopf verschränkt. Ich setzte mich zu ihm und er begann ganz massiv an seinen Fingernägeln zu kauen. Das sah so heftig aus, dass ich fast nicht hinsehen konnte. Ich fragte ihn: "Haben sie dir wieder Gewalt angetan?" Er schüttelte den Kopf. "Sicher?" Er wiederholte die Geste und riss sich mit den Zähnen ein Stück Nagel oder Haut von seiner Hand. Dann schaute er mich an. Sein Blick war eindringlich, fast forsch. Vielleicht sogar wie im Wahn. Ich schaute zurück. Ich hatte die Hoffnung, er sei jetzt "wieder da" und ich könne ein wenig Kontakt aufnehmen. Plötzlich öffnete Jonathan ganz langsam seinen Mund. Sein Blick war starr auf mich gerichet. Er spielte mit der Zunge. Ich konnte erst nicht erkennen, was er da hatte, aber es durchfuhr mich ein elektrischer Schlag, weil ich ahnte, es kommt jetzt etwas, das nicht leicht zu verkraften ist. Sein Blick hatte mich indes total aufgesogen, ich war wie in Hypnose, gefangen von dieser heftigen Übertragungsreaktion. Es war eine Scherbe! Er hatte die Scherbe im Mund.

Instinktiv griff ich danach- das war Scheiße, denn er verschloss den Mund! "Hilf mir, lieber Gott!" flehte ich innerlich. Wieder war alles wie beim letzten Mal. Es war nur eine Sekunde, aber es fühlte sich an wie Minuten. Leere. Nichts, keine Antwort. Mein Körper bebte innerlich. Jetzt keinen Fehler machen! Yahiara kam in diesem Moment vorbei. "Er hat die Scherbe im Mund", sagte ich ihr. Sie schüttelte wütend den Kopf. "Lass ihn!" Ich konnte das nicht. Er fühlte sich so traurig an. Dann wurde es klar. Die Scherbe im Mund ist das Eine. Sich selbst Verletzen auch. Das ist seine Entscheidung. Das muss ich bei ihm lassen. Es ist sein Leben. Aber mit der Traurigkeit kann ich ihn begleiten. Das liegt in meinem Kompetenzbereich. Also setzte ich mich an seine Füße. Ich richtete meinen Blick in eine andere Richtung. Ich wollte nicht sehen, was da mit seiner Zunge passierte.Und ich wollte nicht wissen, ob da Blut ist oder ob er die Scerbe runterschluckt. NICHTS von dem! Aber ich wollte bei ihm sein und seinen Körper unterstützen, mit dieser heftigen Flut von Emotion umzugehen.

Tsunami

Auch diesmal überschwemmte mich ein Tsunami von Trauer. Ich habe mehrfach das Reiki-Meistersymbol vor meinem inneren Auge visualisiert, damit mein "Kanal" offen bleibt und ich nicht in dieser Welle ertrinke. Mir war auch egal, o ich ihn damit einweihe oder nicht. Ich wollte einfach präsent bleiben, den größtmöglichen Raum eröffnen, der geht. Ich hielt seine Füße, schaute konsequent weg. Aber ich spürte, wie sein System sich schnell beruhigte. Ich wechselte noch ein paar mal intuitiv die Handposition. Ich schloss die Augen oder schaute auf meine Hände. Am Schluss berührte ich seine Hände, die immernoch über seinem Kopf ruhten. Er fühlte sich gut an. Der Tsunami war vorbei. Ich stand auf und ging raus. "Jetzt ist mein Job getan. Der Rest ist Jonatháns und Gottes Entscheidung." Diesmal beruhigte ich mich schneller. Einige innere Bilder pufften hoch. Eins der Bilder vor meinem inneren Auge zeigte, wie Jonathan gefesselt irgendwo lag. Daraufhin habe ich meine "Bildschirmfunktion" wieder abgeschaltet. Das kann ich zum Glück. Ich habe mich nochmal selbst in das Meistersymbol eingehüllt. Das wirkt Wunder und "zieht" quasi die ganzen "Reste", die vom Anderen noch in einem drin sind, aus dem System raus. Danach bin ich wieder reingegangen. Ich fühlte mich stabil genug, um zu sehen, wie es mit Jonathán weiter gegangen ist. Er hat die Scherbe aus dem Mund genommen. Ich weiß nicht, welchen Schaden sie angerichtet hat. Ich habe kein Blut gesehen. Ich sagte ihm, dass ich sehr traurig werde, wenn er sich was antut. Und ich sagte ihm, dass ich ihn aber nicht davon abhalten werde und dass es seine Entscheidung ist. Ich erklärte ihm, dass ich ihm aber mit seiner Trauer helfen kann und versprach, dass er mich deswegen jederzeit ansprechen kann. Ich zeigte ihm, wie er seinen Energiefluss selber durch ein paar Bewegungen in Gang setzen kann, so dass er dafür keine Scherben braucht. Er nickte.

