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Alfred Kirchmayr: Rettet die Purzelbäume

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Alfred Kirchmayr
Alfred Kirchmayr

Man kann auch aus trockenen Quellen schöpfen

Das Anliegen des Buches mit dem gelungenen Titel »Rettet die Purzelbäume« ist, die kindliche Lebenslust und Bewegungsfreude im Alltag der Erwachsenen wieder zu entdecken. Witze, Lust und Humor haben viel mit psychischer Gesundheit zu tun, ebenso Lachen, Heiterkeit, Freude am Spielen, am Offensein und an der Kreativität. Sie können das Leben in jedem Alter bereichern. Das erste Kapitel möchte der Autor als Einstimmung zu diesen Themen verstanden wissen. Für mich ist es bereits der gelungene Höhepunkt des ganzen Buches. »Warum ist die Kultur der Kindlichkeit ein Elixier der Lebenskunst?« fragt Kirchmayr.

Er weist darauf hin, dass, wie früher der Gehorsam als Vater aller Tugenden galt, morgen die Phantasie die Mutter der Tugenden sein könnte. Das Kapitel ist voller Beispiele von Kinderwitz, Kinderlist und Spontanität. So etwa, wenn ein Mädchen, das spät auf dem Heimweg ist, meint, seine Mutter würde jetzt vor Wut kochen und seine Freundin dazu sagt, sie hätte es aber gut, weil sie selbst so spät nie was Warmes zu essen kriegt. Ein anderes Beispiel ist Susi, die ihre Mutter fragt, ob der liebe Gott krank sei, weil in der Zeitung stünde, er hätte Dr. Schulze zu sich gerufen. Unzählige weitere Beispiele dieser Art garantieren den Lesegenuss.

Ab dem zweiten Kapitel, in dem das Wunder der Sprache neu entdeckt werden will, wird es aber zunehmend sachlicher, mit Unterkapiteln wie »Sprechen formt das Gehirn« oder »Sprache – Medium der Erkenntnis oder der Verdummung.« Nur noch selten klingt der Witz durch, etwa wenn es heißt. »Geh, komm doch endlich« oder wenn eingedeutschte Fremdwörter zitiert werden wie »Fastfood – beinahe Essbares.« Im Kapitel über Lachen, wo es etwa um Humor als Gottesgabe oder um »Jammertaltheologen« geht, gibt es recht wenig zu lachen. Vielleicht ist dem Autor beim Studium der Theologie das Lachen im Halse stecken geblieben. Ab dem Kapitel über Spielräume wird das Zitieren immer mehr zu einem Ärgernis. Fleißig beim Recherchieren war Herr Kirchmayr, der Akademieprofessor. Aber das exzessive Zitieren sollte er lieber den Studenten überlassen, die selber noch nicht viel Eigenes zu schreiben haben.

Im nächsten Kapitel kommt es noch schlimmer, da ist von einer Studie zum Kinderhumor die Rede. Zwei Zitate als Beispiel: »Humor fungiert also als heuristische Strategie, die Heranwachsende herausfinden lässt, wer, was, wie, wann und wo zum eigenen Wesen passt – oder auch nicht.« – »Im Sinn für Humor sind quasi früher humorvoll bewältigte problemträchtige Situationen zwischen Peers verinnerlicht.« Über Qualität und Quantität von Humorinterventionen zu lesen, fand ich mühsam. Das Interview mit der schwedischen Kinderexpertin Anna Wahlgren zum Thema Erziehung war dann wieder recht interessant. Die Passagen, in denen der Psychoanalytiker Kirchmayr den Kollegen Alfred Adler zum Prinzip Ermutigung zu Wort kommen lässt, sind nicht gerade neu. Zu erfahren, dass Adler erkenntnistheoretisch betrachtet ein Konstruktivist ist, wird nur wenige Leser begeistern. Zum Abschluss erweist der Autor dann dem Familientherapeuten Steve Biddulph die Ehre. Dieser sei vom Geiste Adlers beseelt und von pädagogischem Eros erfüllt. Wenn dies und dessen Erkenntnis, »dass Kinder nicht nur Geborgenheit und Zuwendung, sondern auch klare Regeln und Grenzen brauchen«, dass also die mütterliche, sanfte Liebe durch die väterliche, standfeste Liebe zu ergänzen sei, kein Purzelbaum wert ist, was dann!? Das Buch endet mit einem Zitat (mit was sonst?) von Michael Ende zur Gabe des Zuhörens, die kleine Wunder bewirke. Dieses Buch über Kinderwitz und Lebenskunst ist allerdings nur im ersten Viertel wunderbar.

Bewertung: lau

Alfred Groff

Alfred Kirchmayr: Rettet die Purzelbäume. Edition VaBene 2009, 253 S., SC, 21,90 €

   
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