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Anonymus: Traktat über die drei Betrüger

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Anonym

Religionskritik aus dem 18. Jahrhundert

Durch Zufall stieß ich auf dieses Büchlein, das einen der Schlüsseltexte der Aufklärung beinhaltet. Der Text stammt aus dem 18. Jahrhundert in Frankreich, von einem anonymen Verfasser. Ins Deutsche übersetzt und mit einer Einleitung versehen wurde es von Winfried Schröder.

Als ich das Traktat las, entdeckte ich einige Parallelen zu zeitgenössischen Religionskritikern wie Richard Dawkins, Sam Harris und Michael Schmidt-Salomon. Die Argumente haben sich inzwischen nicht sehr verändert. Wieso sollten sie auch? Was damals schlüssig war, ist es heute noch. Der anonyme Autor deckt sich widersprechende Stellen aus der Bibel auf und stellt irrsinnige Ansichten über Gott, Himmel und Hölle bloß. Anders als spätere Religionskritiker stellt er aber nicht die Existenz Gottes an sich in Frage, sondern nur unsere Vorstellungen über ihn. Das ist nicht ungewöhnlich im Zeitalter der Aufklärung; selbst der von Fundamentalisten als Erzfeind betrachtete Charles Darwin glaubte an Gott.

Ungewöhnlich, damals wie heute, ist, dass der Autor die Religionsstifter selbst – Moses, Jesus und Mohammed – des Betrugs bezichtigt. Meist räumen doch Religionskritiker ein, dass zumindest Jesus es gut gemeint habe, und nur das, was seine Anhänger daraus gemacht haben, schlecht sei. Hier aber bezeichnet der Autor Jesus als hinterlistigen Betrüger! Er habe mit Absicht seine Gefolgschaft unter den einfachen, ungebildeten Leuten gesucht, weil diese sich leichter mit hanebüchenen Geschichten abspeisen ließen, wie zum Beispiel, dass seine Mutter Jungfrau und er der Sohn Gottes sei. »Er wusste nur zu gut, dass sein Gesetz mit der Vernunft nicht in Einklang zu bringen ist. Dies ist zweifellos auch der Grund, weshalb er so oft über die Gebildeten herzog und sie aus seinem Reich ausschloss, in das er nur Armen im Geiste, Einfältigen und Schwachköpfen Zugang gewährte. Vernünftige Menschen müssen sich eben damit abfinden, mit Verrückten nichts zu tun zu haben.« – Eine interessante Interpretation, finde ich, selbst wenn ich der Meinung bin, dass wir eigentlich zu wenig über die Personen Moses, Jesus und Mohammed wissen, um sagen zu können, welche der ihnen zugeschriebenen Worte sie wirklich gesagt haben – was für mich Diskussionen über ihre Absicht und ihren Geisteszustand im Grunde hinfällig macht.

Dennoch finde ich das »Traktat« ein faszinierendes Werk, das ich jedem ans Herz legen möchte, der sich für Religionen und ihre Kritiker interessiert.

Bewertung: sehr gut

Christine Höfig

Anonymus: Traktat über die drei Betrüger. Meiner Verlag 1994, 165 S., SC, 16,90 €

   
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