Instinkt und Liebe

Alles gut. Für den Moment. Es gab Frühstück. Er setzte sich dazu und aß normal. Ich habe kein Blut gesehen weder an seinen Händen noch sonst wo. Ein Wunder? Ich weiß es nicht. Jedenfalls setzte sich Jonathán nach dem Frühstück auf die "Veranda" und ich sah, wie er sich wieder mit einer Glasscherbe ritzte. Diesmal am Handgelenk. Ich fuhr meine Antennen aus, um zu prüfen, wie er sich anfühlte. Das ist eine Arbeit, die sehr viel Selbstvertrauen und Klarheit erfordert. Und mein Gefühl sagte: Alles im Fluss. Alles okay. Jetzt ist es eine Show. Ich stellte mich vor ihn, sah ihn an und er mich. Wieder Stille. Gleichzeitig verließ Francisco das Terrain. Das war das Letzte, was ich von ihm sah: seinen niedlichen Indio-Kopf von hinten, sein blaues Shirt und seine Lackschuhe. Ich war kurz abgelenkt und Jonathán setzte wieder seinen "wahnsinngen" Blick auf. Aber da war keine Trauer mehr zu spüren. Da war was anderes. Und dem gab ich Worte: "Du missbrauchst mich!" fuhr ich ihn scharf an und wendete mich von ihm ab und ging fort. Aus dem Augenwinkel habe ich gesehen, dass er die Scherben fallen gelassen hat. Puh! Schwein gehabt.

Nachmittags bei der Gartenarbeit war er irgendwie wieder normal. Ich hatte etwas Kontakt zu ihm. Ich habe ihm erklärt, dass ich ihm mit der Trauer helfe. Aber dass ich auch wahrnehme, wenn er uns Betreuer oder mich "unter Druck setzt" und uns instrumentalisiert. Ich fügte hinzu, dass ich dann nichts mache und mich abwende. "Profesor traurig?" fragte er dann mit seiner einfachen Art zu sprechen. "Wenn du gehen willst, dann geh!" sagte ich. "Ich bin dann traurig, aber ich werde dich nicht davon abhalten." Er hob die Augenbraue. Dann senkte er den Blick auf den Boden und wurschtelte mit seiner Harke weiter im Laub rum. Liebe geht seltsame Wege. Sie ist vollkommen anders, als wir uns das vorstellen. In Jonathán ist ganz viel Liebe. Aber sie fließt chaotisch. Vielleicht kann man sagen, sie ist blockiert. Vielleicht findet sie auch einfach keinen Ausdruck. Yahaira meint, Jonathán würde gerne offen schwul leben, traut sich das aber nicht. Sie sagt, das sei für ihn sehr schwer. Gleichermaßen spüre ich meine Liebe zu Jonathán. Ich würde ihn am liebsten den ganzen Tag ununterbrochen "fest"-halten. Aber das wäre viel zu viel für ihn. Liebe bedeutet nämlich auch, miteinander "zu kommunizieren" und auszutauschen, wer was ertragen kann. Und dann entsprechend und freizügig / mutig drauf zu reagieren. Ich würde es folgendermaßen ausdrücken: Liebe ist nicht rosa, sondern ROT. Aber das ist meins.

Gesteinsbrocken lösen sich

Als ich heute mein täglich' eMail-Geschäft erledigt habe, bin ich Miguel begegnet. Ich wartete am Eingang des Internetcafés darauf, dass ein Computer frei wird. In meinem Kopf kreisten viele Gedanken. Mein Körper fühlte sich dumpf und leer an, wie dissoziiert. Aber nicht vollkommen- immerhin nahm ich ja noch diesen Nebel, dieses Dumpfe wahr. Ich hockte da so auf meinem Hocker und schaute mal ins Leere, mal auf die Bildschirme der anderen Gäste, dann auf die Straße ... da kam Miguel mit einem seiner Freunde vorbei. Klar. Das muss HEUTE sein, nicht, wenn ich entspannt bin. Es braucht ja nach so viel Bewegung im Herzen und im Solar-Plexus auch noch ein bisschen Karma-Lösung, damit sich mein erstes Chakra öffnet.

Miguel kam einen Schritt auf mich zu. Er war leicht betrunken (um ca 17 Uhr nachmittags). Er drücke mich an sich und fragte, wie es mir ginge. Die Berührung unserer Körper war angenehm. Vertraut. Karma eben. Wenn man zusammen mehrere Wochen auf dem gleichen Schiff gereist ist, kennt man sich ... Der Geruch des Alkohols hat mich allerdings angewidert. Er fragte, ob ich mit ihm was trinken gehen wolle, aber ich habe gesagt, dass wir das ein anderes mal machen. Er wirkte fast traurig, als ich ihn habe abblitzen lassen. Ich weiß nicht recht. Sicherlich muss ich das wieder bezahlen. Aber das war nicht der Grund, warum er traurig war. Er hatte ja offensichtlich schon sein Bier (oder was auch immer). Ich glaube sogar, dass er die Finger von mir lassen wird. Vielleicht spürt er auch etwas von dem, was da in unseren Energiesystemen passiert. Schwer zu sagen. Wenn man nicht so geübt ist mit diesen tiefen Transformationen, lösen diese Prozesse tatsächlich sehr viele wirre Emotionen aus, in die man schnell etwas hineininterpretiert. Ich hatte glaube ich schon mal geschrieben, dass mir schon zwei mal eine solche Karma-Auflösung in ähnlicher Intensität begegnet ist (beides Spanier - Inquisition eben). Miguel kam einen Schritt auf mich zu. Er war leicht betrunken (um ca 17 Uhr nachmittags). Er drücke mich an sich und fragte, wie es mir ginge. Die Berührung unserer Körper war angenehm. Vertraut. Karma eben. Wenn man zusammen mehrere Wochen auf dem gleichen Schiff gereist ist, kennt man sich ...

Damals dache ich, diese beiden Männer wären jetzt jeweils die Liebe meines Lebens. Aber das war in beiden Fällen ein riesengroßer Irrtum. Aber es öffneten sich Türen und Tore für ganz viele andere Dinge. Das war wunderbar. Ich habe in die Sensationen, die ich gespürt hatte, etwas hinein interpretiert. Dadurch sind sie zu Emotionen geworden. Das war fatal. Heute, in der Situation Miguel, fühlt sich das klarer an. Ich weiß, die Liebe meines Lebens sitzt grade in Wuppertal oder in der Nachbarstadt Schwelm und wartet dort sehnsüchtig auf mich (und ich auf ihn). Es fühlt sich stattdessen so an, als würde jemand dicke beschwerende Gesteinsbrocken aus meinem ersten Chakra abklopfen. Ich höre sie förmlich zu Boden fallen, wenn ich Miguel sehe. Das ist ein sehr abgefahrenes Gefühl.

Innere Straßenkinder

Eine Freundin und Leserin dieses Berichts schrieb heute per eMail, dass sie auch "innere Straßenkinder" habe. Das ist für mich der Satz des Monats. Innere Straßenkinder. Was sind meine "inneren Straßenkinder?" Mein innerer Jonathán: Manchmal hasse ich mich selbst. Einfach so. Kein Mensch weiß warum- ich auch nicht. Das ist dann einfach da. Und ich würde mir am liebsten irgendein Körperteil ausreißen. Sex und Liebe zusammen, beides mit einer Person? Früher: Nein. (Heute zum Glück JA.) Mein innerer Francisco: Ich bin immer fröhlich und nachdenklich. Aber manchmal, wie aus heiterem Himmel zieht sich der Himmel zu: Depression. Kein Mensch weiß warum, nicht mal ich. Es ist einfach da. Meine innere Ana María: Ihr könnt machen was ihr wollt, ich mache sowieso was ich will. Meine innere María Auxiliadora: Ich öffne mich für das, was mich interessiert. Sonst aber für nichts anderes. Heftig, mir das einzugestehen. Aber so ist es. Meine innere Zenia: Manchmal falle ich einfach in mich selbst hinein und bin weg. Plöpp - Augen nach innen. Nicht mehr ansprechbar. Mein innerer Rodolfo: Wenn es mir zuviel wird, ziehe ich mich zurück. Ich werde ganz still. Oder ich mache mich betrunken. Nicht mit Alkohol. Aber das geht auch mit Workaholismus. Mein innerer Manuel Salvador: Lebt nicht. Ist vor vielen Jahren gestorben. Das schmerz mir sehr. Wenn er noch leben würde, würde er einfach drauf los schreien, völlig wirr und sinnlos mit seinem offenen Herzen durch die Gegend laufen. Und wenn Gefahr in Verzug ist? Feste (!!!) draufhauen! Meine innere Karla: Lebt nur manchmal. Meistens ist sie still. Sie hat Angst vor Konsequenzen. Aber wenn sie sich sicher fühlt, dann tanzt, singt und lacht sie- egal was andere denken. Schade, dass sie nur so selten da ist. Mein innerer Ernesto: denkt ständig nur an Sex. Und wenn nicht, dann schläf er oder fühlt sich schlapp.

Selbstbefriedigung

Ich hatte mich vor Ernestos "Wiederkehr" ja nicht so viel mit ihm befasst. Jetzt irgendwie um so mehr. Er fühlte sich sehr schlapp. Heute hat er entweder geschafen oder irgendeinen Blödsinn verzapft. Natürlich wollte er wieder versaute Worte mit mir austauschen. Ich habe diesmal von Vorneherein abgeblockt. Als ein paar Jungs und ich draußen im Garten saßen, fragte er wieder, was man mit seiner Verlobten macht. Ich habe geantwortet: "Fernsehen, zusammen beten, zusammen essen." Zwischendurch hat er sein erigertes Glied herausgeholt. Ich habe das gar nicht richtig gesehen, aber an dem Gekreische von José Abraham habe ich dann bemerkt, dass etwas "komisch" ist und dann habe ich rüber geschaut. Da war die Bescherung aber schon wieder fast vorbei. Ich sah nur noch Hände flitzen und "Beulen". Der Junge hat da anscheinend tatsächlich eine Grenzenlosigkeit, die sehr weit geht.

Ich habe ihm gesagt, dass er seine Bedürfisse doch bitte auf der Toilette befriedigen soll und ihn vor dem Ausschluss aus dem Zentrum gewarnt. Ich glaube, das hat ihn wenig interessiert, denn er hat die Aktion wiederholt, als ich wieder weggesehen habe. Heute Nachmittag in der Betreuer-Besprechung habe ich das Thema angesprochen und gefragt, welche "kirchlichen" Beschränkungen ich für ein eventuelles Gespräch über "Sex ohne Partner(in)" mit ihm habe. Ich finde mich sehr respektvoll, weil mich die Konventionen der Kirche sonst "ni miércoles" (ich liebe diesen Ausdruck, weil er anständig aber doppeldeutig ist, so wie "Schei...benkleister"; = keinen Deut) interessieren. Schulterklopf! Aber ich dachte, wenn ich weg bin, dann will ich für die anderen eine für sie "machbare" Basis hinterlassen und nicht einen Garten voller Osho-"Unkraut", mit dem sie nicht zurecht kommen. Ich fragte also danach und erhielt die Antwort, dass es keine Beschränkungen für ein solches Gespräch gäbe. Dann warte ich jetzt mal ab, wann der Jung' offen dafür ist. Ich wollte schon immer mal "Papa" spielen. Als Ernesto heute schlief, habe ich ihm ein bisschen Reiki gegeben. Das war am Anfang sehr krass für mich. Sein ganzer Energiekörper hat ziemlich heftig gezittert und sich plötzlich ganz schnell in der Mitte der Wirbelsäule zusammengezogen. Dann ist er wie ein "Wurm" durch mich hindurch und schwupps nach "oben". Danach fühlte er sich ruhig an. Ich bin dann weg gegangen und ein wenig später wieder hin, als er die Lage gewechselt hat, um ihm noch eine weitere kurze Sitzung zu geben. Sein Herz war total verängstigt und hyperaktiv. Ich habe ihn einfach "gehalten" und gewartet. Es hat sich aber nur ganz wenig bis gar nicht beruhigt. Als er ein bis zwei Stunden später aufwachte, sah er aus wie ein Kleinkind. Das war sehr rührend. Seine abgeklärte Maske war weg und ich konnte ganz tief in ihn "hineinschauen". Spannend und berührend. Ich freue mich, dass ich jetzt mit Ernesto ein wenig Kontakt habe. Irgendwie kann man sich nicht um alle gleichzeitig gleich intensiv kümmern. Bei manchen geht was auf und dann setzte ich mich mit ihnen in Verbindung. Und bei anderen passiert irgendwie weniger.

Edgards Augenbrauen-Geheimnis

Ich will ja mit meiner Arbeit mit den Chavalos subtiler werden. Das ist glaube ich eine sehr weise Entscheidung. In einer "Sitzung", die Yahaira und ich ja auch schon mal machen, lügen die Chavalos viel. Aber wenn man zum Beispiel mit ihnen die Mangos zusammenfegt oder einfach nur so auf dem Boden rumhängt und quatscht, rutscht denen schon mal was raus, was sie sonst nicht gesagt hätten. Jonathán und Edgard saßen heute mit mmiir am Tisch und wir haben so rumgeflachst. Und da hat Jonathán Edgard etwas gefragt, was er besser zu einem anderen Zeitpunkt getan hätte: "Wieviel hat er dir bezahlt?" Also war es klar. Zur Erinnerung: Edgards Augenbrauen waren auf einmal abrasiert. Ich glaube Dienstag erschien er das erste mal ohne. Yahaira und ich hatten ja schon den Verdacht, aber jetzt hörte ich die Bestätigung. Edgard hat für seine Diestleistung 50 Córdobas bekommen (2,50 Dollar). Wahnsinn - das reicht grade für ein Glas Klebstoff! Ich habe es Yahaira daraufhin erzählt und sie bat mich, mit Edgard ein kurzes Gespräch darüber zu führen. Ich habe ihn dann direkt angesprochen. Er war grade mit was ganz anderem beschäftigt, aber ich dachte, es ist sowieso immer der falsche Zeitpunkt, also egal, wann ich es mache. Ich sagte: "Edgard, hast du zwei Minuten für ein Gespräch?" Er nickte. "Wirklich?" fragte ich nochmal nach. Er nickte.

"Schluck bitte niemals den Samen von anderen Männern runter!" Er erschrak, verbarg sein Gesicht hinter seinen Händen. Kurz darauf rannte er zu Jonathán und beschimpfte ihn vor Scham lachend. Dann warf er sich zu Boden und schloss die Augen. Ich setzte mich zu ihm und fuhr fort. Augen zu hilft ja nicht, wenn man akustische Signale abhalten möchte- das ist der Vorteil. "Edgard, es ist mir egal, was du für Sex praktizierst. Aber ich sage dir, dass du dich bitte vor HIV und AIDS schützen sollst. Zieht Euch bitte Kondome an. AIDS ist eine ziemliche Quälerei." "Ich will sowieso sterben", sagte er. "Da gibt es einfachere Wege. Frag jemanden, ob er dich mit einem Messer ersticht oder spring von der Brücke. Das geht schneller, tut weniger weh und ist sicherer." In diesem Stil taschten wir noch den ein oder anderen Standpunkt aus. Dann ließ ich von ihm ab. Ich fange langsam an, diese Touristen zu hassen, die die Situation der Straßenkinder für ihren sexuellen Vorteil ausnutzen. Das bleibt jetzt nicht so, ich werde mich sicherlich nicht mit Hass anfüllen. Aber irgendwie ist das grade da.

Oliver Unger

   
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